1985

02.01.'85, Mi: Die Weihnachtsferien sind zu Ende und heute ist nun Wiederanreise nach Langeoog. Um ca. 13:20 Uhr bringt mich mein Vater per Auto zum Bahnhof in Rheine, wo um 13:59 Uhr der Zug gen Norden abfährt. Tschüß bis zum 15. Februar! ... Im Zugabteil sitzen auch Tjarko und Heiko. Nach u.a. den Stationen Lingen, Meppen, Papenburg, Leer und Emden ist schließlich der Bahnhof Norden erreicht. Von dort geht's mit dem Bus weiter nach Bensersiel. Auf der Fähre treffe ich Hannes. Später dann auf Langeoog im Internat angelangt, konstatiere ich, daß es noch 43 Tage bis zu den Ferien [ = verlängertes Wochenende] sind!!!

05.01.'85, Sa: Wir haben einen neuen Erzieher, Herrn Dr. Lamperstorfer, der sechzehn Jahre in Afrika war und Afrikaspezialist ist. Er löst nun Frau Noltus im unteren Flur ab, kommt sofort auf mein schlechtes Latein zu sprechen und will mir Nachhilfe erteilen. Dann teilt er mich für den Weckdienst im unteren Flur ein, den ich donnerstags um 7:15 Uhr zu leisten habe. Die Sache soll bis Ostern laufen!!! [Anm.: Ich habe ihn gehaßt, diesen Weckdienst!! Ich war selbst ein Extremspätaufsteher und mußte nun auch noch andere pisacken!!!!!! … Die Umstände, weshalb "Lampe" einen Schülerweckdienst einrichtete, weiß ich nicht mehr. Möglicherweise war es eine (temporäre) Entlastungsgeste gegenüber Frau Lisson.]

Hannes und ich beschließen frühmorgens, heute nicht zum Sportunterricht [in den ersten beiden Stunden] zu erscheinen. Um 7:30 Uhr, als Lamperstorfer seine Weckrunde durch die Zimmer gegangen ist, verstecken wir uns jeder in seinem Zimmerschrank und warten ab, ob noch jemand Offizielles durchkommt. Als das dann nicht der Fall ist, legen wir uns wieder in die Betten und schlafen weiter. Ca. 10 Uhr begeben wir uns dann zum Einkaufen zur Speisekammer. Mittags fährt Hannes übers Wochenende nach Hause ans Festland und im Nachmittag schneit es.

06.01.'85, So: Ich verbringe den Tag damit, Freund Michael in der Emsdettener Heimat einen Brief zu schreiben. Draußen schneit es sehr stark und alles ist weiß. Ein Briefzitat: "[...] Es ist 13:10. Draußen schneit es ununterbrochen auf das Heftigste. [...] Übrigens hat unser Klassenlehrer mir die Aufgabe überlassen, Orte für die Berlin-Fahrt im März rauszusuchen. Ich habe mir bis jetzt erst mal eine Übersicht verschafft. [...]" [Für mich als glühenden Berlin-Fan jener Jahre konnte es definitiv kein besseres Klassenfahrt-Ziel geben als eben die geteilte Stadt an Spree und Havel.]. Abends - es hat aufgehört zu schneien - mache ich mich auf zu einer Spazierrunde im Schnee, der bis vor dem Oberstufeneingang liegt. Die Schneedecke ist schätzungsweise 20 - 25cm dick! An den Gehsteigen sind bereits große Haufen Schnee aufgeschaufelt. Da es bitterkalt ist, mache ich mich bald wieder auf den Weg zurück ins Internat. Hannes bleibt wegen Schneeverwehungen auf den Straßen heute noch zu Hause in Leer.

07.01.'85, Mo: Heute morgen kommt Hannes vom Wochenende zurück. Später gehe ich mit Widdel an den Strand, den wir durch den hohen Schnee erreichen. Alles ist weiß und das Strandufer vereist. Im Hintergrund treiben Eisschollen und der Anblick läßt Assoziationen mit Grönland entstehen! Wir versuchen, durch bzw. über das angeschwemmte und festgefrorene Eis bis vorne zur Wasserlinie zu gelangen und sacken dabei mitunter im Eisklein zwischen den Schollen ein, z.T. bis zu den Knien! - Abends kaufen Hans und ich bei Eckart zwei Flaschen Sekt, die wir nach der Arbeitsstunde bei abgeschlossener Zimmertür trinken.

08.01.'85, Di: Heute gehe ich zusammen mit Widdel und Hannes wieder an den vereisten Strand. Teilweise sind regelrechte Eisberge entstanden! Wir wagen uns an den Uferbereich, wobei wir oft zwischen den Eisschollen z.T. bis zu den Knien einsacken. So kämpfen wir uns von Eisscholle zu Eisscholle. Hinterher habe ich eiskalte, nasse Füße und viele kleine Eisstückchen in den Schuhen.

09.01.'85, Mi: Abends lerne ich mit Herrn Lamperstorfer für Latein.

10.01.'85, DoHeute schreiben wir die Latein-Klausur bei Herrn Horb!! ...

11.01.'85, Fr: Tag der Chemie-Klausur!! Ich weiß nichts und schreibe etwas von Carsten Dörr ab. - Nach dem Streß der letzten Tage [Anm.: Welcher Streß?] kaufen Hannes und ich später bei Feinkost Eckart jeder zwei Flaschen Sekt, die wir unbemerkt ins Internat schleusen und abends dann bei abgeschlossener Zimmertür trinken. Die Korken knallen und es geht los ... Nach anderthalb Flaschen schwinden mir dann langsam die Sinne. Auch Hannes ist betroffen.

12.01.'85, Sa: Hannes und ich haben[- ganz sicher nicht zuletzt infolge des gestrigen Sektabends! - ] keinen Bock, zur Doppelstunde Sport bei Herrn Hashagen zu gehen. Da Frau Lisson immer um 8:00 Uhr noch einmal durch die Zimmer geht, verstecken wir uns jeder in seinem Zimmerschrank, warten ab und legen uns dann kurze Zeit später auf noch eine Runde Schlafen wieder in die Betten. Später fährt Hannes dann mit der 11-Uhr-Fähre übers Wochenende nach Hause ans Festland. Nachmittags spaziere ich zusammen mit Widdel durch das weiß-verschneite Langeoog. Wir gehen Richtung Anleger, Deich und Wäldchen. Als wir dann später bei mir im Zimmer sitzen, kommt plötzlich gänzlich überraschend mein Vater zur Zimmertür herein!! Er ist mal eben übers Wochenende rüber auf die Insel gekommen und hat mir meinen kleinen Fernseher und Lebensmittel von zu Hause mitgebracht. Bis übermorgen wohnt er im Hotel "Upstalsboom". Abends geht er mit mir im "Windlicht" essen.

13.01.'85, SoNach vier Schachspielen gegen Volker komme ich erst um 3:00 Uhr ins Bett. - Um 9:00 Uhr kommt mein Vater ins Internat und wir gehen eine Runde nach draußen, durch das verschneite Wäldchen. Während sich mein Vater dann später in meinem Zimmer mit Herrn Lamperstorfer unterhält, begebe ich mich mit Widdel wieder einmal an den vereisten Strand. Abends speise ich mit meinem Vater im Restaurant im "Haus der Insel" (HDI), wo wir Eva Weppner und Anhang treffen, die ebenfalls hier dinieren.

14.01.'85, Mo: Frühmorgens frühstücke ich mit meinem Vater im Hotel "Upstalsboom". Danach heißt es 'Tschüß!': Mein Vater nimmt die 11-Uhr-Fähre ans Festland und ich gehe zur Schule. Es schneit. In den drei Freistunden zwischen Deutsch und Kunst unternehme ich einen Spaziergang durch das weiße Wäldchen. Nachmittags gehe ich zusammen mit Hannes an den grönlandmäßigen Strand, wo wir eine schneebedeckte Düne erklimmen, die wir "Mount Langeoog" nennen. Immer wieder rutschen wir im Schnee ab.

15.01.'85, Di: Nachmittags schreiben wir die Physik-Klausur, später lerne ich mit Herrn Lamperstorfer für Latein.

16.01.'85, Mi: Heute schreiben wir die Englisch-Klausur. ... Übrigens schlafen Hannes und ich auch jetzt im Winter nachts bei offenen Fenstern, was so richtig kalt ist!

17.01.'85, Do: Morgens um 7:15 Uhr habe ich mal wieder Weckdienst! - Abends habe ich eigentlich vor, in unserem Zimmer auf meinem Fernseher "Einsatz in Manhattan" ( = Kojak) zu gucken, aber Hannes hat Zahnschmerzen und will schlafen. ... Notgedrungen schaue ich dann also nebenan bei Volker Lüders und Olaf Nowak in Nr. 45.

18.01.'85, Fr: Abends kaufen Hannes und ich bei Eckart Sekt, den wir unbemerkt nach der Arbeitsstunde trinken. [Anm.: Es hat sich bei Hans und mir zu einer Tradition entwickelt, Freitag abends einen exklusiven Sektabend zu begehen, worunter ähnlich traditionell desöfteren der Sportunterricht am folgenden Morgen zu leiden hat.] Dabei kommen wir auf die Idee, heute Nacht noch im Schnee zum Ostende zu marschieren! Widdel will uns begleiten. So rüsten wir uns dann also zunächst gegen die zu erwartende Kälte, mit doppeltem Pullover, Mütze, Handtuch um die Ohren, zwei Paar Socken, Mantel etc.. Schließlich sind wir startklar und schließen unsere Zimmertüre (Nr. 43) ab. Ich klettere als Erster aus dem Fenster, d.h. ich sitze gerade mit den Beinen schon auf der Außenseite, zum Absprung von der Fensterbank bereit, als Widdel unser ohnehin sehr instabiles Regal touchiert, welches daraufhin seitlich an die Tür wegsackt; Bücher, Zettel und Blumenerde liegen infolgedessen verstreut auf dem Boden. Genau in dieser Situation nun wird unsere Zimmertür von außen aufgeschlossen und Frau Noltus kommt herein! Ihr [allerhöchstwahrscheinlicher] Kommentar dazu: 'Das darf doch wohl nicht wahr sein!'. Nach ein paar Takten Konversation verschwindet Frau Noltus dann wieder und wir geben unseren Ostendplan für heute Nacht auf.

19.01.'85, Sa: Hannes und ich gehen wieder einmal nicht zu Sport (eigtl. 7:45 - 9:20 Uhr), sondern schlafen bis 10 Uhr aus. Dieses Wochenende fährt Hannes mal nicht nach Hause ans Festland, da wegen des vereisten Wattenmeeres derzeit keine Fähre fährt. Nachmittags veranstaltet Lamperstorfer im Gruppenraum (oberer Flur) ein Schachturnier. Hannes, ich und Hans-Alfred Terner kommen [Anm.: Wie, sonst keiner??]. Hinterher bin ich Zweiter und bekomme als Preis eine "Milka"-Nuß-Schokolade. Hannes bekommt ein Seifenblasendöschen.

20.01.'85, SoBei starkem, kaltem Wind begeben Hannes und ich uns nach draußen, durchs Pirolatal zu einem See Richtung Ostende, wobei man sich vorkommt wie in Sibirien. Um 16 Uhr zurück im Internat, 'dürfen' wir wegen unserer Aktion von Freitag Nacht in der Küche nach dem Waffelnachmittag abräumen und spülen. Glücklicherweise ist dann aber das meiste bereits erledigt, als wir dort erscheinen [Anm.: Zu dieser Zeit befindet sich die Küche noch in Zi. 40. Sie zieht irgendwann später als integrierte Küchenzeile in den Gruppenraum um und aus Nr. 40 wird ein Schülerzimmer.].

21.01.'85, MoHeute herrscht Glatteis, durch welches Hannes einmal zu Boden geht.

22.01.'85, Di: Es gibt die Englisch-Klausur zurück: Ich habe 10 Punkte. Heute beginnt es draußen zu tauen. Dieser Tage bedienen (besonders) Widdel und ich uns der Seifenblasendose von Hannes und pusten in unserem Zimmer Seifenblasen durch die Gegend. Das führt schließlich dazu, daß unser PVC-Zimmerfußbodenbelag mitunter schmierig wird [Anm.: Diesen ansonsten wenig vorteilhaften Effekt nutzen wir kurzzeitig für eine kleine Zimmerrutschbahn!!!].

23.01.'85, Mi: Es friert wieder und es ist langweilig.

24.01.'85, Do: Wieder einmal habe ich um 7:15 Uhr Weckdienst und mache meine leidige Runde durch die Zimmer. Mittags beginne ich eine Liste über das Mittagessen bei Göbel: Z.B.: Hacksteaks / Soße / Kartoffeln / Erbsen / Bananen - genießbar - +- [Anm.: Diese Liste war leider nur sehr, sehr kurzlebig. Schade!].

25.01.'85, Fr: Heute gibt es die Physik-Klausur zurück: Ich habe 01 Punkt!! ... Nachmittags gehe ich mit Hannes an den vereisten Strand, wo wir uns an der unmittelbaren Wasserlinie auf einen größeren Eisbrocken stellen, der vom eiskalten Wasser umspült wird. Dann schichten wir auf diesem einige kleinere Eisschollen gegen die Wellen auf. Des Abends kaufen wir - wie jeden Freitag - bei Eckart Sekt. Nach der Arbeitsstunde schließen wir unsere Zimmertüre ab und die Korken knallen.

26.01.'85, Sa: Habe inzwischen 100 leere Coke-Dosen zusammengesammelt [Anm.: Die Coladosensammelei setzte sich noch ein paar Jahre fort, wobei ich im Verlauf mehr auf Klasse denn auf Masse setzte. Bis ins Jahr 2007 oder 08 lagerte quasi der komplette Bestand noch auf dem Dachboden, wurde dann aber endlich teils über eBay versteigert, teils der Wiederverwertung zugeführt. Einige besondere (Erinnerungs)Stücke der alten Leergutschätze habe ich aber natürlich aufbewahrt!]. Wieder einmal gehe ich nicht zum morgendlichen Sportunterricht.

27.01.'85, So: Fast den ganzen Sonntag sitzen Widdel und ich in meinem Zimmer an den Skizzen für Kunst: Der Internatsflur soll neu bepinselt werden. Meine Skizzen haben Berlin-Ansichten als Leitmotiv. ... Ziemliche Arbeit!

29.01.'85, Di: Seit einigen Tagen habe ich mein Bett mit dünnen, hellbraunen Vorhängen verhangen, die mir Widdel zukommen ließ. Vor das quasi 'Einstiegsloch' hänge ich mein rot-weiß gestreiftes Handtuch. So ist meine Schlafstatt nun zum Séparé geworden. Am Kopfende habe ich meine Tischlampe als 'Nachttischlampe' auf eine Mappe gestellt. In dieser windigen Zeit gehe ich oft raus, durchs Wäldchen und Richtung Anleger durch das Strauchgebiet.

31.01.'85, Do: Ich habe mal wieder die 'Ehre', früh aufzustehen und die 11er zu wecken! ... So ein Mist!

Derzeit habe ich in Anlehnung an die DDR-Autobahnbrückenwerbungen auf der Transitstrecke von Helmstedt nach Berlin meine Kugelschreiber mit ähnlichen, angelehnten Sprüchen bestückt, z.B.: "Möbel aus Rostock", "Anspitzer aus Zwickau / DDR", "Schreibgeräte aus Finsterwalde / N", "Korkenzieher aus Merseburg", "Kosmonautenausstattung aus Eisenhüttenstadt", "Glasaugen aus Wismar" und "Brühwürfel aus Wilhelm-Pieck-Stadt Guben" [Anm.: Die Spielarten der Vergangenheit lassen sich in der Gegenwart nicht immer ihnen gerecht werdend erklären!!].

01.02.'85, Fr: Heute gibt es Zeugnisse (für das erste Halbjahr der Klasse 11)!! Bemerkenswert bei mir: Mathe: 10 Punkte, Englisch: 10 Punkte, Sport: 08 Punkte (ich war kaum da!) und Chemie: 00 Punkte (!!!). Nachmittags - Hannes ist beim Zahnarzt - stellen Widdel und ich das Mobiliar unseres Zimmers leicht um. Zur weiteren Verbesserung der Aufenthaltsqualität schnappt sich Widdel unseren fiesen, ausgelatschten Teppich, schleift ihn nach draußen zum Internatshof, dort noch (demonstrativ) durch Pfützen und wirft ihn dann in den Müllcontainer [Anm.: Schön, daß Marc sich so für die Aufwertung Hans' und meines Zimmers einsetzte. ... Der Teppich war wirklich ein ästhetischer Schandfleck! Jetzt blieb zwar nur der 'nackte' PVC-Bodenbelag, aber trotzdem ...].

02.02.'85, Sa: Ich gehe heute nicht nur zu Sport, sondern auch zu Religion!!! - Um 11 Uhr fährt Hannes wieder mal übers Wochenende nach Hause ans Festland. Nachmittags schlafe ich.

03.02.'85, So: Morgens schneide ich mir einmal wieder selbst die Haare, auf die einzige Länge, bei der es auch rundum funktioniert: ca. 2,5cm. Danach spaziere ich mit Andreas bei schönem Wetter zum Anleger, wo wir dann kurz verweilen.

In den nächsten Tagen schwinden meine Geldreserven bedenklich. ... Ich rufe zu Hause an und gebe meinen Eltern meine Zeugnisnoten bekannt. ... In  letzter Zeit lese ich 'wie wahnsinnig' "Effi Briest" (Theodor Fontane), unsere aktuelle Lektüre in Deutsch. An einem Abend komme ich von 0 auf 78 Seiten! Aber das ist ein weites Feld! ... Dieser Tage bekomme ich eine Einladung zu Sabine von Merings Geburtstag am 09.02..

09.02.'85, Sa: Heute abend findet Sabines Geburtstagsfeier statt. - Ich ziehe es morgens vor, nicht zu Sport zu gehen. In einer Freistunde kauft Oliver für uns beide eine Flasche Ouzo. Abends, bevor wir dann zu Sabine gehen, trinken Oliver und ich diese in meinem Zimmer. Also schon gut mit Alkohol präpariert gehen wir dann zusammen mit Detlef, Joe, Andreas und anderen vom Internat los zu den von Merings, wo Sabines Geburtstagsfeier im Gemeindehaus stattfindet. Bei unserer Ankunft haben sich dort bereits einige mir unbekannte Leutchen in Verkleidung eingefunden [Anm.: Kostümiertes Erscheinen wurde ja auch auf den Einladungskarten erbeten … wir allerdings kamen in Zivil.]. Ich trinke nun meinerseits noch Sekt und Martini und hänge zunächst auf einer vorhandenen Matratze auf dem Boden neben Joe ab. Schließlich ist es für mich dann aber doch des Alkohols zuviel und man sagt, ich sei im Verlauf mehrmals zum WC gegangen ... Gegen 21:30 Uhr muß ich dann über der Toilette meinen Mageninhalt oral entleeren, woraufhin Andreas mich dann zurück zum Internat bringt. Es folgt (bzw. wirkt bereits) der umstandsbedingt unvermeidliche Filmriß. ...

10.02.'85, So: Fast den ganzen Sonntag sitze ich an der Deutsch-Hausaufgabe "Effis erster Tag in Kessin."

11.02.'85, Mo: Wieder ist ein Berg an Hausaufgaben zu erledigen: Mathe, Englisch, Erdkunde und Chemie! [Anm.: Klar, wenn man die Dinge gerne aufschiebt und sie damit ansammelt ...]

12.02.'85, Di: Abends wird gesagt, daß wegen der derzeitigen Kälte morgen um 16:15 Uhr die vorerst letzte Fähre rüber ans Festland führe. Andere behaupten anderes. ... Für alle Fälle packe ich schonmal meine Sachen. [Anm: Das offizielle lange Wochenende beginnt (erst) am 15.02..]

13.02.'85, Mi: Abends packe ich zusammen mit Widdel noch meine (an)gesammelten, leeren Coca-Cola-Dosen und anderes ein. Mein Gepäck besteht dann insgesamt aus zwei Taschen, fünf Plastiktüten und zwei Kartons (dabei insgesamt ca. 210 leere Coke-Dosen!!). Wir überlegen, wie das alles am besten zu transportieren ist.

14.02.'85, Do: Wie jeden Donnerstag habe ich auch heute um 7:15 Uhr Weckdienst. Dabei erfahre ich von Mark Sonnenberg, daß eventuell um 7:45 Uhr die vorerst letzte Fähre fährt! Daraufhin schnappen Hannes und ich uns kurzentschlossen unser Gepäck - Mark reicht mir noch meine vornehmlich in den Kartons verpackten über 200 Dosen und die Taschen durchs Fenster raus - und machen uns auf zum Bahnhof, um diese vermeintlich letzte Fähre noch zu erwischen. Auf dem Weg kommt uns Herr Horb entgegen, bei dem ich eigentlich heute noch Unterricht gehabt hätte. Wir berichten ihm von den Verwirrungen bzgl. einer letzten Fähre ans Festland und passieren. Dann, schließlich auf der Fähre, hat selbige in der Tat leichte Probleme mit dem Eis. Es sieht aus, als sei das ganze Wattenmeer zugefroren!! Doch die Fähre schiebt sich langsam aber stetig durch die Eismassen und erreicht ca. 9:10 Uhr Bensersiel. Ich rufe zu Hause an, damit meine Eltern uns abholen. Anschließend warten Hannes und ich im Fährhaus und später dann draußen, bis uns schließlich ca. 11:30 Uhr mein Vater abholt.

20.02.'85, Mi: Das verlängerte Wochenende ist vorbei und es geht - vermeintlich - mittags also wieder zurück per Zug Richtung Langeoog. Morgens erfahre ich dann allerdings unversehens und zu meiner großen Freude von meiner Mutter, daß wegen des Eises an diesem Tag keine Fähre von Bensersiel nach Langeoog verkehre und mir so ein zusätzlicher Heimat-Tag beschert ist!!

21.02.'85, Do: Definitiver Anreisetag. - Um 13:59 Uhr nehme ich den Zug von Rheine, mit dem ich schließlich 16:20 Uhr Norden erreiche. Per Bus geht es dann von 16:40 Uhr bis 17:25 Uhr nach Bensersiel. Auf der 17:30-Uhr-Fähre treffe ich dann Oliver, Sabine und Jan Mähl. Als ich mich später im Internat einfinde, ist Hannes da, der bereits gestern anreiste.[Anm.: Fuhr also doch noch eine Fähre gestern …] ... Nun geht die Langeweile also wieder los.

22.02.'85, Fr: In der ersten Stunde haben wir direkt Mathe bei Guthmann! ... Nachmittags kaufe ich für Hannes und mich u.a. drei Flaschen Sekt ein, die wir uns dann abends nach der Arbeitsstunde und bei abgeschlossenem Zimmer unter Korkenknallen zu Gemüte führen. Mein Erinnerungsvermögen leidet im Verlauf des Abends dann alkoholgeneriert unter einem gewissen Maß an anterograder Amnesie. ...

23.02.'85, Sa: Wieder einmal ziehen Hannes und ich es vor, morgens nicht zu Sport zu gehen. Statt des Schulsports also bleiben wir bis 9 Uhr in den Betten. Hannes fährt dann mit der 11-Uhr-Fähre mal wieder übers Wochenende nach Hause, nach Leer. Nachmittags begeben Widdel und ich uns mit dem Marschziel Ostende nach draußen. Wegen Regens und nachlassender Lust brechen wir die Aktion dann jedoch ab.

24.02.'85, So: Ein stumpfsinniger Sonntag. Ich stehe ca. 11:30 Uhr auf und lese dann ab mittags bis 16:45 Uhr "Effi Briest" von Seite 228 bis 337 zu Ende. Abends schreibe ich einen Brief an Freund Michael in der Heimat. Ein Zitat daraus: "[...] Gestern habe ich wieder einen hannesschen Socken, diesmal im Regal, liegen gesehn. Kurzerhand wanderte er aus dem Fenster. Ich hatte zwar die Absicht, ihn wieder ins Zimmer zu befördern, doch heute morgen wurden die Internatsanlagen gereinigt - Von dem Socken keine Spur! Er blieb verschollen. [...]" [Anm.: Immer wieder etwas verwundert muß ich über solchen zeitgenössischen, erinnerungsungefilterten Aufzeichnungen konstatieren, welch 'böser' Felix ich innerhalb Hans' und meiner Zimmergenossenzweisamkeit im ersten Jahr hin und wieder sein konnte ...]

25.02.'85, MoIn den zwei Freistunden schlafe ich. Später in Kunst lese ich im "GEO Spezial DDR".

26.02.'85, Di:Es ist neblig und todlangweilig. Nach der chaotisch-albernen Physikstunde nachmittags fühle ich mich in der Idee bestärkt, nach der Klasse 11 diese Insel zu verlassen. ... Noch kein Brief von Michael.

27.02.'85, Mi: Es ist wie immer todlangweilig. Schaue abends zusammen mit Hannes und Widdel im TV "Das Boot".

28.02.'85, Do: Nachmittags kaufen Widdel und ich bei Feinkost Eckart Eis (ich einen Liter Erdbeersorbet), welches wir uns im Gruppenraum der Oberstufe reinziehen. Hannes liegt derweil - wie immer mit Schuhen - im Zimmer auf seinem Bett und döst bei Radiomusik.

Wir haben jetzt übrigens drei Neue in der Klasse 11: Marcel Tonn, Heike Zimmermann und einen Frank (gen. "Bifi"), der aus der 12 gekommen ist [Anm.: Es war Frank Kapfermann.].

01.03.'85, Fr: Morgens müssen Andreas und ich wegen Sport-Fehlstunden zu Guthmann!!! Bei mir stehen jetzt vier Fehlstunden zu Buche und ich bin haarscharf an den 00 Punkten im Fach Sport vorbei. ... Das Dumme: Sport ist hier auf Langeoog versetzungswirksam!!! - Später gehe ich mal wieder eine Runde nach draußen: Durch das Inselwäldchen und einen Pfad durch die Gebüsch- und Gestrüppfelder zwischen Wäldchen und Anleger. Man kann weit bis Anleger und Deich sehen. Ich gehe über die noch z.T. mit Eis bedeckten, großen Pfützen. Das Eis knarrt und bricht, aber ich komme fast trockenen Fußes davon. Nachmittags spiele ich mit Oliver, Widdel und Hannes "Malefiz", was sich bis nach der Arbeitsstunde hinzieht. Ich gehe dann raus, nach Hause zu telefonieren. Teile meinen Eltern erstmal mit, wie langweilig es hier ist und fordere Süßholz und Vitamintabletten an.

02.03.'85, Sa: Heute erscheine ich beim Sportunterricht. Um 11 Uhr fährt Hannes wie so oft übers Wochenende nach Hause ans Festland. Nachmittags machen Widdel und ich uns ein weiteres Mal auf den Weg zum Ostende, geben das Vorhaben jedoch - bereits außerhalb des Dorfes - erneut auf. Zurück im Internat lege ich mich bis zum Abendessen ins Bett. Abends spiele ich gegen Oliver Schach und wir schauen bei mir TV.

03.03.'85, So: Vormittags ist schönes Wetter. Nach dem Mittagessen begebe ich mich nach draußen und schieße ein paar Photos. Im Wäldchen sind verschiedentlich Leute unterwegs. Nachmittags lerne ich Latein-Vokabeln.

04.03.'85, Mo: Vormittags habe ich vier Freistunden. Spaziere durchs Wäldchen und gehe mit Hannes im Dorf einkaufen. Mittags gehe ich dann – zusammen mit Hannes – erneut durchs Wäldchen. Wir gehen bis zum Anleger und dann den mit Steinen beschichteten linken Hafenwall entlang bis zur eigentlichen Hafenmauer, die wir über eine verkommene, rostige Leiter besteigen. Auf der breiten, alten Hafenmauer wächst Gras. Wir gehen bis zum Ende und schauen Richtung Festland. … Dann entdecken wir eine bewegliche, dabei schwere, im Boden der Hafenmauer eingelassene Steinplatte. Diese weckt natürlich unsere Neugier und so wollen wir sie nun heben und schauen, was sich darunter verbirgt. Wir arbeiten mit einer Stange und Steinen daran, aber es gelingt uns nicht, die schwere Platte zu heben. Schließlich lassen wir es und gehen – phantasierend, was wohl unter der Platte zu entdecken sein mag – zurück.

05.03.'85, Di: Heute kommt mich – wie gestern abend am Telefon vereinbart – meine Mutter auf der Insel kurz besuchen (bis morgen). Sie ist im Hotel "Upstalsboom" einquartiert und hat mir Vitamintabletten, Süßholz und andere Fressalien mitgebracht. Abends gehen wir zusammen mit Hannes, der eingeladen ist, in der "Kupferpfanne" essen. Ich gönne mir ein Jägerschnitzel. Um 18:30 Uhr müssen Hannes und ich dann zurück ins Internat, zur Arbeitsstunde. Nach Ende der Arbeitsstunde holt meine Mutter mich und Hannes ab und wir begeben uns im Dorf in die Kneipe "In't Stürhus", wo Herr Horb an der Theke sitzt. Bis etwas nach 10 Uhr sitzen wir an einem Tisch und unterhalten uns. Ich kaue Süßholz und trinke Cola, Hannes trinkt Bier.

06.03.'85, Mi: Meine Mutter fährt morgens mit der ersten Fähre wieder zurück ans Festland. Den Tag über konsumiere ich Süßholz und Vitamintabletten.

08.03.'85, Fr: Wir schreiben die Mathe-Klausur (!!!). – Nach der Klausur sitze ich mit dem Berlin-Stadtplan bei Andreas und wir überlegen uns was für die anstehende Klassenfahrt nach Berlin. Nachmittags wollen Hannes und ich nun endlich dem "Geheimnis der Hafenmauer" [als das es dann in unser Gedächtnis eingeht] auf den Grund gehen und nehmen diesmal zur tatkräftigen Unterstützung Marc Widdel mit zum Anleger. Auf der linken Hafenmauer angekommen machen wir uns nun also zu Dritt daran, die schwere Steinplatte über der Luke im Boden zu heben. Mit vereinten Kräften und unter Zuhilfenahme eines Holzbretts und eines Hammers schaffen wir es schließlich nun und entreißen damit der Hafenmauer ihr 'Geheimnis': Ein paar heruntergeworfene Bretter am Boden eines ca. zweieinhalb Meter tiefen Schachts, weiter nix. [Anm.: Man hätte als verborgenen Schatz auch die Erkenntnis entdecken können, daß sich die gegebene Lebenszeit auf Erden in mannigfaltiger Weise weitaus sinnreicher nutzen läßt … ]. Nachdem unsere Schatzsuche nun also ein äußerst unspektakuläres Ende gefunden hat, machen wir uns auf den Rückweg, auf dem wir über breite Wassergräben springen und durch Wiesen laufen. Nassen Fußes dann wieder zurück im Dorf, gehen wir zu Feinkost Eckart einkaufen: Hannes und ich nehmen jeder zwei Flaschen Sekt, Widdel kauft eine Flasche Sekt und Mandellikör. Nach der Arbeitsstunde – Widdel hat seinen Mandellikör Oliver verkauft und liegt im Bett – schließen Hannes und ich unsere Zimmertüre ab und trinken unseren Sekt. Später dann, Korken und Flaschen liegen herum, kommt plötzlich Herr Lamperstorfer ins Zimmer. Natürlich merkt er sofort, was hier vor sich geht, sagt aber nicht viel dazu. Er bleibt ein Weilchen und es entsteht eine Diskussion zwischen ihm und Hannes. Als Lampe dann wieder gegangen ist, trinken Hannes und ich noch die letzte halbe Flasche Sekt. Bei mir dreht sich so manches und ich esse Würstchen, um nicht total betrunken zu werden. Ich rauche dann noch eine Zigarette und muß mich schließlich übergeben! Lege mich anschließend schlafen.

09.03.'85, Sa: Als ich gerade aufgestanden bin und eigentlich zwei Volleyball-Sportstunden entgegenblicke, teilt mir Volker mit, daß Sport heute ausfällt!!!!!!!!! Welch ein Glück!!! Ich lege mich umgehend wieder ins Bett und bleibe bis Viertel nach Zehn liegen. Nachmittags um 14:00 Uhr – Hannes ist übers Wochenende nach Hause ans Festland gefahren – begebe ich mich zusammen mit Andreas, Detlef und Heike Zimmermann bei bestem, sonnigen Wetter mit Photoapparat bewaffnet nach draußen, an den Strand. Als dann später das "Venezia" angesteuert wird, habe ich aufs Eiscafé-Sitzen keine Lust, setze mich ab und unternehme einen langen Spaziergang, durchs Wäldchen, über die Dünen zum Strand, vorbei dann an „Jochens Waffelstube“ und „Callis Strandladen“ (benachbarte Läden am Kavalierspad), dem Hotel "Aquantis", ins Pirolatal, über die Düne an der Seenotbeobachtungsstelle vorbei, zum Friedhof und wieder zurück zum Internat. Abends gehe ich mit Widdel raus, anrufen. Auf dem Weg stelle ich mir die Dorfstraßen als Berliner Straßen vor und wir gingen nun durch Berlin. [Anm.: Man habe Nachsicht mit meinem Berlin-Kult jener Jahre!! Diese Nach-Berlin-Träumereien dienten auf Langeoog nicht zuletzt auch als Fluchtpunkt weg von Zimmer, Internat, Schule & Insel.]

Auszug aus einem Brief vom 09.03.’85 an Freund Michael in der Heimat: "[…] Jetzt noch etwas über die Klassenfahrt nach Berlin: In Stichpunkten sei das Neueste gesagt: - wir bekommen einen freien Tag   - Ausgang bis 22:00 / 23:00   - Frühstück gibt es von 7:00 bis 9:00. Die meisten wollen um 9:00 erst frühstücken.   - unser Quartier ist im 2. Stock   - Samstag vormittag: Stadtrundfahrt   - ein Typ will in Ost-Berlin ein Kaufhaus besuchen und sich über die Schlange stehenden Leute totlachen   - ein anderer Typ will mit einem Totschläger durch Kreuzberg laufen   - noch ein anderer Typ will sich an seinem freien Tag erst die Sehenswürdigkeiten Berlins und dann die Sehenswürdigkeiten in der Kneipe ansehen.  - im Bus wird auf der ca. 8-stündigen Fahrt geraucht und laut Musik gehört […]"

11.03.’85, Mo: Heute schreiben wir die dreistündige Deutsch-Klausur [zum Thema "Effi Briest"]. Mein Buch ist präpariert: Gestern hatte ich dort ein paar Seiten aus einer "Effi-Briest"-Erläuterung eingeklebt. Diese benutze ich in der Klausur vornehmlich. [Anm.: Tja, was man nicht im Kopf hat ...]

12.03.’85, Di: Wir bekommen die Englisch-Klausur zurück: Ich habe 10 Punkte!!! – Dann schreiben wir [die] Latein [-Klausur] … ich weiß fast nichts! Nachmittags spaziere ich mit Hannes durchs Wäldchen zum Anleger. Der Abend ist langweilig. Um 20:45 Uhr rufe ich von einer Telefonzelle aus nochmal Freund Michael zu Hause an. Wir sprechen für ca. DM 10.-!! … In drei Tagen geht es auf die Klassenfahrt nach Berlin!!!

13.03.’85, Mi: Es gibt die Mathe-Klausur zurück. Ich habe 11 Punkte!! [Anm.: Na, immerhin läuft's in den Leistungsfächern!]. Während der Stunde bricht meine runde Brille in der Mitte durch, woraufhin ich die nächsten Stunden zweiteilig sehe, bis ich dann meine Ersatzbrille aktiviere. Heute ist wieder Erdkunde bei Helmer (Stichwort: Ein bißchen eloquenter!!). Nachmittags regnet es. Ich gehe wieder mal durchs Wäldchen etc..

14.03.’85, Do: Letzter Schultag! – Wasche heute meine inzwischen über 140 leeren Coke-Dosen. Nachmittags begebe ich mit zusammen mit Hannes – Widdel kommt nach – bei schönem Wetter zum Strand und zum Dünenfriedhof. Packe später für die Berlin-Klassenfahrt morgen und plane abends mit Widdel potentielle Unternehmungen für dort. Übrigens haben wir heute in der Schule einen dummen Informationsfilm über Berlin gesehen [Anm.: Mit "dumm" meinte ich wohl: nicht meinen Anforderungen entsprechend bzw. nicht (ausreichend) meine persönlichen Schwerpunkte skizzierend.].

***

Die Klassenfahrt nach Berlin

(15. - 22.03.'85)

[Berlin - grenz- und mauerbedingt hauptsächlich Berlin (West) ... in der DDR gerne als Westberlin bezeichnet - war während der 1980er Jahre mein uneingeschränktes Traumreiseziel und ein unerschöpflich tagtraumspendender Sehnsuchtsfluchtpunkt im Alltag zwischen den Reisen dorthin. Berlin war Kult. Was für ein sagenhafter Glücksfall ist es dann im März 1985 für mich, als die erste, einwöchige Klassenfahrt unseres Jahrgangs in ebenjene zerrissene, halbeingemauerte und wundenübersäte einstige Weltstadt zu beiden Seiten der Spree führt.]

Die Klassenfahrt beginnt am Freitagmorgen, 15.03.'85, um 7:45 Uhr. Während u.a. Widdel, Carsten, Eva, Volker, Oliver und Andreas mit von der Partie sind, fährt Hannes seinerseits nicht mit. Herr Horb ist Reisebegleiter und Organisator des offiziellen Informationsteils während unseres Aufenthaltes in Berlin. Ab Bensersiel geht es per Bus weiter, bei Helmstedt über die innerdeutsche Grenze und mit der Transit-Autobahn durch die DDR nach Berlin (West). Wir bewohnen das Jugendgästehaus "Central" in der Nikolsburger Straße, einem kleinen Abzweig vom Hohenzollerndamm in Wilmersdorf. Ich belege ein Zimmer zusammen mit noch sieben Leuten (Nr. 111). Zum offiziellen, teilweise 'Pflichtpramm' gehören in den kommenden Tagen u.a. eine Stadtrundfahrt (West), eine Führung durch den Reichstag und ein Vortrag im "Informationszentrum Berlin" in der Hardenbergstraße. Die meiste freie Zeit verbringe ich zusammen mit Widdel. Wir holen zu ein, zwei Stadtwanderungen aus, die uns u.a. des Abends zum Schloß Charlottenburg und zum Potsdamer Platz führen, wo wir von einer Aussichtsplattform auf die Mauer und die beleuchteten Grenzanlagen schauen, nach Kreuzberg und am Landwehrkanal entlang. Am Morgen des 16.03. findet eine Stadtrundfahrt (West) statt (Kreuzberg, Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Reichstag, Flughafen Tegel, ICC, ...); in Plötzensee machen wir Station. Nach dem Mittagessen im "Central" gibt es eine Führung durch das Reichstagsgebäude, nach welcher Marc und ich uns dünne machen und weitere Erkundungen auf eigene Faust anstellen (Trödelmarkt am Potsdamer Platz / Kreuzberg). Spät des Abends unternehme ich zusammen mit Carsten Dörr einen Spaziermarsch zum Charlottenburger Schloß, von dem wir um halb Zwölf schließlich zurück sind. Am Morgen des 17.03. unternimmt Herr Horb zusammen mit mir und noch drei anderen Schülern einen Besuch bei der "Multivision Berlin" im Europa Center: Es ist eine durch mobile Installationen plastisch angedachte Berliner Geschichtsreise auf langer Leinwand, mit viel Tamtam, Qualm, Flaggen, heruntergelassenen Kronleuchtern und allerlei Schnickschnack, den ich eher nervig und unproduktiv finde. Während nachmittags nach einem gemeinsamen Pizzamahl in Charlottenburg (nahe U-Kaiserdamm) eine kleine Gruppe um Herrn Horb das Schloß (und / oder das Ägyptische Museum ... man war sich (wohl) nicht recht einig) besichtigt, entdecke ich das U-Bahn-Fahren für mich und setze mich erst einmal mit der U7 nach Rathaus Spandau ab (frisch neugebaute, eindrucksvolle Endstation). Später trifft sich unsere Gruppe am Denkmal des Prinzen Albrecht wieder. Ausgerüstet mit je einer 24-Stunden-Sammelkarte erkunden Widdel und ich im Abend das westliche U- und S-Bahnnetz. 18.03.: Um 11 Uhr ist wieder einmal Pflichtprogramm angesagt: Im "Informationszentrum Berlin" in der Hardenbergstraße lauschen wir einem Vortrag. 19.03.: Marc ist heute auf eigene Faust nach Ost-Berlin gefahren und erzählt mir abends von seinen Erlebnissen. Am 20.03. bereisen wir dann also Ost-Berlin, wo Widdel und ich u.a. den Fernsehturm hinauffahren und draußen am Stadtrand in Mahlsdorf eine Rast mit gekauften Lebensmitteln einlegen. [Anm.: Wenn ich micht nicht mißerinnere, schmuggelte Marc bei der Ausreise eine im Osten gekaufte Stangensalami bzw. deren sättigungsbedingten Rest zwischen seinen Hosenbund unter dem Pullover geklemmt über die Grenze.]. Besondere Zwischenfälle während der Klassenfahrt sind mir zwar nicht bekannt, allerdings sei an dieser Stelle kurz angemerkt, daß Eva, die in Berlin eine Schwäche für Portwein hat, eine Nacht im Freien auf einer Bank nächtigen muß, da die Pforten des Jugendgästehauses bereits dicht sind. Abreise aus Berlin ist am 22.03. und die Klassenfahrt geht über in die Osterferien.

***

15.04.'85, Mo: Die Osterferien sind zu Ende und es ist Anreisetag nach Langeoog. Von Rheine aus nehme ich den 13:59-Uhr-Zug gen Norden und später die 17:30-Uhr-Fähre von Bensersiel. Auf der Fähre treffe ich Hannes, Olaf und andere Internatsrückkehrer. Zitat aus meinen Aufzeichnungen: "Jetzt geht der Mist wieder los ....." 

16.04.'85, Di: Chemie ist heute total einfach. Außerdem bekommen wir die Deutsch-Klausur zurück: Habe 09 Punkte. Nachmittags begebe ich mich zusammen mit Hannes und Widdel nach draußen, an den Strand. Später geht's zur "Leichenkammer" (= "Speisekammer").

17.04.'85, Mi: In einer vormittäglichen Freistunde kaufen Hannes und ich uns je eine Flasche Sekt für heute abend. Wollen dann aber doch nicht so lange warten und trinken den Sekt kurzerhand noch während der Freistunde. Entsprechend in gewissem Maße alkoholisiert gehen wir dann in den nachfolgenden Unterricht. Den Erdkundeunterricht bei Helmer bekomme ich nicht mehr so ganz mit ... [Heute also ausnahmsweise nicht wissens-, sondern alkoholbedingt.] . Ich hätte dann zwar noch Latein, lasse dies jedoch ausfallen. Hannes und ich kaufen dann noch einmal jeder eine Sektpulle, welche wir uns nach dem Mittagessen in unserem Zimmer zu Gemüte führen. Dazu rauche ich "Gudang Garam" [ = meine sog. "Bali-Zigaretten" mit Nelkenaroma]. Erst kommt dann Oliver ins Zimmer, trinkt ein Glas Sekt mit und bekommt von mir eine Bali-Zigarette, später, als er wieder weg ist, kommt noch Widdel. Schon etwas mehr von der Wirkung des Sektes ergriffen, begeben Hannes und ich uns dann raus ins Wäldchen, wo wir ca. eine halbe Stunde auf einer Bank abhängen. Zurück im Internatszimmer legen wir uns pennen. Um 17:00 Uhr werde ich von Detlef geweckt, da nun Latein-Nachhilfe bei Lamperstorfer ist. Und so schlage ich also noch 45 Minuten Latein tot. Nach dem Abendessen schlafe ich wieder, die Arbeitsstunde findet ohne meine Beteiligung statt.

19.04.'85, Fr: Wir schreiben den Chemie-Test. ... Total einfach!! [Anm.: Die Organische Chemie half mir endlich aus dem tiefen Tal der Schulchemie-Misere!] Abends überlege ich mir zusammen mit Oliver und Widdel, was wir uns denn morgen, am Samstag, zu saufen kaufen wollen. Ich entscheide mich für Sekt und Eierlikör. 

20.04.'85, Sa: In Sport ist heute Kugelstoßen angesagt!!! - Danach gehe ich mit Widdel und Oliver ins Dorf, einkaufen. Kaufen bei Eckart drei Flaschen Sekt und bei der Speisekammer eine Flasche Wodka (40% Vol.) und eine Flasche Eierlikör (20% Vol.). Der Nachmittag ist langweilig: Oliver geht zu einer Beerdigung und Widdel und ich hängen in meinem Zimmer ab. Um 15 Uhr lege ich mich erstmal ins Bett. Um 16:30 Uhr ist Oliver wieder da und wir beginnen, unsere alkoholische Getränkemunition zu trinken. Ich beschäftige mich mit einer Pulle Sekt sowie dem Eierlikör, während Widdel und Oliver den Wodka mit Orangensaft verdünnen etc.. Um 17:30 Uhr begeben wir uns dann zum Abendessen, danach geht es weiter. Während Oliver und ich  kaum eine Alkoholwirkung wahrnehmen, ist diese bei Widdel schon als etwas fortgeschrittener festzustellen. Später legt er sich dann oben auf Hannes' Bett und begibt sich irgendwann - er redet fast nur noch Unsinn - zum Klo, wo er ca. zwanzig Minuten verbleibt und seinen Mageninhalt oral entleert. Er hat dazu Seiten unserer Schullektüre "Effi Briest" gefressen. Anschließend geht er nun schlafen. Oliver und ich setzen das Beisammensein noch bis halb Zehn fort, eine Stunde später dann lege ich mich meinerseits schlafen und träume von Leichen im Moor und Seeschlangen. 

21.04.'85, So: Nachmittags begeben Widdel, Oliver und ich uns nach draußen, da heute schönes Wetter ist. Wir nehmen unsere Physik- bzw. Deutsch-Sachen mit zum Strand, wo wir in einem Strandkorb unsere Hausaufgaben machen wollen. Es finden sich jedoch keine zwei Körbe und wir verlassen den Strand wieder. Erklimmen eine Düne, von der aus wir Dorf und Meer überblicken können. Dort oben lassen wir uns nieder und versuchen nun, uns mit unseren Hausaufgaben zu beschäftigen. ... Zwischendurch werfe ich mein Physik-Buch ins Dünental, Widdel schickt "Effi Briest" hinterher. Oliver liegt fast die ganze Zeit nur herum, während Widdel mir Physik erklärt. - Abends kommt Hannes aus Leer zurück auf die Insel.

22.04.'85, Mo: Morgens kommt ein alter Bekannter zu Besuch nach Langeoog: Malte! Er ist mal so vorbeigekommen und bleibt bis morgen. In Kunst - wir zeichnen heute Portraits - habe ich keinen Bleistift dabei und gehe nochmal zurück ins Internat rüber, mir einen zu holen. Draußen treffe ich Malte, der noch mit ins Internat kommt. Ich habe noch einiges in der zweiten Sektflasche vom Samstag, trinke etwas davon und gebe den Rest Malte. Zur zweiten Kunststunde gehen Malte und ich wieder rüber ins Gymnasium. - Abends ist nichts los. Aus Langeweile fertigen Widdel und ich uns aus Cokedosen-Abzugslaschen Nasenringe an: Wir brechen den Ring in der Mitte auf und stecken uns die Dinger an die Nase. [Anm.: Kreativität durch Langeweile. ... Meinetwegen. Auch wenn der geistige Nährwert dabei selbstverständlich bei Null liegt.] Später schreibe ich einen zweiten Brief an Freund Michael zu Hause.

23.04.'85, Di: Erdkundeklausur!! ... Mein themenbezügliches Wissen ist allerdings beschränkt. Dazu bekomme ich von meinem Füller schwarze Hände. Verdammte Tinte! ... Im Laufe der zwei Stunden wird bei mir aus Erdkunde auch nicht mehr viel. - Um 11:00 Uhr reist Malte wieder ab.

Dieser Tage klebe ich das neulich auf der Bahnrückfahrt nach Langeoog aus meiner runden Brille gefallene Glas mittels Tesafilm wieder in seine Fassung.

25.04.'85, Do: In Latein läuft es heute ganz gut.

26.04.'85, Fr: Wir schreiben den Mathe-Test und bekommen den Chemie-Test zurück. Habe darin 11 Punkte!!! [Anm.: Meine Leistungswende in Chemie kam mit dem Gebietswechsel von Anorganischer auf Organische Chemie. Trotzdem war Chemie insgesamt nie 'mein' Fach und ich wählte es zur 12ten Klasse ab.] Nach der Schule gehe ich raus, durch Wäldchen, Gestrüppgebiet und zurück. Gehe im Internat zu Andreas ins Zimmer, welcher mir einen Tropfen Nelkenöl zugute kommen läßt. Diesen bringe man auf die Zunge. Wirkung: Scharf und bitter! - Dankenswerterweise gibt Andreas mir subsequent einen Lolly gegen den fiesen Geschmack. ... Nachmittags gehen Hannes, Widdel und ich nach draußen. Es ist schönes Wetter, dabei kaum windig. Ausgerüstet mit Fanta und "Wesergold"-Limonade verlassen wir das Dorf, auf der Suche nach einer uns zusagenden Düne, die wir dann auch am Rande des Pirolatals finden; sie grenzt an den Strand und ist schön hoch. Oben befindet sich eine freie Sandfläche und zwei Sandschneisen laufen hinunter zum Tal. Wir lassen uns nun erst einmal oben nieder und überblicken das Pirolatal. Dann werden wir aktiv: Mit Anlauf springen wir die größere der beiden Sandschneisen hinunter, arbeiten uns wieder hinauf usw.. Eine weitere 'Disziplin' besteht darin, auf Zeit rückwärts die Düne hinaufzugehen. [Anm.: Ich weiß heute nicht mehr, was uns damals bewog, uns so sehr ignorant gegenüber dem Dünen- und Küstenschutz zu verhalten, denn eigentlich waren wir auch seinerzeit immer sehr achtsam und respektvoll im Umgang mit Natur und Umwelt.] Total eingesandet verlassen wir schließlich um ca. Zehn nach Fünf die Düne und begeben uns ins Dorf, wo Hannes und ich bei Eckart drei Flaschen Sekt kaufen. Nach der Arbeitsstunde dann schließen wir unsere Zimmertüre ab und öffnen die Flaschen. Ca. 21:00 Uhr - ein guter Teil des Sekts ist bereits getrunken - legen wir unsere neue 'Einheitscassette' [von Oliver] ein. Besonders oft ... irgendwann dann zu oft ... nudeln wir zwei Songs: "Hiroshima" (Wishful Thinking) und "Song of joy" (Miguel Rios (?)). Immer wieder diese beiden Lieder. Mittlerweile singen wir dazu! ... Als Lamperstorfer, der diesen unseren Sektabend genehmigte - dann zur Nachtruhe durchgegangen ist ... inzwischen sind die drei Sektpullen leer und liegen unterm Schreibtisch ... steigen Hannes und ich schließlich noch durch unsere Zimmerfenster aus und begeben uns u.a. an den Strand.

27.04.'85, Sa: Sport! Wir machen dämliche Hochsprungübungen. Zwanzig vor Neun wird mir das Ganze dann zu dumm und ich mache mich vorzeitig aus der Halle davon. Nachdem Hannes wieder einmal fürs Wochenende nach Hause, nach Leer aufgebrochen ist, lege ich mich schlafen. Zwischendurch wache ich im Verlauf zwar öfters auf, schlafe insgesamt aber durch bis zum Sonntag. - Lamperstorfer ist übrigens sauer, da Hannes und ich statt der drei nur zwei Flaschen Sekt angegeben hätten und die leeren Flaschen entsorgt werden hätten sollen.

28.04.'85, So: Den ganzen Sonntag sitze ich an meinem Schreibtisch herum. Abends ist Hannes dann vom Wochenende zurück und nach 23:00 Uhr steigen wir wieder einmal aus unseren Zimmerfenstern. Wir beschreiten einen Dünenweg und reden dabei von den Dünen wie von einem Gebirge: Der Dünenfriedhof wird zum Gebirgsfriedhof usw.. Die Düne vom Freitag nennen wir den "Monte Pirola", den wir dann auch durch das Pirolatal ansteuern und besteigen. Zurück geht es am Strand.

29.04.'85, Mo: In Deutsch schreiben wir einen Test zu unserer derzeitigen Lektüre "Effi Briest". Mir fällt zur Fragestellung überhaupt nichts ein und so zitiere ich als Antwort lediglich einen wiederkehrenden Satz aus dem Buch: "Das ist ein zu weites Feld!"  ... Später lassen Hannes und ich Kunst ausfallen (ebenfalls bei Wierzenko). Nachmittags - es ist bedeckt, kalt und windig - gehen wir wieder raus ins Pirolatal, wo wir erneut eine Düne erklimmen, aber dort nicht allzu lange sitzend verweilen.

30.04.'85, Di: Wie bereits vor einer Woche am Telefon vereinbart, werde ich heute rüber ans Festland fahren, wo mich meine Eltern abholen und wir den Maifeiertag zusammen in Neuharlingersiel verbringen werden. - Von 14:00 Uhr bis 15:30 Uhr wird die Physik-Klausur bei Hashagen geschrieben. Es geht um den freien Fall, den waagerechten sowie lotrechten Wurf etc.. Danach packe ich im Internat schnell noch einige Sachen und gehe zusammen mit Hannes zur Post, wo ich noch Geld abheben muß. Um 16:10 Uhr erreichen wir dann den Bahnhof, und wenig später geht es mit der Inselbahn los zur 16:15-Uhr-Fähre. Um 17:00 Uhr ist schließlich Bensersiel erreicht. Nach einem gemeinsamen Ladeneinkauf wird Hannes dann um 17:15 Uhr abgeholt, ich setze mich im Von-Thünen-Park an den kleinen See und genehmige mir die vorhin gekaufte Dose Coke. Warte dann am Fährhaus noch bis 19 Uhr, als mich meine Eltern per Auto abholen und wir weiterfahren nach Neuharlingersiel.

01.05.'85, Mi: Nach Übernachtung in Neuharlingersiel, einer Fahrt nach Wilhelmshaven und zum Trödelmarkt in Jever bringen mich meine Eltern zurück zum Anleger in Bensersiel, wo ich die 17:30-Uhr-Fähre zur Insel nehme. Süßholzkauenderweise treffe ich auf der Fähre Hannes.

02.05.'85, Do: Nachmittags hänge ich - von Hannes unbemerkt - in meinem verhangenen Bett herum. Hannes ist fast die ganze Zeit im Zimmer anwesend und bemerkt meine Präsenz erst, als ich wieder aufstehe. Abends läuft im TV wieder eine Folge von "Die Deutschen im Zweiten Weltkrieg".

03.05.'85, Fr: Nachmittags gehe ich zusammen mit Widdel bei wärmlichem Wetter zum "Monte Pirola". Wir lassen uns oben auf der Düne im Sand nieder und wissen nicht, was wir tun sollen. Brechen später dann wieder auf und gehen bewußt langsam(st) zurück zum Internat. - Abends packe ich für die morgige Wochenendfahrt.

04.05.'85, Sa: Sport! ... Nach Aufwärmen und Hochsprung dürfen diejenigen, die wollen, Strandlauf machen. Ich, Hannes, Volker und Detlef laufen als Einzige. Am Strand dann bleiben Volker und Detlef zurück, Hannes und ich stoppen auch etwas später. Wir gehen dann über die Dünen und zurück zur Sporthalle, wobei wir die letzten paar hundert Meter nochmal im Laufschritt nehmen. - Um 11:00 Uhr fahren Hannes und ich dann fürs Wochenende rüber ans Festland, nach Hause. In Bensersiel angelangt wird Hannes abgeholt und ich warte erstmal auf der Bank vor dem Fährhaus auf den Bus nach Norden, welcher schließlich um 12:45 Uhr eintrifft. 13:30 Uhr ist der Bahnhof in Norden erreicht und mir sind nun zwei Stunden Wartezeit bis zum Zug beschert, die ich zunächst - meinen Berlin-Stadtplan studierend - in der kleinen Bahnhofswartehalle verbringe. Um 15:28 Uhr läuft dann endlich mein Zug ein und die Warterei hat ein Ende. Während ich in einem sonst leeren Abteil sitze, sind mehrere Abteile hinter mir mit einer Reisegruppe ca. Zehn- bis Dreizehnjähriger belegt, welche während der Fahrt eine respektable Geräuschkulisse aufbauen: Es wird auf dem Gang herumgelaufen, laute Musik, zu der auch gesungen wird, spielt (immer und immer wieder "Live is life" (Opus), was mir in dieser Aufdringlichkeit ziemlich auf die Nerven geht!!) usw.. Um 17:30 Uhr ist dann schließlich Rheine erreicht.

06.05.'85, Mo: Mit der ersten Fähre setze ich um 9:15 Uhr wieder über nach Langeoog. Zitat aus meinen Aufzeichnungen: "Ich verlasse wieder mal, bis zum 24.5.'85, das Festland und hänge auf der Insel rum." ... Ca. 9:45 Uhr ist Langeoog erreicht und ich gehe im Dorf zuerst zur Post, Geld abheben. Dabei treffe ich Widdel und Hannes. Anschließend haben wir Kunst und danach gibt es die Physik-Klausur zurück. Mein Resultat: 06 Punkte. - Nachmittags, es ist schön sonniges Wetter, gehen Widdel, Hannes und ich raus zum "Monte Pirola" und spielen auf der Strandseite Boccia. Wir vereinbaren, daß der Verlierer eine Flasche Sekt zahlt. ... Ich verliere. Nach 'Rollboccia' direkt am Strand machen wir uns dann irgendwann auf den Rückweg. Immer wieder kamen Passanten am "Monte" vorbei, schauten blöd zu uns herüber und blieben stehen. - Nach dem Abendessen gehen wir zu "Kalle Franz" und wollen nun sogar fünf Flaschen (Sekt) kaufen. Da wir aber vom Internat kommen, wird uns überhaupt nichts dergleichen verkauft. ... Pech gehabt. Unsere letzte Hoffnung ist jetzt noch der Bierverlag Erich Schmidt am Vangerowpad, welchen wir also ansteuern. Der Laden hat geöffnet und wir decken uns mit der gewünschten Menge Sekt ein: Da ich von zu Hause bereits eine Flasche mitgebracht hatte, kaufen wir lediglich vier Pullen, die wir unbehelligt ins Internat schleusen können. Bis 22:30 Uhr beschäftigen Hannes und ich uns dann erstmal mit unseren Hausaufgaben und um 23:00 Uhr geht's los: Widdel kommt zu uns rüber, die Zimmertüre wird abgeschlossen, die Sektkorken knallen und wir führen uns "Deinhard", "Großer Kurfürst" u.a. zu Gemüte. Dazu hören wir 'unsere' "Hiroshima"-Cassette und nicken dann im Verlauf alle drei für kurze Zeit ein. Um 2:30 Uhr schließlich liegen wir in den Kojen.

07.05.'85, Di: Die erste Schulstunde verpennen Hannes und ich glatt. Frau Noltus, die wir intern "Die Alte" nennen, kommt um ca. 8:15 Uhr ins Zimmer, um nachzusehen, ob man auch in der Schule ist, und entdeckt dabei eine halbvoll übriggebliebene Sektflasche auf dem Tisch. ... Mist! - Abends kommen Hannes und ich auf die Idee, unser Zimmer 43 wieder einmal umzuarrangieren. Nach den Hausaufgaben fangen wir dann um 23:00 Uhr schließlich damit an: Die Schreibtische kommen auseinander, das Etagenbett wird auf die gegenüberliegende Wandseite geschoben und so weiter. Ca. 2:30 Uhr nachts sind wir mit unserem Werk dann fertig und zufrieden. Das Zimmer wirkt nun größer und ist optimal aufgeteilt.

08.05.'85, Mi: Ich gehe zusammen mit Widdel raus zum "Monte Pirola". Als wir dort so im Sand herumhängen, kommt uns die Idee, einfach mal ein Loch zu graben (!). Wir begeben uns auf die Strandseite und beginnen nun also, am Fuße des "Monte" ein Loch zu buddeln. Widdel gräbt, ich schaufle den Sandaushub zur Seite. Nach einiger Zeit ist das Loch dann schließlich ca. 1,5m tief ... alles in reiner Handarbeit!! Als wir dann auf "Gruwa" (Grundwasser) stoßen, beenden wir unsere spontane Mission. Unsere Klamotten und Haare sind total sandig. [Anm.: Faul waren wir ja nie, ... vielleicht nur manchmal etwas zu streng selektiv motivationsfähig.]

09.05.'85, Do: Ich bereite mich auf die morgige Chemie-Klausur vor, in der es um Alkane, Nomenklatur, Isomerie, homologe Reihen, Substitution und "sonstige Scherze" [Zitat] geht, ... also um die Initialthemen der Organischen Chemie.

10.05.'85, Fr: Wir schreiben die zweistündige Chemie-Klausur. ... Bei mir klappt alles ganz gut.

11.05.'85, Sa: In Sport machen wir wieder Strandlauf. Die Masse läuft vor, Volker und ich gehen hinterher, gefolgt noch von Joe und Detlef. Volker und ich gehen nach dem Strand noch durchs Wäldchen und kommen so einige Zeit später als die anderen zurück an der Sporthalle an. - Um 11:00 Uhr fährt Hannes wieder mal übers Wochenende nach Hause ans Festland. Im Nachmittag schlafe ich. Abends hängen Widdel und ich in meinem Zimmer herum. Wir haben den Plan gefaßt, heute nacht die Insel zu umwandern. ...

12.05.'85, So: Nachdem Lamperstorfer um 0:00 Uhr seinen Rundgang gemacht hat, legt sich jeder von uns erst einmal in seinem jeweiligen Zimmer ins Bett. Um 1 Uhr dann, als Lampe endlich weg ist, kommt Widdel wieder rüber zu mir. Wir steigen dann durch die Zimmerfenster aus und machen uns also auf zur geplanten Ostend-Tour. An der katholischen Kirche vorbei erreichen wir über Dünenwege den nächtlichen Strand, den wir nun in Richtung Osten entlangmarschieren. Als wir ein Stück gegangen sind, entdecken wir etwas höchst Seltsames, ein [uns] unerklärliches Phänomen im Sand: Tritt man den feuchten oder nassen Ufersand leicht weg oder tritt einfach nur mit dem Fuß auf, so blinken für kurze Zeit kleine, grünlich leuchtende Punkte im weggetretenen Sand oder unter dem Fuß auf [Anm.: Damals wußten wir nicht, daß dieses Phänomen, das Meeresleuchten, durch Ansammlungen von Mikroorganismen hervorgerufen wird, und so wurden wir sozusagen Zeugen eines für uns paranormalen Schauspiels.]. Uns befremdet-fasziniert halb totlachend, treten wir wiederholt Ufersand los, um das rätselhafte, grünliche Leuchten erneut hervorzurufen. Während wir noch rätseln, worum es sich bei unserer Entdeckung handeln könnte, findet Widdel fast unmittelbar an der Uferlinie einen 'Dauerleuchter'; er ist ca. 3mm groß und weich. Dann setzen wir unseren Marsch gen Osten fort und erreichen ca. 3:00 Uhr das Ostende. Wir gehen dicht an den in der Nacht schwarz erscheinenden Dünen entlang. Am Himmel sehen wir die Umrisse der Möwen, die direkt über uns kreisen. Dann begeben wir uns in den Vordünenbereich. Vereinzelt sticht ein Dornenstrauch. Nach längerer Orientierungsungewißheit gelangen wir dann über den Randdünenbereich zum Weg, der hier am Ostende endet. Der Rückmarsch nun zieht sich hin: Der monotone, fast gerade Steinweg zwischen Dünen und Weiden scheint endlos in der Dunkelheit. Nachdem wir die Meierei passiert haben, wird es um Zehn vor Fünf hell. Später gehen wir dann auf dem Deich entlang bis zum Hafen und durchs Wäldchen zurück zum Internat, welches wir um 6:30 Uhr erreichen. Mit einiger Mühe klettern wir wieder durch mein Zimmerfenster ins Gebäude. Ich haue mich sofort ins Bett und wache erst wieder im Nachmittag, ca. 16 Uhr auf. Abends kommt Hannes vom Wochenende zurück.

13.05.'85, Mo: Nachmittags gehen Hannes und ich an den Strand. Wir hatten uns zuvor mit Proviant in Form von Fanta, Chips usw. eingedeckt und spontan [bei der "Buddelei"] jeder eine weiße Schirmmütze zu DM2.50 gekauft, über deren Schirm in dicken, blauen Lettern "Langeoog" steht. Mit diesen Mützen auf dem Kopf setzen wir uns am Strand in einen Strandkorb und nehmen vom Mitgebrachten zu uns. Nachdem ich im Strandkorb eine Schüppe gefunden habe, gehen wir kurz zurück ins Dorf, kaufen eine zweite Strandschaufel und beginnen zurück am Strand, eine Sandburg gegen die Flut z schaufeln. Es ist 17:30 Uhr, als die Burg und der Wall rundrum fertig sind. Als die ersten Wellen der Flut unseren Schutzwall erreichen, laufen Hannes und ich noch eben los, bei Eckart drei Flaschen Sekt zu kaufen. Hannes läuft dann schonmal vor, wieder zum Strand zu unserer Burg, ich komme mit den gekauften Sektpullen nach. Als ich dann auch den Strand erreiche, ist unsere Sandburg bereits vom Wasser umspült, der Wall weg und Hannes steht - dem nassen Angriff trotzend - auf der Burg. Ich stelle den Sekt ab, gelange noch fast trockenen Fußes zu Hannes auf die Sandhaufen-Burg und wir halten noch so lange aus, bis unser Sandkornbollwerk vom Wasser überspült wird [Anm.: Dieses Sandburgbauen ... an sich war es immer nur lediglich ein aufgeschüppter Sandhaufen ... gegen die Flut war bereits während der allerersten Internatstage Hans' und mein gemeinsames Plaisir.]. ... Auch diesmal gelingt es uns, den Sekt unbemerkt ins Internat zu schaffen. Nach den Hausaufgaben fangen wir dann an, unseren Sekt zu trinken. Es ist 24:00 Uhr

        

(Viel Flut, viel Ehr'! ... 07. Juni 1985)

14.05.'85, Di: Nachmittags gehen Hannes und ich - ausgerüstet mit unseren "Langeoog"-Schirmmützen und Strandschaufeln - zusammen mit Widdel an den Strand. Nach kurzem Strandkorbaufenthalt machen wir uns daran, erneut eine Sandburg gegen die Flut aufzuschüppen. Als Standort wählen wir eine etwas vorgelagerte Sandbankzunge hinter einer Prielbucht, die gut mit dem Strand verbunden ist. Dort also beginnen wir, unsere Sandhaufenburg auszuheben. Während unserer Aktivitäten wird die Sandbankzunge mit der Zeit durch das steigende Wasser vom Strand abgeschnitten. Schließlich, als wir uns lediglich noch auf einer kleinen Insel befinden und die Flut immer weiter vorrückt, wollen Hannes und ich die Burg dann aufgeben, um nicht noch zum Strand, wo sich inzwischen mehrere Schaulustige versammelt haben und zu uns herüberglotzen, schwimmen zu müssen. Wir überlegen es uns aber doch wieder anders und wollen nun - egal, was kommt - zusammen mit Widdel unsere Burg bis zum letzten trockenen Sandkorn halten. Angesichts der Situation schlagen wir dann erneut vor, doch lieber vorzeitig zum Strand zurückzukehren und es geht hin und her, bis wir endgültig bereit sind, auszuharren. Schon können wir nicht mehr schaufeln und müssen uns auf die Burg stellen, die bereits das Meer umspült. Als wir nun so das Ende abwarten, um dann an Land zu schwimmen, nähert sich der Gruppe Schaulustiger drüben an der Uferlinie ein Strandwärter im Wagen, ruft was zu uns herüber und tutet. Daraufhin verlassen wir unsere Burg und machen uns auf den Rückweg zum Strand, waten die überspülte Sandbankzunge entlang durch z.T. beinhohes Wasser. Der Strandwärter empfängt uns mit Worten à la 'nicht ganz dicht' und sagt, es wäre bald ein Seenotrettungsboot eingesetzt worden für uns. Die Schaulustigen verziehen sich wieder und Hannes, Widdel und ich gehen zurück zum Internat [Anm.: Auch wenn diese 'Extrem-Sandburg-Bauing-Aktion' insgesamt ein unvergeßlicher Spaß war: Die Meeresströmung auf dem Rückweg zum Strand zeigte sich schon überraschend stark!]. Abends lerne ich noch für die morgige Gemeinschaftskundeklausur.

15.05.'85, Mi: Wir schreiben die Gk-Klausur über Werbung usw.. Nachmittags gehen Hannes und ich an den Strand. Es ist warm und sonnig. Hannes überlegt die ganze Zeit, ob er um 16:15 Uhr über Himmelfahrt nach Hause ans Festland fahren soll oder nicht. Als wir dann am "Monte Pirola" oben im Sand abhängen, fällt Hannes eine Entscheidung zugunsten der Heimreise. So gehen wir also zurück zum Internat und Hannes verläßt mit der 16-Uhr-15-Fähre die Insel.

16.05.'85, Do: Himmelfahrt. - Ich liege bis zum Abend, als Hannes zurückkommt, in meinem verhangenen Bett. In der Zeit habe ich einen Brief an Freund Michael zu Hause zustandegebracht.

17.05.'85, Fr: Morgens verpennen Hannes und ich absichtlich, wodurch für mich Mathe (für Hannes natürlich auch) und Englisch ausfallen. Ca. 9:30 Uhr stehen wir auf und gehen zusammen mit Widdel bei schönem Wetter ins Dorf und lassen uns dort mit Chips auf einer Bank im kleinen Park am Rathaus nieder. Zur vierten Stunde, Chemie, gehen wir nur deshalb, weil wir mit der Rückgabe der Klausur rechnen. Nach Chemie begeben Hannes und ich uns barfuß an den Strand und wir erklimmen den "Monte Pirola". Dort herrscht ganz schöne Hitze. Um die Mittagszeit statten wir "Calli's Strandladen" einen Besuch ab, kaufen jeder eine Pulle Mineralwasser und kehren zum "Monte Pirola" zurück, wo wir noch einige Zeit abhängen. Später im Dorf kehren wir zwecks Kauf bei "Feinkotz" ein [Anm.: Gemeint ist natürlich der Internatsschülerbeglücker Feinkost Eckart.]. Nach Vertilgung des Eingekauften auf der Parkbank geht's zur Buchhandlung Krebs, wo Hannes für einen Freund ein Buch aussucht und kauft. Auf dem Rückweg zum Internat beschreiten wir das letzte Stück mutwillig derart verlangsamt, daß wir für einen Meter Weg 14 Sekunden benötigen [Anm.: Dieses Extremzeitlupengehen praktizierten wir damals hin und wieder. Ich glaube, wir sahen es v.a. als eine Art kurzzeitige Auflehnungsandeutung gegenüber dem üblichen Trott bzw. dem vorgegebenen Alltagstakt.].

18.05.'85, Sa: In Sport machen wir heute wieder Strandlauf. Wir üblichen Verdächtigen (ich, Volker und Detlef) bleiben zurück und gehen anstatt zu joggen. Um 11:00 Uhr unternimmt Hannes wie so oft eine Wochenendheimfahrt, im Nachmittag schlafe ich.

19.05.'85, So: Noch sechs Tage bis zu den Pfingstferien. - Den Tag über ernähre ich mich von Kleehonigbroten und Wasser. Nachdem Widdel und ich einige Zeit in meinem Zimmer herumgehangen haben, gehen wir raus, zu Calli's Strandladen am Kavalierspad, kaufen dort Chips, Coke u.a. und vertilgen das Eingekaufte dann am Strand in einem Strandkorb. Ich habe heute Schnupfen und Husten und fühle mich schlapp. Abends kommt Hannes aus Leer zurück und nervt sofort durch Einschalten des Radios.

20.05.'85, Mo: Nachmittags und abends sitze ich am Schreibtisch und mache Erdkunde u.a.. Am Abend kommt der Schwachsinn: Während Hannes bei greller Beleuchtung Hausaufgaben macht, hängen Widdel und ich liegend auf den beiden braunen Sitzpolstern der Sitzgelegenheiten [Anm.: also der Sessel] auf dem dreckig-sandigen PVC-Fußboden unseres Zimmers ab.

21.05.'85, Di: Ich, Hannes und Widdel haben heute keinen Bock, dem nachmittäglichen (Beginn: 14:00 Uhr) Physikunterricht bei Hashagen beizuwohnen und lassen diesen also ausfallen. Stattdessen gehen wir zum "Haus der Insel" und zum Brandungsbad und warten, daß die Geschäfte öffnen. Widdel trennt sich im Verlauf von uns und Hannes und ich begeben uns noch ins Wäldchen, um dann schließlich um Zwanzig nach Drei zwecks Einkauf zunächst die Speisekammer, dann Feinkotz Eckart (hier kaufe ich ein Erdbeer-Sorbet) zu besuchen. Anschließend nehmen wir auf einer der Bänke an der kleinen Rasenfläche mit Beeten gegenüber Eckart platz und führen uns das Gekaufte zu Gemüte. - Abends gibt es viele Hausaufgaben zu erledigen!!!

22.05.'85, Mi: Wir schreiben die Latein-Klausur: Negativ! - Nachmittags penne ich in meinem verhangenen Bett. Abends begebe ich mich noch allein nach draußen ... Wäldchen und so. Ein Ohrwurm dieser Tage ist der Song "We are the world" (USA for Africa). Hinterher packe ich in meinem Zimmer - Hannes und Oliver unterhalten sich und rauchen (Thema: Ich armes Schwein bin auf L'oog.) - meine 80 leeren Coke-Dosen und andere mitnahmepflichtigen Sachen in Taschen.

23.05.'85, Do: Es gibt die Latein-Klausur zurück und ich habe 00 Punkte!!! - Nachmittags teilt mir Lamperstorfer mit, daß ich die 04 Punkte [Zeugnisnote] in Latein, von denen versetzungsbezüglich viel abhängt, nur noch dadurch erreichen könne, indem ich die Klausur genauestens übersetzen und erklären kann. Also solle ich mit Thiess zwei zielführende Stunden Latein machen (Kostenpunkt DM40.-). Ich suche ihn, finde ihn jedoch nicht und so setze ich mich erstmal allein an Latein. Später überlege ich, daß mir genauso gut auch Oliver die Klausur erklären könnte.

24.05.'85, Fr: Endlich Abreisetag in die Pfingstferien! Mit der 11-Uhr-Fähre geht es rüber ans Festland. Von Bensersiel nehme ich um 12:45 Uhr den Bus nach Norden, wo ich die zwei Stunden Wartezeit auf meinen Anschlußzug bis 15:30 Uhr auf der Bank hinterm Bahnhof verbringe. Dort unterhalte ich mich noch mit einem Schüler einer mit mir wartenden Schulausflugsklasse aus Köln und erzähle vom Internat Langeoog.

01.06.'85, Sa: Heute erscheine ich nicht zu Sport, sondern schlafe aus. Nachmittags hänge ich zusammen mit Widdel in meinem Zimmer herum und der Schwachsinn macht sich breit. Dann bekomme ich von Lamperstorfer einen Brief von zu Hause ausgehändigt, in den mir meine Mutter meine neuesten Photos von der Ems usw. gesteckt hat. Später gehen wir nach draußen, zu Calli's Strandladen, wo wir uns etwas Proviant kaufen, den wir dann auf einer Bank beim "Haus der Insel" zu uns nehmen. Dabei ventilieren wir den Gedanken, eventuell eine Schülerzeitung ins Leben zu rufen und steuern zur Idee die unterschiedlichsten Vorschläge bei. Widdel ist übrigens den ganzen Tag schon auf Rollschuhen unterwegs. - Abends sitzen wir wieder in meinem Zimmer und die Idee, Langeoog nach Klasse 11 zu verlassen, nimmt immer mehr Raum ein. Allerdings müßte man, meldete man sich jetzt erst von der Schule ab, noch ein halbes Jahr weiterzahlen. Bliebe man hingegen sitzen, entfiele diese Fortzahlung. Später rufe ich noch meinen Vater an und erzähle ihm von meinem Beschluß [Anm.: Substantiv bitte mit Gänsefüßchen denken!], die Insel bald zu verlassen. Daraufhin sagt er mir, er werde morgen um 11:30 Uhr in Bensersiel sein und ich solle zwecks Besprechung der Situation mit der Fähre rüberkommen.

02.06.'85, So: Um 10:45 Uhr begleitet Widdel mich noch zum Anleger, wo ich entsprechende Fähre ans Festland nehme und  - nach ca. einer Viertelstunde Wartezeit - wie vereinbart meinen Vater treffe, der per Auto angereist ist. Wir fahren nach Carolinensiel und reden während der Fahrt über mein Vorhaben, das Internat Langeoog nach der elften Klasse zu verlassen. Essen dann im Fischladen bei Carolinensiel zu Mittag (ich eine Krabbensuppe und Schollenfilet). Nach dem Essen geht's nach Neuharlingersiel, wo wir bei dem schönen, warmen Wetter zunächst am netten Hafen entlangspazieren, dann durch einen Park jenseits der Hauptstraße, an den sich ein Flußlauf anschließt. Wir spazieren einen Weg entlang des Flußufers [Anm.: Wohl weniger ein Fluß, sondern ein Abzweig vom Neuharlinger Sieltief ...], an welchem die für den Vorsommer typischen, weißblühenden Doldengewächsen stehen. Ab und zu machen wir Rast und mein Vater pult Krabben. Schließlich erreichen wir dann wieder das Auto und mein Vater bringt mich zurück zum Anleger in Bensersiel, wo es dann Tschüß bis zum 15. Juni heißt. Ich nehme die 17-Uhr-30-Fähre nach L'oog und begebe mich dort vom Inselanleger zu Fuß durchs Wäldchen zurück zum Internat. [Anm.: Offensichtlich ließ sich meine gerade erst artikulierte Einstellung, das Internat Langeoog zum Schuljahresende zu verlassen, durch den Tagesausflug ans Festland relativieren und meine diesbezüglichen Gedanken zerstreuen. Ein wirklich ernstes, realistisches Vorhaben war es ja auch sicher nicht gewesen, wohl eher eine Art an die Oberfläche gelangter Inselüberdruß mit Handlungsbedarf, der nun wieder in die Latenz abgetauchen konnte.]

03.06.'85, Mo: Wir schreiben die dreistündige Deutschklausur zum Thema Gedichte. Ich selbst schreibe (lediglich) eine dreiviertel Spalte. = War nüscht! - Übrigens haben wir einen Neuen in der Klasse: Udo aus Süddeutschland. In Kunst machen Widdel und ich uns nach einiger Zeit dünne, da langweilig.

04.06.'85, Di: In der Pause unterhalte ich mich mit Udo, unserem Neuen. Im Nachmittag lerne ich für die Matheklausur (Geraden, Parabeln, Transformationsgleichungen, ...). In der Arbeitsstunde gehe ich mit Udo in den Gruppenraum, wo ich ihm unseren Mathematik-Stoff von Anfang an erklären will. Am Tisch sitzen dann auch noch Olaf, Volker, Andreas u.a.. Während ich mich bemühe, Udo den wichtigsten Stoff der letzten sieben Wochen beizubringen, labern die anderen herum und man kann kaum dagegen anreden. Ca. 20:45 Uhr - alle anderen sind inzwischen gegangen - sind wir dann fertig. Später sitze ich noch bis 1 Uhr am Schreibtisch und mache Mathe.

05.06.'85, Mi: Wir schreiben die Matheklausur! ... Völlig einfach!! - In Erdkunde bringt Helmer wieder seine spaßigen Ausdrücke: "Mykorrhiza", "Pingo", "Bitte mal!", "Ja, nu!", ... [Anm.: Herr Helmer besaß die von ihm unbeabsichtigte Fähigkeit, durch seine nuschelige Aussprache und seine Betonung besonders gewissen Fachbegriffen einen durchaus amüsanten Beiklang zu verleihen, wofür besonders Elvis und ich ein (offenes) Ohr hatten.] Nachmittags schlafe ich bis 15:30 Uhr.

06.06.'85, Do: Wegen der mündlichen Abiturprüfungen sieht unser Stundenplan in der kommenden Woche so aus, daß wir am Montag nur zwei Stunden Kunst, Dienstag eine Stunde Physik und Mittwoch eine Stunde GK haben. Was liegt da näher, als von Samstag bis Mittwoch nach Hause zu fahren?! Abends will ich dann meinen Vater anrufen, um mitzuteilen, daß ich am Samstag komme, jedoch geht niemand ans Telefon. Später packe ich die ersten Klamotten für die Abreise. Heute gehe ich mit Hannes wieder mal raus: Holzbrücke, Wäldchen und Strauchgebiet. Es ist mieses Wetter bei andauerndem Regen.

07.06.'85, Fr: Nachmittags werden mit meinem Apparat Photos geschossen: Ich photographiere Hannes in typischen Posen (im Bett liegend mit Schuhen, im Sessel sitzend mit Salzstangen und Zeitung) und Hannes mich. Als wir später wieder nach draußen gehen, regnet es total.

08.06.'85, Sa: Tag der Abreise! - Als wir in Sport Volleyball spielen, werde ich nach den ersten Minuten gleich ausgewechselt. ... Eine glückliche Wendung! Diese Gelegenheit nutze ich, um mich vom laufenden Unterricht zu absentieren. Ich verlasse die Sporthalle und komme vorzeitig zurück ins Internat. Zu Religion erscheine ich gar nicht mehr erst, denn der Zug zum Anleger geht um 10:45 Uhr. Ich reise zusammen mit Hannes ab, auf der Fähre ans Festland sitzen wir mit Lucas und Elvis im Fährinneren. Von Bensersiel aus nehme ich den Bus nach Norden, der den dortigen Bahnhof um 13:30 Uhr erreicht. Nach Wartezeit geht es dann per Zug weiter Richtung Heimat.

12.06.'85, Mi: Heute mittag um 13:46 Uhr ist Abreise nach L'oog und es geht wieder per Zug gen Norden. In Leer / Ostfriesland steigt Hannes zu und so bestreiten wir die weitere Fahrt gemeinsam. Vom Bahnhof Norden geht's per Bus nach Esens, in Esens treffen wir Elvis, Bus nach Bensersiel, Fähre nach L'oog und um 18:20 Uhr sind wir wieder zurück im Internat.

13.06.'85, Do: Nachmittags kaufen Widdel und ich beim Getränke-Shop Schmidt eine Flasche Kirsberry (Kirschlikör) und eine Pulle Bärenjäger (34%iger Honiglikör). Nach der Arbeitsstunde schauen wir im TV kurzzeitig "Der große Preis", Hannes sitzt auf seinem Schreibtischstuhl, während Widdel und ich rechts und links von ihm auf den Belägen der Zimmersessel abhängen und bereits den ersten Schluck unseres Likörvorrats nehmen. Dann schalten wir den "Großen Preis" aus, weil zu dumm [Anm.: Zitat], Widdel und ich nehmen die beiden Flaschen und gehen damit nach draußen. Es regnet etwas. Gehen am Bahnhof vorbei und Richtung Anleger (Hafenstraße). Kurz vorm Abzweig nach rechts zum Wäldchen verlassen wir den gepflasterten Weg, setzen und zwischen Gräsern und Sträuchern an den Ringschloot und führen uns die mitgebrachten Liköre weiter zu Gemüte. Ich spreche die meiste Zeit im "Tegtmeier"-Tonfall und der Bärenjäger schmeckt nicht. Nach ca. einer Stunde brechen wir dann auf ins Wäldchen, wo wir mitunter Hitler imitierend reden bzw. brüllen und uns auf einer Bank niederlassen. Leicht angetrunken trudeln wir schließlich um kurz nach 22:30 Uhr wieder im Internat ein.

14.06.'85, Fr: In der Arbeitsstunde beginne ich für Deutsch unsere neue Lektüre, "Homo faber" (Max Frisch) zu lesen [Anm.: Möglicherweise der einzige Deutschunterrichtslesestoff '84/'88, dem ich abseits der Beschäftigungspflicht wirklich etwas abgewinnen konnte.].

15.06.'85, Sa: Nach Sport treffe ich letzte Vorkehrungen für meine Nach-Hause-Fahrt zum Wochenende mit der 10-Uhr-45-Fähre. Draußen regnet es in Strömen. Währen Hannes "Werte und Normen" hat, kaufe ich am Bahnhof die Fahrkarte. Um 10:30 Uhr dann gehen ich, Hannes und Udo mit entsprechendem Reisegepäck zum Bahnhof. Es regnet und windet heftig. Der Bahnhof ist ziemlich voll, und nachdem wir uns noch in einen Waggon der Inselbahn gequetscht haben, geht's Viertel vor Elf los zum Anleger. Auf der Fähre ist im Inneren kein Platz mehr frei, so daß wir Drei während der Passage an Deck verweilen müssen und an einer windgeschützten Stelle platznehmen. Das Wattenmeer ist grau und ziemlich bewegt, der Wind pfeift an uns vorbei (Windstärke 8) [Anm.: Keine Ahnung mehr, ob das nun gefühlt oder offiziell gemessen war ...]. Wir sind völlig naß. Angelangt in Bensersiel verabschiedet Hannes sich und Udo und ich warten auf unseren jeweiligen Anschlußbus, ich auf den 12-Uhr-45er nach Norden.

18.06.'85, Di: Wir bekommen zwei Klausuren zurück, Chemie und Mathe. Meine Ausbeute: 11 und 14 Punkte!!! - Abends gehen Widdel und ich raus. Wir nehmen die noch ca. halbvolle Bärenjäger-Flasche von neulich mit und begeben uns ins Wäldchen. Dort lassen wir uns auf einer Bank nieder. Essen erst aus einer Laune heraus ein paar Gräser (Löwenzahn, ...) und führen uns dann den Rest des Honiglikörs zu Gemüte. Das Zeug schmeckt so widerwärtig, daß man bei jedem Schluck aus der Pulle das Gesicht verziehen muß [Anm.: Jesses! ... Was zwang uns?]. Trotzdem leeren wir, durchs Wäldchen spazierend und mitunter Hitler imitierend [Anm.: Ich find's auch nicht gut, aber es diente wohl dem seinerzeitigen Spannungsabbau ...], die Flasche Schluck für Schluck. Nach getaner Tat kehren wir zurück ins Internat, wo uns die Idee befällt, heute nacht einfach mal im Waschraum zu schlafen, und zwar auf den Belägen unserer Zimmersessel. Während Hannes lediglich den Kopf schütteln kann, schnappen Widdel und ich uns also die beiden Sesselpolster und entern damit den Waschraum, werfen sie bei den Waschbecken auf den Boden, löschen das Licht, legen uns auf die Polster und versuchen zu schlafen, was allerdings nicht gelingen will, da andauernd Leute in den Waschraum kommen, das Licht wieder einschalten, zum Klo gehen und schauen, was wir da treiben [Anm.: Hätten wir uns 'natürlich' nicht denken können.]. Ca. 1:00 Uhr brechen wir die Aktion schließlich ab und jeder schläft ganz regulär in seinem jeweiligen Zimmer.

19.06.'85, Mi: Heute erscheine ich mangels Lust nicht zur ersten und zweiten Schulstunde, sondern schlafe aus. ... Ich hätte ich Mathe und GK.

20.06.'85, Do: Nachmittags - Hannes liegt wieder einmal mit Schuhen auf seinem Bett und ist geistig abwesend - begeben Widdel und ich uns nach draußen. Widdel hat seine Rollschuhe an. Wir gehen erst zur "Speisekammer", wo wir Ananassaft kaufen, setzen uns damit dann auf 'unsere' Bank an der Grünfläche gegenüber Eckart, nehmen uns jeder ein mitgebrachtes Buch zur Hand und lesen. - Abends nach der Arbeitsstunde gehe ich zusammen mit Hannes raus. Wir spazieren zuerst durchs Wäldchen und überlegen, wie wir die langweiligen Nachmittage auf der Insel sinnvoller ausfüllen können. Wir kommen im Zusammenhang zur Erkenntnis, verstärkt (Brett-)Spiele zu spielen. So wollen wir fortan häufiger Schach spielen und zusätzlich von zu Hause weitere Zeitvertreiber wie z.B. "Stratego" und "Mensch ärgere Dich nicht" mitbringen. [Anm.: Welch Geistesblitz! ... Es ist heutzutage - wenn überhaupt - schwer verständlich, daß wir - einfallsreich, aktionsbereit und unträge, wie wir an sich nun einmal waren (und sind!) - der Langeweile einen derart großen Entfaltungsraum ließen. Ich kann es mir nur so 'erklären', daß damals für uns die Inselfreizeit ein ganzes Stück weit vertane Freizeit war, Zeit, die eigentlich zu Hause verbracht werden wollte.] Später zurück im Internat spielen wir dann auch Schach.

22.06.'85, Sa: Als Hannes und ich nach Sport von der Halle zum Internat zurückkehren - ich habe mich mental bereits auf ein völlig langweiliges Inselwochenende eingestellt, das ich die meiste Zeit im Bett liegend verbringen würde - ergreift mich plötzlich der Gedanke, heute einfach erneut übers Wochenende nach Hause zu fahren.  Gedacht, getan: Im Internat packe ich kurz einige Sachen zusammen und mache mich dann ca. 10:20 Uhr mit Hannes, der ja jedes Wochenende heimreist, auf den Weg zum Bahnhof, wo wir die Inselbahn zur 10-Uhr-45-Fähre nehmen. Drüben in Bensersiel angekommen warte ich dann auf den Bus um 12:45 Uhr nach Norden, während Hannes seine Weiterfahrt nach Leer per Anhalter tut.

24.06.'85, Mo: In Kunst machen Widdel und ich uns von Wierzenko unbemerkt aus dem Staub bzw. Unterricht. Wir gehen ins Dorf und kaufen uns bei der Speisekammer ein Stück Wurst bzw. Speck sowie je einen Liter Apfelsaft. Setzen uns damit dann auf 'unsere' Parkbank gegenüber Eckart und speisen. Etwas später machen wir uns mit dem Eingekauften dann auf zu Physik. Während Hashagen von der schiefen Ebene erzählt, ziehen wir uns im laufenden Unterricht unsere Klamotten rein, bis uns fast schlecht ist. Einmal sieht Hashagen, wie Widdel in sein Stück Speck beißt und quittiert dies mit einem fassungslosen Gesichtsausdruck.  [Anm.: Wenn ich mich recht erinnere, saßen Marc und ich ziemlich weit vorne, wohl direkt in der ersten Reihe, so daß Herr Hashagen Marc unmittelbar im Blickfeld hatte.]

25.06.'85, Di: Erdkundeklausur. - Nachmittags, nach Physik, gehe ich mit Widdel ins Dorf und wir kaufen bei der Speisekammer Schokolade und Apfelsaft. Setzen uns damit auf 'unsere' Bank und internalisieren das Gekaufte. Beim Getränkeshop Erich Schmidt kaufen wir dann nach einiger Überlegung eine Flasche "Batida de Coco" und eine "Blue Curaçao", die wir in Tüten verpackt ins Internat schleusen. Später gehen wir rüber zum Realschulgelände, wo sich eine Open-Air-Schachspielfläche befindet, auf dessen großen Feldern wir mit Hannes' im Verhältnis zur Spielfläche winzigen Schachfiguren spielen. ... Ziemlich unübersichtlich! - Nach der Arbeitsstunde nehmen Widdel und ich unsere beiden Likörflaschen und gehen an den Strand.

01.07.'85, Mo: Ich habe beschlossen, mir heute einmal wieder die Haare zu schneiden. Die Schere von Hannes, den Spiegel von Oliver und los geht's! Nachdem ich dann einige Zeit bei angestrebter Haarlänge von 2 bis 2,5cm herumgeschnippelt habe, komme ich aus heiterem Himmel auf die Idee, daß heute einfach mal alle Haare runterkommen und ich mir eine Glatze schneide (!!). Also ans Werk. Zunächst operiere ich noch mit der Schere, dann nur noch mit dem [mechanischen] Rasierer. ... Es wird spät und um 3:30 Uhr in der Frühe habe ich dann die letzten großen Unebenheiten ausgeglichen und die entstandene Glatze ist nun fast perfekt. Ich werfe meine Haare aus dem Zimmerfenster und lege mich schlafen. ... Um 7:47 Uhr wache ich auf [Anm.: Der Unterricht begann vor zwei Minuten.]! Schnell anziehen und noch zu Deutsch rüber ins Gymnasium. Als ich aus dem Internat trete [durch den Haupteingang zur Kirchstraße], erblicke ich Herrn Guthmann, der sich gerade per Fahrrad vom Internat entfernt [Anm.: Dem hätte ich gerade heute, mit meiner schnittfrischen Kopftracht, nun wirklich nicht gerne begegnen wollen ...]. Drüben in der Klasse hält sich die Reaktion auf meine Glatze in Grenzen. Nach Deutsch zurück im Internat rasiert mir Jan Mähl mit einem elektrischen Rasierer den Kopf dann vollends frei von verbliebenen Haarstoppeln und die Glatze ist komplett. Olaf Nowak bringt in Assoziation mit meinem (neuen) Erscheinungsbild den Namen Mahatma Gandhi ins Spiel. - Während dieser Freistunde gehe ich zusammen mit Widdel ins Dorf, Johannisbeersaft und Brötchen kaufen. Auch am Nachmittag zieht es uns ins Dorf, wir gönnen uns bei der Speisekammer Chips, Ananassaft, Schokolade und Sangrita und rasten damit auf einer Bank am Kurzentrum. Die vorübergehenden Leute schauen fast alle auf meinen frischen Kahlkopf. Vollgefressen machen wir uns schließlich auf den Weg zurück zum Internat, wo ich mich um halb Sechs ins Bett schlafen lege und erst wieder um 19:30 Uhr erwache. Es ist Arbeitsstunde, Hannes ist noch nicht da [Anm.: = zurück von seiner Wochenendheimfahrt] und die Glatze existiert immer noch! Bei Oliver und Widdel im Zimmer mache ich - total müde - Mathe und später räumen Widdel und ich auf 'Befehl' die letzten beiden Flurzimmer frei von Mobiliar, welches wir auf den Gang stellen (Bett, Regale, Sessel, ...). 

02.07.'85, Di: Ich wache um 7:42 Uhr auf! Schnell anziehen und rüber zu Englisch. Wir schreiben einen Test und Herr Block fragt mich angesichts meiner Glatze, ob ich eine Wette verloren habe. Um 14:00 Uhr schreiben wir die Physik-Klausur, später mache ich mich zusammen mit Widdel auf den Weg hinaus. Überall Blicke auf meinen Kopf, der bereits wieder Anzeichen beginnenden Haarwuchses aufweist. Bei Eckart kaufen wir Eis (1 Liter) zu DM3.20 und setzen uns damit auf eine Parkbank. Später begeben wir uns an den Strand, sitzen dort in einem Korb und gehen den Strand entlang. Dort finden wir dann zwei Tonklumpen, die wir mit ins Internat nehmen, um daraus etwas zu formen. Um 18 Uhr gehen wir zum Bahnhof, um Hannes, der heute wiederanreisen wollte, dort um 18:20 Uhr zu erwarten. Allerdings ist Hannes dann doch nicht in der ankommenden Inselbahn. In der Arbeitsstunde macht Widdel bei mir im Zimmer Hausaufgaben, ich sitze dann noch bis ca. 22:00 Uhr an Mathe.

03.07.'85, Mi: Endlich komme ich mal pünktlich zur Schule (Mathe). Während der Freistunde gehe ich zusammen mit Widdel ins Dorf, wo wir uns Rosinen- und Zwiebelbrötchen sowie bei der "Leichenkammer" Birnen- bzw. Maracuja-Saft kaufen. Damit nehmen wir dann auf einer Bank in der Grünanlage geg. Hotel Flörke platz und führen uns das Erstandene zu Gemüte. Ein kleiner Vogel kommt daher und wir werfen ihm Rosinenbrötchenstückchen hin. ... Ein zweiter Vogel kommt dazu, ein dritter. Schließlich laufen auch Amseln mit großen Brötchenstücken im Schnabel umher, und zur Abrundung der ungewollten 'Fütterungs-Eskalation' kreisen schließlich auch noch zwei Möwen um unsere Bank. - In Erdkunde führt Herr Helmer uns Dias vor und plaudert aus seinem Erlebnisschatzkästchen: Wie er einmal zusammen mit anderen in Spanien zeltete, dort mit Taranteln und Skorpionen zu tun hatte und sich einen gewissen "Skolopender" ( = Hundertfüßer mit Skorpionszangen) mit nach Hause nahm, welcher dort dann Regenwürmer fraß. - Nachmittags um ca. halb Drei versuchen Widdel und ich, vor seinen und Olivers Zimmerfenstern (Nr. 46) draußen sitzend aus dem gestern mitgebrachten Ton etwas zu gestalten, woraus sich jedoch nichts Produktives ergibt. Die einzig 'kreative' Essenz ist die, daß wir uns an die eine, völlig mit Ton beschmierte Hand ein, zwei zusätzliche Tonfinger heften und diese nunmehr siebenfingerige Hand ganz spaßig ausschaut. Um 15:30 Uhr lege ich mich ins Bett und schlafe bis kurz nach 17 Uhr. Dann gehen Widdel und ich noch zur Speisekammer und kaufen Brot, Pfeffersalami, Butter, Johannisbeersaft, eine Wassermelone u.a.. Widdel schuldet mir nun ca. DM81.-!!! Zurück im Internat genehmigen wir uns zuerst die Wassermelone. Um 18:15 Uhr gehen wir zum Bahnhof, Hannes abzuholen. Als wir dort ankommen, ist die Inselbahn bereits eingetroffen und Hannes schon auf dem Weg zum Internat. Dort berichtet er uns dann von seiner Mißbefindlichkeit der vergangenen Tage: schwindelig, hoher Blutdruck, 48 Stunden wach gewesen, zwei Tage krank, fast gestorben, ... (!!!). - In der Arbeitsstunde tue ich nichts für die Schule, sondern halte mich bei Widdel und Oliver im Zimmer auf. Hannes kommt dann dazu und wir spielen zu Dritt (ich, Widdel und Hannes) "Mensch, ärgere Dich nicht". Später gehen Hannes und ich zusammen nach draußen ... die übliche Tour: Wäldchen und Strauchgebiet. Zurück im Internat lernt Hannes laut Englisch-Vokabeln, was nervt. Um 23:00 Uhr schauen Widdel und ich noch bei Jan Mähl im Zimmer Kojak [ = "Einsatz in Manhattan"].

04.07.'85, Do: In Religion gibt es die Klausur zurück und ich habe 06 Punkte! Insgesamt gibt Döpkens mir im Fach 07 Punkte (eine Hausaufgabe fehle und im "Mittun" [Anm.: ... also, in der mündlichen Mitarbeit] liege ich bei 07 Punkten). ... Die Realität: Ich hatte keine einzige Hausaufgabe abgegeben und im Unterricht kein Wort gesagt! - Nachmittags nach 13:30 Uhr versuchen ich und Widdel hinterm Internat bei Hitze erneut, aus unserem Ton- / Lehmzeugs etwas zu formen / zu gestalten, was sich jedoch wieder darin erschöpft, daß wir uns ein paar zusätzliche Finger generieren. - Nach der Arbeitsstunde beschreiten Hannes und ich unseren üblichen Rundgang: Wäldchen und Strauchgebiet, diesmal allerdings mit einem Abstecher zum Strand, wo wir die untergehende Sonne betrachten. Setzen uns kurz in einen der Strandkörbe und kehren zum Internat zurück, wo wir dann drei Spiele gleichzeitig spielen: Schach, "Mensch, ärgere Dich nicht" und "Stratego". Ca. 23:30 Uhr ist dann Schluß. Hannes hat Heuschnupfen und niest andauernd sehr laut. - Noch ca. zwei Wochen bis zu den Ferien!!!

05.07.'85, Fr: In einer Freistunde kaufen ich und Widdel im Dorf wieder Zwiebelbrötchen und zu trinken. Setzen uns damit wieder in die Grünanlage gegenüber Flörke und Widdel füttert Vögel. Abends nach der Arbeitsstunde, als Hannes und ich vom Strand zurück sind, schreibe ich den Brief an Freund Michael in Emsdetten zu Ende. Da Hannes Heuschnupfen hat, müssen die Zimmerfenster zubleiben, wodurch im Zimmer eine 'Wahnsinnshitze' herrscht! Die Nacht über schlafe ich in meinem Bett andersherum, um über die Einstiegsluke im Verhang des Bettes [wenigstens] etwas Luftzufuhr zu bekommen. Verdammt!

06.07.'85, Sa: Während der Doppelstunde Sport gehen wir mit Herrn Hashagen zum Sportplatz neben dem Langeooger Flugplatz jenseits des Bahndamms. Dort praktizieren wir Kugelstoßen, dann 100-Meter-Lauf. ... Ich meinerseits mache die meiste Zeit nichts und sitze auf dem Rasen. Nach Sport gehe ich zusammen mit Widdel und Hannes ins Dorf, einkaufen. Angesichts der Tatsache, daß ich übers Wochenende auf L'oog bleibe, kaufe ich etwas Vorrat ein (Brot, Würstchen). Zurück im Internatszimmer sitzt Hannes im Sessel und trinkt seine "Wesergold"-Limonade, ich sitze am Schreibtisch und will mir gerade ein Brot machen, da ergreift mich der Gedanke, wie es sein würde, wenn ich nun doch heute wieder fürs Wochenende nach Hause führe. ... Es ist kurz nach 10:20 Uhr und die rettende Fähre geht um 10:45 Uhr! Gedacht, getan: In wenigen Minuten ist meine Tasche gepackt und so begleite ich Hannes unversehens als Wochenendmitheimfahrer zum Bahnhof. Wir kaufen die Fahrkarten und nehmen um 10:45 Uhr die Inselbahn zum Anleger [Anm.: Meine Eltern ahnen noch nichts von meinem Radikalhaarschnitt, und so gibt es bei meiner Ankunft in Rheine dann auch eine unschöne Szene mit meiner geschockten Mutter, die mich dort abholt und bei meinem Anblick am Bahnsteig stante pede kehrt macht.].

((Potentielles) Paßphoto vom 07. Juli 1985. - Angesichts dieses Erscheinungsbildes erhielt ich auf Langeoog den temporären Spitznamen "Mahatma".)

08.07.'85, Mo: In Kunst laufen heute Besprechungen zur Projektwoche (kommende Woche). Projekt unserer gesamten Klasse 11 ist die malerische Neugestaltung des unteren Oberstufenflures, dessen Wände sich derzeit in schlichtem Weiß präsentieren. Parallel rückt die Entscheidung meiner Versetzung näher: Werde ich versetzt, bleibe ich auf der Insel; werde ich nicht versetzt, verlasse ich mit sofortiger Wirkung Schule, Internat und Insel und setze meine Schullaufbahn anderswo fort. ... In Physik gibt es die Klausur zurück (meine Ausbeute: 08 Punkte), unter deren Berücksichtigung ich insgesamt 06 Punkte im Zeugnis bekommen werde. Somit bleiben noch die Gefahrenfächer GK, Latein, Erdkunde und Deutsch [Anm.: Junge, Junge! Ich muß mich heutzutage wirklich wundern, wie gelassen ich damals der drohenden Nichtversetzung gegenüberstand. Verständlich wohl nur vor dem vermeintlich angenehmen Hintergrund, daß ich im Falle des Sitzenbleibens das Kapitel Langeoog würde abschließen können. Zu verlieren gab es für mich also offenbar nichts]. Abends wartet man vergebens auf Hannes' Rückkehr vom Wochenende. Während der Arbeitsstunde mache ich bei Oliver und Widdel im Zimmer (Nr. 46) Hausaufgaben. Es ist zwar nur Mathe (Kurvenduskussion), jedoch sitze ich bis 22:30 Uhr daran (hatte erst mit anderen Vorzeichen gearbeitet, dann nochmal richtig). 

09.07.'85, Di: Während der 10-Uhr-15-Pause gehe ich zusammen mit Widdel ins Dorf, wo wir uns wieder Zwiebelbrötchen und Kräuterbutter dazu kaufen. Während der Deutschstunde bei Wierzenko (Zeugnisnote wird 03 Punkte!) vertilge ich die Brötchen, die ich in die Kräuterbutter stippe. Lecker! - Nach der Schule gehe ich mit Carsten Dörr runter in den Keller des Gymnasiums, wo ich durch Carstens Beziehungen zu Lehrer Rübesam von diesem einen kleinen Eimer voll mit hellem, teils sehr weichem, teils sehr hartem Ton bekomme. Diesen nehme ich mit ins Internat. - Nachmittags um 15 Uhr gehen Widdel und ich zusammen ins Dorf einkaufen, nachdem wir schon damit angefangen hatten, die Tonmasse durch intensives Bearbeiten mit Messer und Händen für uns verwendbar zu machen. Bei Eckart kaufen wir uns jeder eine 1-Liter-Packung Eis, womit wir uns an den Strand begeben und zur Zugemüteführung in einem Strandkorb platznehmen. Doch schon nach den ersten Löffeln wird klar: Ein Liter Eis ist viel zu viel! Schon wenig später machen wir uns mit den angefangenen Eispackungen wieder auf den Rückweg zum Internat, wo Widdel seine verbliebene Eisportion in den Müllwagen wirft, während ich noch etwas an meiner esse, um sie letztlich aus dem Zimmerfenster zu werfen. Dann kommt Lucas Liedtke aus der 13 rein und redet über Zeugnisnoten (was ich bekommen würde usw.), während Widdel einen Tonklumpen mit Zeitungspapier trockener macht. Nach Lucas' Abgang hat er den Klumpen dann soweit trockengelegt, daß dieser in seinem Sinne knetbar ist, und so beginnt er nun, daraus den Körper einer liegenden Frau zu formen. Ich selbst halte mich derzeit dem Tonwerken fern. Es ist ca. 17:30 Uhr. Während Widdel also seine Ton-Frau modelliert, lege ich mich ins Bett und erhebe mich schließlich wieder, als um 18:30 Uhr die Arbeitsstunde beginnt. Nehme im zweiten Zimmersessel platz. Widdel werkelt derweil ununterbrochen an seiner Tonplastik; mal werden die Arme zu dünn, der Kopf zu klein, der Rücken zu schmal usw.. Zeitweilig mache auch ich einen Tonklumpen durch Kneten und Trocknen bearbeitungsgerecht und beginne, daraus einen Kopf zu formen, gebe das aber schnell wieder auf. Ca. 22:30 Uhr gesellt sich Oliver zu uns, mit dem ich zimmeriellen Unfug treibe, während Widdel seiner tönernen Frau eifrig Kopf und Arme gestaltet. U.a. erlegt Oliver mit Hannes' Effi-Briest-Büchlein mehrere herumflatternde Falter, die durchs Zimmerfenster hereingekommen waren. Während Oliver dann drüben bereits der Nachtruhe frönt, sitzt Widdel noch bis ca. 1:30 Uhr in der Nacht in meinem Zimmer und arbeitet an seiner Tonskulptur. Danach habe ich endlich Ruhe und lege mich schlafen.

10.07.'85, Mi: Heute werden weitere Zeugnisnoten bekanntgegeben. Meine entsprechenden lauten: Mathe 11 Punkte, Gemeinschaftskunde 04 Punkte und Latein 03 Punkte (statt der von mir angenommenen 00 Punkte!). ... Unter diesen neu-konkreten Gesichtspunkten erscheint meine Versetzung ein wenig möglicher als zuvor. ... Wer weiß?! - Nachmittags hat Widdel seine liegende Ton-Frau fertigmodelliert und beginnt, als Ergänzungswerk einen sitzenden Mann zu formen. - Um 15:30 Uhr trifft sich unsere Klasse 11 im Gruppenraum von Frau Noltus zur Begutachtung der Berlin-Dias unserer Klassenfahrt im März. Herr Horb ist auch mit dabei. Carsten Dörr führt mehrere Dia-Kästen vor (Motive: während der Busfahrt, Schloß Charlottenburg, Zoo, Ost-Berlin (Unter den Linden, Rotes Rathaus, ...) usw.) und anschließend bestellen sich aus diesem präsentierten Sortiment die Willigen - darunter auch ich - die jeweils gewünschten Aufnahmen zur Reproduktion. Nach der Diaschau sitzt man dann noch bei Kaffee und Kuchen beisammen, bis sich die Geselligkeitsrunde schließlich ca. 17 Uhr auflöst. Während der Arbeitsstunde ist Widdel in meinem Zimmer damit beschäftigt, seinen sitzenden Ton-Mann zu modellieren. Ich sitze derweil am Schreibtisch und blättere im Buch "Berlins Straßennamen", welches mit manch interessanten Fakten aufwarten kann (z.B. "Wassertorplatz": Dort floß früher der Luisenstädtische Kanal durch die Berliner Stadtmauer.).

11.07.'85, Do: In Erdkunde bekomme ich 04 Punkte, in Kunst 05 Punkte! – Während der Freistunde gehe ich mit Marc ins Dorf, wo wir uns wieder Zwiebelbrötchen und Kräuterbutter kaufen. Setzen uns damit dann auf eine Grünanlagenbank gegenüber Eckart und konsumieren das Gekaufte. Ich trinke Pfirsichsaft dazu. Da die Freistunde zu kurz ist, um zu Ende speisen zu können, esse ich den Rest dann während der letzten Deutschstunde dieses Schuljahres. In Latein dann machen wir mit Herrn Horb nicht etwa Unterricht, sondern schieben sechs Tische zusammen und trinken – ich, Oliver, Carsten (Dörr), Elvis und Herr Horb – aus Apothekenbechern eine von Oliver und Carsten finanzierte Flasche Sekt (!!). Ich will zwar keinen Alkohol mehr trinken[Anm.: Hört, hört!!], überrede mich jedoch zu einem minimalen Becherchen. Nachdem wir uns einige Zeit über die Versetzung, das nächste Schuljahr usw. unterhalten haben, läßt Herr Horb uns vorzeitig gehen. – Ca. 13:00 Uhr lege ich mich im Zimmer ins Bett und schlafe durch den Nachmittag bis 18:00 Uhr. Im Zimmer von Oliver und Marc fertige ich dann während der Arbeitsstunde ein Mathe-Protokoll an. Stelle um halb Neun fest, daß mir dabei ein Fehler unterlaufen ist und gehe rüber in mein Zimmer, ein neues Protokoll zu beginnen. Lege nach weiteren Fehlern dann um 21:20 Uhr erstmal eine Pause ein und gehe an die frische Luft, durch Wäldchen und Strauchgebiet. Um ca. 22:30 Uhr vollende ich dann das sechsseitige (!) Mathe-Protokoll und spiele Schach gegen Oliver. Ich spiele völlig beknackt und verliere. Anschließend beschäftige ich mich ein wenig mit Chemie, da wir morgen wohl einen Test schreiben werden (Alkanale / Alkanone). Ca. 1:20 Uhr mache ich Schluß für heute.

12.07.'85, Fr: Letzte Stunde Mathe! Thema: Polynom-Division. In Englisch werde ich im Zeugnis 08 Punkte einstreichen können, in Chemie 07 - 08 Punkte. Nach dem Mittag ersinnen Widdel und ich Aktivitäten, die wir während unserer geplanten, einwöchigen Berlin-Fahrt (in Begleitung meines Vaters) ab dem 21.07. tun könnten (u.a. eine Schlauchbootfahrt auf einem Grunewaldsee) [Anm.: Marc und ich waren in Berlin insgesamt zweimal dann tatsächlich mit dem Schlauchboot unterwegs, und zwar auf der Havel: Einmal von der Zitadelle Spandau über den Tegeler See bis rauf nach Alt-Tegel - incl. eines Kontaktes mit der Wasserpolizei, die angeschippert kam, als Marc eine Boje erklommen hatte und darauf hin- und herschaukelte - und einmal weniger zielstrebig rund um Schwanenwerder am Großen Wannsee.]. Um ca. 19:20 Uhr steigen Widdel und ich durch sein und Olivers Zimmerfenster nach draußen, "um der unsinnigen Arbeitsstunde zu entgehen." (Zitat). Ziehen uns am Getränkeautomaten bei "Zum Insulaner" [Otto-Leuß-Weg, angegliedert ans "Speiserestaurant Leiß"] zwei Coke-Dosen und lassen uns damit auf einer Bank an der Bahnhofsgrünanlage nieder. Meine Dose überlasse ich Widdel, da diese nach irgendwelchem Schmieröl aus dem Getränkeautomaten riecht. Auch meine Finger stinken nach dem Öl. Wir ziehen dann weiter zu "Calli's Strandladen" am Kavalierspad und kaufen uns dort weitere Verpflegung (Apfel- und Orangensaft, Chips etc.), welche wir dann am Strand in zwei Strandkörben internalisieren. Später zurück im Internat: In Widdels und Olivers Zimmer 46 steht eine Pflanze mit vielen kleinen Ablegern, von denen Widdel mir zwei zugute kommen läßt. Als Blumentopf wähle ich eine leere Coke-Dose, entferne per Dosenöffner die obere Fläche mit dem Trinkschlitz, schlage mit Hannes' Dosenöffner mehrere Löcher in den Boden, fülle die Dose mit Erdreich von draußen an und pflanze die Ableger hinein. Fertig ist die neue Zimmerpflanze. Gieße die beiden Pflänzchen und stelle die Dose auf Olivers Fensterbank.

13.07.'85, Sa: Heute ist Olivers Geburtstag. - Als ich morgens erwache, überlege ich erst einmal, ob ich zur Doppelstunde Sport gehen soll oder nicht. ... Es ist dann 7:42 Uhr - also drei Minuten vor Unterrichtsbeginn - und ich habe faktisch entschieden, im Bett zu bleiben. Als ich dann vernehme, daß Lamperstorfer eine Runde durch die Zimmer macht, stehe ich flugs auf und ziehe mich auf Sportmontur um. Als Lampe dann bei mir nachschaut, täusche ich Verspätung vor und gehe letztlich nun doch rüber zur Sporthalle. Dort verliest Hashagen zunächst unsere jeweiligen Zeugnisnoten. Trotz meiner zahlreichen Fehlstunden - und trotz meines stark mangelnden Engagements, wenn ich dann mal da war - bringe ich es doch auf [schmeichelhafte] 05 Punkte. Dann wird in der Halle Fußball gespielt: Während unsere Fußballfanatiker sich auf dem Spielfeld messen, hängen Detlef und ich im Geräteraum ab und schauen zu. Nach Ende der Fußballeinheit (ca. 8:30 Uhr) eröffnet Hashagen dann mit denjenigen Kandidaten, die bisher nur untätig auf den Bänken saßen, noch ein Basketballspiel, an dem ich notgedrungen also auch teilnehme. Um 9 Uhr verlasse ich schließlich schwitzend die Halle zurück zum Internat. Im Dorf wollen Widdel und ich nach einem Einkaufsgang zur "Speisekammer" und anschließendem Bankpicknick in der Parkanlage geg. vom Hotel "Flörke" Oliver ein Geburtstagsgeschenk kaufen, wobei wir zunächst überhaupt keine Vorstellung haben, was das denn sein könnte, und so schauen wir uns erst einmal im "Insel-Center" um. Dort gibt es tausenderlei Krimskrams: Poster, Gläser, Sparschweine, Kerzen und "anderen Schrott". Schließlich werden wir bei der Buchhandlung Krebs fündig, entscheiden uns für ein gutes Buch (Hesses "Narziß und Goldmund") und kaufen es. Zurück im Internat überreichen wir dem noch im Bett liegenden Oliver sein Geburtstagsgeschenk. - Um 10:35 Uhr besuchen Widdel und ich dann die allerletzte Unterrichtsstunde dieses Schuljahres: Religion bei Döpkens. Außer uns haben sich nur noch zwei weitere Mitschüler eingefunden, so daß Döpkens lediglich für vier Leutchen unterrichtet anstatt für sechzehn. - Abends um 20 Uhr steigt dann Olivers Geburtstagsfete, zu der Oliver selbst, Widdel und ich kurz vor 20 Uhr aufbrechen. Es geht an der katholischen Kirche vorbei und dann ein Stück weiter vom Weg ab in die Dünen. Wir erreichen ein weites Dünental, bekannt als "Krater", den Schauplatz der Festivität. Gerade sind schon einige Leutchen (Thorsten Brandt, Sabine v. Mering, ihre Schwester Ruth, Elvis und noch ein, zwei andere eingetroffen und haben auf Bollerwagen zwei Getränkekästen, ein Faß Bier sowie Bouletten und Salat angeschleppt. Auf dem Boden des Dünentals wird alles arrangiert, dann Bouletten & Salat zum Verspeisen freigegeben. Bei lauterer Mucke aus einem mitgebrachten Radiorecorder sitzt man nun im Halbkreis beisammen und speist. Nach und nach füllt sich die Szene. Es kommen Eva Weppner, dann Uwe Vogt mit Freundin, Joe, Wencke, einige Typen aus Wilhelmshaven, Andreas und Gordia, Heike Zimmermann [Anm.: ... deren Abschiednahme vom Internat zum Ende des Schuljahres im Rahmen der Geburtstagsfeierlichkeit quasi gleich mitbegangen wurde.] und weitere Gäste. Eine Stunde nach Eröffnung sind wir dann ca. 30 Leutchen. Man sitzt musikbespielt in Gruppen zusammen, trinkt und unterhält sich, während es langsam dunkel wird. Um Fünf vor Zwölf - ich kann kaum noch sitzen - verabschieden Widdel und ich uns, während eine Gruppe ums Bierfaß herumsteht, Joe Marihuana raucht [Anm.: War vielleicht auch was anderes ... ich kannte mich da ja überhaupt nicht aus!] und andere der Musik lauschen. Auf dem Platz in der Dünentalmitte haben sich inzwischen mehrere leere Bier- und Weinflaschen angesammelt, welche verstreut herumliegen. Zusammen mit Widdel und Elvis verlasse ich die Szene zurück zum Internat, wo wir kurz nach 24 Uhr eintreffen.

14.07.'85, So: Im Vormittag gehen Widdel und ich zusammen ins Dorf und kaufen uns ein Weißbrot, Kräuterbutter und Pfirsichsaft [Anm.: Während der touristenlastigen Sommersaison hatte (mindestens) Eckart auch am Sonntag Vormittag geöffnet.]. Widdel hat keinen Bock auf unsere Projektwoche und ist entschlossen, noch heute die Insel vorzeitig in die Sommerferien zu verlassen. Während er nachmittags dann seine Klamotten zusammenpackt, versuche ich noch, ihn zu überreden, doch bis Freitag zu bleiben. Vergebens, er läßt sich nicht umstimmen, und so verläßt er dann um 16 Uhr ohne das Wissen Lamperstorfers das Internat Richtung Bahnhof. Tschüß also bis Berlin. ... So muß ich nun die Projektwoche bis Freitag, wenn es Zeugnisse gibt, allein durchstehen [Anm.: Hannes war ja auch nicht mehr da.]. "Eine Woche voller langweiliger Nachmittage des Nichtstuens [sic] !" [Zitat aus meinen zeitgenössischen Aufzeichnungen.] - Abends hänge ich wieder einmal gelangweilt im Bett ab, während Widdel schon längst zu Hause ist.

***

Die Flurstreichaktion mit Herrn Wierzenko

[Bereits im Januar 1985 gab es im Rahmen des Kunstkurses unserer Klasse 11 Überlegungen, die Wände des unteren Oberstufenflures zu bemalen, und so waren die Schüler seinerzeit angehalten, ihre Ideen dazu in Skizzen auszudrücken, wobei ich als glühender Fan der geteilten Metropole an der Spree Berlin-Ansichten als Leitmotiv wählte. Zu der Zeit waren die Wände schlicht weiß gestrichen, und die auf die Tür am Ende des Gangs gemalte Rolling-Stones-Zunge stellte das einzige Zierwerk 'auf weitem Flur' dar.

Zum Ende des Schuljahres 1984/85 bot sich mit der vom 15. bis 19.07.'85 stattfindenden "Projektwoche" (der letzten Woche vor den Sommerferien) schließlich der geeignete Anlaß, die Flurstreichaktion in die Tat umzusetzen. Am 08.07.'85 fanden dazu in Kunst die Vorbesprechungen mit Herrn Wierzenko statt. Ich selbst hatte zwar wenig Lust, unseren Flur künstlerisch aufzuwerten, sah der Sache aber trotzdem positiv entgegen, da während der Projektwoche keinerlei Schulunterricht (mehr) stattfinden würde.

Als dann am Montag, dem 15.07.'85 der erste Projektwochentag anbrach, waren einige Mitschüler unserer Klasse bereits in die Sommerferien abgereist, so z.B. Hans und auch Marc, der sich von mir nicht mehr hatte überreden lassen, doch noch bis Freitag zu bleiben, und am Vortag (ohne das Wissen Lamperstorfers) die Insel verlassen hatte. Mein damaliger Tagebuchkommentar dazu: " ... So muß ich wohl die Projektwoche alleine bis Freitag, wenn es Zeugnisse gibt, durchstehen. Eine Woche voller langweiliger Nachmittage des Nichtstuens [sic]!"

(Zustand September 1985. - Noch Anfang Mai 2009 hatte ich geplant, im selben Monat ein allerletztes Mal das Innere der Internatsruine zu besuchen, um vor dem nun wohl konkret im Herbst anstehenden Abriß jedes einzelne Motiv photographisch zu dokumentieren, um unser damaliges Werk der interessierten Nachwelt komplett erhalten zu können. ... Der Internatsbrand am Abend des 13. Mai '09 machte dieses Vorhaben zunichte.)

Parallel zum an sich entspannten Schuljahresausklang mit künstlerischen Akzenten bahnten sich die Zeugniskonferenzen an, wobei mein Optimismus, in Klasse 12 versetzt zu werden, von mehreren potentiellen Unter-Fünf-Punkte-Fächern (Deutsch, GK, Erdkunde und Latein) auf derart niedriger Flamme gehalten wurde, daß man ihn schon nur noch als Funken Hoffnung bezeichnen konnte und ich mir Gedanken über meine schulische Zukunft machte, die vorsahen, daß ich im Falle einer Nichtversetzung die Schule wechseln und Langeoog umgehend verlassen würde. ... Es ging also sozusagen ums Ganze. In den folgenden Tagen vor Beginn der Projektwoche wurden dann die - vor der entscheidenden Konferenz noch nicht als verbindlich geltenden - Zeugnisnoten in den jeweiligen Fächern bekanntgegeben, die mich weiter hoffen ließen, die Versetzung nun doch noch zu schaffen, wenn auch zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr aus eigener Kraft. So hatte ich z.B. in Latein 00 Punkte erwartet, wurde von Herrn Horb dann jedoch noch mit 03 Punkten bedacht. Für die anderen akuten Problemfächer waren folgende Noten vorgesehen: Deutsch: 03 Punkte, GK: 04 Punkte und Erdkunde 04 Punkte ... Die letztendliche Entscheidung sollte schließlich während der Projektwoche fallen.]

15.07.'85, Mo: Stehe um 8:30 Uhr auf. Als ich mich auf den Flur begebe, sind dort bereits Herr Wierzenko und mehrere meiner Mitschüler unterwegs. Nachdem Herr Wierzenko persönlich noch einige Leute geweckt hat, versammeln wir uns oben im Gruppenraum, wo sich dann nach und nach fast alle Schüler unserer Klasse mit z.T. verschlafenen Gesichtern einfinden. Es folgt eine letzte Besprechung, wie die malerische Gestaltung des Flures nun konkret auszuführen sei. Das Grundmotiv besteht in drei unterschiedlichfarbigen (Mittelgrün / Gelb / Altrosa), zusammengelagerten Farbstreifen, die etwa in Brusthöhe die Wand entlanglaufen und auf jeder Fläche zwischen zwei Zimmertüren eine jeweils andere Figur bilden sollen, um dann bis zum nächsten Motiv wieder einheitlich zusammenzulaufen. Die Schüler sind in Kleingruppen zu zwei oder drei Personen eingeteilt, die je für ein Motiv verantwortlich sind, welches sie frei gestalten können. Nach der Besprechung teilt Herr Wierzenko unten dann die zu bemalenden Wandabschnitte zu. Mein Teamworker ist Carsten Dörr, und wir nehmen uns die Wandfläche zwischen meiner Zimmertüre (Nr. 43) und dem Durchgang in den hinteren Flurbereich vor. Der erste Arbeitsschritt besteht nun für alle darin, mittels Bleistift Verlauf und Abgrenzung der drei Farbstreifen sowie des geplanten Motivs an der Wand zu skizzieren. Dazu ertönt unterstützend über den Flur laute Musik [Anm.: Konkret in Erinnerung geblieben ist mir "Rock me Amadeus" von Falco, mit dem uns Andreas Riedel jener Tage aus seinem damaligen Zimmer 41 heraus erfreute.]. Carsten und ich sind derweil sorgsam bemüht, mittels Bleistift, Geodreieck und Zollstock einen Stern als Hauptmotiv auf die uns anvertraute Wandfläche zu zeichnen und sind bereits um 12:40 Uhr mit der Skizze fertig. Es ist nun letztlich zwar kein Stern im eigentlichen Sinne geworden, sondern eher eine gewisse geometrisch-symmetrische Figur mit Zacken, aber wir sind trotzdem zufrieden mit unserem Werk. Aufgrund unseres zügigen Vorankommens liebäugle ich nun mit einer vorzeitigen Abreise in die Sommerferien: Ich werde morgen, notfalls auch noch im Nachmittag, unsere Skizze mit den Farben komplett ausmalen, so daß ich den Projektwochenplan dann bereits erfüllt habe und - da es ja nichts weiter für mich zu erledigen gibt - praktischerweise direkt am Mittwoch nach Hause fahren könnte. Was soll ich noch unnötig zwei Tage hier auf der Insel bleiben? ... Mein Zeugnis könnense mir am Freitag ja zuschicken. ... Allerdings kann diese Idee noch nicht zum Entschluß reifen, da die Farben möglicherweise morgen noch gar nicht eingetroffen sind. ... Um 13:00 Uhr ist der erste Projektwochentag offiziell vorüber. [Anm.: Nachmittags frage ich Udo, ob er mich zum Einkaufen ins Dorf begleitet. Nach anfänglichen Bedenken seinerseits, zu viel Geld auszugeben, kommt er mit. Da es jedoch erst 14:30 Uhr ist, müssen wir uns noch etwas gedulden, da die Läden erst wieder um 15:00 Uhr öffnen. Unser Einkaufsgang führt uns dann zur "Speisekammer". Zurück im Internat lese ich im Reiseführer "Richtig reisen -> Berlin"; darin ein Witz aus der Zeit des Bombenkrieges: Berlin ist die Stadt der Warenhäuser. Da war'n Haus und da war'n Haus ... [Anm.: Har, har!]. - Nach einem abendlichen Telefonzellenanruf bei meinen Eltern zu Hause lautet die weitere Planung so: Ich werde auf jeden Fall die Zeugniskonferenz am Mittwoch abwarten und fahre frühestens - nach Abmeldung bei Lamperstorfer! - am Donnerstag nach Hause.

16.07.'85, Di: Zweiter Projektwochentag. - Herr Wierzenko erscheint erst um 9:00 Uhr anstatt um 8:30 Uhr im Internat und gibt, nachdem sich alle Projektteilnehmer im Gruppenraum versammelt haben, bekannt, daß die Flurfarben noch nicht vorhanden seien, und so sollen wir heute also schlicht unsere Bleistiftskizzen zu Ende bringen. Da Carsten und ich mit diesem Arbeitsschritt ja bereits fertig sind, absentieren wir uns vom Projekt und gehen zusammen mit Olaf ins Dorf einkaufen (Eckart). Zurück im Internat gibt Herr Wierzenko dann noch eine Kundgebung im Gruppenraum: Die Farbe sei nun in Esens und er werde sie morgen um 10:45 Uhr persönlich abholen. Wenn alles glattgeht, werden wir dann also morgen nachmittag um 14 Uhr endlich mit der Flurmalerei beginnen. Nach dieser Information lege ich mich in meinem Zimmer erstmal ins Bett (bzw. in die "Gruft", wie Herr Lamperstorfer mein mit Vorhängen abgeschirmtes Bett nennt, wobei ich dann der "Gruftenmensch" bin) und verbleibe dort fast für den Rest des Tages. Zwischenzeitlich erhebe ich mich ca. 17:30 Uhr wieder, während es draußen z.T. stark regnet, und begebe mich auf einen Regenspaziergang durchs Wäldchen und das Strauchgebiet mit den gebrochenen Asphaltplattenwegen des alten Flugfeldes. Ca. eine Stunde später bin ich - mit nassen Füßen - zurück im Internat und haue mich direkt wieder ins Bett. Während oben im Gruppenraum die Grillfete der Oberstufe (incl. Lehrer) steigt, lese ich in meinem Berlin-Reiseführer. Später, ca. 23 Uhr, besucht mich Oliver, mit dem ich ein Schachspiel spiele. Als er sich dann ca. 24 Uhr zurück zu seinem Zimmer begibt, wartet eine Überraschung auf ihn: Jemand hat eine weiße, herunterlaufende Crème außen an seine Zimmertüre geschmiert und auf den Boden direkt vor der der Tür mit Haarwaschmittel ein Hakenkreuz gekleckst. Na, toll!! Oliver verdächtigt Olaf, der gleich gegenüber in Nr. 45 wohnt, der Tat und prüft in dessen Zimmer - Olaf ist zur Zeit nicht da - einige der vorhanden Crèmes und Kosmetika auf Übereinstimmung mit den hingeschmierten Substanzen: Fehlanzeige.

17.07.'85, Mi: Dritter Projektwochentag: Während des Vormittags läuft noch nichts, da Herr Wierzenko ja erst einmal unterwegs ist, die Farben aus Esens abzuholen, und so erhebe ich mich erst mittags um 13 Uhr aus dem Bett. Ich habe bereits meine Tasche mit mitnahmepflichtiger Wäsche vollgestopft und mache mich nun daran, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Um 14:00 Uhr beginnen dann endlich die Malarbeiten im Flur: Erst wird der Boden vor den Wandflächen mit Zeitungen ausgelegt, dann holen wir uns von drüben aus dem Gymnasium Gefäße zum Abfüllen der Farben. Zurück im Internat stehen die drei Farbeimer bereits im Gang und es beginnt ein kleckerndes Abfüllen der roten, grünen und gelben Farbe. Nachdem sich jeder seinen Behälter mit Farbe und einen Pinsel gesichert hat, geht es schließlich los: Carsten und ich kleben bei unserem skizzierten 'Stern' zunächst dessen Ränder mit Klebeband ab und beginnen dann mit dem Kolorieren. Nach so eindreiviertel Stunden Pinselei ziehen wir um ca. 16:20 Uhr die Klebestreifen wieder ab. Dummerweise bleibt dabei teilweise die weiße Grundfarbe der Wand, welche erst unlängst überstrichen wurde, an den Klebestreifen haften, so daß uns morgen dann noch entsprechende Korrekturen mit weißer Farbe bevorstehen; ansonsten jedenfalls sind wir mit unserem Werk fertig. Nachdem wir dann kurz aufgeräumt und unsere Hände von Farbe befreit haben, gehe ich mit Udo ins Dorf. In diesen Minuten entscheidet sich auf der Zeugniskonferenz im Gymnasium, ob ich nun in Klasse 12 versetzt werde oder nicht!! ... Wir kaufen ein in der "Speisekammer" (1 Liter Ananassaft, Coke, Würstchen, ...) und kehren mit zwei vollen Plastiktüten zurück ins Internat. Auf dem Internatsflur treffe ich Andreas, der mir mitteilt, daß ich laut Konferenzbeschluß mit drei Zeugnisfünfen (!) versetzt wurde!!!! - Tolle Sache!! ... Blöd nur, daß ich jetzt auf Langeoog bleiben werde [Anm.: Nun, man kann nicht alles haben! ... Ich sollte verdammt froh und glücklich sein.]. Udo macht sich später auf den Weg zur Reithalle Voss, wo er nebenher arbeitet. 

***

01.09.'85, So: Heute geht es zurück auf die Insel. Nachdem meine Eltern mich per Auto zum Anleger nach Bensersiel gebracht haben, setze ich schließlich mit der 16-Uhr-Fähre über zur Insel. In meinem Gepäck u.a. Photoapparat und Berlin-Stadtplan. Drüben angelangt gehe ich zu Fuß vom Anleger durchs Wäldchen zum Internat, wo ich mich im Zimmer erst einmal ins Bett lege. Draußen ist es ziemlich windig. - Später, ca. 19:45 Uhr, trifft dann auch Hannes ein, mit dem ich um halb Neun einen Gang nach draußen unternehme, über die Holzbrücke, ins Wäldchen, die Eisenbahnschienen entlang und den Weg durch das Strauchgebiet zurück zum Internat. Während der ganzen Zeit regnet es, mitunter ziemlich stark und wir werden total naß. Laufen durch die größten Pfützen [wohl nach dem Motto: Jetzt ist es auch egal!]. Desöfteren blitzt es am Himmel.

02.09.'85, Mo: Nachmittags ist Basketball bei Hashagen. Zitat aus meinen Notizen dazu: "Zum Kotzen." Ich mache mich ca. 7 Minuten vor dem offiziellen Stundenende davon. Anschließend hätten Hannes und ich zwar noch Leichtathletik (ebenfalls bei Hashagen), doch wir gehen stattdessen lieber auf eine Runde Einkaufen ins Dorf. Während der Arbeitsstunde abends pokern wir (ich, Hannes, Oliver und Widdel).

03.09.'85, Di: Heute ist mein Geburtstag, ich werde Siebzehn. - Bekomme mittags von Widdel eine Flasche Sekt geschenkt, von Oliver dann ein Poster mit Motiv Coke[-Dose] . Nachmittags um 14:30 Uhr nehmen Widdel und ich die Sektflasche mit nach draußen. Nachdem Widdel sich bei "Calli's Strandladen" eine Flasche "Kellergeister"-Sekt gekauft hat, verziehen wir uns in ein Dünental nahe des Wasserturms, genießen unseren Sekt und unterhalten uns über eine eventuelle Berlin-Reise und Erkner. Als der Sekt alle ist, machen wir uns auf zu "Feinkost Eckart", wo wir nach längerer Auswahl eine Pulle Eierlikör kaufen. Diese nehmen wir mit ins Wäldchen und leeren sie auf einer Bank. Anschließend gehen wir um 16:00 Uhr zum Kunstunterricht (Thema zur Zeit: Photographie) [Tja, wieder einmal Allohol als beliebter Freizeitfüller bzw. Leerlaufüberbrücker ... und das bereits nachmittags!] .

08.11.'85, Fr: Da wir keinen Bock mehr auf Schule, Internat und Langeoog haben, wollen Widdel und ich kurzerhand die Insel mit der 11-Uhr-Fähre verlassen, derweil drüben im Gymnasium unsere dreistündige Deutsch-Klausur bei Herrn Wierzenko geschrieben wird. Als ich gerade meine Zimmertüre abschließe, klingelt gleich gegenüber an der Wand das Flurtelefon. Widdel geht ran: Es ist Herr Lehmann, der uns nahelegt, die Deutsch-Klausur doch mitzuschreiben, da ansonsten Konsequenzen anstünden. Davon beeindruckt / überredet gehen wir ca. 10:45 Uhr verspätet dann also doch rüber zum Klausurmitschreiben (Thema: Iphigenie auf Tauris (Goethe)). Ich harre bis zum Ende der geschlagenen drei Klausurschulstunden aus (kann mich nicht entschließen, vorzeitig zu gehen), schreibe jedoch nichts und gebe schließlich einen leeren Klausurbogen ab. Widdel und ich nehmen dann die 13:30-Uhr-Fähre ans Festland, ich lediglich mit einer Plastiktüte als Gepäck.

14.11.'85, Do: Im frühen Nachmittag (14:30 Uhr) habe ich oben im Gruppenraum eine Vier-Augen-Besprechung mit Herrn Wierzenko bezüglich meiner Null-Leistungen im Fach Deutsch. Ich solle Ursachen bzw. Gründe für mein Verhalten nennen etc.. Diese Unterredung endet schließlich mit dem Ergebnis, daß ich - halbwegs einsichtig - fortan mehr Initiative im Fach an den Tag legen werde und im Zusammenhang praktisch zusage, auf eine jener von Wierzenko begleiteten (abendlichen) Theaterfahrten nach Wilhelmshaven mitzukommen ... [Anm.: Deutsch war für mich - bereits in Emsdetten und nun also auch hier auf Langeoog - ganz vorwiegend ein 'ungriffiges Laberfach' und ich gleichzeitig kein Freund vieler (Unterrichts-)Worte. Hinzu kam noch erschwerend, daß ich auf L'oog mangels Motivation die jeweilige Unterrichtslektüre verspätet, nicht selten erst zu zwingenden Test- oder Klausurereignissen las und so bis dahin regelmäßig kaum einen Schimmer von den gerade diskutierten Problematiken hatte. ... Ein Freund des guten Buches war ich damals durchaus, und auch ein, zwei von Herrn Wierzenko behandelte Bücher (z.B. "Homo Faber" (Frisch)) fanden unterrichtsabseitig meine uneingeschränkte Wertschätzung. - Die Theaterfahrten nach Wilhelmshaven übrigens fanden auch nach dem heutigen Zwiegespräch trotzdem komplett ohne mich statt. ...]. Abends setze ich mit Hannes die bereits begonnene Zimmerumräumaktion fort, was sich problematisch gestaltet. Alles durcheinander.

04.12.'85, Mi: Nachmittags halten Hannes und ich uns in unserem Zimmer auf und hängen bei Kerzenschein und lauter Geigenmusik aus dem Radio "dem Schwachsinn frönend" auf dem Fußboden ab. Nach genug Schwachsinn klettern wir aus dem Zimmerfenster ("Lebe wohl, du falsche Welt!") und machen uns bei Dämmerungszwielicht auf zu einem Klassischen durchs Wäldchen. Malen uns scherzhaft aus, uns (am Bademantelgürtel) aufzuhängen . [Anm.: Nicht zum ersten Mal taucht der Begriff "Schwachsinn" in meinen Aufzeichnungen auf; desweiteren sieht man, wie wir diesem Befindlichkeitszustand begegneten oder besser wie wir ihn beflügelten und galgenhumorvoll überzeichneten ... um vielleicht nicht wirklich depressiv zu werden?!]

05.12.'85, Do: Abends ca. 22:30 Uhr mache ich mich an unsere Deutsch-Hausaufgabe, Thema: Charakterisierung und Lebensweg der drei Kinder der Mutter Courage. [Anm.: Bereits für diese Hausaufgabe dürfte ich als substanzschaffende Grundlage aller Wahrscheinlichkeit nach eine Erläuterungslektüre zu Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" benutzt haben. ... Schande über mein damaliges Selbst dafür! ]

06.12.'85, Fr: Nikolaus. - Sitze die ganze Nacht am Schreibtisch und arbeite an der Hausaufgabe, während Hannes pennt und es draußen vor den Fenstern äußerst windig bis stürmisch ist. Morgens um ca. 6 Uhr schließlich steige ich aus unserem Zimmerfenster nach draußen und unternehme unter stark windigen bis stürmischen Wetterverhältnissen einen Gang die leeren Dorfstraßen entlang [Anm. für Insider: Die Geburtsstunde des "Ortsklassischen".]. Abends findet oben im Gruppenraum von Frau Noltus die Nikolausveranstaltung von Dr. Lamperstorfer statt: "Lampe" selbst verliest in Nikolausverkleidung zu (wohl) jedem Schüler eigenverfaßte Verse, Karl Lange gibt den Knecht Ruprecht [Anm.: Nicht jedem gefiel, mit was Nikolaus "Lampe" uns jeweils augenzwinkernd-ironisch konfrontierte.].

07.12.'85, Sa: Eigentlich steht - gemäß meiner Zusage - für mich heute die Theaterfahrt nach Wilhelmshaven an (Man gibt dort "Warten auf Godot" (Beckett).), ... aber aufgrund der über mein 'normales' Desinteresse weit hinausgehenden Verlockung einer Wochenendheimfahrt komme ich während der vormittäglichen Erdkundestunde zu dem Entschluß, nun also doch nicht mit auf diese Theaterfahrt zu gehen, sondern eben stattdessen nach Hause zu fahren. - Während der Pause treffe ich dann dummerweise noch Wierzenko, der ja die Theaterfahrt organisatorisch begleitet, und sehe mich ihm gegenüber zur Notlüge gezwungen, weiterhin grünes Licht zu geben und zu sagen, daß ich um 16:00 Uhr am Bahnhof sei. ... Tatsächlich nehme ich jedoch bereits die 13-Uhr-30-Fähre ins private Wochenende. In Bensersiel stelle ich fest, daß es keinen Anschlußbus gibt, werde aber glücklicherweise von den Nowaks per Auto bis Esens mitgenommen. In Esens muß ich dann bis 16:23 Uhr ausharren, bis der Bus nach Norden abfährt. Nach weiteren Wartezeiten unterwegs bin ich schließlich erst um ca. 21:45 Uhr (!) in Emsdetten.

09.12.'85, Mo: Nach Aufstehen um ca. 3:15 Uhr in der Früh (!) bringen mich meine Eltern per Auto zum Bahnhof nach Rheine [ca. 16km von Emsdetten], wo ich den 4-Uhr-11-Zug gen Norden nehme und später mit der Fähre um 9:30 Uhr wieder nach Langeoog übersetze. [Anm.: Eigentlich unglaublich, wie hilfsbereit-aufopfernd sich meine Eltern verhielten, um mir hin und wieder eine zweite Wochenendübernachtung bzw. einen ganzen Sonntag zu Hause bescheren zu können!!]

10.12.'85, Di: Lese zusammen mit Hannes bei Kerzenschein Passagen aus dem Buch "Das Sein und Das Nichts - Versuch einer phänomenologischen Ontologie" von Jean-Paul Sartre vor (Begriffe / Sätze darin wie "ontisch-ontologisch", "das Seinsphänomen oder das Sein des Phänomens", "Das Nichts nichtet nicht, es ist genichtet." usw.). Später spielen wir Schach. [Anm.: Dieses von Hans unlängst aus der heimischen Leeraner Bücherei ausgeliehene und mitgebrachte, existentialistische Werk  - besser gesagt einige aus dem Zusammenhang gerissene Begriffe und Sätze daraus - nährte und beflügelte temporär außerordentlich unsere semihumorvolle Einstellung zum Langeooger Internatsleben und -treiben, welche diesem ein immer mindestens latentes Maß an "Schwachsinn" unterstellte. ... Siehe Hauptthema "Gesichter der Langeweile und die Faszination des 'Schwachsinns'" .]

11.12.'85, Mi: Begebe mich zusammen mit Hannes an den Strand, wo wir mit Hannes' Boccia-Kugeln zu folgender Freizeitbewältigung ausholen: Wir heben in einigem Abstand zueinander im Sand kleine Löcher aus, postieren neben jedem Loch eine leere Dose als Orientierungspunkt und zielen / werfen mit den Kugeln dann auf diese Löcher (Prinzip wie beim Golf, nur ohne Schläger). Stellen die Dosen anschließend in Reihe auf und rollen die Kugeln darauf zu (--> Kegeln). Zuletzt praktizieren wir mit diesen Utensilien Büchsenwerfen an den Dünen. ... [Anm.: Na, immerhin waren wir an der frischen, freien Luft und ließen uns nicht durch den (Gemüts-)Druck unserer vier Zimmerwände plus Decke von Trübsal oder ähnlichen Kobolden necken. ... Insofern war es doch irgendwo eine 'sinnvolle' Beschäftigung.]