1984

Vorgeschichte (Pro-L'oog)

(Klasse UIIb des Gymnasium Martinum Emsdetten (22. Juni 1984))

Meine Untersekunda = 10te Klasse auf dem Gymnasium Martinum im heimischen Emsdetten war - vor allem aus Sicht meiner Eltern - alles andere als ein schulisches Ruhmesblatt. Zusammen mit meinem damaligen Klassenkollegen Calle Düsterbeck ließ ich oft und gerne Unterrichtsstunden ausfallen und war auch sonst nicht gerade Exempel eines Strebers. Den Sportunterricht boykottierten wir fast systematisch, was uns beiden dann auch eine - nicht versetzungswirksame - Sechs in diesem Fach einbrachte.

Verständlicherweise zogen meine Eltern schließlich die Notbremse und fuhren mit mir zur Internatsberatung nach Düsseldorf, wo sich an einem Wochenende 1984 im Hotel Steigenberger Vertreter diverser Internate versammelt hatten, um 'betroffenen' Schülern und deren Eltern aus der schulischen Misere zu helfen. Da ich von vielen Urlauben auf Nordseeinseln als Kind her die Region Nordsee bevorzugte, kamen drei Internate in Frage: St.Peter-Ording, Spiekeroog und Langeoog. Das Gespräch mit dem Schulleiter des Internats in St.Peter-Ording war ziemlich - heute würde man sagen - abtörnend: Ein älterer, fülliger Herr versuchte mir mit ernster, gewichtiger Miene klarzumachen, daß ich die Klasse 10 unbedingt zu wiederholen hätte, da ich ansonsten unter den ganzen 'Einsteins' der 11ten gnadenlos untergehen würde. ... Das beeindruckte mich dann nur insofern, als daß ich diesen Kandidaten direkt von der Liste strich. Konstruktiv verhandelt wurde dann mit den beiden Vertretern von Spiekeroog und Langeoog, wobei ich erstmals das Vergnügen mit Herrn Guthmann - als Repräsentant seines Internats - hatte, der, im krassen Gegensatz zum St.Peter-Mann mein Zeugnis trotz zweier oder dreier Fünfen und einer Sechs gar nicht so bedenklich fand und alles völlig unproblematisch sah. Fazit der Beratung: Zwischen den Kandidaten Spiekeroog und Langeoog sollte sich nach einer Visite vor Ort entscheiden, wo ich meine weitere Schulzeit verbringen würde.

Diese Visiten fanden dann in Begleitung meines Vaters am 01. / 02.07.'84 statt, als wir zunächst die Hermann-Lietz-Schule auf Spiekeroog besuchten. Das dortige Internat hatte zuvor übrigens temporär seine Pforten geschlossen gehabt, war nun aber wieder geöffnet. Es lag ein kleines Stück abseits vom Dorf, dem Wattenmeer zugeneigt, war relativ klein und machte auf uns einen etwas schlampigen Eindruck. Überall sah man Anzeichen laufender Renovierungsarbeiten. Von unserem zuständigen Ansprechpartner / dem Schulleiter (?) erfuhren wir, daß es am Abend zuvor hier eine Feier gab, daher sein noch etwas benommener Zustand. Wir bekamen ein exemplarisches Internatszimmer gezeigt, welches kurz zuvor verlassen worden war und recht klein, dunkel und unsauber wirkte. Im Speisesaal bekamen wir ein Mittagessen und erfuhren auch eine organisatorische Merkwürdigkeit: Zu den Mahlzeiten wurden Schülerinnen und Schüler zu "Familien" zusammengesetzt (?!). Zusammen mit (mindestens) noch einer anderen Familie gab es auch eine Besichtigung des Schulgeländes. Auffällig war, daß dabei uns besonders die außerschulischen Aktivitäten wie Windrad- oder Bootsbau präsentiert wurden und weniger auf den eigentlichen Schulbetrieb eingegangen wurde, eventuell auch deshalb, um vom leicht sanierungsbedürftigen Zustand der Lehrmittel und -räumlichkeiten abzulenken. Das alles ließ meinen Vater zweifeln, ob diese Institution dem Ziel Abitur auch wirklich zuträglich sei. Ich meinerseits hatte mich aus Bequemlichkeitsgründen trotz des etwas suspekten Eindrucks an sich schon für die Hermann-Lietz-Schule entschieden, und nur aufgrund des Rates meines Vaters, mir das Internat auf Langeoog wenigstens einmal anzusehen, endete die Reise nicht bereits auf Spiekeroog. So ging es dann also noch am selben Tag weiter nach Langeoog, für mich zum allerersten Mal. Als wir dort nun vom Bahnhof her kommend die Hauptstraße gingen, hakte sich plötzlich eine wildfremde, ganz offensichtlich recht alkoholisierte junge Dame bei mir ein und begleitete uns so ein Stück. [Anm.: Ob das eventuell eine Internatsschülerin war?? ...] Wie auch immer, der Einstand war hiermit 'gelungen'. Die Internatsbesichtigung mit Herrn Guthmann war für den darauffolgenden Tag vorgesehen, weshalb wir eine Hotelübernachtung im "Haus Westfalen" einlegten. Alle Zimmer des Hotels waren nach westphälischen Städten benannt, wir hatten das Zimmer "Gütersloh" mit direktem Fensterblick rüber auf das Gymnasium. Tags drauf also leitete Direktor Herr Guthmann dann die Internatsbesichtung, führte uns die Zimmerflure entlang und zeigte uns - während Putzfrau Manda gerade beim Staubsaugen war - das eine und andere Zimmer, wobei sein Talent zur Kundenwerbung den letzen Ausschlag gab, daß das Internat Langeoog bis zum Abitur nun definitiv meine schulische Wirkensstätte werden sollte. [Anm.: Ich sehe ihn noch vor mir, wie er uns zuvorkommend immer die Türen aufhielt.]

Am 14. (schriftlich) und am 15.08.'84 (mündlich) hatte ich am heimischen Gymnasium meine Nachprüfung im Fach Englisch (bei meinem damaligen Fachlehrer, Herrn Rolf Terhorst), die darüber entschied, ob ich auf Langeoog nun in die Oberstufe komme oder die 10te Klasse wiederholen muß. ... Die Prüfung war erfolgreich und ich konnte dann vier Tage später als ganz frischer Oberstufenschüler der Obersekunda = Klasse 11 (auf Langeoog verzichtete man auf die lateinischen Bezeichnungen) die Reise nach Langeoog antreten.

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Mein erster Internatstag

19.08.'84, So: Nach einer kleinen häuslichen Abschiedsfeier mit Ouzo, Amontillado (Sherry), Eierlikör, Bier und den sog. 'Bali-Zigaretten' meines Vaters (indonesische Zigaretten der Marke "Gudang Garam" mit Nelkenaroma) im Kreise meiner damaligen vier Freunde Michael, Calle, Ollie und Jochen am Abend zuvor, die zu dritt schließlich um 24 Uhr endete, als meine Eltern von einer Weinprobe zurückkamen, wird es heute also ernst: Heute ist Anreisetag nach Langeoog!! ... Nachdem alle mitnahmepflichtigen Klamotten im Auto verstaut sind (u.a. mein silberner Radiorekorder und meine bisherige Schultasche), fahre ich in Begleitung meiner Eltern los, zum Anleger nach Bensersiel und in einen neuen Schul- und Lebensabschnitt. Die Autofahrt nach Bensersiel dauert ca. zwei Stunden. Vom Anleger in ca. 40 / 45 min. mit der großen "Langeoog IV" übergesetzt zur Insel, geht es dann mit der Inselbahn ins Dorf, wo wir uns direkt zum Internat begeben. Das Internat ist ein zweigeschossiger Kasernenbau (plus Dachboden) aus dem Zweiten Weltkrieg. Die drei Gebäudetrakte sind rechtwinklig zueinander gebaut, und wie wir erfahren, sollte der Bau einmal die Form eines Hakenkreuzes bilden, sei aber nie fertiggestellt worden [Anm.: Die Geschichte vom halben Hakenkreuz dürfte man heute nach nur kurzer Reflektion direkt ins Reich der Sagen und Legenden verabschieden. Weitere Anmerkungen dazu an anderer Stelle.]. Im Internat führt uns Heimleiterin Frau Nora Noltus (ganz in Weiß gekleidet) zum Zimmer 43 im unteren Flur des hinteren Flügels (= des Oberstufenflügels), meinem zukünftigen Zimmer. Wie wir erfahren, bin ich einen Tag zu früh angereist (offizielle Anreise ist am Montag), weshalb das Internat auch noch so verlassen wirkt, man niemanden sieht und es so still ist. Als ersten - und an diesem Tag auch einzigen - Internatsschüler begegnen wir Tjarko Horstmann, der plötzlich im Flur auftaucht, als wir gerade vor der Tür von Nr. 43 warten. Mein Vater fragt ihn, wo denn der Waschraum sei. - Wie nahezu alle Zimmer, ist auch das meine ein Zweierzimmer mit Etagenbett. In diesem Flügel gibt es lediglich nebenan in Nr. 41 normale, getrennte Betten. Die weitere Einrichtung besteht aus zwei Schreibtischen samt Stühlen, einem Tisch mit zwei dunkelbraun gepolsterten Sesseln, ein paar Regalen und einer dunkelgrün gestrichenen Schrankwand um die Tür herum. Durch die Doppelfenster blickt man auf hohe Hagebuttensträucher. Zwischen Fenstern und Sträuchern führt ein schmaler Plattenweg entlang. Nachdem wir meine Sachen ausgepackt haben und mit Frau Noltus das Wichtigste geklärt haben, gehen wir abschließend noch zu Herrn Guthmann, ein paar letzte Punkte besprechen. Anschließend nehmen wir oben im Dünencafé / -restaurant "Strandhalle" noch ein Abschiedsgetränk und ich bringe meine Eltern, die nun mit der 17:30-Uhr-Fähre wieder abreisen, zum Inselbahnhof. Begebe mich dann allein zurück zu meiner neuen Wohnstatt Internat. Auf dem Weg dorthin habe ich den Chris-de-Burgh-Song "The getaway" im Ohr ("Send the word to the prisoners: Tonight we get away! ... Hey boys, tonight we get away ... to the other side ..."). [Anm.: Es war bestimmt nicht zuletzt eine Assoziation mit meiner damaligen Gefühlssituation, nun quasi in eine Art 'Gefängnis' verbannt worden zu sein, herausgerissen aus meinem vertrauten Lebensgefüge.] Ich betrete das stille und menschenleer wirkende Internatsgebäude durch den Haupteingang, den dunklen Flur der Mittelstufe ("Hanse") entlang. Auf dem Weg zu meinem Zimmer in der Oberstufe begegne ich noch Frau Noltus. In meinem Zimmer bin ich allein. Im Internat herrscht im Abend nun ziemliche Totenstille. Mein zukünftiger Zimmergenosse wird erst morgen nachmittag eintreffen. Ich denke zu diesem Zeitpunkt noch, er hieße Oliver Philipson und käme aus Dänemark o.ä.. Ich schreibe eine Ansichtskarte an Freund Michael zu Hause, nehme mir ein mitgebrachtes Buch über Urzeitmenschen vor und esse u.a. Bananen [Anm.: Was auch sonst zum Thema?!]. Ca. 22 Uhr lege ich mich dann schließlich schlafen.

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20.08.'84, Mo: Heute ist also noch ein freier Tag, bevor dann am Dienstag der Schulbetrieb losgeht. Ca. 11 Uhr stehe ich auf. Putzfrau Manda kommt ins Zimmer und putzt ein wenig [Anm.: Ob 'Heute bißchen saugen.' angesagt war, weiß ich nicht mehr]. Später gehe ich mit Cola-Dose & Äpfeln an den Strand und diesen ein Stück weit in westlicher Richtung entlang. Setze mich dann, hier schon weiter von den Strandkörben entfernt, in die sehr niedrige Dünenrandzone mit Blick aufs Meer, wo ich das Mitgebrachte zu mir nehme. Es ist ziemlich warm. Später gehe ich dann zum Internat zurück. Es ist dann ca. 15 Uhr und ich erwarte jeden Moment die Ankunft meines neuen Zimmergenossen, der übrigens nun in Wahrheit Hans-Joachim Philipson heißt. ... Was das wohl für ein Typ ist? ... Sitze im Sessel und warte. Hans' Koffer steht bereits im Zimmer und seine Jacke hängt am Haken an der Tür. ... Schließlich erscheint Hans dann in Begleitung seiner Eltern im Zimmer. Begrüßung und Bekanntmachungsgespräche. Hans ist bereits 19 Jahre alt und kommt aus Leer / Ostfriesland. Seine Eltern sind Apotheker. Nachdem die Eltern sich dann zum Bahnhof aufgemacht haben, sitzen Hans und ich noch zwecks Kennenlernunterhaltung in den Sesseln. Hans hat wie ich geschichtliches Interesse. Er hat übrigens bereits einmal die elfte Klasse wiederholt und sieht nun seiner dritten Elf entgegen. Auf Hans' Vorschlag begeben wir uns dann ins letzte Zimmer hinten links im Gang (Nr. 50), wo sich vier weitere Typen befinden und sich ihrerseits unterhalten, darunter die drei neuen Mitschüler Andreas Riedel, der oben auf dem Etagenbett sitzt, und Malte und Mark Sonnenberg. Alle sind so 18 oder 19, jedenfalls älter als ich. Hans und ich setzen uns dazu und es wird sich über dieses und jenes unterhalten: Woher wir kommen, über zukünftige Lehrer etc.. Aus den Gesprächen der Vier wird mir deutlich: Hier wird viel gesoffen!! Schließlich will Andreas Riedel im Dorf ins Eiscafé "Venezia" gehen. Ich komme mit, die anderen und Hans bleiben. Wir vereinbaren, uns später wieder zu treffen, wobei es heißt, die anderen wollten später dann zur sog. "Givtbude". - Mit Andreas gehe ich nun also die Kirchstraße runter ins Dorf, wo wir im "Venezia" am Ende der Hauptstraße jeder ein großes Glas Apfelsaft trinken; den Apfelsaft gibt mir Andreas aus. Anschließend statten wir noch Feinkost Eckart einen Besuch ab, wo alles sauteuer ist. Zurück im Internat finden wir das Zimmer 50 dann verlassen vor: keiner mehr da. So spiele ich mit Andreas eine Runde Schach. Danach gehen wir kurz zum Abendessen im Realschulgebäude rüber; doch es ist so mies, daß wir gleich wieder verschwinden. Wir begeben uns ins Dorf, wo wir also die anderen suchen. und Ausschau nach der besagten "Givtbude" halten, wobei wir nicht genau wissen, was die "Givtbude" eigentlich konkret ist; wir vermuten, es wird wohl eine Kneipe sein, wobei ich mutmaße, daß "Givtbude" womöglich nur eine 'Insider-Bezeichnung' und kein offizieller Name ist. Auf der Suche gelangen wir ins Luciano / Bierzapfen, wo wir zufällig Hans, Malte und Mark Sonnenberg sowie Arno Treiber Bier trinkend an der Theke sitzend antreffen. Hans begrüßt mich, und man merkt, daß er schon einige Bierchen intus hat. Ich und Andreas setzen uns dazu. Da nun alle Bier trinken, nehme ich - als eigentlicher Nicht-Bier-Trinker - denn auch eins, und zwar ein 'Haake Beck's'. Anschließend ist das Ziel dann also die ja bereits anvisierte "Givtbude", und wir alle sechs begeben uns zusammen eine Dünenpfad-Abkürzung hoch zu jenem Etablissement, das sich als Insel-Diskothek auf den Dünen herausstellt. Am Eingang angekommen verabschiede ich mich dann kurzentschlossen von Hans und mache mich auf den Weg zurück zum Internat, die anderen treten ein. ... Diskotheken sind nun einmal nicht meine Welt. Im Zimmer lese ich noch und lege mich anschließend ins Bett. Ich wache auf, als die anderen später - leicht angetrunken - von der Givtbude zurückkommen und Malte und Andreas plötzlich bei mir im Zimmer sind. Sie möchten noch etwas zu essen haben und so überlasse ich ihnen etwas von meinen Fressalien im Schreibtischfach, die sie sich selbst herausnehmen können. Andreas hat man Bier übers Hemd geschüttet, wie er mir berichtet. Dann legt sich Hans, der ebenfalls schon ein paar mehr getrunken hat, oben in sein Bett und ißt noch - vernehmlich schmatzend - ein Brötchen, dann ein zweites, wodurch ich zunächst nicht einschlafen kann.

21.08.'84, Di: Heute ist erster Schultag. - Um 6:45 Uhr werden wir von Frau Lisson geweckt. Mit Hans gehe ich rüber zum Frühstück, danach ins Gymnasium in die Klasse 11, Raum 2. Zu meinen neuen Mitschülern gehören außer Hans: Andreas Riedel, Mark Oliver Pokérn, Malte & Mark Sonnenberg, Eva Weppner, Jochen Hagner, Detlef Naber ("Elvis"), Yvonne Caspelherr, Jan Mähl, Volker Lüders, Olaf Nowak, Tjarko Horstmann, Heiko Gries, Björn Wegener, Rüdiger Schmidt, E. D. , Gordia Dirks, Regina Constantin, Maike Zwarte, Ralf Esser, Carsten Dörr und Jens Parzies. Zunächst bekommen wir den Stundenplan ausgeteilt und Oberstufenkoordinator Lehmann sowie Tutor Block erläutern Organisatorisches. Das ist es dann auch schon wieder für heute; der richtige Unterricht geht erst morgen los. Um 13:10 Uhr gibt es drüben im Speisesaal der Realschule Mittagessen. Danach rufe ich zu Hause an. Nachmittags gehe ich mit Hans und Andreas inm Dorf in die Kneipe "In't Stürhus", wo wir etwas trinken und Skat spielen. Später gehe ich mit Hans an den bevölkerten Strand, wo wir direkt an der Wasserlinie einen Sandwall gegen die Flut bauen. Schließlich umspült das Wasser unseren Wall zu einer Insel, bis auch dort das Wasser einbricht. - Abends um 19:00 Uhr gehen Hans und Andreas ins Inselkino "Windlicht", während ich im Zimmer bleibe und wieder in meinem Buch über die Neandertaler lese.

22.08.'84, Mi: Heute ist nun also der erste wirklich richtige Schultag. Nachmittags gehen Hans und ich wieder an den Strand. Hans badet erst im Meer und anschließend bauen wir wieder einen Sandwall gegen die Flut. Als wir diesen dann nach Wassereinbruch aufgeben müssen, setzen bzw. legen wir uns ein Stück weiter östlich an den Rand der Dünen in den Sand, wo wir in der Sonne einige Zeit verweilen. ... Urplötzlich ist es dann aber mit der trägen Gemütlichkeit vorbei, als uns einfällt, daß ja in wenigen Minuten (um 17:15 Uhr) Englisch-Fö (Fö = Förderunterricht) stattfindet!!! Bedingungslos unterrichtsteilnahmediszipliniert, wie wir natürlich in den ersten Schultagen sind, brechen wir also schlagartig auf und laufen in der Hitze des späten Nachmittags das ganze Ende vom Strand zur Schule - meist im Dauerlauf - und treffen auch nur leicht verspätet bei Herrn Block ein. Die ganze Schulstunde über schwitze ich wahnsinnig. 

25. / 26.08.'84, Wochenende: Am Samstag hole ich meine Mutter, die in Begleitung einer Bekannten übers Wochenende auf die Insel kommt, vom Anleger ab. Sie beziehen das "Hotel Aquantis - Haus Poseidon" in der Barkhausenstraße und ich dusche dort erstmal. Wir verbringen an beiden Tagen einige Zeit beim Eiscafé Venezia, wo ich verschiedene Eiskreationen probiere: Spaghetti-Eis, Gulasch-Eis, Spiegelei-Eis und Pizza-Eis (!!). Am Sonntag ruft meine Mutter noch den Herrn Guthmann an, damit ich (bereits) am kommenden Freitag aus Anlaß meines Geburtstages nach Hause fahren kann. Abends trinken Hans, Volker und ich Ouzo, ich rauche meine indonesischen Zigaretten mit dem markanten Nelkenaroma dazu. Später kommt noch Malte - leicht angetrunken - ins Zimmer. [Anm.: Ich war und bin seit jeher Nichtraucher, doch die Zigaretten der Marke "Gudang Garam" (aus dem Besitz meines Vaters) - von mir schlicht Bali-Zigaretten genannt - gehörten bei mir trotzdem hin und wieder dazu, wenn es einen geselligen Abend zu krönen bzw. abzurunden galt. Der spezifisch-süßliche Geruch des Qualms mag manchen vermutet haben lassen, daß irgendein nicht ganz koscherer Stoff in den Glimmstengeln steckte, aber dem war definitiv nicht so. Allerdings muß ich zugeben, daß ihr Konsum bei gleichzeitigem Alkoholgenuß die Wirkung des letzteren merklich katalysieren konnte.] 

27.08.'84, Mo: Heute hole ich meinen Schülerausweis im Sekretariat des Gymnasiums ab. Später wird - wie in dieser Zeit häufiger - Skat gespielt. Dieser Tage kaue ich wieder einmal Süßholz, welches mir meine Mutter mitgebracht hatte. [Anm.: Süßholz war seinerzeit mein liebster Kauwerkzeugbeschäftiger. Die Hölzer hatten in etwa die Dimensionen eines Bleistifts, und während andere rauchten, hatte ich halt stets diese Art von Stengel im Mundwinkel.] 

28.08.'84, Di: Wegen der herrschenden Hitze werden die letzten beiden Schulstunden am Burgenstrand verbracht. Ich bekomme heute ein Päckchen von zu Hause.

29.08.'84, Mi: Nachmittags kaufen ich, Hans und Volker bei Eckart eine Flasche Ouzo (40% Vol.) sowie eine Flasche Corvit. Diese schmuggeln wir ins Internat und lagern sie im Schrank. Abends nach der Arbeitsstunde beginnt dann unser Trinkabend. Hans und Volker trinken auf 'russische' Art einen Corvit nach dem anderen, ich meinerseits trinke meinen Ouzo, und zwar aus einem normalen Trinkglas. Später lege ich eine mitgebrachte Cassette mit Marschmusik ein wobei es leider irgendwann Bandsalat gibt. [Anm.: Die 'Liebe' zur Marsch- und Militärmusik brachte ich noch von zu Hause mit, wo ich zusammen mit den Emsdettener Freunden in geselliger Runde immer wieder gerne "Preußens Gloria", "Der Hohenfriedberger", "Pariser Einzugsmarsch", "Gruß an Kiel" und was nicht alles gerne hörte]. Ich rauche Bali-Zigaretten und bei uns Dreien zeigt der Alkohol seine Wirkung ... Kein Wunder, daß ich schließlich zur Entleerung des Mageninhalts das WC aufsuche und mich dann ins Bett begebe. Mir wird dann im Bett noch ein weiteres Mal übel und ich kann gerade noch rechtzeitig nach einer Tüte verlangen, die mir Hans umgehend gibt. Mit der Tüte in der Hand schlafe ich dann ein. Später entfernt Malte diese noch ... Hauptsache, Frau Noltus merkt nichts.

Übrigens: Zimmernachbar Detlef Naber hat in diesen Tagen an einem 'Piratensender' gebastelt und geht mit diesem auch in gewissem Umfang auf Sendung. Genannt wird er "Radio Teheran". Es läuft Elvis Presley, außerdem werden u.a. die aktuellen Bierpreise von Feinkost Eckart durchgegeben [bzw. sie sollten es zumindest werden. ... Mag sein, daß es diesen 'Internatssender' bereits vorher gegeben hatte und "Elvis" dem Ganzen lediglich neues, sporadisches Leben einhauchte.].

30.08.'84, Do: Frau Lisson geht wie üblich durch die Zimmer und weckt mit ihrem Standard-Satz: "Guten Morgen, Zeit zum Aufsteh'n!", welchen ich um 7:20 Uhr dann beherzige. Jetzt erst realisiere ich den Bandsalat des gestrigen Abends. Im Unterricht ist mir nicht gut und ich schlafe fast ein. Nach einer Dose Cola in einer Freistunde muß ich mich noch einmal übergeben ...

31.08.'84, Fr: Heute fahre ich - wie geplant - übers Wochenende nach Hause, wo heute abend in Münster ein vorgezogenes Geburtstagsessen zusammen mit meinen Eltern ansteht. Hannes, Mark, Andreas, Volker und Oliver begleiten mich zum Bahnhof, wo ich die 14:45-Uhr-Fähre ans Festland nehme.

02.09.'84, So: Nachmittags bringen mein Vater und mein Freund Michael mich per Auto zurück zum Anleger in Bensersiel, wo wir uns dann krabbenpulend und -essend auf einer Bank die Zeit vertreiben, bis ich schließlich die 19-Uhr-Fähre nach Langeoog nehme. Auf dem Schiff treffe ich Hannes, Malte, Mark, Olaf Nowak und andere aus dem Wochenende zurückkehrende Internatler.

03.09.'84, Mo: Mein Geburtstag: Ich werde 16. Nachmittags spaziere ich bei sehr windigem Wetter den Strand entlang. Zurück im Internat finde ich unsere Zimmertüre verschlossen vor ... Hannes hat den Schlüssel!! Als er schließlich 18:30 Uhr vom Abendessen kommt, hat das Warten dann ein Ende. Sehe im Zimmer, daß Frau Noltus mir einen Kuchen auf den Tisch gestellt hat.

04.09.’84, Di: Mittags begebe ich mich zusammen mit Oliver ins Dorf, wo ich zunächst zu Hause anrufe (Heute ist Mutters Geburtstag.). Wir kehren dann beim „Venezia“ ein und genehmigen uns ein Spaghetti-Eis (ich) und einen Café (Oliver).

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Die erste Ostend-Tour

05.09.'84, Mi: Nach Englisch-Fö gehen Hannes, Volker, Oliver und ich zum Bahnhofskiosk und kaufen dort zwei Flaschen Ouzo (38% Vol.) [Anm.: Der Bahnhofskiosk diente desöfteren als Bezugsquelle für hochprozentige Getränke, wobei ich mich erinnere, daß stets Hans oder Volker die Flaschen kauften, da ich selbst ja noch zwei Jahre davon entfernt war, volljährig zu sein.].Abends, im "Meeting" läuft unsere Klassenfete (ich war auch kurz da), trinken wir (ich, Malte, Volker und Oliver) ab und zu ein Gläschen Ouzo. Später hat dann auch Hannes genug vom Beisammensein im Meeting, und so gehen Hannes und ich dann ca. 22 Uhr an die frische Luft. Wir begeben uns ins Dorf, wo wir bei "Luciano" in der Barkhausenstraße essen (ich eine Pizza). [Anm.: Ich glaube, die Idee, einfach gleich mal an das uns bislang unbekannte Ostende der Insel zu  wandern, entstand während unseres Ganges und das Essen diente quasi als Magenpolster für die noch ungewissen Herausforderungen des Weges.]. Nach dem Essen gehen wir an den dunklen Strand, den wir uns nun also vorgenommen haben, bei Nacht bis zum ca. 12km entfernten Ostende entlangzulaufen. Der spätabendlich-nächtliche Strand erscheint endlos. ... Als wir schließlich dem Ostende schon ziemlich nah sind, sehen wir in einiger Distanz ein helles Licht, welches wir als unbedarfte Langeoog-Neulinge zunächst ernsthaft für das Licht eines (vermeintlichen) Insel-Leuchtturmes halten. Wir bewegen uns näher und näher auf dieses Licht zu und erkennen schließlich, daß es sich lediglich um einen Fisch- / Krabbenkutter handelt, der voll beleuchtet ganz nah an der Strandlinie befindlich ist. ... Jetzt, wo wir das Ostende also erreicht haben, wollen wir auf der wattzugewandten Seite zurück zum Dorf marschieren. Dabei geraten wir bei der Umrundung der Ostspitze dann erst irgendwie in die Dünen, es wird - die Sicht ist wegen der Dunkelheit natürlich stark eingeschränkt - dornig, das Gelände geht unberechenbar rauf und runter und wir verlieren die Orientierung. Endlich erreichen wir wieder den Strand und gehen vorsichtshalber dann auch diesen wieder zurück. Unterwegs - und das ist keine Einbildung! - sehen wir am Strand [noch fernab des Dorfes] ein offenbar gestrandetes, jedenfalls verlassen daliegendes Segelboot liegen. ???? ...

06.09.'84, Do: Nach den rückwärtigen 12km Strand sind wir schließlich ca. 4:00 Uhr morgens von unserer Ostend-Tour zurück beim Internat. Bei "Kalle Franz" (Wohnhaus Getränkeverlag Franz mit beim Eingang installiertem Getränkedosen-Automat) ziehen wir uns nach den Strapazen unseres Marsches Dosen Coke und Fanta, die wir sogleich trinken. Steigen dann durch ein offenes Waschraumfenster ins Internat ein und liegen ca. 4:30 Uhr schließlich in den Betten.

Morgens startet dann die für heute angesetzte Tagesfahrt nach Helgoland. Ich bin total müde, lasse sie aus Gründen des Schlafnachholens ausfallen und bleibe bis 14 Uhr im Bett. Hannes allerdings rafft sich auf und fährt mit. Ca. 19:00 Uhr kommen die Helgolandfahrer schließlich wieder zurück ins Internat. ... Später erzählt Hannes mir dann, daß er beinahe die Rückfahrt von Helgoland verpaßt hätte, da er sich zu einem Nickerchen in den Dünen hatte hinreißen lassen und Glück hatte, gerade noch rechtzeitig wieder aufzuwachen.

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07. / 09.09.'84: In der Freizeit spielen wir viel Schach und es wird begonnen, um Pfennige zu pokern. So wird z.B. den ganzen Sonntag gepokert und Schach gespielt. Dieser Tage ist es windig und es regnet oft. Morgens gehe ich öfters zum Bäcker Hunger und hole mir Brötchen.  

Wir haben übrigens einen Neuen in der Klasse, und zwar einen gewissen Marc Widdel aus Barsinghausen, der oben in Eibes Zimmer einquartiert ist. [Anm.: Marc wirkt von seinem äußerlichen Erscheinungsbild her auf uns erst etwas sonderbar und er wird Opfer einiger böser Späße, an denen maßgeblich Malte und ich beteiligt sind. Diese 'Jokes' auf Marcs Kosten währen Gott sei Dank nur eine ganz kurze Zeit und enden dann wohl durch eine Kombination aus einem gewissen Langweiliggewordensein, Einsicht und- dieser Punkt betrifft zumindest mich – besseren Kennenlernens unseres neuen Mitschülers. Marc wird schnell Hans und mein Vertrauter, Freund und 'dritter Mann' bei vielen, vielen Unternehmungen unserer gemeinsamen Inselzeit.]

10.09.'84, Mo: Habe heute nur eine Stunde Gemeinschaftskunde bei Horb. Trotzdem ich erst um 7:37 Uhr aufstehe, bin ich pünktlich 7:45 Uhr drüben im Gymnasium.

11.09.'84, Di: Chemie-Test bei Wiedel!! ... Ich weiß kaum was.

12.09.'84, Mi: In Englisch-Fö bei Block soll Malte ein modales Hilfsverb nennen. Er hat keine blasse Ahnung. Wir sagen ihm „Kot“ vor [seinerzeit eine gebräuchliche Alternative zum Fluchwort "Sch****"] und in seiner extrovertierten Unwissenheit nennt er es auch tatsächlich ohne zu zögern als Antwort! Nach der Stunde (also 18 Uhr) kaufen Hans, Volker und ich am Bahnhofskiosk eine Flasche Ouzo, die wir dann nach der Arbeitsstunde trinken. Um halb Elf gehen wir hoch in die Küche [damals dort, wo später Zi. 40 eingerichtet wurde], wo sich Malte, Detlef, Arno und andere Pizza machen, und essen ein Stück mit. Um 23:45 Uhr steigen Oliver und ich noch aus unserem Zimmerfenster aus und gehen zum 'Bierverlag Kalle Franz' rüber (gleich um die Ecke Süderdünenring), aus dessen Getränkeautomaten wir uns jeder 'ne Dose ziehen und auf einer benachbarten Bank trinken. Dabei erzählt Oliver mir von seiner neuen Freundin, Sabine (von Mering.)

13.09.'84, Do: Mathe-Test! ... In "Latein für Fortgeschrittene" (ich, Malte, Oliver, Detlef und Carsten Dörr) wird nur gelacht. Abends rufe ich zu Hause an und gehe dann noch durch die dunklen Dorfstraßen, wobei ich an die Heimat denke ... Noch 22 Tage bis zu den Herbstferien!

14.09.'84, Fr: Nachmittags gehe ich bei Regen zum Anleger und hole meine Mutter, die mal eben übers Wochenende rüberkommt, von der Fähre ab. Im Dorf bezieht sie das Hotel Flörke, wo ich im Zimmer dann erstmal bade [Anm.: Zeit meiner vier Internatsjahre habe ich im Internat kein einziges Mal geduscht; dazu war ich wohl zu genant und bedurfte es einer privateren Umgebung.]. Abends gehen wir im „Haus der Insel“ am Kurzentrum essen, dann noch zum Eiscafé „Venezia“, wo ich mir ein Spaghetti-Eis gönne. Später gehe ich wieder ins Internat.

15.09.'84, Sa: Heute lasse ich die Doppelstunde Sport ausfallen und schlafe bis 9:15 Uhr. Im Mittag fahren meine Mutter und ich dann auf einen Tagesausflug mit der "Lili Marleen" rüber nach Spiekeroog. Hans und Volker, zusammen mit denen ich eigentlich zuvor losgegangen sein wollte, Ouzo kaufen, sind noch mit uns am Bahnhof Langeoog, wo Volker - unbemerkt von meiner Mutter - beim Bahnhofskiosk "Epi" zwei Flaschen Ouzo kauft.

Auszug aus einem Brief an Freund Michael in Emsdetten (15.09.'84): "[…] Also folgendes: parallel zu Emsdetten sind die Ereignisse hier, nur ausgeschmückt mit Schach- und Skatspielen, Pokern und – Ouzo.... Im Mai ’85 [Anm.: tatsächlich war es dann schon im März.] machen wir (Klasse 11b) eine Klassenfahrt nach Berlin. Die gesamte Klasse, 13 Leute, war einstimmig dafür. [...]"

16.09.'84, So: Meine Mutter reist mit der 14:45-Uhr-Fähre wieder ab. Abends sitzen Hans (im Internat bevorzugt "Hannes" genannt), der von seinem Wochenend-Landgang zurück ist, ich, Volker, Malte & Mark Sonnenberg u.a. bei uns im Zimmer und es geht dem gestern gekauften Ouzo an den Kragen. Eine Flasche steht versteckt hinter dem Etagenbett, die andere neben meinem Sessel (= heruntergekommener Sitzgelegenheit). Als ich dann mal gerade eine der Flaschen auf dem Tisch stehen habe, kommt plötzlich und unversehens Frau Noltus zur Tür herein! Ich will die Flasche zwar noch schnell unterm Tisch verstecken, aber es ist zu spät. Unter mahnenden und anklagenden Worten beschlagnahmt Frau Noltus die Flasche. ... Naja, nicht so schlimm: Wir haben ja noch 'ne zweite Pulle!!

18.09.'84, Di: Wir bekommen den Chemie-Test zurück. Meine Ausbeute: 00 Punkte!! ... Heute trinke ich den Rest der verbliebenen Ouzo-Flasche.Abends kommt Malte ziemlich 'im Koma' ( = stark alkoholisiert) ins Internat zurück. [Anm.: Malte war der wohl beständigste und ausdauerndste Trinker unter uns Oberstufenschülern. Wenn sein Hahnenschrei spätabends über den unteren Fur ertönte, wußte man gleich, was Sache war. Malte war an sich ein sehr netter Kerl und hatte (soweit ich weiß) auch nur einen - und dann richtigen - Feind unter den Internatsschülern: Jochen Hagner. Jochen war ein mitunter recht versnobt auftretender Hamburger*, der alle wissen ließ, daß er wohl Thaiboxen könne (was ja meinetwegen auch gestimmt haben mag). Was nun Grundlage oder genaue Ausdrucksform erwähnter Feindschaft war, weiß ich nicht, jedenfalls kam es wiederholt vor, daß der alkoholisierte Malte bzgl. Jochen im Kreise mit anderen verlauten ließ: "Ich schlag'n dout!". … An eine direkte, transverbale Konfrontation zwischen den beiden kann ich mich bei aller Entschlossenheit der Kampfansage allerdings nicht erinnern. (* = Er möge mir meinen damaligen Eindruck heute verzeihen!!)]

Aktuelles:

Derzeit behandeln wir als erstes großes Thema in Mathe die Vektorrechnung. "Zeigen Sie bitte mit BEIDEN Händen!" ist dabei ein gebetsmühlenartig angebrachter Standardsatz von Herrn Guthmann, wenn ein Schüler an der Tafel Ursprung und Richtung des jeweiligen diskutierten Vektors anzeigen soll. Eine weitere, unermüdliche Anweisung des Herrn Guthmann an den jeweiligen, von ‚Natur’ aus stumm vor sich hinrechnenden / -zeichnenden Schüler an der Tafel ist: „Sprechen Sie (bitte) dazu!“. In der Vektorrechnung begründet sich übrigens Hans' und mein Ruf, Mathematikkoriphäen zu sein, was so eigentlich nicht stimmt, aber immerhin hilft, auch einen gewissen Respekt von Mitschülern gezollt zu bekommen, die uns gegenüber an sich nicht sehr wohlgesonnen anmuten. Was uns wirklich in Mathe gegenüber den meisten anderen auszeichnet, ist die fast unermüdliche Ausdauer, mit der wir mathematischen Problemstellungen auf den Grund gehen, und so sitzen wir schonmal weit über die Arbeitsstunde hinaus (mitunter mal bis 23 Uhr) an unseren Schreibtischen und rechnen hin und her, wenn wir bei unseren Hausaufgaben zuvor nicht zu hundertprozentig übereinstimmenden Ergebnissen gekommen sind. Von diesen Mathemarathons her stammt auch das Phänomen "Lambda-Anfall", welches Hans immer dann ‚befällt’, wenn vor lauter Rechnerei die Konzentration der Ermüdung gewichen ist und man kaum mehr einen klaren, fachbezogenen Gedanken fassen, geschweige denn verarbeiten kann und auch schon das bereits Geschaffte nicht mehr kapieren will. Die Skalare Lambda und Mü wählen Hans und ich als personenbezügliche Kürzel, wobei das Lambda für Hans steht, das Mü für mich.

Beliebte Vokabeln der Zeit:

"Kot!" - gesprochen [Kout] = Alternative zum "SCH"-Fluchwort.

"Koma", "Di(c)ktus" = Zustand des fortgeschrittenen Besoffenseins

"Aal ausschwenken" = urinieren gehen

20.09.'84, Do: Wieder mal ein ernster Termin: Heute wird die Latein-Klausur bei Horb geschrieben!! Wie zu erwarten, fällt mir diese ziemlich schwer. Abends sitzen Hannes und ich wieder lange an den Mathe-Hausaufgaben und Hannes bekommt einen seiner "Lambda-Anfälle".

21.09.'84, Fr: Nach einem Spaziergang durch das Langeooger Wäldchen (vom neuen 12er-Schüler Robert aus München auch 'Gestrüpp' genannt) begeben Hans und ich uns zum Bahnhofskiosk "Epi" und kaufen dort eine Flasche Ouzo [Anm.: Hans wird sie wohl stellvertretend für mich gekauft haben, da ich ja - wie erwähnt - noch minderjährig war], welche ich mir dann abends zu Gemüte führe. Volker trinkt auch mal einen mit. Schließlich schon fortgeschritten alkoholisiert, gehe ich zu Malte & Mark Sonnenberg ins Zimmer rüber und parodiere vor Hans, Malte, Mark, Andreas u.a. unseren Religionslehrer Herrn Döpkens, der aufgrund seiner Art und Aussprache auch ein willkommenes ‚Parodienopfer’ gibt; Stichwort 'Inkarnassioun'. Später spiele ich dann - so gut das unter Einfluß von zuviel Ouzo eben geht - gegen Robert Schach. Es endet damit, daß ich dem unbeteiligten Andreas – sicher überflüssigerweise – ‚erkläre’, daß ich im Schach stehe.

22.09.'84, Sa: Ich gehe heute nicht zum Sport und schlafe stattdessen aus. … Noch 13 Tage bis zu den Herbstferien! 

23.09.'84, So: Heute gehe ich zusammen mit Malte, Volker und Robert auf der Suche nach einem "Joke" (Maltes Begriff) rüber ins Mädcheninternat (konkret Wiking). Von dort aus ruft Malte in der Jungen-Oberstufe an, meldet sich als Kripo Heidelberg (für Arno) etc.. Außerdem - es müßte derselbe Tag sein - verbringen wir ein Weilchen im Zimmer von Nadja Rebentisch und Eva Niehues. Nach dem Abendessen kommt es dann zu einem der erwähnten ‚Späße’ auf Marc Widdels Kosten: Vom Abendessen nehme ich etwas von dem ekligen Räucherlachs mit ins Internat. Als Marc dann gerade bei mir im Zimmer weilt, begibt Volker sich zu Marcs Zimmer hinauf und deponiert ein Stück vom Lachs unter dessen Bettbezug. - Spät abends kommt Malte mehr oder weniger leicht angetrunken von der Kneipe "Kaapstube" (genannt "Kap") zurück ins Internat, mit dem ‚Vorsatz’, Jochen Hagner 'doutzuschlagen'. [Anm.: Maltes wiederkehrender Satz: „Ich schlag’n dout!“] Bei Mark Sonnenberg im Zimmer (Nr. 49) gibt es dann Diskussionen und Malte kann soweit wohl wieder beruhigt werden.  

24.09.'84, Mo: Heute erlauben wir uns einen weiteren „Joke“ mit Widdel, schon einen Gang härter, indem Malte unter Widdels Kopfkissen einen Pissoirstein direkt aus der Pißrinne plaziert! [Anm.: Junge, Junge!!]

25.09.'84, Di: Heute regnet es wieder. Ich spiele gegen Robert, den neuen 12er aus München, Schach. Nachmittags gehen Hannes, ich und Robert eine Runde Einkaufen ins Dorf, zu Eckart und zur Speisekammer. Abends lerne ich für die morgige Englisch-Klausur. Ich bekomme übrigens heute einen Brief von Freund Michael zu Hause, dessen Berichte über die heimatlichen Verhältnisse und Konstellationen mir sagen, daß es für mich höchste Zeit ist, nach Emsdetten zu kommen!  

Mein aktueller Stundenplan aus einem Brief an Michael vom 25.09.’84: 

 

 

Mo

Di

Mi

Do

Fr

Sa

7:45 – 8:30

Deutsch

Englisch

Mathe

GK

Mathe

Sport

8:35 – 9:20

---

Chemie

GK

Geschichte

Englisch

Sport

9:30 – 10:15

---

Geschichte

Englisch

---

---

---

10:35 – 11:20

---

Geschichte

Mathe Fö

Religion

Chemie

Religion

11:30 – 12:15

Kunst

Mathe

---

Deutsch

Deutsch

 

12:20 – 13:05

Kunst

Latein

Latein

Latein

Physik

 

 

 

14:00 – 14:45

Physik

17:15 – 18:00

Englisch Fö

15:00 – 15:45

Deutsch Fö

 

 

Fö = Förderkurs

GK = Gemeinschaftskunde 

26.09.'84, Mi: Tag der Englisch-Klausur, welche supereinfach ist (es kommen nur Grammatik und eine Summary)!! ... Nach dem Mittagessen leisten wir uns dann den heftigsten [und wohl auch finalen] "Joke" auf Kosten von Widdel: Malte, Volker, ich und andere finden in einer Dusche der Mittelstufe eine große, aufblasbare Gummipuppe in Frauengestalt. Diese schnappen wir uns und legen sie, bestückt mit einer Bockwurst, Marc Widdel ins Bett (!!!!). ... Wie wir später erfahren, hat Marc sie bei Entdeckung umgehend aus dem Zimmerfenster geworfen. Nachmittags fühle ich mich schlapp und lege mich um 19 Uhr, noch während der Arbeitsstunde, ins Bett. Heute kommt übrigens ein Brief von Freund Calle aus der Heimat.

27.09.'84, Do: Nachmittags gehe ich mit dem selbem Marc, dem wir gestern noch einen bösen Streich gespielt hatten, ein wenig spazieren, zum Deich und zurück. Es ist schönes Wetter und ich denke an zu Hause. ... Noch 8 Tage bis zu den Ferien! 

28.09.'84, Fr: Am Abend kommt Oliver leicht angetrunken zurück ins Internat und wird jedesmal rebellisch, wenn ich ihm scherzeshalber sein rosa Klopapier wegnehmen will. ... Noch 7 Tage, noch 7 Süßhölzer! 

29.09.'84, SaWieder einmal gehe ich morgens nicht zu Sport. Als ca. 8:30 Uhr Frau Lisson ins Zimmer kommt und fragt, warum ich nicht in der Schule sei, antworte ich schlicht, Sport fiele heute aus, was sie offensichtlich zufriedenstellt. Nachmittags - Hannes ist wie üblich übers Wochenende nach Leer gefahren - gehe ich mit Marc den Strand entlang Richtung Ostende. Irgendwo biegen wir dann zu den Dünen ab und kommen bei der ca. 8km vom Dorf entfernten Meierei aus. Marc hat übrigens eine Flasche Schnaps dabei und ist auch schon ganz leicht davon ergriffen. Wir gehen den endlos scheinenden Weg auf der Wattseite zurück ins Dorf. Bei "Epi" am Bahnhof kaufen wir noch eine Flasche Ouzo und gehen schließlich zum Abendessen bei Göbel. Später abends macht sich das Gros der Leute dann auf ins "Kap" und ich haue mich, ohne vom Ouzo getrunken zu haben, Viertel vor Elf ins Bett. Ca. 24 Uhr kommen dann die Heimkehrer (Malte, Volker u.a.) angetrunken zurück ins Internat.

30.09.'84, So: Beginn der Winterzeit. - Morgens trinke ich zusammen mit Oliver die gestern gekaufte Ouzo-Flasche leer [Anm.: Vor allen Dingen morgens!!], so dass wir leicht komatisiert sind. Nachmittags, wieder klar, unternehme ich mit Widdel wieder einen Spaziergang, diesmal am Strand Richtung Anleger, zurück über den Deich. Abends kommt Hannes von seiner Wochenendheimfahrt zurück auf die Insel. Heute fertige ich mir übrigens aus dem Verschluß der Ouzo-Flasche und einer Nadel eine Ouzo-Ansteckplakette an [Anm.: Auch schön!].

01.10.'84, Mo: Abends schreibe ich - ohne jegliches konkretes Motiv - mit meinem rosa Edding "Kot" auf den Plastikschirm meiner Tischlampe. Das nehmen dann im Verlauf verschiedene Leute zum Anlaß, sich mit ihren Signaturen ebenfalls auf dem Lampenschirm zu verewigen: Jan Mähl, Volker (schreibt "Steinhäger" drauf), Detlef (selbstverständlich als "Elvis"), Hannes, Malte (als "Maltesius"), Andreas (als "Humphrey Bogart"), Robert, sogar Jochen Hagner (als "JH") u.a., wer halt gerade so ins Zimmer kommt. Später, um 23 Uhr, steige ich mit Hannes noch aus und wir gehen an den dunklen Strand. Eigentlich haben wir vor, diesen in westlicher Richtung bis zum Anleger zu laufen, doch als es in der Dunkelheit zu ungewiß wird mit den auftretenden Wasserstellen, kehren wir vorsichtshalber um.

02.10.'84, Di: Nachmittags übe ich mit Tjarko auf dessen Wunsch in einem leeren Raum der Realschule für die morgige Mathe-Klausur (Thema Vektorrechnung). Soweit ich mich erinnere, tut Hans zeitgleich das gleiche mit Heiko im Gymnasium.

03.10.'84, Mi: Heute wird im Speisesaal die Mathe-Klausur geschrieben. Überraschenderweise verläuft sie für mich und noch mehr für Hans nicht so günstig [Anm.: Diese erste Mathe-Klausur ist irgendwie ein Phänomen: Hans und ich, eigentlich bestens vorbereitet und anerkanntermaßen als Favoriten in die Klausur gegangen, erzielen nur äußerst magere Ergebnisse. Wenn ich mich recht entsinne, erwirtschaftete ich schlappe 05 Punkte, während Hans sogar lediglich 01 Punkt einfuhr ... Olaf Nowak hingegen, dem Hans zuvor noch Verschiedenes erklärt hatte, erreichte - es sei ihm natürlich gegönnt gewesen!! - 07 Punkte. ... Hä?! Irgendwas lief da wohl falsch bei uns.]. Nachmittags spaziere ich mit Robert den westlichen Strand entlang bis zum Anleger, durch Matsch und wattartigen Untergrund. Nahe dem Anleger finde ich in einem Vogelschutz-Schild eine dort plazierte Sonnenbrille. Auf dem befestigten Weg unweit des Anlegers dann vernehmen wir plötzlich nichtsahnend einen Hilferuf aus unmittelbarer Nähe!! Es ist Marc, der sich liegend unterhalb des Weges an der leicht abfallenden, steinernen Uferbefestigung versteckt und hiermit einen kleinen Spaß erlaubt hatte! ... Schöner Schreck! Auf dem Rückweg trennen wir uns wieder von Marc; während Robert und ich uns durchs Wäldchen zurückbegeben, nimmt Marc den Weg auf den Eisenbahnschienen entlang. Abends in der Arbeitsstunde spricht Hashagen mich kurz auf meine Fehlstunden in Sport an. Ich sage, ich hätte verschlafen. [Anm.: Was – wenn man sich den Vorsatz dazudenkt – auch stimmte!]

04.10.'84, DoLetzter Tag vor den vierwöchigen Herbstferien! Hannes und ich setzen uns mit etwas Proviant an die Abbruchkante der abfallenden Dünen zum Strand und denken an die Ferien. Abends habe ich dann schon fast alle Klamotten für die Abreise gepackt.

05.10.'84, Fr: Nach Englisch und Mathe hole ich meine Mutter, die mich nach Hause abholen kommt, vom Bahnhof ab. Während sie dann am heutigen Elternsprechtag teilnimmt und mit dem einen oder anderen Lehrer parliert, warte ich mit Andreas in meinem Zimmer sitzend. Später nehmen meine Mutter und ich dann die 13:30-Uhr-Fähre ans Festland. Endlich Ferien!!!!

05.11.'84, Mo: Ende der Herbstferien. - Heute geht es zurück auf die Insel. Auf der 17:30-Uhr-Fähre in Bensersiel treffe ich die üblichen Verdächtigen: Volker, Widdel, Oliver, Hannes u.a.. Spät abends, 23:45 Uhr - Frau Noltus ist nicht mehr unterwegs - steigen Hannes und ich aus unserem Zimmerfenster und unternehmen kurzerhand eine nächtliche Strandwanderung zum Ostende. Haben Proviant in Form von Coke, Chips, Duplo etc. dabei. Kurz vorm Ostende setzen wir uns dann in den Sand und machen Rast. Der Rückweg ist lang und monoton.

06.11.'84, Di: 4:45 Uhr erreichen wir das Internat, steigen wieder ein und schlafen noch 'ne Runde. Am Tage ist dann ziemliche Müdigkeit angesagt.

07.11.'84, Mi: Abends studiere ich lange meinen Berlin-Stadtplan.

08.11.'84, Do: Die Geschichts-Klausur bei Herrn Horb wird geschrieben!!! Nachmittags spaziere ich mit Marc auf den Dünenfriedhof, der weithin seine Präsenz durch ein hohes, steinumrahmtes Holzkreuz kundtut. Später gehen wir dann zusammen mit Olaf Nowak zur Speisekammer, wo ich mir eine ganze Palette Coke-Dosen (DM -.89 pro Dose) kaufe. Während der Arbeitsstunde trinke ich ebenfalls heute beschafften Eierlikör von Eckart. Später schreibe ich noch einen Brief an meinen Freund Michael zu Hause. Kleiner O-Ton-Abschnitt daraus: "[...] nur komme ich nicht umhin, von der sich bedrohlich in den Vordergrund drängenden Langeweile zu erzählen. Man hält sich gerade so über Wasser, um nicht total im Kampf gegen den gnadenlosen Alltag unterzugehen. [...]" [Anm.: Hm ... ziemlich dick aufgetragen!].

10.11.'84, Sa: Heute nehme ich an Sport teil!! - Es wird Basketball gespielt und Marc (der in Abwesenheit unter den Mitschülern vornehmlich "Widdel" genannt wird) und Volker sind dabei angetrunken [Anm.: Es gab seinerzeit die eine oder andere Sportstunde, zu der einige Schüler 'vorsätzlich' alkoholisiert erschienen, so eben auch an diesem Tag.]. Mittags fährt Hannes dann ins Wochenende und nachmittags unternehme ich - wie üblich an den Wochenenden - mit Widdel einen Spaziergang, diesmal Richtung Anleger und durchs Wäldchen zurück.

13.11.'84, Di: Tag der Physik-Klausur. - Anschließend kaufe ich mit Oliver im Dorf zwei Flaschen Cinzano.

15.11.'84, Do: Tag vor der Chemie-Klausur. - Abends erwägen Hans und ich, gemeinsam den kompletten morgigen Schultag und damit vor allem eben auch die uns – vor allem ganz sicher mir! – widerstrebende Chemie-Klausur ausfallen zu lassen. Wir wägen lange hin und her, kommen aber zu keiner definitiven Entscheidung.

16.11.'84, Fr: Tag der Chemie-Klausur bei Wiedel!! - Frühmorgens in den Betten fällt nun die Entscheidung: Wir werden uns den Schultag nun also freinehmen und Chemie nicht mitschreiben. Um 10 Uhr stehen wir auf. Draußen liegt leichter Schnee (!), der erste des Spätherbstes. Wir begeben uns dann ins Dorf zur "Speisekammer", wo wir Verpflegung für die anstelle des Schulunterrichts und der Klausur vorgenommene Ostend-Wanderung gleich kaufen: Chips, Mandarinen und Fantadosen. Es ist stark windig, als wir dann am Strand ankommen. Bei eisigem Wind marschieren wir nun den Strand entlang gen Osten. Um die windkatalysierte Kälte ertragen zu können, ziehe ich mir die Jackenärmel über die Hände und binde mir meinen 'neon'-grünen Schal um den Kopf, damit die Ohren nicht 'abfrieren'. Beim eisigen Wind kann man nur mit gesenktem Kopf laufen. Als die Bedingungen mit der Zeit unerträglich werden, weichen wir vom Strand ab und gehen in den etwas geschützten, parallel verlaufenden Dünentälern weiter, dann auf der Wattseite an der Meierei vorbei den befestigten Weg bis raus zum Ostende. Dieses umrunden wir, nach kurzer Mandarinenrast, bei starkem und eisigem Wind und gehen nun mit Rückenwind den lieben, langen Rückweg am Strand entlang zurück. Die ganze Tour dauert von 11:30 Uhr bis 17 Uhr und bleibt als unsere wohl härteste Ostendwanderung in Erinnerung [Anm.: Der geschwänzte Schultag und die daraus entstandenen Konsequenzen hingegen sind längst vergessen!].

17.11.'84, SaWochenende! ... Dazu Sport!! Der Nachmittag ist sterbenslangweilig. Abends, Hannes ist auf Theaterfahrt nach Wilhelmshaven, kommt Widdel zu mir ins Zimmer und wir spielen 'Idiotenskat'[Anm.: Das, was man halt spielt, wenn kein dritter Mann verfügbar ist]. Bereits um 21 Uhr haue ich mich ins Bett.

18.11.'84, So: Auch am heutigen Sonntag herrscht Langeweile. Ich bin bei meinen Schuldnern auf der Suche nach dem verliehenen Geld, das ich morgen dringend für meine Heimreise benötige; ... ich fahre nämlich schon einen Tag früher als erlaubt. Später verpacke ich meine ganzen ca. 65 gesammelten leeren Coke-Dosen, die ich dann morgen mitnehmen werde.

19.11.'84, Mo: Nach zwei Stunden Deutsch-Klausur mache ich mich von dannen. Zu meinen DM45.- kann ich noch DM25.- Schulden eintreiben. Um 10:30 Uhr gehe ich zusammen mit Malte & Mark Sonnenberg sowie Volker zum Bahnhof. Meine Fahrkarte kostet DM57.20. Wir nehmen die 11-Uhr-Fähre. In Bensersiel angekommen, verabschiedet sich Volker, der weiter über Esens fährt. Malte, Mark und ich gehen im Fährhaus noch hoch ins OG zum dortigen Lokal, wo wir an der Theke etwas trinken [Anm.: Malte & Mark tun der Wirtin gegenüber so, als seien wir bei der Bundeswehr ... Wozu auch immer das gut gewesen sein sollte.]. 12:45 Uhr geht dann der Bus nach Norden, wo wir ganze zwei Stunden - von 13:30 Uhr bis 15:30 Uhr auf den Anschlußzug warten müssen und uns die Zeit u.a. in der Stadt vertreiben, wo wir in einem Kaufhaus etwas trinken. [Anm.: Die Warterei auf dem Bahnhof Norden sollte ich noch viele weitere Male erleben, später dann über Esens gefahren. Verschiedene Male hatte ich Glück, und der Bus von Esens hatte keine oder nicht so viele Schulkinder aufzulesen und an irgendwelchen Bauernschaften abzusetzen, so daß ich den Zug um kurz nach 13 Uhr gerade noch erwischen konnte.]. In Lingen steigen Malte & Mark dann aus, ich fahre weiter nach Rheine. Dort umgestiegen erreiche ich schließlich um 17:50 Uhr Emsdetten, die Heimat!!

Auszug aus einem Brief vom 29.11.’84, Do, an Freund Michael in der Heimat: "[…] Auch hierzulande ist die „Einschaltquote“, sprich der allgemeine Unternehmungsgeist, bei mir nicht mehr sonderlich ausgeprägt. Auf Deutsch: Es ist totlangweilig [sic]! Jede Schulstunde ist wie ein Jahr, jeder Tag wie ein ganzes Jahrhundert. Aber Jahrhunderte gehen bekanntlich auch vorbei. So kann ich mich rühmen, auf meinem Tageplan bereits 3 Tage gestrichen zu haben, und an der Wand erscheint jeden Tag ein Bleistiftstrich mehr. Am 20.12.1984, Donnerstag, ist die Scheiße wieder mal vorbei; ... Um noch einmal auf Berlin zurückzukommen: Gestern wurde im Unterricht kurz über Berlin gesprochen. Es war davon die Rede, daß wir auf jeden Fall den Reichstag besuchen würden. Ein Typ […] hat gleich wieder einen gelangweilten Laut von sich gegeben. Dann fragte er: "Wo ist denn der Reichstag? In Ostberlin?". – Da ist man sprachlos. – Übrigens redet Hannes gerade wieder laut bei den Hausaufgaben! Man kann kaum dabei schreiben! [...]"

01.12.'84, Sa: Wegen meines kleinen Zehs bin ich vom Sportunterricht befreit und verbringe die Doppelstunde auf der Bank [Anm.: Während des vorherigen Heimatkurzurlaubs hatte ich mir im Zuge eines schiefgelaufenen Ballschußversuchs im heimischen Keller auf die Waschmaschinentrommel den kleinen Zeh gebrochen, was mich für eine wohlige Weile vom Langeooger Schulsport – wahrlich! - befreite.]. Nachmittags holen Widdel und ich wieder einmal zu einem Spaziergang aus: An den Strand, wo wir Herrn Wierzenko treffen, über die Dünen, durchs Pirolatal, über die Weiden am Schuttabladeplatz und an den Deich, bis zu einer kleinen Schleuse, wo wir Pfennigstücke im Wassergraben versenken [Anm.: 'Es bleibet dabei: Die Freizeit ist frei!!'].

03.12.'84, MoNach der Schule kaufen Hannes und ich Mandarinen, Coke und Chips, setzen uns damit an den Rand der abfallenden Dünen und blicken in die kalte Strandluft [Anm.: Diese hin und wieder stattfindende Freizeittätigkeit ging als sog. „Dünensitzen“ in die Erinnerung ein.].

04.12.'84, Di: In der ersten Stunde will ich ausschlafen … wir haben ohnehin nur Englisch. Doch um 8 Uhr kommt Frau Lisson ins Zimmer. Ich tue so, als habe ich versehentlich verschlafen, und stehe auf. Jedoch gehe ich dann nicht zur Schule, sondern – es ist neblig – Richtung Wäldchen. 8:30 Uhr bin ich beim Chemie-Raum im Realschulgebäude. Als wir dann fast alle auf Herrn Wiedel warten, schlägt Olaf vor, doch einfach kollektiv abzuhauen, bevor er dann doch noch erscheint. Also machen wir uns von dannen, wodurch allen Schülern quasi eine autonome Freistunde beschert wird … meine zweite heute.

Auszug aus einem Brief vom 07.12.’84, Fr, an Freund Michael zu Hause: "[…] Gestern bin ich nicht mehr dazu gekommen, diesen Brief zu schreiben, da ich noch mit den Auswirkungen (in psychischer Hinsicht) der am Morgen geschlagenen Schlacht sprich Gemeinschaftskundeklausur zu kämpfen hatte und noch eine kaum unter Kontrolle zu bekommende Menge an Hausaufgaben zu bewältigen hatte. […] Doch jetzt zum weniger erfreulichen Teil: der über allem herrschenden Langeweile. Damit diese Langeweile auch für dich einigermaßen deutlich wird, versuche ich mal, die momentane Situation des Zimmers zu Papier zu bringen: Ich sitze also am Schreibtisch, Hannes liegt oben in seinem Bett […] und hört, wie so oft, Radio. Auf meinem Schreibtisch herrscht ein regelrechtes Chaos. Bücher, Hefte, Zettel, Arbeitsblätter […] und anderes liegen hier friedlich durcheinander. […] Direkt an meinen Tisch grenzt Hannes’ Tisch, auf dem mehr Ordnung zu finden ist: Nur Schulmaterial und eine gelbe, ziemlich schiefe Schreibtischlampe. Rechts neben mir an der Wand hängt der Berlin-Stadtplan, darunter, mit Stecknadeln befestigt, der Ferienplan. Links von mir steht direkt an den beiden Schreibtischen ein wackeliges Regal, auf dem allerlei Kram steht. Oben auf dem Regal steht ein Blumentopf, aus dem ein einzelner, spärlich grüner Zweig heraushängt. Hinter den Schreibtischen stehen noch zwei übereinandergestellte Regale, in denen Hannes’ Bücher […] zu finden und seine Zeitungen gelagert sind. An diese Regale grenzt dann die Wand nach außen, mit den Fenstern (zwei an der Zahl), den zwei Heizkörpern und den fiesen Gardinen. Der quadratische Holztisch, über dem die Zimmerbeleuchtung, eine Glühbirne mit einem verabscheuungswürdigen, schiefen und verbogenen Metallschirm hängt, steht direkt unter den Fenstern an der Heizung. Die - wie soll ich sagen – Sessel, die an beiden Seiten des Tisches stehen, sind das Abstoßenste [sic], was ich in dieser Hinsicht je gesehen habe und entziehen sich jeder Beschreibung. Auf dem Tisch selbst steht ein Schachspiel von Hannes und ein Glas Konfitüre, ebenfalls von Hannes. Nur der Teelöffel von 'Iberia', der am Rande der quadratischen Tischplatte liegt, gehört mir. […] Im rechten Winkel zu den Fenstern stehen die Betten an der dritten Wand. Die Wand hinter mir ist, außer dem Raum für die Tür, eine reine, grüne Schrankwand. Hier zur Verdeutlichung ein Grundriß des Zimmers. Übrigens: Hannes sitzt jetzt am Schreibtisch!! […]" [Anm.: Also, die Deutlichwerdung der damals herrschenden Langeweile ergibt sich wohl nicht direkt aus der detailreichen Beschreibung unseres Zimmerzustandes, sondern viel eher indirekt durch überhaupt die Motivation, sowas zu Papier bringen zu wollen!]

10.12.'84, Mo: Zu 11:00 Uhr finden sich am Bahnhof Langeoog zahlreiche Leute ein. Der Grund: Malte ist vom Internat geschmissen worden und heute ist nun sein Abschieds- und Abreisetag. Zur Verabschiedung sind u.a. erschienen: ich, Hannes, Widdel, Elvis, Eva Weppner, sein Bruder Mark, Nadja Rebentisch. Sogar Herr Helmer ist mit dabei und es wird am Bahnsteig zum Abschied Sekt aus Flaschen getrunken. Nachdem Malte mit der Inselbahn abgefahren ist, geht es zurück zum Schulalltag [Anm.: Maltes Abgang fand ich eigentlich sehr schade, war Malte doch jemand, mit dem man im Unterricht einiges an Spaß haben konnte! ... Hau rein, Malte!!].

11.12.'84, Di: In Geschichte - ab jetzt leider ohne Malte, mit dem ich wieder "Der Große Preis" gespielt hätte - reiße ich meine ohnehin schon demolierte Geschichtsbroschüre "Themen und Probleme der Geschichte"-"Das Römische Reich als Beispiel imperialer Herrschaft" mit den langweiligen, blutleeren Quellentexten von u.a. A. Heuß, J. Vogt und F. Hampl in einzelne Seiten und verteile diese wie Karten beim Skat auf dem Tisch. Oliver und ich nehmen dann je ein paar der Seiten auf und simulieren eine Skatrunde, woraufhin Horb uns rauswirft. Nachmittags kaufen Hannes und ich bei Eckart ein: ich eine Flasche Eierlikör und eine Flasche "Batida de Coco", Hannes eine Flasche "Jägermeister". Diese Getränke führen wir uns des Abends zusammen mit Oliver zu Gemüte, der selbst auch etwas zu trinken hat. Als dann später noch einige andere dazukommen, wird es ungemütlich. Ich gehe noch an die frische Luft. [Anm.: "Der Große Preis" war eine direkte Anspielung auf die gleichnamige Fernsehquiz-Sendung, wobei die Anspielung darauf zielte, aus mangelnder Fachkenntnis unsererseits auch die Fragestellungen des Unterrichts als Quiz und Ratespiel zu verstehen: A bis Z 80! … Risiko!!]

13.12.'84, DoEs gibt die Geschichtsklausur zurück: Ich habe 02 Punkte. … Abends gehe ich mit Hannes raus und wir machen wieder mal einen Rundgang durchs abendliche Langeoog.

15.12.'84, Sa: Hannes fährt mit der 13:30-Uhr-Fähre übers Wochenende nach Hause ans Festland. Der Nachmittag ist todlangweilig. Ich schließe meine Zimmertür ab und lege mich pennen. Ca. 18:00 Uhr gehe ich rauf in die Küche, wo gerade das Pizza-Abendessen vorbereitet wird. Ca. 18:30 Uhr esse ich dann im Gruppenraum ein Stück Pizza mit, verziehe mich anschließend wieder.

16.12.’84, So: 3. Advent und noch 4 Tage. – Ich schlafe bis 10:30 Uhr. Den Rest des Tages gammle ich rum. Später schreibe ich noch an Freund Eike zu Hause. Um 18:30 Uhr kommt Hannes von seiner Wochenend-Heimfahrt zurück. Nach weiterem Rumhängen schlafe ich schließlich ca. 22:00 Uhr.

17.12.'84, Mo: Heute gibt es die Kunst-Klausur zurück. Meine Ausbeute: 07 Punkte. Nachmittags verfasse ich ein kleines, sicher inhaltlich 'leicht' übertriebenes Gedicht v.a. zum Zustand unseres Zimmers:

Irgendwo auf Langeoog

Die Heizung! Wie monoton sie tropft!
Eine Pfütze ist entstanden. –
Das Klo ist hoffnungslos verstopft,
und das Papier kam mal wieder abhanden.

Gelangweiltes Klima im ganzen Zimmer.
Entfernte Musik dringt an mein Ohr.
Durch die Fensterritzen zieht’s wieder schlimmer.
Die Heizung kämpfte und verlor.

Die Betten sind schon längst zerschlissen.
‘Ne tote Spinne klebt an der Wand.
Der Teppich wehrt sich noch verbissen,
doch der Dreck nimmt langsam Oberhand.

Von der Fensterbank her weht es kühle.
Die Gardinen bieten ein trostloses Bild.
Noch schlimmer steht’s mit den Polstern der Stühle,
aus denen das Schaumgummi stückweise quillt.

Doch angesichts der Ferienzeit
seh’n wir über diesen Dreck
sorglos und mit frohem Herzen
mal desöfteren hinweg.

Abends, ca. 23:15 Uhr, steigen Hans und ich aus unserem Zimmerfenster aus, um noch einen kleinen Rundgang durchs spätabendliche, dunkle Langeoog zu tun.

18.12.'84, Di: Letzter Schultag!! - Wir schreiben die Geschichtsklausur!! … Negativ!! - . Danach bekommen wir die zweite Mathematik-Klausur des Halbjahres zurück, mit der ich den 'Vogel abgeschossen' habe: 15 Punkte!!! ... Selbst der sehr strebsame Carsten Dörr liegt hinter mir [Anm.: Man gönne mir die Freude an diesem Tag!!]. In der Parallelklasse 11a hat auch nur einer 15 Punkte geschafft, und zwar Hannes!! Guthmanns Kommentar unter meiner Klausur lautet ziemlich, wenn nicht exakt wörtlich so: "Sie haben alle Aufgaben verstanden und vorbildlich gelöst.". Der Text unter Hannes' Klausur liest sich sehr ähnlich, ebenfalls die Vokabel "vorbildlich" beinhaltend. Hannes erzählt mir später, daß als er von Guthmann erfuhr, daß in der Parallelklasse auch nur ich 15 Punkte geschrieben habe, er zu Guthmann scherzeshalber sagte: 'Das liegt am Zimmer.' Daraufhin Guthmann: 'Das liegt nicht am Zimmer, das liegt am Fleiß!'  [Anm.: Am heutigen Tag hatten wir das Pech der ersten Mathe-Klausur mehr als vergessen gemacht und nach außen hin endgültig unseren Ruf als Mathekoriphäen zementiert.] - Nachmittags gehe ich mit Widdel zu Eckart und zur Speisekammer. 

19.12.'84, Mi: Endlich Abreise in die Weihnachtsferien!! ... und zwar mit der 11-Uhr-Fähre. In Bensersiel angekommen fahre ich dann zusammen mit Mark und Arno per Bus nach Norden. Nach einiger Wartezeit am Bahnhof Norden geht es dann per Zug weiter. Ich sitze in einem eigenen, sonst leeren Abteil. Einmal während der Fahrt kommen Mark und Arno zu mir rüber und rauchen etwas, was ich Laie als Hasch wahrnehme!!! [Anm.: … Jedenfalls duftete es recht eigenwillig-süßlich.]