1987 (2)

[Seit dem 03.08.’87 bin ich nun also wieder auf L’oog, um nach dem nicht bestandenen Abitur die Klasse 13 zu wiederholen und den zweiten Abituranlauf zu tun. Ich bewohne nun im oberen Flur Zi. 43 – Frau Noltus hat mich und meine verbliebenen Habseligkeiten während meiner Abwesenheit aus Nr. 45 umquartiert – und zwar als Einzelzimmer. Udo und Heiko sind noch da, … allerdings auch Alex. Außer Udo gehören nun Frank ("Der Lächler"), Reza und Wolfram ("Der Wiener") zu meinen Haupt-Freizeitmitgestaltern und -bewältigern. Ansonsten lebe ich mein letztes Internatsjahr in einer Art von 'innerer Emigration', fühle mich bis zuletzt und vielleicht nicht gänzlich unverständlicherweise dem 87er Abi-Jahrgang mehr verbunden als dem, in den ich nun hineingerutscht bin und igle mich ein ganzes Stück weit in Traditionen und Gebräuchen ein, die ich nach dem Abgang von Hans, Marc und Oliver nun weitgehend allein durchzuziehen genötigt bin.]

13.08.’87, Do: Der Tag, an dem ich zum vermeintlich letzten Mal die "Speisekammer" besuche: Nachmittags gehe ich mit Udo hin. Im Laden trage ich wie üblich meine zum Kauf vorgesehenen Dinge (u.a. einen Becher "Müllermilch" und einen "Sonn Alm Camembert") in der Hand. Plötzlich spricht mich von der Seite ein Marktmitarbeiter an und läßt mich wissen, daß ich beim nächsten Mal einen Einkaufswagen nehmen sollte, da sie ansonsten auf mich als Kunden verzichten können (!!). Er habe mich schon wiederholt darauf hingewiesen, was allerdings ein glatter Irrtum ist. Ich frage also, wann er mir diese Verhaltensregel denn zuvor mitgeteilt zu haben meint. Er: Im vergangenen Winter. Lächerlich! Subsequent stelle ich meine Waren zurück und verlasse mit Udo ohne Einkauf den Laden wieder. [Anm.: Für mich als treuen und kauffreudigen Kunden seit ca. Anfang 1985 war das im Sinne von 'Der Kunde ist König' eine satte Majestätsbeleidigung!! Derlei barsche Maßregelungsversuche mir als Kunden gegenüber – hier noch dazu unter Zuhilfenahme falscher Tatsachen – führten generell lediglich dazu, daß ich meinerseits fortan auf den entsprechenden Laden als Lebensmittellieferanten verzichten konnte … Naja, eine Zeitlang habe ich es wohl durchgezogen, mich freizeitbezogen lediglich von Eckart versorgen zu lassen, aber irgendwann wurde ich natürlich doch zum ‚Umfaller’ gegenüber meinem Entschluß und frequentierte fortan dann auch wieder die "Leichenkammer" … ohne übrigens jemals wieder auf einen Einkaufswagenzwang angesprochen zu werden.]

15.08.’87, Sa: Sommerfest. – Stehe um ca. 10:30 Uhr auf. Eigentlich bin ich ja vorgesehen, um 11:00 Uhr drüben in einem Raum der Realschule während einer Vorführung auf das Inventar achtzugeben (Auftrag von Hashagen) … Kurz vor 11:00 Uhr bequeme ich mich also rüber zur Realschule, auf deren Gelände einiges los ist: Mehrere Stände sind bereits aufgebaut (z. B. Pfennigangeln mit Karlchen Lange und ein Flohmarktstand mit "Jim" Block [also mit Herrn Block]. Auch Herr Noltus sitzt an einem Stand und bietet seine roten Limerick-Büchlein mit dem Titel "Rhyming Rarities" an.). Ich begebe mich ins Realschulgebäude, schaue mich kurz und oberflächlich um, welcher Raum wohl gemeint gewesen sein könnte, entdecke nichts Zwingendes und mache mich geflissentlich wieder von dannen. Zurück im Internat gestalte ich mein Alternativprogramm: Packe Hesses "Steppenwolf" und Knusperproviant in eine Plastiktüte und begebe mich wieder hinaus, über die Holzbrücke, durchs Wäldchen und schließlich zum Hafen. Am Anleger liegt bereits die 14:45-Uhr-Fähre. Setze mich unten an den Fuß der abfallenden Rasenfläche direkt am Hafenbecken und lese im "Steppenwolf". … Bevor steht mir nun ein leidiges Internats-Wochenende.  

16.08.'87, So: Schaue ab ca. 23:25 Uhr im TV das Tennis-Finale aus dem "Manhattan Country Club" in Los Angeles. Es spielt Steffi Graf gegen Chris Evert. … Falls Steffi das Finale gewinnt, ist sie die Nummer Eins der Weltrangliste. ... Um 1:00 Uhr ist es dann soweit: Steffi gewinnt mit 6-3 und 6-4 und ist nun Weltranglistenerste! [Anm.: Tja, ohne Zweifel eine sportliche Sternstunde für Steffi und für die BRD. … Hätte ich mich in den Jahren zuvor schulisch nur annähernd so auf ein Ziel konzentriert, säße ich nun sicher nicht mehr im Internatssessel!! … Sei es drum, aus heutiger Sicht war / ist auch das an sich überflüssige, vierte Jahr Langeoog Gold wert.]

18.08.'87, Di: Mein Ohrwurm dieser Tage ist Whitney Houstons "I wanna dance with somebody" [Anm.: Der Titel war bereits vor Sommeranfang des Jahres Nummer Eins in Deutschland.]. Nachmittags begebe ich mich zusammen mit Wolfram, dem Wiener ins Dorf zum Einkaufen. Bei 'Fernost Eckart' kauft Wolfram mehrere Flaschen Rotwein ("Edler vom Mornag"), ich meinerseits eine Flasche "Patronensaft" = "Le Patron"-Wein (DM3.45). Zurück im Internat spielen wir dann auf Udos Videospiel-Konsole "Duell" / "Revolverhelden" [Anm.: ... den seinerzeitigen Klassiker schlechthin.]. Aus einem Plastikbecher probiere ich von Wolframs Wein. - Abends, während Martin G. bei mir im Zimmer im TV "Dallas" schaut, trinke ich am Schreibtisch sitzend aus einem Plastikbecher meinen "Patronensaft"-Wein. Später - Martin ist inzwischen weg - mache ich mich nach den alltäglich den Fernsehabend beschließenden "Nachtgedanken" mit Kuli um ca. 0:10 Uhr - gerne auch "Schlachtgedanken" genannt - in Pilchs ehemaligem Bademantel und zusammen mit dem Lächler noch auf an die frische Luft; Lächler hat einen Haustürschlüssel. Wir gehen auf unserem nächtlichen Gang ins Dorf, bei der "Speisekammer" vorbei, Gartenstraße, Am Wall und zurück.

19.08.'87, MiVor drei Jahren begann meine Langeooger Schullaufbahn. – In Geschichte bei Karl Lange schauen wir in Raum 4, dem Fernsehraum, die per Videorecorder aufgenommene Dokumentation "Hitler – eine Karriere". Mittags beim Fraß gibt’s Hacksteaks. Brille hat mehrere davon in seinem Besitz, will aber dem dazukommenden Reza keins abgeben. - Nach dem Fraß im Internat begebe ich mich mit meinem Physikheft, Hesses "Steppenwolf" und einer Flasche Zitronensprudel in den Noltus'schen Gruppenraum. Erledige dort mithilfe Lächlers Taschenrechner die aktuelle Physik-Hausaufgabe, lege mich anschließend bis zur nachmittäglichen Physikstunde um 16:30 Uhr in meinem Zimmer ins Bett. Abends gehe ich - via Wäldchen - kurz an den Strand und sehe den Sonnenuntergang. ... Mich beschäftigt die Englisch-Hausaufgabe "Characterization of Walter Mitty". Um 23 Uhr lerne ich zu einer TV-Dokumentation über Alfred Hitchcock Englisch-Vokabeln.

26.08.'87, Mi: Nach 0:00 Uhr begebe ich mich – im Bademantel und mit einem Becher "St. Stephanus"-Weißwein – zusammen mit dem Lächler runter in den Vorflur beim "Meeting"-Eingang, wo die Tischtennisplatte steht, und wir spielen Tischtennis; Lächler mit einem herkömmlichen Schläger, ich mit dem Latein-Grammatikbuch. ... Funktioniert ganz gut.

27.08.'87, Do: Um 16:00 Uhr, nach Gemeinschaftskunde bei Block, komme ich zurück ins Internat, wo mich oben der Lächler in sein Zimmer 48 bittet. Dort zeigt er mir eine in der Ecke abgestellte Tasche mit Riemen. Er fragt mich, wem diese wohl gehöre und es stellt sich heraus, daß es Marcs (Marc Widdels (!)) Tasche ist und Marc heute unversehens zu Besuch auf der Insel eingetroffen ist! Gerade sei er zu Udo gegangen. Ich begebe mich natürlich sofort runter in den unteren Flur und zu Udos Zimmertüre ganz hinten links. Diese ist nun allerdings verschlossen und so warte ich oben in meinem Zimmer auf Marcs Erscheinen. Um 17 Uhr gehe ich dann mal kurz ins Dorf und kaufe bei "Fernost" (bzw. "Feinkost Eckart") eine Packung Toastbrot und eine Tafel "Milka"-"Joghurt". Wieder zurück in meinem Internatszimmer tritt dann plötzlich Marc ein. Er sagt, er sei bei Udo im Stall (Reithalle Voss) gewesen und erzählt, er habe vor ein paar Wochen irgendwo gearbeitet, dann die letzten zwei Wochen nur rumgehangen, gefressen, ferngesehen und geschlafen. Kurz bevor er jetzt nach Langeoog gekommen ist, habe er Hans in Leer besucht, sei mit ihm per Zug nach Emden Außenhafen gefahren, habe in Leer Malte (Sonnenberg) getroffen u.a. [Anm.: Die Namensbezeichnung des Sackgleises Emden Außenhafen war zu gemeinsamen Internatszeiten für Hans und mich eine Art amüsanter Inbegriff für eine Route, die ins völlige Nichts führt. ... Zumindest ich wußte damals nicht, daß von Emden Außenhafen die Fähren nach Borkum übersetzen. - Ich kann nun nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob wir einst vorhatten, einfach spaßeshalber mal dorthin zu fahren, aber Hans und Marc hatten es nun jedenfalls in die Tat umgesetzt.]. Nach 17:30 Uhr gehe ich zusammen mit Marc (nochmal) ins Dorf zu "Feinkost Eckart", ein paar Kleinigkeiten einkaufen (Marc u.a. einen "Sonn Alm Camembert", ich u.a. drei "Dolomiti"-Eise). Lassen uns damit dann auf einer der Parkbänke der Grünanlage vis-à-vis von Eckart nieder zur partiellen Verköstigung. Begeben uns dann am Wasserturm vorbei zum Strand, diesen gen Süden entlang und zurück durchs Wäldchen zum Internat. Inzwischen hat übrigens die Arbeitsstunde begonnen (Hashagen ist heute der durch die Zimmer gehende Arbeitsstundenaufsichts-lehrer). Ungeachtet dessen habe ich vor, gleich mit Marc Tennis spielen zu gehen. Vor dem Oberstufeneingang des Internats schneidet Marc mit seinem Messer von einer Stange eine "unnütze" [Zitat Notizen] Wäscheleine ab, die uns quasi als Netz ersetzende Höhenbegrenzung dienen soll. Holen kurz die Tennisschläger und den Ball aus meinem Zimmer und begeben uns über die Holzbrücke des Stinkschloots. Marc bricht noch einen herumliegenden, stabilen Ast in drei Teile (eins soll als Netzhalter dienen, ein zweites als Netzpfosten) und wir gehen also mit Wäscheleine und den Aststücken weiter zum Tennisplatz am Flugplatz. Im Jugendtreff dort ist gerade einiges los: Mucke läuft und Jugendliche laufen herum. Da der Sportplatz neuerdings verriegelt und mit Zäunen abgegrenzt ist, müssen wir vom Spielplatz aus durch eine niedrige Zaunöffnung kriechen. Auf dem Tennisplatz angelangt installiert Marc unsere Netzaushilfe, wir spielen uns Bälle zu und nehmen dann ein Ein-Satz-Match in Angriff. Als beim Stand von 4:3 und 30:0 für mich Marc der Ball über den hohen Zaun zum Flugplatz hinüberspringt und Marc rüberklettert, um ihn zurückzuholen, schneidet er sich beim Zurückklettern am Stacheldraht den Finger, so daß wir nun unsere Tennisaktivität abbrechen. Bauen ab, kriechen wieder unter dem Zaun durch und gehen zurück zum Internat. Mittlerweile ist es 20:30 Uhr und damit die Arbeitsstunde vorbei. Im Zimmer trinke ich dann einen Becher "Müller"-"Kalinka Kefir" sowie eine Dose "Fanta"-"Mango", Marc aus einer Mineralwasserflasche Himbeersirup mit Leitungswasser. Als es dann schon dunkel draußen ist, gehen wir noch einmal ins Dorf, ich nun in Pilchs altem Bademantel. Im Dörp holt Marc sich am Eiswagen vor dem Hotel "Upstalsboom" ein Waffeleis; Eismann ist Internatsschüler Friedrich aus der Obersekunda [bzw. Klasse 11, denn die lateinischen Klassenbezeichnungen gab es auf Langeoog nicht], der im unteren Flur wohnt. Gehe mit Marc weiter zum "HDI" und Marc begibt sich den Weg hoch zur "Givtbude" ("Givte"), nur um kurz reinzuschauen; ich warte derweil unten auf einer Bank am Hotel "Aquantis". Kurz drauf ist Marc wieder da und wir tapern weiter, am Inselkino "Windlicht" vorbei, Gartenstraße und an der Reithalle "Voss" vorbei zu den zwei Telefonzellen an der Bahnhofsgrünanlage. Von einer der Zellen ruft Marc nun Oliver in Hamburg an. Nach etwas Konversation seinerseits holt Marc mich auch mal an den Hörer. Oliver hat schon erfahren, daß ich auf der Insel geblieben bin und er sagt, er wolle eventuell mal demnächst am Wochenende zusammen mit Zivi Sebastian auf die Insel kommen. Schließlich zurück im Internat treffen wir im oberen Flur auf Frau Noltus. Sie fragt mich, wo ich den ganzen Tag gewesen sei (v.a. in Hinblick auf die versäumte Arbeitsstunde). Ich sage: Mal draußen, mal hier ... [Anm.: Tja, so einfach war das wohl.]. Zu Marc sagt Frau Noltus: "Hallo, Widdel." [Anm.: Marc mochte es gar nicht, wenn man ihn Widdel nannte, aber das konnte Frau Noltus ja auch nicht wissen ... trotzdem eine etwas ungewöhnliche Anrede.]. Sie läßt Marc wissen, daß ihn eine Übernachtung im Internat DM10.- koste, woraufhin Marc entgegnet, daß er nicht vorhabe, im Internat zu nächtigen. Spiele in meinem Zimmer um Zehn vor Elf noch ein Sch(w)achspiel mit Marc, dann wandert er 23:10 Uhr ab; er ginge nun noch runter zu Udo und werde dann im Schlafsack irgendwo draußen übernachten. Bis morgen also.

02.09.'87, Mi: Esse zur Zeit gerne ungetoastetes Toastbrot mit Butter und Nutella. - Sitze abends bei Reza im Zimmer [Anm.: Nr. 45 im unteren Flur.], wo wir kleine Mengen seines Whiskys trinken. Unterhalte mich mit Reza über mein Vorhaben, mir die Haare hellgrün zu färben. Begebe mich dann zusammen mit ihm hinaus zum Telefonieren und rufe zu Hause an. Es ergibt sich im Gespräch mit meiner Mutter, daß ich doch am kommenden Wochenende nach Emsdetten kommen werde. Zurück im Internat - der Lächler hat Tabak mit Gewürzen u.a. gemischt - entere ich mit ihm wieder Rezas Zimmer und wir trinken Whisky mit "Quench", was super schmeckt. - Als ich dann zurück oben in meinem eigenen Zimmer bin, kommen plötzlich Wolfram und Lächler zur Tür herein und Wolfram überreicht mir Udos Sattel, den Udo zusammen mit anderen Klamotten in Wolframs Zimmer [Nr. 44, gleich vis-à-vis] gelagert hat und auch mir schon einmal geben wollte. Wolfram tut so, als habe ich Geburtstag und schenkt mir das gute Stück aus ebendiesem (vermeintlich) imaginären Anlaß [Anm.: Er wollte das Ding einfach los sein.]. Ich nehme den Sattel an und entgegne, daß ich morgen tatsächlich Geburtstag habe, was Wolfram natürlich überrascht. Der Sattel findet Platz auf meinem Regal [und bleibt bis zu meinem Internatsabschied im folgenden Jahr Dekorationsbereicherung meines Zimmers. Er gehört zu den Dingen, die ich mit nach Hause nehme und wird später noch Jahre auf dem heimischen Dachboden schlummern.]. - Als Udo von der 'Übereignung' erfährt, tut er so, als wolle er den Sattel zurückhaben. Das ist natürlich scherzhaft gemeint und wird zu einer Art running gag, wenn Udo in der Folgezeit in meinem Zimmer zu Gast ist und hin und wieder angedeutete Anstalten macht, den Sattel vom Regal herunter- und mitnehmen zu wollen.

[Als hin und wieder akribischer 'Archivar des Unnützen' legte ich mir mit Beginn des Schuljahres, am 03. August '87, eigens zur Erfassung in erster Linie meiner Einkäufe bei "Feinkost Eckart" und der "Speisekammer" ein Heft an, in dem ich alle erstandenen Lebensmittel ... und dazu auch andere private Ausgaben ... mit ihren entsprechenden Preisen auflistete. Es diente dabei rein der Dokumentation meines damaligen Konsumverhaltens, ganz und gar nicht etwa einer ökonomischeren Umgangsweise mit den mir beschiedenen Barfinanzen !! - Auf diese Quelle gestützt hier nun einmal zwischendurch ein paar beliebte Genußmittel der Zeit meinerseits und deren Preise (August & September 1987):

1 Dose "Suzi-Wan Nasi Goreng": DM3.99

1 Flasche (1 Liter) "St. Stephanus" (Weißwein): DM4.25 / dann DM4.95

1 Flasche "Rheinfels" Zitronenlimonade: DM1.40

1 500ml-Becher "Müllermilch": DM1.49 / DM1.39

1 Packung "Bahlsen Barbecue Chipsletten": DM1.99

1 "Balisto Milch-Honig-Creme": DM0.70

1 "Dolomiti"-Eis: DM0.60

1 Glas "Nutella": DM3.65

1 Packung "Golden Toast": DM2.29

... naja, und so weiter eben. Es werden hauptsächlichst die Preise bei Eckart gewesen sein, angesichts meiner temporären "Speisekammer"-Abstinenz.]

Die Nacht der schwarzen Punkte

[Es gibt zwei 'unschöne Aktionen' mit meiner maßgeblichen Beteiligung, deren Motivationen für mich heutzutage nicht mehr nachvollziehbar sind und die ich nur ins Reich des übermütigen Tatendrangs einordnen kann. Böswilligkeit anderen gegenüber oder Destruktionsfreude steckten jedenfalls nicht dahinter, auch wenn entsprechender Schaden angerichtet wurde. Hier nun die Schwarze-Punkte-Aktion.]

Die Grundidee des Ganzen ist diese: Als Zeichen des Protestes gegen die zunehmende "Verweißlichung" [mein Begriff] des Internats (gemeint ist der vorwiegend weiße Anstrich) haben ich und der Lächler geplant, jeden Tag an irgendeiner Stelle der Oberstufe einen 'schwarzen Punkt' (quasi einen Kreis mit dem Durchmesser ca. 8cm) mit Farbe anzumalen, so daß es dann im Laufe der Zeit immer mehr werden würden. Den ersten Punkt male ich Anfang September 1987 an eine Wand des oberen Oberstufenflurs.

Nacht 09. / 10.09.'87 (Mi. auf Do.):In dieser Nacht verläßt uns die Geduld, jeden Tag irgendwo nur einen neuen schwarzen Punkt anzumalen, wir geben die ursprüngliche Vorgabe auf und wollen nun in einer Nacht gleich überall unsere Punkte hinpinseln. Mit der schwarzen Lackfarbe aus einem Schrank des Dachbodens (oder dessen Vorraums) und anfangs noch einer zurechtgeschnittenen Kreisschablone aus Papier machen wir uns also ans Werk: Wir laufen im Nachtruhe-stillen Internat umher und pinseln an alle erdenklichen Stellen unsere schwarzen Punkte: an die Flurwände, Türrahmen, auf einen Toilettendeckel, an die Klotüren des WCs des oberen Flurs von innen in Sitzhöhe etc.. Nach getanem Werk verstecken wir Farbtopf und Pinsel dann in einem Karton in einer Plastiktüte auf dem Dachboden. Zufrieden machen wir uns per Kochplatte noch zwei Fertiggerichte heiß.

10.09.'87, Do: Nachdem nach dem Erscheinen der ersten schwarzen Punkte gestern schon Radzuweit und Reza als Übeltäter verdächtigt wurden, da sie beide in Besitz von schwarzer Farbe sind, richten sich nun verstärkt Verdachte gegen den Lächler, nicht zuletzt da die BOSS-Bilder-Aktion auch als seine Tat bekannt ist (was aber nur partiell stimmt). Für den Nachmittag ist nun eine Besprechung von Frau Noltus und den Stufensprechern geplant. Mittags kommt der Lächler mit immer neuen Meldungen zu mir ins Zimmer, u.a. mit der, daß Noltus die Kripo einschalten wolle (!). Im Gegensatz zum Lächler läßt mich das alles ziemlich gelassen. Dann läßt der Lächler - aus welcher Situation heraus auch immer - indirekt Stufensprecher Steppes gegenüber durchblicken, daß er - Lächler - der Übeltäter sei. Schließlich wird Dorfpolizist Labbé eingeschaltet, der zu Noltus in die Wohnung kommt. Es kommt zu einem Gespräch Noltus - Lächler - Labbé, in dessen Verlauf Frank schließlich zugibt, für die angemalten Punkte verantwortlich zu sein ... als ihm Labbé die Kosten einer Fingerabdruck-Untersuchung vorrechnet. Es mag vermutlich Bluff seitens Labbé gewesen sein, aber verdammt, ja!! ... Verräterische Fingerabdrücke hatten wir tatsächlich an einer Stelle hinterlassen, und zwar, als wir einen der Gangbilderrahmen abhängten, auf die leere Bildfläche einen unserer Punkte malten, diesen dann - um die Glasscheibe, die wir danach wieder einsetzten, nicht mit der frischen Farbe zu beschmutzen - mit einem Stück klarsichtiger Plastikfolie abdeckten und den Rahmen wieder aufhingen!! Hier und nur hier konnte man uns theoretisch etwas nachweisen!! ... Also, nicht lange nachgedacht: Diesen Bilderrahmen gilt es nun für mich verschwinden zu lassen, während Noltus, Lächler und Labbé ihre Diskussion fortsetzen. Dummerweise für mich ist Steppes gerade noch vorne beim Telefonieren auf dem Flurtelefon und ich muß warten, bis er sich endlich auch zur Noltus'schen Wohnung begibt. Als dann die Luft rein ist, hänge ich das verräterische Bild von der Flurwand ab und laufe damit zum Dachboden, wo ich es verstecken will. ... Ich komme allerdings zu spät: Die Speicherluke ist verschlossen! Verstecke den Bilderrahmen ausweichend hinter dem rechten Schrank des Dachbodenvorraums. Als der Lächler dann erfährt, daß Steppes die Dachbodenluke verschlossen hat, kapituliert er endgültig und nennt uns beide als Verantwortliche für die schwarzen Punkte. Er dachte, daß ich unbeabsichtigt auf dem Dachboden oben eingeschlossen sei, beim Versuch, den Bilderrahmen zu verstecken. ... Sei es drum!!

Unser 'Strafmaß' von Seiten Noltus sieht dann so aus, daß wir lediglich alle gepinselten Punkte wieder zu entfernen haben, was damit doch recht milde ausfällt. Nachdem ich mir während der Arbeitsstunde Themen für die morgige Physik-Klausur zu Gemüte geführt habe (Hysterese, Massenspektrometer, Wien-Filter), ziehe ich mir am Ende der Arbeitsstunde meinen weißen Kittel an und mache mich zusammen mit dem Lächler daran, unsere Punkte wieder verschwinden zu lassen. Zunächst versuchen wir noch, die schwarzen Stellen mit einem von Noltus zur Verfügung gestellten Farbabbeizer vor dem Übermalen mit weißer Farbe zu entfernen, dann wird aber der Bequemlichkeit halber nur noch schlicht mehrfach weiß übermalt. Während ich so mit Farbtopf und Pinsel unterwegs bin, äußern Leute wie der Wiener oder auch Reza, von denen ich es nicht erwartet hätte, ihre Verständnislosigkeit / Entrüstung über die Tat. Als ich dann unten unweit des Eingangs beim Pinseln bin, fragt mich Herr Hashagen, der heute Arbeitsstundenaufsicht hatte, nach dem Motiv für unser Tun, woraufhin ich die zuvor postulierte "Verweißlichung" des Internats nenne.

[Anm.: Bereut hatte ich die Aktion seinerzeit ganz und gar nicht; ich fand sie - im Gegenteil - durchaus originell. Heutzutage werte ich sie als deplazierte, grenzenüberschreitende Albernheit, die dank der Noltus'schen Milde und Nachsicht keine weiteren unangenehmen Konsequenzen mit sich brachte.]

***

03.11.'87, Di: Gehe nachmittags mit dem Lächler raus. Auf dem Weg zum Strand machen wir bei Döppis katholischer Kirche am Ende der Friesenstraße Halt und betreten diese. Im Vorraum hängt ein Pappschild mit eingearbeiteter Glühbirne von der Decke, auf dem steht: "Nun lassen Sie mal Ihr Licht leuchten!". Diese Empfehlung bezieht sich auf die im Vorraum ausliegende Kirchenliteratur. Für DM -,50 entzünde ich eine Kerze und lasse so auf alternative Weise mein Licht leuchten. Gehe mit dem Lächler weiter an den Strand und diesen nach Südwesten entlang, durchs Wäldchen und zum Bahnhof, wo ich mir beim Bahnhofskiosk Epi eine "Heiße Hexe" gönne. Lächler läßt sich eine Pizza schmecken.

15.11.'87, So: Nachmittags begebe ich mich zusammen mit Pilch, der vorgestern auf einen Wochenendbesuch ins Internat kam, zu Epi [Anm.: = der Kiosk gegenüber vom Bahnhof], wo wir uns zwei "Heiße Hexen" zu je DM 3,50 kaufen. Pilch kauft sich zusätzlich weiße Mäuse sowie eine Flasche Apollinaris-Mineralwasser. Setzen uns mit dem Eingekauften gegenüber auf eine Bank der Bahnhofsparkanlage und vertilgen die Cheeseburger, von denen wir einige Stückchen an die Vögel verfüttern. Dann kommen Bodo v. Estorff und ein anderer Typ (der ebenfalls nur kurz auf Visite war) in Begleitung von Spätzle und Alexandra v. Lauff zum Bahnhof. Nachdem Bodo & der 'Unbekannte' mit dem Zug zur 16:15-Uhr-Fähre losgefahren sind, gehen Pilch und ich noch einmal zu Epi ran und internalisieren jeder noch eine weitere "Heiße Hexe". Begeben uns anschließend - unterwegs jeder auf einer weißen Maus kauend - zurück zum Internat und spielen in meinem Zimmer eine Runde Videopac ("Duell", "Die Suche nach den Ringen", ...). Der Lächler kommt dazu. Gehen dann zum Abendessen. Nach dem Göbel-Essen ist sowohl Pilch als auch mir übel, was wohl weniger der Internatsküche, sondern vielmehr den je zwei "Heißen Hexen" zuvor zuzuschreiben ist. ... Pilch fühlt sich direkt "garstig". - Später dann spielen Lächler und ich unten Tischtennis ... mit zwei Bratpfannen als Schläger und einem Tennisball als Ball. - Zurück in meinem Zimmer spielen dann Udo und ich Monopoly (Stichwort: "Steck Dir mal 'n Zwanni ein!"). Hinterher gehen Udo und ich runter ins Meeting, wo der Wiener seinen Internatsabschied feiert. Wir bekommen gleich von Jens Parzies jeder eine Flasche Beck's Bier in die Hand gedrückt. Der Wiener macht Photos. Ich setze mich dann mit dem Lächler an einen Tisch in der Ecke. Es sind alle möglichen Leute da. Horb unterhält sich mit Karl (Lange), Pilch ist ebenfalls unter den Gästen. Hinter der Theke agieren Gerold und Reza. - Zum Abschluß des Tages gehe ich mit dem Lächler hinterher noch raus, telefonieren.

08.12.'87, Di: Als ich abends vom Fraß bei Göbel zurück ins Internat komme, finde ich meine Zimmertüre offen vor. Ich trete ins dunkle Zimmer, mache Licht und unversehens sitzt dort Udo! Spiele mit ihm nun auf ehemals seiner alten Spielkonsole [Anm.: ... dem Bespaßungsgaranten "G7000"-"Videopac Computer" von Philips] "Duell" [unseren Klassiker mit den beiden schlaksigen Pistoleros, die sich in einer bunten Pilzfelsenwüste duellieren ... wahrlich zum Schießen! ] . Wir kommen auf die Idee, "Monopoly" zu spielen, haben allerdings nichts zu trinken dazu [Anm.: Moment! ... Ist jetzt nicht Arbeitsstunde?!], dafür hat Udo eine seit einer Woche abgelaufene Leberwurst dabei. Wir überlegen nun, wo wir um diese Zeit noch Getränke herbekommen können und entscheiden uns beim Getränk der Wahl für Dosenbier. Bei der Frage nach der benötigten Dosenmenge sind es erst fünf, dann sechs, sieben ... "gut, also acht", dann neun, bis wir uns auf zehn Dosen pro Person einigen. Ca. 20:00 Uhr begeben wir uns dann zur Getränkebeschaffung schließlich hinaus, ich in Pilchs gestreiftem Bademantel. Wir gehen 'unauffällig' die Kirchstraße runter ins Dorf, Udo zur "Kaapstube", um dort 20 Dosen Hansa-Pils zu kaufen, ich zweige an der Grünanlage schräg vis-à-vis Eckart rechts ab, um kurz "eine Ableitung zu bilden" [Anm.: unsere interne, der Differentialrechnung entliehene Alternativbezeichnung für ... ähem ... "urinieren"]. Ich warte dann vor der "Kaapstube" auf Udo, der mit einer vollen Plastiktüte und einem Karton beladen herauskommt, in denen sich die angestrebten zwanzig Bierdosen befinden. Gehen noch kurz rüber zum "Stürhus" in der Barkhausenstraße, wo Udo mehrere Zigarettenpackungen "Gauloises" kauft, während ich mit Tüte und Karton auf der anderen Straßenseite warte. Als Udo wieder erscheint und ich im Bademantel und mit dem Bierdosengepäck auf ihn zusteuere, passiert plötzlich Dirk Dollmann aus der Klasse 12 die Szene. Ich grüße mit "Hallo.", wobei mir die Situation durchaus peinlich ist. Wie dem auch sei, Udo und ich machen uns mit den erstandenen Genußmitteln auf den Rückweg, die Kirchstraße rauf zum Internat, wobei ich eine leere Plastiktüte auf die Dosen im Karton gedeckt habe, damit es "unauffälliger" aussieht ... ja, wirklich sehr unauffällig ! Zurück in meinem Internatszimmer wirft Udo mir von der Sitzbank aus die Bierdosen einzeln zu und ich deponiere sie in meinem auf dem zweiten Schreibtisch positionierten Kühlschrank. Zur Benutzung als Aschenbecher [ - ich selbst habe ja keinen - ] schneidet Udo aus einer vorhandenen leeren Malzbierdose per Taschenmesser den Deckel heraus und wir öffnen unter dem Zimmerlicht der grünen Glühbirne, die ich mal aus Udos ehemaligen Zimmer geholt hatte, und bei einem Teelicht unsere erste Dose und hören meine Beatles-Cassetten. Reden über die 'alten' Zeiten (mit Hans, Oliver und Marc) wie Senioren. Udo raucht "Gauloises", bietet mir auch immer wieder eine an, worauf ich dann irgendwann eingehe und mitrauche. Zum Schein bauen wir vor 22:30 Uhr dann auf dem Tisch das "Monopoly"-Spiel auf, auf daß Frau Noltus beim Durchgehen zur Nachtruhe denken mag, daß wir gerade mitten im Spiel begriffen seien, damit sie Udo erlaubt, später das Internat zu verlassen und ihm den Schlüssel des Oberstufeneingangs gibt (bzw. mir, um nach ihm wieder abzuschließen). Wir bauen das "Monopoly"-Spielbrett sehr authentisch auf, mit Häusern auf entsprechenden Feldern, den Karten, legen auch "Monopoly"-Geld in die Mitte (wichtig!). Ich nehme den Würfel in die Hand und Udo hält eine Karte griffbereit. Als es entsprechend Zeit ist, kommt Frau Noltus dann auch herein, sieht uns beim vermeintlichen Spiel, erlaubt eine Verlängerung und händigt Udo [nach Plan] den Haustürschlüssel aus. - Den Mülleimer übrigens, voll mit leeren Bierdosen, hatten wir zuvor mit einer Plastiktüte sichtblendend abgedeckt. Udo und ich unterhalten uns noch über unsere 1986er Klassenfahrt nach München: Nachts draußen mit der [von einem Grab des Nordfriedhofs entwendeten ... Schande über uns damals, und das absolut ernst gemeint!] Kerze beim Nymphenburger Schloß, dann im Hauptbahnhof mit "Bobo", wie Udo ihn immer nennt, und einem zweiten Ausländer Karten spielen, wobei "Bobo" erzählte, Millionen gewonnen zu haben und jetzt nach Italien weiterreise, der andere aber sagte, "Bobo" habe das Geld geerbt etc. [ ... halt Erinnerungen an eine ganz offenbar merkwürdige Nacht]. 1:30 Uhr ca. macht Udo sich schließlich auf den Weg [Anm.: Er wohnt ja nicht mehr im Internat.] und ich schließe ihm unten die Haustüre des Oberstufenflügels auf. Zurück im Zimmer reiße ich dann alle drei Fenster auf, da die Bude von den "Gauloises" total verqualmt ist.   

09.12.'87, Mi: Abends jogge ich zusammen mit dem Lächler bei Dunkelheit die Hafenstraße rauf bis zum Hafen und zurück. Es ist glatt. Zur Anfeuerung der Laufbereitschaft bzw. zur Konditionsförderung hat jeder von uns einen Walkman dabei; meiner ist von Friedrich ("Sitty") ausgeliehen. Während des Laufs höre ich meinerseits nun also Beatles. Zunächst laufen Lächler und ich noch nebeneinander, dann fällt der Lächler zurück, so daß ich eher am Hafen bin und dann auch wieder – via Süderdünenring – beim Internat. Ich bin völlig erledigt und lege mich erstmal auf den gefrorenen Gräserboden unterhalb des Noltus’schen Eingangs.

16.12.'87, Mi: Vormittags Glatteis, dann Regen. Wir bekommen in Englisch die Klausur mit dem Thema "The time traveller" zurück. Ich habe 11 Punkte!!! … Vom Buch "The time machine" hatte ich nich' viel gelesen. Abends ruft mich meine Mutter im Internat an und läßt mich u.a. wissen, daß Hans' Brief vom 16.12.’86 eingetroffen ist. Außerdem könne ich jederzeit im heimischen Krankenhaus bezüglich meines im kommenden Jahr anstehenden Zivildienstes vorsprechen [Anm.: Am 16. Dezember des Vorjahres schrieben Hans und ich uns gegenseitig einen Brief, den wir genau ein Jahr später abschicken wollten. Sinn war, vom heutigen – also während des Schreibens zukünftigen – Standpunkt aus zu erfahren, wie der jeweils andere die damals aktuelle Situation vor genau einem Jahr sah und wie er sich die Zukunft innerhalb dieses Jahres vorstellte. … Betrachtungen der Beziehungen der Begriffe "Vergangenheit", "Gegenwart" und "Zukunft" hatten es uns schon immer angetan und waren oft Gesprächsstoff auf unseren Klassischen.]. Ebenfalls abends kommt Udo! Es ist heute sein allerletzter Abend auf Langeoog … er verläßt die Insel nun doch erst morgen. Wir spielen "Monopoly" und unseren Videospiel-Klassiker "Duell" (bzw. "Revolverhelden"). Bevor Udo dann morgen abreist, will er noch bei mir vorbeikommen.