1988

10.01.’88, So: Ich liege fast den ganzen Tag bis zur Dunkelheit (ca. vor 18:00 Uhr) im Bett, da ich vom gestrigen Trinkvergnügen (eine Flasche "Henkell trocken"-Sekt und eine Flasche Portwein) Kopfschmerzen habe. Schaue um 20:15 Uhr im TV "Death of a salesman" (mit Dustin Hoffman als Willy Loman). Nach 24 Uhr beschäftige ich mich dann mit Mathe (Vektorrechnung).

Januar 1988 (erste Hälfte):

Habe bisher zweimal nach der Arbeitsstunde mit Cécile (Moghaddam), Kl. 12, Schwester von Percilla, auf ihren Wunsch hin in meinem Zimmer Mathe gemacht, d.h. ich half ihr bei Verständnisfragen bzw. Hausaufgaben so gut ich konnte. Beim zweiten Mal hatte ich zuvor extra das Zimmer aufgeheizt und mein Bett oben gemacht.   

In Mathe laufen verstärkt Abitur-Vorbereitungen mit Ahlvers und zusätzlich auch mit Guthmann (mit dabei Spätzle, Alex, Heiko, Peter Guthmann und Frank Peters), wobei letztere Einheiten für mich als Eleven der 'alten (Guthmann'schen) Schule' fruchtbarer sind [Anm.: Das wird vor allem beim Thema "Komplexe Zahlen" offenbar; während dieses Thema die fatale Klippe meines Schiffbruchs im mündlichen Abi des vergangenen Jahres darstellte, konnte ich bei Guthmann jetzt gewahr werden, daß die Oberstufenmathematik wohl kaum einen simpleren Stoff zu bieten hat.]. Diese überaus ergiebigen Stunden finden entweder in Guthmanns Büro im Gymnasium oder in einem der dortigen Klassenräume statt.

Für mich gibt es folgende Klausuren zurück: Religion: 08 Punkte, Englisch: 11 P., Physik: 10 P., Geschichte: 10 P. und Mathe: 09 P.. [Anm.: Schriftlich lief es ja ganz gut. … Wenn ich jetzt nur noch mündlich wenigstens ein klein wenig Eloquenz an den Tag gelegt hätte …]

19.01.’88, Di: Nach Englisch (um 9:30 Uhr) schaue ich im Zimmer die Tennis-Live-Übertragung von den Australian Open (Viertelfinale). Erstes Match: Graf – Mandlikova (6-2, 6-2), zweites Match: Kohde-Kilsch – Minter (6-2, 6-4). Esse auf meiner Kochplatte bereitet ein Cevapcici-Fertiggericht. Wegen der Tennisübertragung lasse ich Mathe ausfallen.

Ich habe übrigens meinen Zimmerschlüssel zu Hause vergessen, so daß ich vorübergehend keinerlei Abschließgewalt über mein Refugium habe. So kommt es morgens vor, daß ich heimkehrend plötzlich vor abgeschlossener Türe stehe, wenn Julka bereits da war und den Mülleimer geleert hat, und ich dann mit ihrem Schlüssel aufschließen muß. Einige Tage später bekomme ich meinen eigenen dann von zu Hause geschickt.

Das schriftliche Abi 1988

Anfang Februar ist es nun soweit: Die Abiturklausuren stehen an!! Bei mir sind es in Reihenfolge Mathe (LK), Religion und Englisch (LK). Es beginnt also mit der größten Herausforderung, mit Mathe …

04.02.’88, Do: Der Wiener (Wolfram) ist mal wieder auf Visite nach Langeoog gekommen. Im Vormittag schlafe ich. Abends sitze ich in Marcs altem Zimmer (Nr. 50), im unteren Flur die letzte Tür links am Schreibtisch und unternehme letzte Vorbereitungen für die morgige Abiklausur in Mathe. Ich habe dieses leerstehende Zimmer gewählt, da hier niemand stört. Plötzlich kommt der Wiener zur Tür herein, der mich dann bei ein paar stofflichen Unklarheiten unterstützt. Später (20:15 Uhr) zurück in meinem eigenen Zimmer oben sehe ich letztmalig meine Mathematik-Hefte durch, während der Wiener auf meiner Sitzbank sitzt und einen Film im TV schaut.

05.02.’88, Fr: Stichtag!! – Heute ist Showdown und ich schreibe die sechsstündige Mathe-Klausur. Themata: Komplexe Zahlen, Vektorrechnung und Analysis. Ich sitze vorne und beschäftige mich mit Kugeln, Ebenen, Lotfußpunkten, Ähnlichkeitsabbildungen, Wendepunkten und und und. Bei mir läuft’s gut! Spätzle hingegen äußert, nichts mehr zu „raffen“. Um 10:00 Uhr wird das Frühstück hereingebracht (Kaffee, Brötchen, …). Ich enthalte mich natürlich und bleibe aufs Wesentliche konzentriert. Aufsicht haben erst Ahlvers, dann Block und Helmer. Um 13:10 Uhr bin ich dann zurück drüben im Internat im Zimmer. Schalte den Fernseher ein und schaue Tennis. Endlich habe ich das schriftliche Mathe-Abi hinter mir!! Reza ist auch im Zimmer. Schaue die Tennis-Davis-Cup-Begegnungen Becker – Motta (6-0, 6-2, 6-0) und Steeb – Mattar (6-1, 6-2, 6-3). Abends bleibe ich zusammen mit dem Lächler noch lange auf und wir hören Heino u.a..

08.02.’88, Mo: Tag des vierstündigen Religion-Abiturs. Thema: Euthanasie. Die Klausur ist wirklich einfach, da Döppi in der Abi-Vorbereitung praktisch schon die Antworten lieferte, was wir uns in weiser Voraussicht mitnotiert hatten.

09.02.’88, Di: Das sechsstündige Englisch-Abitur! – Themenbasis ist eine short story über drunkard / Philippino. Klappt gut!! Ich hatte gestern noch englische Redewendungen gelernt, um meinen Schreibfluß auch möglichst elegant zu gestalten. … Mittags habe ich mein schriftliches Abitur dann endlich komplett hinter mir!!! Ich überlege erst noch, ob ich heute die 16:15-Uhr-Fähre nehmen oder erst morgen abreisen soll … aber was hält mich hier noch? Der Wiener ist wohl auch inzwischen wieder abgereist … Nachmittags kaufe ich bei Eckart eine Flasche "MM"-Sekt. Auf dem Rückweg über Otto-Leuß-Weg / Bäckerei Hunger kommt mir dann Horb entgegen. Er sieht / ahnt wohl gleich, was ich da mit mir gen Internat führe, und fragt mich, ob ich denn auch alle Klausuren gut geschrieben habe. Sage ja. Horb darauf: "Dann kannste feiern."  Zurück im Zimmer entkorke ich die Sektflasche hinausknallenden Korkens am offenen Fenster und höre dann mithilfe von Hans' altem Radiorecorder so gut es geht Joe Cocker. Dann kommt unversehens der Wiener an meine Tür! Auf meinen indirekt geäußerten Wunsch hin sagt er zu, mich gleich noch zum Bahnhof zu begleiten. Wir gehen noch kurz runter zu Spätzle (bzw. "Ätzle"), wo wir ein Schinkenbrötchen abzweigen. Dann begleitet mich der Wiener also zum Bahnhof, wo ich den Zug zur 16:15-Uhr-Fähre nehme. Es folgt das "lange Wochenende".

***

Februar 1988:

Eines Abends nach meinem schriftlichen Mathe-Abitur steige ich auf einen der zwei Schreibtische meines Zimmers 43 und 'tapeziere' einen Deckenwinkel zweier Wände mit meinen während der Vorbereitungszeit mit durchgerechneten Aufgaben gefüllten und nun nicht mehr gebrauchten Schmierblättern. Der Lächler hält dies mit meiner Videokamera fest [Anm.: ... Nun ja, sei es als eine Art private Demonstration der allseits geglückten und damit überwundenen Abiturklausur geschehen.].

Zur Zeit treibt sich im Oberstufenbereich des Hauptinternats ein gewisser Herr Eser herum, welcher an Frau Noltus' freiem Tag die Vertretungsaufsicht innehat und zu jeweils entsprechenden Anlässen (Arbeitsstunde / Nachtruhe) durch die Zimmer geht. Seine Erscheinung wirkt auf uns Schüler recht eigentümlich, wenn er wie von unbekannter Macht hypnotisiert und von der Körperhaltung her steif wie ein Brett lautlos über den Flur wandelt, immer mal wieder plötzlich quasi aus dem Nichts auftaucht und auch sonst kaum ein Wort von sich gibt. Auch sein Anklopfen und Hineinschauen ins jeweilige Schülerzimmer ist markant: Er klopft ein einziges, dafür kräftiges Mal an die Tür, steckt dann manchmal nur kurz und wortlos den Kopf ins Zimmer und verschwindet wieder. ... Ich, Lächler und Reza nennen ihn ob seines schrullig wirkenden Habitus schnell "Die Leiche" .

18.02.'88, Do: Heute ist Jahrestag Hansens und meiner von uns gerne so genannten "Großen Revolution" von vor zwei Jahren. - Ich hätte zwar in meinen ersten beiden Schulstunden des Tages erst Englisch bei Block und dann Französisch bei Frau Heidekrüger, aber ich schlafe stattdessen aus: 'Man gönnt sich ja sonst nichts!' [Anm.: Der Satz ist Anspielung auf ebenjenes Werbezitat aus den im letzten Jahr kursierenden TV-Werbespots von "Malteserkreuz Aquavit" mit den Herren Krug und alternativ Strack als 'Lockvögel'. ... Man stelle sich heutzutage vor: Werbung für hochprozentige Alkoholika im freien TV, präsentiert von zeitgenössischen Fernsehlieblingen!]. Stehe ca. 13 Uhr schließlich auf. - Im Nachmittag stelle ich mein Zimmer 43 dahingehend um, daß es von der Aufteilung her annähernd wie unser altes Zimmer 45 (nebenan, bis 06.06.'87) arrangiert ist. Lediglich die Schrankwand steht nun noch auf der im Zusammenhang 'falschen' = rechten Seite der Tür. - Abends kocht der Lächler in der Gruppenraum-Küche irgendwelche seltsamen, gefüllten Nudeln im Vakuum-Plastikpack. ... Ich esse leider auch welche davon mit. ... Als Getränk der Wahl nimmt er zum Essen die ekelhafte [Zitat Notizen] "Sinetty Cola" [von "Sinalco"?] zu sich.  

20.02.'88, Sa: In den frühen Morgenstunden ereilt mich die Idee, meine Zimmerschrankwand nun auch [ - zur konsequenten Vollendung meiner zimmeriellen Retro-Vision - ] von rechts der Tür auf die linke Flurwand-Seite zu verschieben. Es ist nach 2 Uhr. Ich räume all meine Klamotten aus den Schrankkompartimenten, gehe rüber zum Lächler und frage ihn, ob er mir beim Umarrangement helfen könne. Klar ist er bereitwillig zu Diensten und kommt mit seinem Schraubenzieher-Set zu mir. Da ich zuvor bereits ein paar Schrauben entfernt hatte, kann man den Schrank nun leicht ankippen. Wir montieren zwei Schranktüren ab und ziehen den Schrankkörper, der ja wie alle Zimmerschränke keine Rückwand hat, leicht anhebend über die Teppichbodenkante und an die Wandseite links der Tür. Soweit so gut. ... Nun ergeben sich allerdings aus dem Seitenwechsel auch zwei ungewollte Neuerungen: Zum einen überdeckt der Schrank an seinem neuen Platz den Zimmerlichtschalter, so daß man fortan immer erst die erste Schranktüre öffnen muß, um ihn betätigen zu können [Anm.: Egal, die Funktionalität mußte hier halt dem Gesamt-Ensemble geopfert werden! ... Und verbal wunderte sich von offizieller Seite her mir gegenüber auch niemand.], zum anderen ist die Wand, an welcher der Schrank bisher stand, nicht wie die übrigen Zimmerwände weiß, sondern von früheren Zeiten her leider braun gestrichen. Zum vertuschenden Übertünchen derjenigen braunen Wandfläche, die nun nicht von Etagenbett und Kühlschrank abgedeckt wird, bekomme ich vom Lächler weiße Farbe, mit der ich nun einen kleinen Bereich über dem Kühlschrank entsprechend übermale. Der Lächler geht schlafen und ich bin noch bis ca. 4:30 Uhr in der Früh zugange, weiterzupinseln und meine Klamotten wieder in den Schrank zu räumen.

Nach der ersten Stunde des Schulsamstags, Physik bei "Haschkragen", gehen ich, Lächler und Reza zusammen ins Dorf, zum "Preisehammer" [bka "Speisekammer"] einkaufen. Ich kaufe eine Flasche Wein ("Côtes du Rhône"), eine Flasche Sekt ("Henkell Trocken"), eine Flasche "Extaler Zitronenlimonade" und eine Dose Nasi Goreng. - Meine Vorgehensweise, die verbliebene, große braune Zimmerwandwinkelfläche nun mit möglichst wenig Aufwand, also ohne lästige Weiterpinselei aus der Sicht zu nehmen, besteht darin, daß ich mir im Vormittag von mehreren Leuten (Reza, Christoph F. und "Sitty" (Friedrich K.) Plastiktütenposten hole, mir daraus diejenigen Plastiktüten mit den 'dekorativsten' Motiven ("Plus", "Aldi", "Karstadt", "Susi"-Süßwaren u.a.) aussuche und diese dann mit Paketband-Klebeecken zusammen wie eine Tapete arrangiert an die entsprechende Wandfläche klebe. - Nachmittags um 15 Uhr mache ich mich dann zusammen mit Martin G. auf zu einem Gang nach draußen, über das Wäldchen bei schönem Wetter zum (westlichen) Strand; eigentlich hatte ich mit dem Lächler losgehen wollen, aber der schien in seinem Zimmer 48 zu schlafen (Er reagierte nicht einmal auf unseren "Code" = Weihnachtsmelodien des Adventskalenders.). - Abends nach 21 Uhr begehe ich in meinem Zimmer den Jahrestag Hans' und meiner "Großen Revolution" vom 18. Februar '86: Habe eine Kerze auf dem Tisch zu stehen, die Tür mittels "zimmeriellen Abschlußverfahrens" verriegelt und trinke meine Flasche Sekt und die Hälfte des Weins [Traditionen - Fluch oder Segen? ... Auf Langeoog bezogen kann ich bzgl. der privaten ganz klar sagen: Segen!].

28.04.’88, Do: Ab halb Eins mittags schaue ich im TV Tennis vom Hamburger Rothenbaum: Es spielt Hansjörg Schwaier gegen Henri Leconte (5-7, 6-2, 6-7). Nachmittags nach 15 Uhr gehe ich zusammen mit dem Lächler ins Dorf. Da es regnet, gehen wir lediglich zu Eckart. Abends, nach Vorbereitungen für die Physik-Klausur am Samstag (Thema Optik), sitze ich beim Lächler im Zimmer, wo wir seine Bacardi-Pulle anbrechen. Mischen den Bacardi mit Apfelsaft und hauen uns auf der Erhitzungsgrundlage meiner Kochplatte zwei Fertiggericht-Packungen "Cevapcici" in den Kochtopf. Der Bacardi macht müde. Kurz vorm Schlafengehen dann, zu später Stunde, lehnen Lächler und ich zwei der im Vorflur liegenden Surfbretter aufrecht vor "M.G."'s ( = Martin Gaißers) Zimmertüre, auf daß sie ihm dann entgegenrauschen mögen, wenn er nichtsahnend die Tür öffnet. … 'Mein' Surfbrett rutscht allerdings. [Anm.: Die unsinnige, auf nachvollziehbarkeitsbemühter Basis unmotivierte & unprovozierte Aktion war quasi Prelude zu dem Anfang Mai stattfindenden Ereignis, das ich heute mit dem Attribut "Attentat" zu versehen nicht umhinkomme.]

29.04.’88, Fr: Abendliche Situation: Ich betrete den Waschraum und erblicke Steppes und Radzuweit, die sich dort gerade ein Fechtduell mit zwei Schrubbern liefern und sich dabei bestens amüsieren.

'La Réunion'

[Umständebedingt hatten Hans und ich seit unserer letztjährigen Abreise nach dem Abi ’87 keinen persönlichen Kontakt. Ich hatte erneut aufs Abitur hinzuarbeiten, Hans war inzwischen im krankenhäuslichen Zivildienst in Weener tätig und hatte privat die eine oder andere Beziehungsklippe zu umschiffen. Am 03. Mai 1988 kommt er mich dann spontan auf L'oog besuchen, und so zelebrieren wir 'vor authentischer Kulisse' einen Tag lang unsere liebgewonnenen Traditionen der gemeinsamen Internatszeit.]

02.05.’88, Mo: Arbeitsstunde: Hans ruft mich im Internat an und eröffnet, daß er morgen nach Langeoog komme, mich zu besuchen. Er sucht erst mit einigem Zeitaufwand passende Abfahrtzeiten von Bensersiel und für die Rückfahrt raus. Schließlich will er dann mit der 8:15-Uhr-Fähre anreisen.

03.05.'88, Di: Nachdem ich gestern abend noch am Bahnhof festgestellt habe, daß die erste Fähre von Bensersiel nach Langeoog nicht um 8:15 Uhr, sondern erst um 9:30 Uhr fährt, liege ich heute um 8:15 Uhr noch im Bett, wobei ich eigentlich in der zweiten Stunde (um 8:35 Uhr) Englisch-LK bei "Jim" (Herrn Block) hätte. Das Flurtelefon vorne klingelt, etwas später kommt Alex Wörz ins Zimmer und läßt mich wissen, daß Hans gerade angerufen habe und mit der 9:30-Uhr-Fähre komme. Um 9:10 Uhr mache ich mich dann auf den Weg zu Fuß (durchs Wäldchen) zum Hafen, um Hans dort direkt abzuholen. Warte am Anleger auf die Ankunft der Fähre, die um 10:00 Uhr schließlich anlegt. Einer der ersten, die aussteigen, ist Hans. Begrüßen uns per Handreichung. In der Inselbahn zum Bahnhof erzählt Hans mir, daß er seinen Zivildienst im Krankenhaus in Weener leistet. Zum Teil müsse er nervige Sachen erledigen und sei dauernd am Laufen (Medikamente austeilen etc.) [Anm.: Tja, Pflegedienst im Krankenhaus ist nun mal kein gemütlicher Zeitvertreib … wovon ich mich drei Monate später selbst überzeugen konnte!]. Schlimm sei die obligatorische Kaffeepause. Am Bahnhof angekommen gehen wir zum Internat. Von der Friesenstraße am "Haus Sonnenschein" links um die Ecke zum Internat abgebogen, tut sich uns der früher schon oft nach den Ferien als 'grausam' empfundene Blick die Zielgerade entlang aufs Gebäude auf. Hans fragt, ob noch viele von den 'alten' (= Hans noch bekannten) Leuten da seien. Oben in meinem Einzelzimmer 43 muß Hans dann konstatieren, daß es nahezu genauso aussieht wie unser ehemaliges, gemeinsames Zimmer 45 nebenan; er fühlt sich "in der durchlebten Vergangenheit." [Anm.: Und genau das Erreichen dieser Identifikation war es, was mich in den Monaten zuvor zu entsprechenden Maßnahmen trieb, jenes vertraute und wertgeschätzte Einrichtungsszenario wiederherzustellen!!]. Wenig später bereits machen wir uns dann auf ins Dorf … oder "in town", wie Hans früher gern sagte. Auf dem Flur treffen wir den Lächler, der Hans kurz begrüßt. Auf dem Weg ins Dorf dann begegnen wir noch Karlchen Lange mit seinem Hund "Ecco", der nur Französisch versteht. Wie gehen weiter zur "Leichenkammer" [… ähem … "Speisekammer"] und kaufen dort v.a. drei Pullen Sekt: zwei Flaschen "Henkell trocken" und eine "Rüttgers Club", außerdem zum Mittagessen im Zimmer zwei Dosen Nasi Goreng ("Sonnen Bassermann"). Nach Abladen des Eingekauften in meinem Zimmer begeben wir uns wieder hinaus, auf einen sog. „Ehrenklassischen“: Wir überschreiten ‚würdevoll-angemessen’ die Holzbrücke über den Stinkschloot … nicht, ohne dabei eine Stricheintragung im Geländer zu hinterlassen … und gehen die so vertrauten, hundertfach entlanggewandelten Wege des Inselwäldchens: über die "Klassische Wende", "in die Zukunft" u.a.. Unterhalten uns dabei über vergangene Zeiten. Als wir dann auf dem Rückweg vom Süderdünenring her wieder zum Oberstufenflügel kommen, wartet dort Frau Noltus, die uns kommen sieht, und sagt zu uns noch auf Distanz: "Wie in alten Zeiten!". Sie begrüßt dann Hans, erkundigt sich, was er inzwischen so tue und er sagt, er wisse noch nicht, was er nach dem Zivildienst machen werde. - Zurück oben in meinem Zimmer nimmt sich nach dem "Abschlußverfahren" ( = Verschließen der Zimmertüre von innen) jeder eine Flasche "Henkell trocken" zur Hand und ich lege eine Cassette klassischer Musik ein, mit den so oft gehörten Mozart'schen Symphonien ... nur habe ich leider das historische "Jägerlied" nicht dabei.

(Fortsetzung folgt!)

***

Das 'Attentat' auf M. G.

[Es gibt in meinen vier Langeooger Jahren zwei - und nur zwei - 'Aktionen' meinerseits, die ich im nachhinein und bis heute bereue; nicht, weil sie etwa nachteilige schulische Konsequenzen für mich nach sich gezogen hätten (das taten sie nicht), sondern weil beides klar jenseits der Grenzen von Anstand und Mitmenschlichkeit lag, Personen emotional verletzt wurden und im zweiten Fall auch noch relativ grobe Sachbeschädigung hinzukam. ... das alles jeweils ohne jeglichen Grund oder Anlaß. - Die eine Aktion waren die ... 'Bettüberraschungen' für Marc 1984, die andere war das 'Attentat auf Martin G.' wenige Wochen vor dem mündlichen Abitur.]

In der ersten Maiwoche 1988 setzen ich und Lächler einen zuvor ersonnenen [, radikalidiotischen (!)] Plan in die Tat um: Als Martin nicht in seinem Zimmer ist [Anm.: Es war das kleine, vom Flur separate Einzelzimmerchen nahe der Treppe.] , gehen wir auf den Internatsdachboden, stampfen mit einem Eisenrohr, welches dort herumliegt, eine relativ dünne Stelle direkt über "M.G."s Zimmer ein (wir hatten richtig lokalisiert), so daß ein gewisses Loch in der Decke entsteht, und ich schütte ein von uns zuvor zusammengemixtes Gemisch aus Wasser, Marmelade, Bananen [von Göbel], Terpentin u.a. durch diese Öffnung hinunter. Es ist nicht viel, was da hernieder geht, aber den Umständen entsprechend und ungezielt trifft ein Anteil auch Martins Schreibtisch mit Zetteln u.a. darauf. Martin ist hinterher natürlich entsetzt, verständigt Noltus und seinen Vater.

09.05.'88, Mo: Ich komme [nach dem Wochenende] mit der 17:30-Uhr-Fähre zurück nach Langeoog. Als ich über den Internatshof zum Oberstufeneingang schreite, sitzen dort u.a. Friedrich ("Sitty") und Magnus und äußern mir gegenüber, daß es gut sei, daß ich unter "Abiturschutz" stünde. Ich beziehe das auf meine verspätete Anreise und sage "Ja." ... Dann erläutert Friedrich mir jedoch den wahren Hintergrund: Guthmann und Noltus wüßten, daß ich und Lächler für die Aktion gegen Martin verantwortlich seien; dem Lächler stünde bereits die Entlassung vom Internat ins Haus (!). Wahrscheinlich - so vermute ich - hat Friedrich, der von unserer Tat wußte, dieses Wissen weitergegeben [Anm.: Egal, wer's war, es war in jedem Falle recht so!!]. Im Internat sitzt Lächler oben in seinem Zimmer 48 am Schreibtisch und berichtet mir, daß Frau Noltus ziemlich sauer sei. Er sei schon mehrmals wegen unserer Aktion bei ihr und auch einmal bei Guthmann gewesen (wo er unter Androhung der Entlassung zugab, an der Sache beteiligt gewesen zu sein). Morgen vormittag sei Konferenz, ob ich und Lächler beurlaubt werden oder nicht. - Später kommt Frau Noltus in mein Zimmer und befragt mich wegen der Aktion gegen Martin. Sie hält mir vor, in der Vergangenheit Bilderrahmen kaputtgemacht zu haben, führt die "schwarzen Punkte" des vergangenen Jahres an und meint, wir würden nur destruieren. ... Der arme, schwache und hilfsbedürftige Martin etc.. Abschließend legt Frau Noltus mir nahe, über die Sache nachzudenken. Sie sagt, wenn hier jemand Hilfe bräuchte, dann sei Martin das. Während der ganzen Zeit hat sie ein versteinerte Miene mit auffallend herabgezogenen Mundwinkeln ("Gewissensblick") [Zit. Notizen. ... So arm und schwach wirkte Martin zwar nicht, wie Frau Noltus es mir ausmalte, aber recht hatte sie mit ihrem Ins-Gewissen-Reden doch ... allerdings nicht damit, daß ich auch nur einen Bilderrahmen beschädigt hätte.].

10.05.'88, Di: Gestern erfuhr ich vom Lächler, daß - ebenfalls - gestern die Anmeldung zum mündlichen Abitur war, die ich leider verpaßt hatte. - Also gehe ich nun heute morgen vor 8:30 Uhr zu Helmer ins Sekretariat und bekomme meine zehn Zettel zur schriftlichen Anmeldung, auf denen noch entsprechende Lücken auszufüllen sind. Ich nehme die zusammengehefteten Zettel mit rüber ins Internat, vervollständige die Anmeldung und gebe sie dem Lächler, der gleich Unterricht hat, mit zur Wiederabgabe. Lege mich dann ins Bett. Ca. 12:30 Uhr öffnet Frau Noltus die Zimmertüre und teilt mir mit, daß ich nach dem Mittagessen bei Guthmann im Büro zu erscheinen habe. Also mache ich mich entsprechend ca. 13:20 Uhr auf den Weg rüber ins Gymnasium. Treffe Frau Noltus und den Lächler, die vom Fraß kommen, und so gehen wir gemeinsam & schweigsam den restlichen Weg. In Guthmanns Büro hinterm Sekretariat erklärt Guthmann mir dann am runden Tisch, daß ich ab heute beurlaubt sei und morgen abzureisen habe. Ich könne erst wieder am Sonntag, 29. Mai, dem Tag vor der anwesenheitspflichtigen Prüfungsversammlung wieder anreisen [also in fast drei Wochen!]. Die Noten meines schriftlichen Abis erführe ich, indem ich am 19. Mai morgens um Zehn vor Acht in Guthmanns Büro anriefe. Guthmann und Noltus verurteilen nochmals unsere Tat. Frau Noltus ist sich sicher, daß wir sie mit den Bilderaustauschaktionen, den "schwarzen Punkten" u.a. persönlich verletzen wollten [Anm.: Liebe Frau Noltus, ich versichere Ihnen, daß wir Sie zu keinem Zeitpunkt persönlich verletzen wollten. Wir waren in manchen Beziehungen und Situationen einfach nur dumm und (mitunter negativ) übermütig.]. Guthmann vertritt die Ansicht, wir hätten Martin gar gequält u.a. [Anm.: Nope, das stimmt wirklich ganz und gar nicht! Reine Sachbeschädigung in einem Fall ... zugegeben eine ernste und nicht schönzuredende (immerhin wurden Schulmaterialien von ihm - unbeabsichtigt, aber natürlich von uns inkaufnehmend - verschmutzt und mitunter wohl auch unbrauchbar gemacht), die sicher auch emotionale Effekte hatte.]. Er legt mir nahe, Martin heute abend absolut in Ruhe zu lassen. Lächler sitzt da mit gesenktem Kopf und wirkt offensichtlich reumütig; er muß erst am Freitag, nach seiner Religionsklausur abreisen, darf dabei auch schon nach den Pfingstferien wieder anreisen.

Unser weiteres Strafmaß: Ich und Lächler müssen Martins Vater für Martins als beschädigt angegebene Bücher DM104.50 zahlen [, wobei ich mir sicher zu sein glaubte, daß lediglich einige Zettel benetzt wurden und keine Schulbücher ... egal, ich konnte mit beiden Strafen überaus zufrieden sein.] .   

***

11.05.'88, Mi: Um ca. 11:00 Uhr verlasse ich das Internat mit meiner Prager Tasche [Anm.: einem in Prag gekauften Transportbehälter im Arzttaschen-Stil], in der sich einige Bücher befinden (so u.a. Heinrich Bölls "Werke"), meine Physik-Unterlagen etc.. Habe auch einige Äpfel dabei. Mein 'Plan' sieht nun so aus, daß ich bis nächste Woche Donnerstag auf der Insel bleiben will - im Freien - um zu vermeiden, daß meine Eltern von der Sache mit Martin und von meiner Zwangsbeurlaubung erfahren. Nachts würde ich dann in einem Strandkorb schlafen. Zum obligatorischen, morgendlichen Haarewaschen allerdings würde ich trotz Verbots kurz ins Internat müssen ... unauffällig natürlich. Nun, zunächst gehe ich mit der doch recht schweren Tasche durchs Wäldchen und dann am Deich vor den Dünen einen Trampelpfad hoch in die Dünen. Es ist sonniges Wetter. Setze mich oben in den Sand, ziehe Schuhe und Socken aus und lese in des Lächlers Buch "Die verpaßten Chancen" über die Geschichte der Nachkriegszeit in der BRD. Im Verlauf kommen ein paar Personen vorbei, um zum Strand hinunterzugehen. Es ist leicht windig und der Sand weht (u.a. mir in die Tasche). Ca. 13:00 Uhr verlasse ich meinen Platz wieder und gehe zurück ins Wäldchen. Sitze dort im Verlauf auf mehreren Bänken und lese im Buch, esse ab und zu einen Apfel. Heute morgen übrigens schob ich einen Zettel unter Lächlers Zimmertüre durch, daß er mich heute um 13:45 Uhr an der klassischen Holzbrücke über den Stinkschloot treffen möge. ... Als ich dann zur angegebene nZeit am angegebenen Ort bin, ist allerdings kein Lächler in Sicht. ... Gehe später mit meiner Tasche an den Strand, wo ich im Vordünenbereich verweile und im Buch weiterlese. Es ist völlig sandig. Laufend weht mir vereinzelter Sand ins Gesicht sowie aufs Buch und ich begebe mich ein Stückchen höher an den Dünenrand zwischen Gräsern, von wo ich den Strand überblicken kann. Habe eine einigermaßen geschützte Stelle im Sand. Hier gibt es seltsame Fliegen, die im Sand nicht laufen können und scheinbar hilflos in Rückenlage geraten. - Nach 18:00 Uhr wechsle ich wieder ins Wäldchen und sitze auf der Bank am Weg zur "Klassischen Wende" [Anm.: Es ist derjenige Weg, der schnurgerade zu einer Ringschlootbrücke und zum dahinter befindlichen Bahndamm führt ... sozusagen der 'Kernweg' des "Klassischen".]. Als ich einmal zufällig vom Buch hochschaue, erblicke ich plötzlich von rechts kommend - noch in einiger Distanz - Karl Lange mit Hund Ecco kommen! Schnappe schnell meine Tasche und 'flüchte' nach hinten, zwischen den Bäumen her ins Gestrüpp, wo ich versteckt bleibe, bis Karl und Hund vorbei sind. - Als es schon leicht dämmrig wird, halte ich mich dann an den paar Kleingärtnerparzellen mit u.a. der des "Grenzsoldaten" auf. In der Dämmerung nähere ich mich dem Internat. Ich habe vor, mit kleinen Steinchen gegen des Lächlers Zimmerfenster oben zu werfen, damit er auf mich aufmerksam wird und mir die Videokamera aus meinem Zimmer herausgibt, welche ich dann morgen mit nach Hause nehmen will. ... Ich habe mir nämlich inzwischen überlegt, doch nicht bis nächste Woche auf Langeoog im Freien auszuharren [Anm.: Klar, daß ich gleich am ersten Tag die Nase voll hatte von Herumlungern und Versteckspielerei!]. Als ich von der Holzbrücke den Süderdünenring gen Internat gehe, erblicke ich plötzlich zwei Gestalten, die sich vom Internat her kommend mir nähern. Schnell schlage ich mich rechts in die Sträucher und verstecke mich. Als die beiden Gestalten vorübergehen, höre ich, daß es Lächler und Reza sind. Ich gebe mich zu erkennen und trete aus den Sträuchern wieder hervor. Erfahre, daß die beiden gerade auf dem Weg zur Holzbrücke waren, um mir dort eine Nachricht zu hinterlassen. Lächler berichtet, während Reza sich alkoholbedingt auf den Asphalt des Süderdünenrings legt: Er - der Lächler - habe um 13:45 Uhr nicht an der Brücke sein können, da er nach dem Fraß noch bei Gerold K. war und so meine Nachricht zu spät entdeckte. Er sei dann per Fahrrad überall herumgefahren (im Wäldchen, ...) und habe mich gesucht. Frau Noltus sei derzeit im Kino und ich könne also jetzt unbehelligt das Internat betreten. Lächler schlägt mir vor, doch im Internat zu übernachten, aber ich bleibe weiterhin beim Vorhaben, in einem Strandkorb zu schlafen. Wir gehen noch zu den Telefonzellen Ecke Kirchstraße, um weiter zu überlegen, was zu tun ist, bis ich schließlich bereit bin, mit ins Internat zu kommen. Vorsichtig gehen wir außen herum, am Haus "Sonnenschein" entlang ... Frau Noltus darf mir auf keinen Fall begegnen. Im Internat geht der Lächler voraus, die Treppe hoch zum oberen Flur, um zu checken, ob Frau Noltus bereits vom Kino zurück und auf dem Gang unterwegs ist. Ist sie nicht, ich komme mit meiner Tasche schnell nach und mit in Lächlers Zimmer 48, dessen Zimmertüre wir nun abschließen.  Lächler macht seinen ersten Schrank frei, damit ich mich darin gegebenenfalls, also im Notfall, verstecken kann, Meine Tasche schiebe ich unter Lächlers Etagenbett. Etwas später wollen Lächler und Reza dann noch hoch zur "Givtbude", während ich in Lächlers Zimmer verbleibe und mich unters Bett lege. Der Lächler bringt mir aus meinem Zimmer noch mein Kopfkissen, die Flasche "Extaler"-Limonade aus dem Kühlschrank und ein Glas Apfelmus ran. Bekomme von ihm zusätzlich das Buch über Körpersprache sowie eine Lampe, die unter dem Bett installiert wird. Dann verläßt "D.L." sein Zimmer, löscht das Licht und ich schließe ab. Bald darauf schlafe ich ein.

12.05.'88, Do: Ich wache ca. 2:00 Uhr auf, als der Lächler an seine Zimmertüre klopft. Schließe ihm auf. Etwas später begebe ich mich dann unbemerkt rüber in mein eigenes Zimmer, wo ich mich zum Weiterschlafen in die untere, von Bettbezügen verhangene Schlafstatt meines Etagenbettes lege. - Ca. 7:00 Uhr stehe ich auf, stelle dem Lächler seinen gestern noch von mir ausgeliehenen Wecker vor die Zimmertüre und verlasse unbemerkt von allen und besonders natürlich Noltus mit Tasche & Videokamera das Internat. Gehe zum Bahnhof und nehme die Inselbahn zur 8:15-Uhr-Fähre. Später, bereits in Esens, rufe ich zu Hause an und erzähle, daß ich von Guthmann beurlaubt sei, wobei ich dies als positive Verfügung verkaufe; den eigentlichen Grund verschweige ich natürlich [Anm.: Tja, so einfach war es letztlich. ... Darauf hätte ich auch gestern schon kommen können, anstatt mich den ganzen Tag zwischen Dünen und Wäldchen herumzudrücken.].

29.05.'88, So: Ca. 9:20 Uhr bringt mich mein Vater per Auto zum Anleger nach Bensersiel. ... Es ist meine letzte Anreise nach Langeoog. Während der Autofahrt werfe ich noch Blicke in meine Physik-Unterlagen. Ca. 11:40 Uhr sind wir dann am Anleger. Die Fähre geht um 12:30 Uhr statt - wie noch im Rahmen des Winterfahrplans - um 12:15 Uhr. Lasse mich mit meinem Vater neben "A&O Schmidt" noch zu einem Umtrunk draußen vor entsprechendem Lokal nieder. Ich trinke Apfelsaft [Anm.: Klar!]. Verabschiede mich dann an der Fähre vom Vater und gehe an Bord, wo ich während der Überfahrt zur Insel innen sitze und mir Physikheft und -buch zum Thema Optik anschaue. 13:00 Uhr legt die Fähre am Langeooger Anleger an und ich fahre per Inselbahn ins Dorf. Begebe mich via Jakob-Pauls-Weg zum und ins Internat, wobei ich darauf achte, daß ich Martin nicht begegne, der allerdings ohnehin nicht zu sehen ist. Als ich im Internat den oberen Flur zu meinem Zimmer entlangschreite, kommt mir Frau Noltus entgegen und begrüßt mich freundlich [Anm.: Also, nachtragend war sie nun wirklich nicht!]. Ich komme kurz mit in die Noltus'sche Wohnung hinten, wo Frau Noltus mir den Brief mit den bereits vor zwei Wochen hergeschickten Photos aushändigt. Der Lächler ist bereits da und kommt nach meiner Wortmeldung zu mir ins Zimmer. Er berichtet, daß in der Zwischenzeit Rezas Zimmertüre unten eingetreten worden sei und man Cassetten und Wertgegenstände entwendet habe. Wir gehen dann kurz rüber ins Gymnasium, wo ich am Schwarzen Brett den Termin für meine mündliche Physikprüfung nachsehen will: Es ist am Dienstag, 8:10 Uhr (Vorbereitungsbeginn). - Morgen ist übrigens diese 'wichtige' Versammlung aller Abiturienten, Lehrer und Oberprüfer Dr. Hinz. - 16:30 Uhr - der Lächler macht derzeit Religionshausaufgaben - schaue ich mir im Fernsehen Ausschnitte des heutigen Tennistages bei den "French Open" in Paris an, wo es zu kuriosen Ergebnissen kam: Stefan Edberg unterliegt im Achtelfinale glatt in drei Sätzen Guillermo Perez Roldan (? - 3:6 - 3:6), auch Martina Navratilova verliert ... gegen eine unbekannte 17-jährige [Weiß-]Russin namens Natalia Zvereva. Danach lege ich mich erstmal oben in mein Etagenbett. Erhebe mich ca. 19:30 Uhr wieder, da der Lächler mir etwas angeblich Wichtiges mitzuteilen hat: Martins Vater sei auf der Insel [Anm.: Ja, und?!]. Schaue im TV um 20:15 Uhr eine Dokumentation über das legendäre Beatles-Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" und die damalige Zeit. Um 22:00 Uhr begebe ich mich dann nach draußen, zu einem Klassischen durchs Wäldchen, bei langsam einsetzender Dämmerung. Gehe den Weg zur sog. "Klassischen Wende" und via Hafenstraße Richtung Bahnhof zurück. Von einer Telefonzelle aus rufe ich noch zu Hause an und gebe meinem Vater den Prüfungstermin durch. 

Das mündliche Abi 1988

30.05.'88, Mo: 10:30 Uhr gehe ich zusammen mit dem Lächler ins Sekretariat, wo wir ein Formular ausfüllen, das den Lächler berechtigt, meiner mündlichen Prüfung morgen beizuwohnen. Um 10:45 Uhr ist dann die offizielle Versammlung der Abiturienten und ich warte mit den anderen im Foyer des Gymnasiums; ... Martin G. sitzt abseits. Ca. 11:00 Uhr werden wir dann alle ins Lehrerzimmer gebeten und lassen uns stehend versammelt die Formalitäten fürs mündliche Abi darlegen (wann wir vorher da zu sein haben etc.). Dr. Hinz, der mit hoher Stimme die wesentlichen Richtlinien erläutert, Guthmann, Helmer, John und ein mir unbekannter, älterer Herr sind anwesend. - Anschließend gehe ich zusammen mit dem Lächler ins Dorf, einkaufen. Sehen "Kippen-Ede" auf einer Bank am Rathaus sitzen [Anm.: "Kippen-Ede" (siehe auch an anderer Stelle) zu sehen, werteten wir immer als allgemein gutes Omen.]. Zurück im Internat schaue ich Tennis aus Paris (Steffi Graf, Boris Becker gegen Henri Leconte (beim Stande von 5:5 wegen Regens unterbrochen)). - Abends sehen Lächler und ich jeder in seinem eigenen Zimmer den zweiten "Dr. Phibes"-Film ("Die Rückkehr des Dr. Phibes", mit Vincent Price), einen reichlich beknackten Horror-Film über einen rachsüchtigen Doktor, der auf - sozusagen - 'kreative' Weise Personen ins Jenseits befördert. 23:15 Uhr schaue ich mir dann die Zusammenfassung des Tennis-Matches Becker - Leconte an, welches 7-6, 3-6, 1-6, 7-5 und 4-6 zugunsten von Leconte endet. Ein super Spiel, incl. Becker-Hechtrolle. Anschließend, nach 24:00 Uhr, blättere ich noch kurz ein letztes Mal meine Physik-Unterlagen bezüglich Optik und Induktion durch, dann folgt das "Abseilverfahren" = Schlafengehen. 

31.05.'88, Di: Heute ist nun also mein mündliches = Physik-Abitur. Ich stehe ca. 7:20 Uhr auf, gehe zum Haarewaschen nach nebenan in den Waschraum und überlese dann noch meine Physik-Unterlagen. Ich packe die Unterlagen in eine mitzunehmende Plastiktüte, und Frau Noltus kommt noch kurz in mein Zimmer und gibt mir zwei Brötchen [Anm.: Potentielle Verklärung durchs Teleskop der Zeit hin oder her: Frau Noltus war an sich eine Seele von Heimleiterin, ... allerdings bewirkten hin und wieder ... und noch wieder ... auftauchende Interessenskonflikte (bzw. -mißverständnisse könnte man auch sagen), daß wir Schutzbefohlenen das damals nicht immer auch so wahrnehmen und dementsprechend auch zu schätzen wissen konnten / wollten. Sie ließ damals immer wieder Dinge durchgehen, die wir glaubten, ihr oder der Hausordnung abgetrotzt oder sie wohl überlistet zu haben.]. Vor 7:40 Uhr begebe ich mich dann mit der Plastiktüte (mit den Physik-Klamotten, Taschenrechner und nun auch Brötchen) dann rüber ins Gymnasium, wo ich im Foyer (mit dem Schwarzen Brett) warte und noch mein Physik-Heft für allerletzte Einblicke anschaue. Guthmann, Helmer, Banaschewski und andere laufen von Zeit zu Zeit vorüber. Dann kommt ca. 8:10 Uhr Herr Block ran und holt mich die Treppe runter ins Souterrain zum Physik-Raum. Die Tüte mit meinen Sachen lasse ich oben. Herr Block dazu: 'Wenn keine Goldbarren drin sind ...'  Im Physik-Raum sind Hashagen und Horb anwesend. Block verschwindet wieder und ich bekomme von Hashagen einen Aufgabenzettel mit zwei Prüfungsaufgaben: 1. Ich soll den installierten Versuchsaufbau auf der optischen Achse erklären bzw. ihn an die Tafel anzeichnen. Es handelt sich um eine Konvex-Linse und eine Lochblende. Die auf diese folgenden optischen Geräte sind durch eine "Black Box" für den Prüfling abgeschirmt und man sieht hinten auf dem Schirm lediglich das optische Resultat: grüne Interferenzstreifen. Während ich mir nun das Ganze anschaue und die noch zu benennenden optischen Geräte in der Box erwäge, zweimal dabei Horbs Kulli beanspruchen muß, da ich selbst keinen dabeihabe, sitzt Horb an der Tischreihe rechts und Hashagen steht daneben. Aufgabe Zwei verlangt von mir, nach dem Huygens'schen Prinzip die Gleichung sin Alpha durch sin Beta gleich c1 durch c2 zu erklären. - Ca. 8:30 Uhr kommen dann Block, Oberprüfer Dr. Hinz, Guthmann, Protokollführer Banaschewski und ein älterer, beleibter Herr mit Brille herein und nehmen zur Prüfungsabnahme platz. Zum Schluß tritt noch Helmer mit dem Lächler in den Raum, der ja wie vereinbart meiner Prüfung als Gast beiwohnen wollte. OK, ich beginne nun zunächst mit der Skizze und erkläre dann die optischen Vorgänge in der "Black Box". ... Ein Problem dabei ist die zu sehende Interferenz, welche ich nicht erklären kann. Ich beschreibe den Vorgang in der Lochblende (Ausschaltung der sphärischen Aberration), dann im Prisma (Dispersion des weißen Lichts), grünes Farbfilter, ... . Dann fragt Herr Hashagen, wo sich der Gegenstand, der abgebildet wird, denn befinde. Das kann ich so nicht sagen und reagiere offenbar wohl so, daß jedenfalls allgemeines Schmunzeln zu konstatieren ist. Abschließend darf ich die "Black Box" mit einer Schere aufschneiden und werde gewahr, daß ich eine zweite Sammellinse (--> Bildentstehung) sowie ein Gitter nicht berücksichtigt hatte. Die Frage zum Themenbereich Induktion erhält lediglich ca. eine Minute Zeit. Meine Antwort empfinde ich als vielleicht ein wenig unglücklich ... wegen der kurzen Zeit, aber dann ist meine Prüfung zu Ende und ich verlasse zusammen mit dem Lächler den Physik-Raum sowie das Gymnasium. Nachdem wir erst noch beim "Deernshörn" vorbeigeschaut haben, wo der Lächler Frau Heidekrüger einen Zettel überreichen sollte, sich aber trotz Klopfens niemand aus ihrer Wohnung dort meldete, gehen wir nun ins Dorf, zur "Speisekammer" einkaufen. Ich hole mir u.a. eine Flasche "Henkell trocken"-Sekt, eine Flasche Wein, eine Pulle "Extaler"-Zitronenlimonade, Thunfisch u.a.. Dann geht's noch zu Eckart. - Zurück im Internatszimmer schaue ich dann Tennis aus Paris, d.h. es regnet dort und kann kaum gespielt werden. 

Nach 18:00 Uhr kommt Frau Noltus zur Zimmertüre herein und teilt mir mit, daß drüben im Gymnasium die Bekanntgabe der mündlichen Abiturprüfungsnoten sei. Das wußte ich an sich zwar, nur nicht, daß es anscheinend auch anwesenheitspflichtig-wichtig ist. So muß ich also direkt rüber und darf wegen der gebotenen Eile die Abkürzung durch die Noltus'sche Wohnung nehmen. Auf dem Weg zur Schule begegne ich Karl (Lange) mit seinem Hund "Ecco"; Karl meint, es sie nun wohl niemand mehr im Gymnasium, doch dann erblicke ich durchs Fenster des Lehrerzimmers noch die Prüfungskommission plus einige Lehrer. Im Lehrerzimmer sind dann anwesend: Dr. Hinz, Guthmann, Block, Frau Heidekrüger, Helmer und der ältere Herr mit Brille. Block ist am Schmunzeln und Dr. Hinz teilt mir mit, daß ich in der mündlichen Physik-Prüfung heute morgen 09 Punkte erreicht, insgesamt im Abitur über 500 Zählerpunkte sowie einen Notendurchschnitt von 2.8 erwirtschaftet habe. ... Ob ich damit zufrieden sei. Klar bin ich das! Abschließend geben mir alle noch die Hand zur Beglückwünschung des bestandenen Abis und ich mache mich wieder von dannen. Zurück drüben im Internatszimmer kommt dann Frau Noltus nochmal herein, gibt mir ihrerseits die Hand und wünscht mir alles Gute. Später gehe ich - es regnet leicht - nach Hause telefonieren. Meine Eltern regen sich auf, daß ich noch nicht früher angerufen habe. Jedenfalls gebe ich durch, das Abitur nun also bestanden zu haben. Mein Telefongeld von DM1.- reicht nicht aus, und so soll ich abermals anrufen. Gehe also zurück ins Internat, Nachschubgeld holen. Wieder im Dorf sind dann alle Telefonzellen besetzt und ich laufe von einer zur anderen [Anm.: Wenn's hier vielleicht auch nicht so wirken mag: 'Manchmal' war sie trotzdem schön, die Zeit vor den Handys, der Telefonitis ohne jede Notwendigkeit, der ewigen Erreichbarkeitspotenz, den coolsten und hipsten Klingeltönen, mit denen man allenthalben behelligt wird ... und dem ganzen Klimbim.]. An der Post in der Kirchstraße kommt mir Carsten Dörr auf dem Fahrrad entgegen und gibt mir nach seiner Frage, wie's gelaufen sei mit dem Abi gleich die Hand zur Gratulation. Die Telefonzelle am Bahnhof ist frei und ich rufe also erneut zu Hause an. 

***

01.06.'88, Mi: [Anm.: So, bis auf die Abi-Feier am kommenden Samstagabend ist für mich die Langeooger Schulzeit nun vorbei und es bleiben ein paar Tage, an denen ich in nunmehr entspannter Atmosphäre vor Ort noch ein wenig das 'Internats(freizeit)lebensgefühl' atmen, in tast- sicht- und begehbaren Erinnerungen schwelgen, natürlich auch von allem im Laufe der vier Jahre Wertgeschätzten Abschied nehmen und alles in Beschaulichkeit ausklingen lassen kann.] Schaue im TV heute Tennis aus Paris. Nachmittags halte ich mich beim Lächler auf, als Spätzle ins Zimmer tritt und seine Abitur-Durchschnittsnote kundtut. Begebe mit in Begleitung des Lächlers rüber zum Gymnasium, wo ich meinen Prüfungsbogen zum mündlichen Abi (mit Namen und Terminen des gestrigen Tages, also für niemanden mehr relevant) "zwecks historischer Aufbewahrung" [Zitat Notizen] vom Schwarzen Brett im Foyer abpinnen will. Als wir auf die Schultreppe zusteuern, erblicke ich durchs Fenster in der Bibliothek Frau Heidekrüger, welche den Lächler eigentlich nicht sehen darf, da dieser heute nicht zu ihrem Unterricht erschienen war, weswegen dem 'Sünder' auch nicht sehr wohl zumute ist. Im Gymnasium hänge ich also meinen Prüfungsbogen ab und stelle ihn somit als Erinnerungsstück für mich sicher. Wir gehen dann ins Dorf, wo viele Leute unterwegs sind. Ich kaufe mir eine Dose Nasi-Goreng-Reis ("Sonnen-Bassermann") und eine 0,5-Liter-Dose "Holsten" [Anm.: Das Dosenreisgericht der genannten Firma durchlief zwischen Öffnen der Dose und Garen in der Pfanne eine bemerkenswerte Wandlung: Vom leicht unappetitlich nach vielleicht zu gammeln begonnen habenden Küchenabfällen riechenden Aggregat zum kulinarischen Feuerwerk erster Güte!].

02.06.'88, Do: Spaziere abends allein durchs Wäldchen und zum Hafen. Auf meinem Weg oben auf dem Deich entlang grasen dort Kühe, die ich - ohne direkt auszuweichen - zum Teil recht dicht passiere. Die Kühe weichen dabei etwas zur Seite oder wenden mir den Kopf zu, bleiben aber ruhig und scheinbar indifferent; ... etwas mulmig ist mir selbst schon! [Anm.: In der Vergangenheit schon hatten Hans und ich zwei überraschende Begegnungen mit freien, unbezäunten und unbeaufsichtigten Langeooger Nutztieren: Einmal spazierten wir auch gerade gen Hafen (auf der Hafenstraße), als plötzlich eine Gruppe herrenloser Pferde von hinterrücks kommend dicht an uns vorbeigaloppierte (!), ein anderes Mal war es eine bauernseelen-alleingelassene Kuh, die, weit außerhalb des Dorfes auf der Störtebekerstraße stehend und nicht daran denkend, beiseite zu weichen, uns ins Visier nahm.]

03.06.'88, Fr: Tätige heute zusammen mit dem Lächler meine letzten Einkäufe bei "Speisekammer" und "Feinkost Eckart". Meine konkrete Beute [Anm.: Ja, ich weiß, wieder mal eine völlig schnurzige Ballast-Info, ... aber für mich als mehrjährigen, fleißigen Adoranten beider Überlebenshelferlein auf der Insel - nur zwei von vielen möglichen Stichworten: 'Sorgenhobel durch Gaumenfreuden', 'Unzufriedenheitszerstreuer durch die Ablenkungen des Einkaufsgangs' - war der letzte Kultstättenbesuch schon etwas Besonderes.]: 1 Literflasche "Le Flamand"-Rotwein (DM3.29), 1 Literflasche "Extaler Zitronenlimonade" (DM0.99), 2 Dosen "Euco Tuna"-"Thunfisch in Öl" (je DM1.29), 1 Becher "Müllermilch"-"Banane" (DM1.39), 4 "Duplos" (je DM0.35) und ein "Nogger"-Eis (DM1.20). Beim Souvenirmünzen-Prägeautomaten vor dem Friseursalon "Hoffrogge" in der Barkhausenstraße lassen Lächler und ich uns jeder eine Geldmünze mit dem Motiv Langeoog prägen; Lächler auf ein 5-Pfennig-Stück, ich auf ein 2-Pfennig-Stück [Anm.: Hm, warum so geizig? ... Vielleicht spielte ja auch die Wunschfarbe eine Rolle ... oder es war halt reiner Zufall.].

Spiele abends mitten auf dem Gang = oberen Flur mit bzw. gegen "Brille" Schach. Wir spielen um zwei Duplos aus meinem Bestand, die "Brille" allerdings sofort schon verspeist, als ich kurz abwesend und in meinem Zimmer bin. Wir nehmen uns als Spielmobiliar zwei Stühle und den Tisch aus Lächlers Zimmer. Wir spielen insgesamt vier Spiele, wobei ich im Laufe nicht mehr recht spielernst bin, für "Brille" zu lange für Züge brauche und schließlich nach dem ersten gewonnenen Spiel und einem Remis die Spiele Drei und Vier verliere [Anm.: Na, dann haben die beiden Duplos ja letztendlich den Richtigen erwischt!].    

Die letzte Abi-Feier des Gymnasiums Langeoog

04.06.'88, Sa: Heute ist mein lang herbeigesehnter letzter ganzer Tag als Internatsschüler.  - Vor 2 Uhr nachts mache ich mich noch auf den Weg aus dem Internat zur Post. Beim Aufbruch denke ich noch: So ein Mist, daß ich durch das Fenster unten im leerstehenden ehem. Gruppenleiterzimmer steigen muß, um aus dem Internat zu gelangen. Teste daraufhin beiläufig, ob vielleicht die Eingangstüre der Oberstufe unverschlossen ist, was als äußerst unwahrscheinlich zu betrachten ist. Aber siehe - welch Wunder - die Tür ist offen, ich kann einfach so hinausspazieren und erspare mir die Kletterübung. Gehe also zur Post in der Kirchstraße, wo ich am Automaten Briefmarken ziehe und einen Brief an Freund Michael in der Heimat einwerfe.

Mittags, ca. Zehn vor Eins, mache ich mich mit meinem in einer Plastiktüte befindlichen Photoapparat auf zum letzten klassischen Spaziergang durchs Wäldchen. Leider - besser gesagt 'klassischerweise' - regnet es, was mein Vorhaben natürlich nicht beeinflussen kann. Ich nenne diesen Spaziergang den "Schuljahres-Langeoog-endgültig-letzt-letztklassischen". Überschreite die 'historische' Holzbrücke über den Ringschloot, passiere den Kleingarten des "Grenzsoldaten" und Hans' und meinen ehemaligen 'Tennisplatz' zum Wäldchen. Später zurück im Internatszimmer trage ich auf der unteren Schlafstatt des Etagenbettes schon einmal alle möglichen 'mitnahmepflichtigen' / '-werten' Sachen zusammen: u.a. Tennisschläger, Kochplatte, Pfanne, Tassen, Bademantel, Bücher, Monopoly-Spiel. Nehme auch die mit Klebeband im Wandwinkel angebrachten Plastiktüten herunter. Schaue nach 14:00 Uhr im TV das Damen-Finale der French Open zwischen Steffi Graf und Natalia Zvereva, das wegen Regens zwischendurch einmal unterbrochen werden muß und denkwürdig mit 6-0, 6-0 endet. Später (ca. 16:45 Uhr) beginne ich dann, an meiner vorrätigen 1-Liter-Flasche "Le Flamand"-Rotwein aus einem meiner beiden roten Plastikbecher zu trinken. Sitze dabei im Sessel und höre per Cassette meine derzeitigen musikalischen Favourites: Janis Joplin, The Doors, Bob Dylan u.a.. Nach 18 Uhr ist die Weinflasche dann leer und ich breche auf zum Bahnhof, meinen Vater abzuholen, der mit der 17:30-Uhr-Fähre kommt, um den Abiturfeierlichkeiten heute abend beizuwohnen. Auf dem Weg zum Bahnhof kommen mir Marcel Tonn und Roland Jaletzke (den Hans und ich intern den "Römer" nannten), zwei meiner letztjährigen Abi-Kameraden, die ebenfalls mit der 17:30-Uhr-Fähre für die Abi-Feier auf die Insel gekommen sind, entgegen und gratulieren mir per Handschlag zum bestandenen Abitur. Ich gehe weiter zum Bahnhof. Bin offensichtlich etwas spät dran, und am Bahnhof sind kaum noch Leute. Ich halte Ausschau nach meinem Vater, erblicke ihn aber nicht und rufe daraufhin zu Hause an. Vergewissere mich bei meiner Mutter, daß der Vater auch tatsächlich die 17:30-Uhr-Fähre genommen hat. Erfahre draüberhinaus, daß er im Hotel "Deutsches Haus" residiert. Ich gehe nun also zunächst zurück zum Internat und warte in meinem Zimmer. Kurz darauf erscheint dann auch mein Vater - deutlich verstimmt, daß ich nicht pünktlich am Bahnhof war, um ihn abzuholen. Nachdem wir vereinbart haben, uns zur Abi-Feier später vor dem Gymnasium zu treffen, macht sich mein Vater auch schon wieder auf den Weg. ... Kurz vor 20:00 Uhr gehe ich dann also rüber zum Gymnasium. Finde den Haupteingang geschlossen vor, wobei ein Schild verrät, daß der Zugang zur Abi-Feier über den Seiteneingang (= Freihoff-Eingang) zu erfolgen habe. Nehme also den vorgesehenen Weg und begebe mich den Flur an den WCs und Raum 7 vorbei ins Foyer des Gymnasiums, wo zahlreiche Tischreihen aufgebaut sind, an denen schon recht viele Leute sitzen. Auch die Trenntüre zum Erweiterungsraum wurde aufgezogen, in dem weitere Tischformationen stehen. In Raum 5 (im Flur Richtung Sekretariat), in dem u.a. GK und Englisch stattfand, ist eine Biertheke aufgebaut; u.a. übernimmt Brille den Ausschank. Ein Plastikglas Bier kostet DM2.-. Mein Vater - mit Videokamera - ist bereits unter den Anwesenden und wir nehmen an einer der Tischreihen des Foyers platz. Uns gegenüber sitzt Carsten Dörr. Dann begebe ich mich zusammen mit dem Lächler zur Biertheke in Raum 5, wo wir ein entsprechendes Bierchen holen und uns an einen der aufgestellten, runden Tische im Raum setzen. Später gibt es in Raum 4, dem 'Fernsehraum', ein kaltes Buffet (u.a. mit Aal), welches wirklich gut ist! Mit unseren bestückten Tellern setzen Lächler, Reza und ich uns dann in Raum 5 an einen Tisch an der Fensterfront und speisen. Schließlich erfolgt dann der 'Showteil' des Abends, unter Moderation von Herrn Block per Micro. Ein großer Lach- und Beifallserfolg ist die Darbietung der Lehrerschaft, die, an Schultischen am Haupteingang sitzend, Schüler in Unterrichtsszenarien parodiert. Herr Block spielt den (Englisch-)Lehrer ... also sich selbst ... und Horb, Karl Lange, Hashagen, Frau Heidekrüger und Ahlvers geben verschiedene, konkrete Schüler unseres Abi-Jahrgangs. Passend zu den Szenarien werden im Hintergrund Klassenräume auf eine Leinwand projiziert. Im Verlauf richtet dann Herr Guthmann einige Worte ans Auditorium bzgl. seines Ausscheidens als Direktor Ende Juli. Es kommen auch andere zu Wort, beispielsweise Friedhelm. Dann stellen sich die Abiturienten auf der Treppe zum Wiking auf - eine geplante Aktion, von der ich selbst nichts wußte - und bringen ein paar Songs zu Gehör, u.a. "Oh, Benny". Schließlich erfolgt dann, so um 24 Uhr, die Ausgabe der Abiturzeugnisse, die einzeln und persönlich von Herrn Guthmann überreicht werden. Der jeweilige Kandidat wird per Microphon und unter Applaus herangebeten, um sein Zeugnis in Empfang zu nehmen. Rechts neben Guthmann hat sich die Reihe der Lehrer formiert (an der Treppe), die jeder Absolvent nach Erhalt des "Lappens" entlangschreitet und dabei von jedem Lehrer die Hand geschüttelt bekommt. Als ich an der Reihe bin, bekomme ich von Herrn Ahlvers einen Langeoog-Flaschenöffner in Form eines Rettungsringes mit auf den Weg [Anm.: Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, ob er wirklich mir den Öffner schenken wollte oder ob ich diesen nur in seiner Hand sah und interpretierte ...]. Inzwischen nach verschiedenen Bierchen nicht mehr ganz nüchtern reihe ich mich dann ans Ende der gratulierenden Lehrerreihe an und gebe einigen Leuten, die gerade die Lehrerhände geschüttelt haben, meinerseits zur Gratulation die Hand, so z.B. Hajo und Gustav, die erst etwas verwundert sind. ... Nachdem dann mein Vater bereits zum Hotel vorgegangen ist, verlasse ich zusammen mit dem Lächler schließlich zum allerletzten Mal das Gymnasium Langeoog.

***

05.06.1988, So: Ich gehe dann noch die nächtliche Kirchstraße runter und zum Hotel "Deutsches Haus", wo ich bei meinem Vater die zwei leeren Koffer abholen will, um gleich im Internatszimmer noch meine mitnahmepflichtigen Sachen dorthinein zu packen für die Abreise am Tage. Ich betrete das Hotel zum Vorraum mit Lift und Treppe, weiß nun allerdings gar nicht, welche Zimmernummer mein Vater hat. ... Stehe also erstmal da, als der Lift herunterkommt und mein Vater darin ist. Fahren gemeinsam wieder hoch und ich hole wie vorgesehen die zwei Koffer ab. Zurück im Internat sitze ich noch einige Zeit zusammen mit dem Lächler in den Sesseln (noch) meines Zimmers 43. Ich trinke eine von Lächlers Bierdosen und erwäge, vielleicht noch bis Montag zu bleiben. Dann heißt es ein letztes Mal "G. N.!" = "Gute Nacht!"

Ca. 7:30 Uhr ist plötzlich mein Vater außen an der Zimmertüre. Ich erwache, springe aus dem Bett und öffne. Entgegen meinem Vorhaben habe ich bislang meine Habseligkeiten doch noch nicht gepackt und so gehe ich das nun zusammen mit meinem Vater an. Mein Transportgepäck beläuft sich schließlich auf Folgendes: zwei schwere Koffer, eine Reisetasche, eine 'Prager Tasche', eine Tragetasche mit Lautsprecher-Box und meiner heraushängenden Zimmerpflanze darauf, die runde Tischplatte von ehemals Olivers Tisch, der Fernseher, mein abgesägter Stuhl und Udos Sattel. Per Internats-Handkarren bringen wir schon einmal die Koffer u.a. zum Bahnhof und stellen entsprechende Sachen dort ab. Dann geht mein Vater zum Frühstück zurück zum "Deutschen Haus", ich zum Internat. Der Lächler ("D. L.") ist schon auf und ich halte mich eine Weile bei ihm in Zimmer 48 auf. Als ich einige Zeit später mal schaue, ob mein Vater schon da ist, ist er in der Tat schon da und dabei, weitere Klamotten aus meinem Zimmer zu tragen. Wir bepacken nun einen weiteren Handkarren (u.a. mit der Tischplatte und dem Sattel) und dann werfe ich einen letzten Blick in mein Internatszimmer 43 ... Lächler begleitet uns noch zum Bahnhof, wobei mein Vater vorausgeht und ich mit Lächler und Handkarren nachfolge. Die Zeit zur 9:30-Uhr-Fähre ist knapp geworden und wir erreichen Drei vor halb Zehn den Bahnhof, die Inselbahn steht abfahrbereit. Schnell geben wir noch den Großteil des Gepäcks auf, dann verabschiede ich mich am offenen Waggon per Handgabe vom Lächler. Der Zug setzt sich gen Anleger in Bewegung und ich stehe während der Fahrt am Waggonausstieg. Mir geht Janis Joplins Song "Cry Baby" durch den Sinn, quasi als Intonation meines Internats- und Inselabschieds [Anm.: Das ist er nun, der mit abgerissenen Kalenderblättern und Strichlisten so sehnlich herbeigewünschte Abreisetag, hier liegt er nun vor mir, der 'Weg in die Freiheit'. Doch statt in ausgelassener Freude oder gar von Triumphgefühlen über eine genommene Hürde mit vierjähriger Anlaufzeit beflügelt vorauszuschauen, blicke ich in stiller - sagen wir ruhig - Ergriffenheit zurück gen Internat und Wäldchen.]. Nach der letzten Fährpassage rüber nach Bensersiel holt mein Vater das Auto, während ich mit der Masse des Gepäcks warte; ... nach dem Einladen ist der Wagen dann auch ziemlich voll. Ich kaufe bei "A&O Schmidt" auf dem Eck nahe der Anlegerzufahrt noch ein "Capri"-Eis, zwei Dosen Fanta sowie eine Dose Cherry Coke, dann geht es mit 'Sack und Pack' der Emsdettener Heimat entgegen. [Anm.: Es dauerte nicht lange (wenig mehr als drei Monate), bis ich eines (zivil)dienstfreien Wochenendes im September meine erste Inselvisite als 'Ehemaliger' antrat, wobei ich eigentlich denke, daß dieser Begriff mehr als unglücklich und irreführend ist, denn wohl jeder, der während seiner Internatszeit in der Lage war, eine gewisse Wertschätzung für jenen verrückten - allemal dem Festland entrückten  - Sozialisationskosmos Internat Langeoog und natürlich auch für die Insel selbst zu entwickeln, vielleicht Freunde fürs Leben gefunden hat und denkt, daß sein Horizont auch ... und vielleicht ja gerade ... außerhalb der schulischen Lehrwelt ein wie auch immer kleines oder großes Stück weiter geworden ist, wird nie 'Ehemaliger' sein. ... ].