Internat(sgebäude)

Über 70 Jahre lang gehörte der zweiflügelige Kasernenbau an der Kirchstraße zum Langeooger Inseldorfbild, waren seine prominenten Firste weithin sichtbare Bezugspunkte. Von der Wehrmacht bzw. Luftwaffe erbaut bot er dank seiner doppelt rechtwinkligen Bauform wohl seit jeher reichlich Nahrung für die an Tatsachenglauben grenzende Spekulation, daß er im Grundriß eigentlich ein Hakenkreuz hatte bilden sollen, welches jedoch nicht (mehr) fertiggestellt wurde.

Mehr als diese Hakenkreuzlegende war mir zu meinen Internatszeiten nicht bekannt von der Historie desjenigen Gemäuers, in dem ich immerhin vier Schuljahre lang residierte und welche nach dem Abriß der Brandruine 2010 nun wohl noch weiter in Vergessenheit zu geraten droht ...

Hier nun eine kleine Chronik des Bauwerks.

Ergänzungen und / oder Korrekturen werden jederzeit dankend entgegengenommen!!

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Kommandantur der Luftwaffe (1936 - 45)

Für die Luftverteidigung der Deutschen Bucht werden ab 1936 im norddeutschen Küstenbereich verschiedene Flughäfen gebaut. So soll auch der Flugplatz auf Langeoog als Ergänzung zu den großen Plätzen (z.B. in Varel und Bad Zwischenahn) als Station für Jagdflugzeuge der Verteidigung des Reiches dienen.

1936: Bau der Kommandantur, des späteren Internatsgebäudes. Einer anderen Quelle zufolge entstand das Gebäude 1938. ... Vielleicht wurde es ja 1936 begonnen und 1938 fertiggestellt?! Alternativ war das Bauwerk als Stabsgebäude bekannt.

1937: Gewaltige Landgewinnungsaktion im Südwesten der Insel (zwischen Hafengebiet, Flinthörndünen und dem Dorf) durch die "Bauleitung der Luftwaffe". Schlick und Sand werden mit Saugbaggern aufgespült (bis auf 6m) und dann mit Feldbahnen und Raupen weiterverarbeitet, wodurch ein 150 Hektar großes Gebiet geschaffen wird. Aufbau zweier großer Siedlungen am Ortsrand für die Familien der Luftwaffenangehörigen, wofür große Dünengebiete abgetragen werden. 1939 z.B. wird die Wohnsiedlung "Heerenhus" gebaut.

Bau zahlreicher Bunker als Befestigungsanlagen im an das Flugfeld grenzenden Areal und Einrichtung von Flakstellungen in den Dünen und um das Rollfeld.

1938: Die "Bauleitung der Luftwaffe" bezieht ein neu errichtetes, großes Verwaltungsgebäude am Ortsrand (mit den Büros der Bauleitung und Wohnraum für leitende Ingenieure, Architekten u.a.).

Zu Kriegsbeginn ist das aufgespülte, neu geschaffene Flugplatzgelände noch nicht einsatzbereit.

In den ersten Monaten wird der Fliegerhorst von leichten Jagdflugzeugen angeflogen, wobei es wegen der noch mangelhaften Oberfläche des Flugfeldes regelmäßig zu Schäden kommt, welche in einer großen Reparaturhalle, der sog. "Ju-Halle" repariert werden. Diese Halle befand sich exakt (?) an der Stelle, wo heute das DRK-Mutter-Kind-Kurhaus Dünenheim (Süderdünenring 59) steht.

28.01.1940: Die ostfriesischen Inseln werden vom Oberbefehlshaber der Kriegsmarine zu militärischen Sicherungsbereichen erklärt. Fremde dürfen nicht mehr anreisen, desweiteren bestehen Ausweispflicht und Photographierverbot. Das Küstengebiet untersteht dem Gau Weser-Ems, der Langeooger Fliegerhorst der Fliegerhorst-Kommandantur A12/XI Wittmundhafen, diese wiederum dem Flughafenbereich 22/XI in Jever.

1940: Verschiedene Jägerstaffeln sind - oft nur für kurze Zeit - auf der Insel stationiert.

In den letzten Kriegsjahren sind Minensuchflugzeuge im Fliegerhorst stationiert, die die Aufgabe haben, Treibminen der Engländer aufzuspüren.

Mai 1945: Nach der Kapitulation der Wehrmacht untersteht Langeoog der britischen Militärregierung (Hauptsitz Wittmund).

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Altersheim für Baltendeutsche (ca. 1946 - 1968)

1945/47: Nach Kriegsende wird aus der ehem. Kommandantur ein Altersheim für Baltendeutsche (vornehmlich Flüchtlinge aus Schwetz / Westpreußen), die im März 1945 auf Langeoog eintreffen und bis 1947 in Notunterkünften untergebracht sind. Im Dezember 1947 wird der "Evangelische Hilfsverein e.V." gegründet, welcher einige Gebäude auf der Insel zunächst anmietet, zu einem späteren Zeitpunkt dann kauft. Als Gründungsjahr des "Baltenheims", dem insgesamt mehrere Unterkünfte des Inseldorfes als Heimstatt dienten, ist allerdings bereits das Jahr 1946 vermerkt. Wann genau konkret das ehemalige Kommandanturgebäude vom "Baltenheim" bezogen wurde, bleibt einstweilen zu klären. Jedenfalls zieht 1946 die Familie des Küchenleiters in die Wohnung am Kopfende des Ostflügels ein.

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Internatshauptgebäude des Nordsee-Gymnasiums (1958 - 1973) 

1958: In diesem Jahr gelingt es dem Schulverein des NG, einen Teil des Gebäudes für die Unterbringung der Jungen vom Bund zu erhalten. Der Westflügel wird der Schule sofort übergeben und ist somit der älteste Internatstrakt. Im Ostflügel und in entsprechenden Räumlichkeiten des Mitteltraktes befindet sich weiterhin das Altersheim, so daß das Haus fortan also zweifach genutzt wird.

September 1968: Im Zuge der Auflösung des Altersheims übernimmt das Nordsee-Gymnasium unter Direktor Dr. Roßbach nun auch den Ostflügel. Erst jetzt ist das gesamte Gebäude Internat.

Anfang 1970er: Das Internat gerät wiederholt in die Negativschlagzeilen, beispielsweise wegen Brandstiftung (Jemand legte Feuer im Dachstuhl), Bombendrohung (Es gingen Drohanrufe wegen einer Bombe ein.) und der "roten Zelle", die neben der Befreiung der Schülerschaft von jeglichen Repressalien u.a. auch die Legalisierung von Cannabis und die "Errichtung der ersten deutschen Arbeiter- und Bauerninsel auf Langeoog" zum Ziel haben soll.

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Internatshauptgebäude der Gesamtschule (Realschule und Gymnasium Langeoog) (1973 - 1988)

1973: Nach der Pleite des NG ist es mit der Eigenständigkeit des Langeooger Gymnasiums vorbei und die verbliebene gymnasiale Oberstufe (Klassen 11 bis 13) wird dem Realschulverein angegliedert. Von nun an wohnen im Haupthaus sowohl die (gymnasialen) Oberstufenschüler als auch die Mittelstufenschüler der Klassen 9 und 10.

31.07.1988: Holterdipolter-Schließung des Internats infolge der nun doch nicht mehr abwendbaren Pleite des Realschulvereins.

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Zeit des Leerstands (1988 - 2009)

Die ersten Jahre nach der Schließung wird lediglich noch der ehem. Krankenstationsflügel bewohnt (Frau Lisson & Sohn), danach steht das Gebäude komplett leer und wird im Laufe der Jahre zunehmend Opfer von - vor allem - Vandalismus (teils planmäßig, teils mutwillig spontan) und natürlich auch von Witterungseinflüssen, wobei die allermeiste Bausubstanz (Dachböden und Dachbalken inbegriffen) bis zuletzt stabil ist.

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Brand und Abriß (2009/10)

13.05.2009: Ein (angeblich) fahrlässig-unbeabsichtigt in einem ehemaligen Schülerzimmer des Ostflügels (wahrscheinlichst Nr. 45, oberer Flur) gelegter Großbrand vernichtet ab ca. 21 Uhr Dachstuhl und weite Teile des Obergeschosses des seit ca. 20 Jahren leerstehenden Gebäudes. Das Feuer ist von weither sichtbar und veranlaßt sogar einen Kutterkapitän, sich zu erkundigen, was denn auf der Insel vor sich ginge. Die beiden Täter, bis zum Brandereignis Saisonarbeitskräfte auf der Insel, werden später aufgrund von Zeugenaussagen in Süddeutschland von der Polizei gefaßt.

24.02.2010: Beginn der Abrißvorbereitungen mit Einrichtung einer Baustelle durch eine Hamburger Firma. Ende des Monats / Anfang März beginnen schließlich die konkreten Abrißarbeiten am Baukörper, deren erstes 'Opfer' der ehemalige Oberstufenflügel ist.

Mai 2010: Abschluß der Abrißarbeiten mit der Ausgrabung des Internatskellers. Es zeigt sich, daß unter dem eigentlichen Keller noch ein zweiter, niedrigerer Keller existiert, der aller Wahrscheinlichkeit einst als Luftschutzkeller vorgesehen war.

Anfang Juli 2010: Das zerkleinerte Internatsmauerwerk wird zur Pflasterung des Seitenstreifens des durchs Wäldchen führenden Radweges Richtung Hafen benutzt.

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