Après L'oog

Auch wenn wir zu Internatszeiten oft genug Institution und Insel verdammten, beiden zu jeder sich bietenden Gelegenheit (meist im Rahmen von - hin und wieder verfrühten - Wochenendheimfahrten) zu entfliehen suchten und im Zusammenhang den Weg vom Internat zum Bahnhof, die Bahnfahrt zum Anleger und die Fährpassage nach Bensersiel als "Weg in die Freiheit" bezeichneten, so hatte Langeoog andererseits doch aus vielerlei Gründen trotzdem auch schnell einen festen Platz in unseren Herzen gefunden. ... Mag sein, daß wir dafür schon etwas alt waren (ich war im August 1984 die letzten Tage 15, Hans war 19), trotzdem prägte uns das Internats- und Inselleben nachhaltig. Es schuf darüberhinaus Freundschaften fürs Leben.

Auf der Insel bewahrheitete sich der umgekehrte Satz des Seneca tatsächlich: "Non scholae sed vitae discimus."

Diese Sektion nun soll unsere Auseinandersetzung mit der Internatszeit nach Schließung der Institution skizzieren, unsere aus gewollt wie unbewußt persistierenden Verwurzelungen darin resultierende Traditionenpflege zeigen und andeuten, auf welche Weise der - etwas pathetisch formuliert - "Geist von Langeoog" bis heute weiterlebt und worin er sich manifestiert.

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Während ich nach den Sommerferien 1988 am 01. August meinen 20-monatigen Zivildienst beginne, ahne ich noch nicht, daß das Internat Langeoog, der Realschulverein und seine beiden Schulen zur selben Zeit aufgehört haben, als Institutionen zu existieren.

Der Tag, an dem ich von der Internatsschließung erfahre

11.08.'88, Do: Ich befinde mich gerade im Weserbergland in der Zivildienstschule Ith (auf dem gleichnamigen Höhenzug) zu einem zweiwöchigen Einführungslehrgang in die zivildienstliche Materie. Abends, vor / zu 20:00 Uhr: Ich komme gerade 'schweißgebadet' den recht steilen Weg (eine Waldschneise quasi parallel zur Straße) hinauf von einem Baum an einem Feldhang mit weitem Blick nach Luerdissen (geradeaus) und Eschershausen (links), wo ich schon einige Male unter besagtem Baume saß bzw. lag und las. Morgen, Freitag, ist Wochenende*, d.h.: Heimfahrt (!), und da habe ich unter ebenjenem Baume erwogen, morgen sehr früh hier loszufahren, um womöglich einen kurzen Tagesausflug nach Langeoog einzubauen, wo ich dann den Lächler sowie die guten, 'alten’ Lokalitäten des Internatslebens besuchen würde. Anschließend – in Betracht gezogen ist die 16:15-Uhr-Fähre ab L’oog zurück – würde ich wie gehabt nach Hause fahren und wäre abends da. Soweit. - Jetzt erreiche ich gerade, geschlaucht vom ‚Aufstieg’, die Telefonzelle an der Einfahrt zur Zivildienstschule, von der ich dann zunächst zu Hause anrufe. Meine Mutter meldet sich. Ich teile ihr mit, daß ich morgen nach Hause komme und lasse mir von ihr die Telefonnummer des oberen Flures der Oberstufe geben: 04972 / 522. Anschließend rufe ich dann also auf L’oog an: ... Längere Zeit meldet sich erst niemand, dann wird abgenommen und ich vernehme eine fremde Stimme. Ich frage nach dem Lächler, woraufhin der Typ am anderen Ende der Leitung meint, das Internat sei geschlossen. ... ?? ... Ich halte das ohne Zweifel für einen ‚Scherz’ bzw. Unbedarftheit / Begriffsstutzigkeit seitens meines fernmündlichen Gegenübers und denke dann, der Lächler sei zur Zeit schlicht nicht da.

Als mein Parlierpartner aber weiterhin darauf hinweist, daß das Internat als Institution geschlossen sei, passe ich und sage, ich verstünde nicht, was er meint, wobei die Begriffsstutzigkeit, wie sich zeigt, in Wahrheit auf meiner Seite liegt. Daraufhin wird der Hörer an jemanden, der wohl gerade danebensteht, übergeben, und zwar "Herrn Lange" ... also Karl! Erst als auch Karl mir klarmacht, daß das Internat seine Pforten inzwischen definitiv geschlossen habe, realisiere ich absolut überrascht den wahren Sachverhalt. ... Das Internat Langeoog gibt es nicht mehr!! Karl sagt, daß das Gebäude, welches dem Bund gehöre, nun erst einmal leerstehe. Die vormaligen Schüler seien in hauptsächlich drei Gruppen verlegt worden: nach Schleswig-Holstein (also St. Peter-Ording), nach Esens und nach Spiekeroog. Unter den Spiekeroogern befinde sich auch der Lächler. Dann fragt Karl, was ich jetzt machte und ich erzähle kurz vom Lehrgang, Krankenhaus (Zivildienst), … Schließlich ist die Sprechzeit ob mangelnden Kleingeldnachschubs zu Ende und wir verabschieden uns. … Langeoog dicht!! ... Dabei hatte mir der Lächler noch vor vier Wochen einen kurzen Brief geschrieben, in dem er folgende, mir z.T. schon bekannten Angaben machte: Hashagen werde Schulleiter, Noltus, Helmer, (John), Guthmann gingen bzw. seien schon weg, Lächler bliebe in seinem alten Zimmer 48 und mein Zimmer 43 sei zur Zeit Abstellraum …

(* = Also, an sich sollte erst am Samstag - nach dem Lehrgangsunterricht - Wochenende gewesen sein, was ich geflissentlich übersah. Als ich dann also einen Tag zu früh ins Wochenende abreiste, konnte anschließend kein - erforderlicher - "triftiger Grund" für mein Tun konstatiert werden und ich entging - wohl aufgrund der Weitersichtigkeit des Kursleiters - nur knapp einem sog. "Diszi".)

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Erstes Wiedersehen

Im Rahmen einer Wochenendübernachtungsfahrt (10./11.09.'88) zusammen mit meiner Mutter besuche ich erstmals seit meinem Internatsabschied vor drei Monaten Langeoog, wo ich wie verabredet den Lächler treffe.

10.09.'88, Sa: In Begleitung meiner Mutter setze ich mit der 14:45-Uhr-Fähre über zur Insel; im Gepäck u.a. Cassettenrecorder und zugehörige Batterien sowie drei Musik-Cassetten (darunter eine mit Heino-Hits). Trotz Sonnenschein ist es seltsam trüb. Am Anleger in Bensersiel sehe ich übrigens noch Herrn Dr. Lamperstorfer, welcher dann drüben im Langeooger Hafen zusammen mit Herrn Helmer [zuletzt "Oberstufenkoordinator" des nun frisch geschlossenen Gymnasiums] von der Fähre steigt. Mit der Inselbahn (vorbei an den "Golfstuben") ins Dorf gelangt begeben wir uns die Hauptstraße entlang zum "Deutschen Haus", unserem angedachten Nächtigungsdomizil. Da dort allerdings die Reception erst wieder ab 17:00 Uhr besetzt ist, quartieren wir uns stattdessen ausweichend im "Apartmenthaus Aquantis am Kurviertel" (vormals Haus Poseidon) in der Barkhausenstraße ein (Die Übernachtung kostet DM99.- .), wo wir das geräumige Zimmer 012 im Erdgeschoß beziehen, mit Schiebetrennwand, Sitzgruppe, Kochecke und Kühlschrank im Schrank. Nach Abstellen des Gepäcks geht es gleich wieder hinaus, ich bewaffnet mit meinem Photoapparat.

An der Ladenzeile des Kavalierspads kaufen wir bei ehemals "Calli's Strandladen" zwei Dreierträger Beck's-Bierdosen für mich und eine Flasche Wein für meine Mutter [zur jeweiligen Abendgestaltung]. Gehen dann auf eine Getränkeeinnahme rauf zur "Strandhalle", wo gerade ein Hochzeits-Kaffee-und-Kuchen im Gange ist und ich unter den Gästen Herrn und Frau Wiedel erkenne. Auf dem weiteren Weg gen HDI etc. konstatiere ich, daß die beiden Kinderfreizeitstätten "Lautes Haus" und "Leises Haus" [Anm.: Beide am Kavalierspad, heute bekannt als "Spöölstuv" und "Spöölhus" ... wobei ich nicht weiß, welche alte Bezeichnung welcher neuen zuzuordnen ist.] inzwischen fertiggestellt sind. Trenne mich dann von meiner Mutter, die zurück zum Hotel geht. Es ist ca. 16:45 Uhr und ich will mich ja wie verabredet um 17 Uhr mit dem "Lächler" (also Frank Klußmann) an der klassischen Holzbrücke des Süderdünenrings über den Ringschloot treffen ... wenn er denn - von Spiekeroog aus zusammen mit einigen anderen Mitreisenden - nach Langeoog rübergesegelt gekommen ist, was von den aktuellen Windverhältnissen (nicht zu wenig und nicht zu viel Wind) abhängig gemacht worden war [Anm.: Verantwortlicher Bootsführer übrigens war Herr Hashagen, der nach der Schließung des Langeooger Internatsgymnasiums zur "Hermann-Lietz-Schule" auf Spiekeroog gewechselt hatte]. Gehe also via "Haus Westfalen"-Passage und bei "Kalle Franz" vorbei zum vereinbarten Treffpunkt und warte. ... Noch zeigt sich niemand. Aber dann, es ist kurz nach Fünf und ich will schon fast wieder gehen, um wie vereinbart anzurufen, sehe ich plötzlich aus der Distanz vom Internat her eine schwarzbemantelte Figur kommen: den Lächler!! Als ersten Akt unseres Wiedersehens unternehmen wir nun einen "klassischen" Spaziergang über die Holzbrücke durch Wäldchen und "Kasachstan" [Anm.: Die von Hans und mir so genannte "Steppe von Kasachstan" bezeichnet das ausgedehnte, mit z. T. hohen Gräsern bewachsene Areal des ehemaligen Luftwaffenflugfeldes, welches nicht mit Bäumen bepflanzt wurde und sich südlich ans Wäldchen anschließt.], wobei wir beim Passieren der anfänglichen Kleingärtnerparzellen den "Grenzsoldaten" beim Gärtnern erblicken.

Lächler berichtet von Spiekeroog, daß es dort toll sei, Yasmin und Imke (Wiedemann) auch dort seien etc.. Am Ende unseres Spaziergangs, in der Barkhausenstraße vor dem Hotel kommen Lächlers Jens und Jens [Anm.: ... wohl zwei weitere Mitsegler von Spiekeroog (?)] dazu und ich vereinbare mit dem Lächler, daß wir uns um 23:30 Uhr an der Parkbank treffen. Vor 19:00 Uhr bin ich zurück im Hotel.

Nach dem Abendessen (im wenig bevölkerten Restaurant des HDI), einem Gang zum Strand und Fernsehen im Hotelzimmer (alles zusammen mit meiner Mutter) packe ich schließlich kurz vor halb Zwölf eine Plastiktüte mit den mitnahmepflichtigen Aktionsutensilien (Cassettenrecorder plus Ausrüstung, drei Dosen Beck's, Dose Thunfisch, zwei Löffel, Dosenöffner u.a.) und mache mich vom Hof respektive Hotelzimmer. Begebe mich zur verabredeten Parkbank und setze mich. Kurz darauf erscheint der Lächler, anmerkend gerade ca. acht Bier getrunken zu haben, was mir allerdings überhaupt nicht auffällt. Via Kirchstraße steuern wir auf das ehemalige Internatsgebäude zu. Lächler übernachtet übrigens - ebenso wie die auch von Spiekeroog mitgekommene Imke - (sozusagen) offiziell im Hause und hat dazu eigens von Karl Lange den Hausschlüssel ausgehändigt bekommen. Am Internat angekommen schließt Lächler auf [Anm.: Es ist der Seiteneingang am Ostflügel.] und wir betreten das allseits dunkle Gebäude. Da der Strom abgestellt wurde, entzündet Lächler eine Kerze (in einer Flasche installiert) und wir schreiten den unteren Oberstufenfur entlang, entlang an leeren Zimmern und offenstehenden Türen. Begeben uns hoch in den oberen Flur des Flügels, dorthin, wo wir beide noch vor kurzer Zeit hausten. Auch hier sind alle Türen offen und wir betreten einige der Zimmer. ... In Nr. 44 riecht es immer noch nach dem Wiener! Auch in die ehemalige Wohnung Noltus am Ende des Flurs schauen wir hinein. Mein ehemaliges Zimmer 43 finde ich derangiert vor: Ein Regal ist weg, ein kleineres da und ein dritter Schreibtisch kam hinzu. Dafür aber steht mein altes Bett mitsamt meiner Matratze noch an Ort und Stelle. Lächler und ich rücken nun Sessel und Tisch wieder zurecht wie früher. Reflektiv-gewohnt ducke ich mich immer noch leicht an der Stelle, an der früher die Zimmerlampe von der Decke hing! Wir stellen die Kerze auf den Tisch und packen unsere Sachen aus: Von mir kommen drei Dosen Beck's, eine Dose "Euco Tuna"-Thunfisch, Lächler hat Delmenhorster Toastbrot mitgebracht, zwei Dosen "Euco"-Thunfisch, einen Liter Apfelsaft und zwei Becher Müllermilch. Ich schließe die Zimmertür, wir genießen die angeschleppten Nahrungsmittel zu den Klängen meines Cassettenrecorders auf dem Schreibtisch (Kate Bush, Janis Joplin, Beatles, H. R. Kunze) und unterhalten uns im Scheine der Kerze über das Unfaßbare, jetzt hier zu sitzen. ... Im Grunde könnten wir direkt hierbleiben und morgen wieder zur Schule gehen! ... Ich erzähle von meinem Zivildienst im Krankenhaus etc.. Als beim Lächler eine Darmentleerung pressiert, begibt er sich mit der Kerze zu entsprechender Verrichtung und Papiersuche nach unten, während ich derweil im nun also dunklen Zimmer sitzenbleibe. - Lächler schreibt dann eine Postkarte an Nils [Anm.: Keine Ahnung mehr, wer das konkret war.] und ich soll dann überprüfen, ob diese auch leserlich ist.

Bei weit geöffneten Zimmerfenstern gehen wir nach 2 Uhr morgens dann raus zur Post in der Kirchstraße, die Karte einwerfen. Die Sparkassenbeleuchtung ist übrigens immer noch defekt: statt "SPARKA" wie noch zur finalen Internatszeit liest man jetzt immerhin wieder "SPARKA SE". Der Lächler will nun unbedingt noch kurz hoch zur "Givtbude" und also vereinbaren wir ein Treffen in 10 Minuten an der "Goldschmiede". Ich begebe mich ins Hotelzimmer, teile meiner Mutter, die gerade wach ist, mit, daß ich im Internat übernachten wolle und nehme Kopfkissen und Decke mit, in zwei Taschen verpackt. Breche dann wieder auf und warte an der "Buddelei" auf den Lächler. Er kommt - in der "Givte" war übrigens nix los - und wir kehren zum Internat zurück, wo wir uns zunächst in Lächlers altem Zimmer 48 aufhalten. Die Kerze erlischt und ich bekomme vom Lächler ein Feuerzeug, welches allerdings nur noch funkt. Gehe mit diesem rüber in mein Zimmer zum Schlafen, während Lächler bei 'sich' nächtigt. Meine Zimmertür hat keine Klinke, ich drücke sie für die Nacht zu und lege mich in die obere Koje des Etagenbetts.

11.09.'88, So: Nachdem ich nach 8:30 Uhr aufgestanden bin, ist der Lächler dann an der Zimmertüre. Aufgrund der fehlenden Klinke bekomme ich die Tür von innen nicht auf, so daß Lächler mit einer anderen Klinke von außen öffnen muß. Imke, die irgendwo unten übernachtet hat, kommt kurz hoch und bespricht mit Lächler das Abreiseverfahren. Sehe aus Lächlers Zimmerfenstern unten Kalle Franz im E-Karren vorüberfahren. Verlasse schließlich zusammen mit Lächler und Imke über Karl Langes Eingang das Internatsgebäude. Lächler zieht einen mit einem Kühlschrank bepackten Bollerwagen. An der Inselbäckerei verabschieden wir uns voneinander und ich kehre zurück zum Hotel "Aquantis am Kurviertel". ... [Anm.: Dies war das bis dato letzte Mal, daß ich Frank livehaftig gegenüberstand. - Schade.]

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Erster Inselbesuch mit Hans nach der Internatsschließung, 20./21. Februar 1989

20.02.'89, Mo: [...] Hans und ich gehen zurück zum Fährhaus [Bensersiel] und nehmen die 12:15-Uhr-Fähre rüber nach L'oog; es ist die "Langeoog I", das kleinere Schiff. Wir stehen mit unseren Klamotten im hinteren Bereich des Hauptdecks (draußen), während der Bensersieler Anleger langsam vor unseren Augen verschwindet und der Himmel von der Seeseite her zusehends blauer wird. Drüben am Anleger Langeoog angekommen nehmen wir die Inselbahn, die uns vorbei an den "Golfstuben" [Anm.: Die Minigolfanlage und das zugehörige Café entstanden während meiner Internatszeit, 1985 oder spätestens 1986. Zeitweise gab es dort sogar eine Inselbahnhaltestelle.] zum Bahnhof bringt, wo wir bei Sonnenschein ca. 12:55 Uhr aussteigen. Verstauen unser Gepäck zu DM2.- in einem Bahnhofsschließfach und begeben uns via Otto-Leuß-Weg, an der Bäckerei Hunger vorbei und Friesenstraße gen Internat. Als wir uns der Passage am Haus Sonnenschein nähern, kommt uns eine der ehemaligen jugoslawischen Küchenfrauen entgegen; fragt uns, wie's geht usw.. In dem Moment fährt Kalle Franz in seinem Getränke-E-Karren vorbei und grüßt; dazu sehen wir auch noch Karl (Lange) aus der Inselschule kommen und gen Dorf gehen [Anm.: Etwas mehr als ein halbes Jahr nach Internatsschließung erblickt das Ehemaligenauge natürlich noch allenthalben bekannte Gesichter aus Internatstagen.] . Nun geht es weiter, den vielgehaßten Weg aufs Internatsgebäude zu, am ehemaligen Oberstufeneingang vorbei um die Ecke und den Plattenweg entlang der Ostflügel-Front zum Süderdünenring. Schreiten würdevoll-gemessenen Schrittes über 'unsere' klassische' Holzbrücke über den Stinkschloot, in deren Geländer ich "20/02/'89" und einen ersten neuen Strich eintrage, und wandeln nun also auf den vertrauten Pfaden eines jener "Klassischen", der uns über die "klassische Wende" (Hauptweg zum Bahndamm und wieder den selben Weg zurück) und die "klassische Schleife" (den gewundenen Weg durch den Kiefernbewuchs westlich des Hauptweges gen Hafen) führt; für einen Gang "in die Zukunft", wie wir einen weiteren konkreten Wäldchenweg nennen, reicht uns die Zeit nicht, da wir ja vorhaben, mit der 16:15-Uhr-Fähre wieder zurück ans Festland zu fahren. - Gehen schließlich zurück zum Bahnhof, holen unsere Taschen aus dem Schließfach und begeben uns damit die Hauptstraße entlang gen Wasserturm, vorbei an "Feinkost Eckart", "Insel-Center" und Buchhandlung Krebs. Es ist windig. Biegen vom offiziellen, gepflasterten Weg dann nach links ab und gehen einen inoffiziellen, von Treckerspuren vorgezeichneten Pfad in die Dünenlandschaft hinter dem Wasserturm, von welchem aus wir ins offene Gelände abzweigen und uns schließlich - Hans trägt die schwere Tasche mit meiner Musikanlage über die Höhen und Tiefen des Geländes - in einem geeigneten, recht windgeschützten Dünental niederlassen. Ich entpacke die Tasche und stelle meine Musikanlage und die beiden Boxen auf, so gut es bei dem leicht ansteigenden Dünenboden und dem polsternden Grün-Untergrund eben geht.

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Brief von Marc an mich, gestempelt am 09. April 1989:

Anmerkungen: Mit dem "südlich gelegenen Vorort von Ost-Berlin" ist Erkner gemeint, der Ort, den Marc und ich uns irgendwann ausgesucht hatten, trotz Hinreiseverbots geg. westdeutschen Berlin-Tagestouristen einmal gemeinsam anzusteuern. ... Es wurde (bis heute) leider nichts daraus. Erkner war Endstation einer Ost-Berliner S-Bahnlinie, knapp hinter der Ost-Berliner Stadtgrenze im Südosten gelegen. Ich erinnere mich noch gut an die nicht gerade freundlich-trällernden S-Bahndurchsagen im Bahnhof Alexanderplatz: "Rejsende Richtung Erkner fahren bis Ostkreujz und stejgen dort um!". ... "Zuuurückblejben!!"

Die erwähnte Bootsfahrt meint ganz sicher Udos Pläne - denen Marc sich anschloß - mit einem 'Paddelboot' den Atlantik gen Amerika zu überqueren. ... Ein "Bootchen", wie Udo es nannte, hatte Udo bereits zu Internatszeiten.

Die Zeichnung zum Ende des Briefs zeigt die Revolverhelden aus Udos Telespiel.

Wahrscheinlich war dieser Brief die Initialzündung für Marcs und meine gemeinsame Langeoog- und Internatsvisite Anfang Mai 1989, als wir in meinem alten Zimmer 43 (OF) nächtigten und ich - neben meinem obligatorischen Photoapparat auch mit der Videokamera meines Vaters ausgerüstet - Filmaufnahmen im bereits erste Zerstörungen aufweisenden Oberstufenflügel tätigte. Ich werde es mir sicher nie wirklich verzeihen, daß ich diese Videoaufzeichnungen mehrere Jahre später für irgendeinen Quatsch überspielte!!!!

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(Rubrik in Arbeit!)