Allgemeines 

Diese Kategorie gibt allgemein Auskunft darüber, wie wir uns damals mit unserem Internats- und Schulalltag arrangierten, uns ihm anpaßten und ihn uns, welche Gewohnheiten, Gebräuche, Eigenarten und Spleens wir entwickelten & pflegten, ... also über den ganz normalen Wahnsinn, Unsinn und hin und wieder vielleicht auch mal Tiefsinn der Zeit.

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Derzeitiger Inhalt:

Ein seltsames Paar (in Arbeit) - Obsession Mathematik (in Arbeit) - Der Klassische - Die Ostend-Touren - Gesichter der Langeweile und die Faszination des Schwachsinns (in Arbeit) - Alkohol im Internat - Die Sektabende - Sport!! - Schabernack - Böse Action - Briefe aus Zimmer 43 (in Arbeit) - Spielkultur (in Arbeit) - TE - Musikalische Begleitung (in Arbeit) - Flurerscheinungen - Drei Dinge, die nie stattfanden - "Nur die Harten kommen durch." - Der Pirolataler - Kippen-Ede - Legenden

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Ein seltsames Paar

Hans' und mein Verhältnis zueinander als Zimmergenossen im Internat erinnert mich ein wenig an Oscar und Felix aus dem Film "The odd couple", wobei die Rollen nicht starr besetzt, sondern je nach Problematik austauschbar waren. Wir waren mitunter zwar sehr verschieden, doch letztlich auch unzertrennlich.

Das Thema ist komplex und so erscheinen hier zunächst einzelne Gedanken dazu, die später dann irgendwie zusammengefügt und "in einen Sinnzusammenhang integriert" werden, wie Herr Wierzenko einst so wunderbar formulierte. 

Was Hans und mich von Anfang an verband, war eine gewisse Neigung, Traditionen / bestimmte, einem mehr oder weniger gleichen Muster folgende Gewohnheiten zu generieren und zu pflegen, wobei Hans - aus meiner Sicht - der ein ganz klein wenig entschlossenere Traditionalist war ... obwohl das vielleicht auch je nach Traditionsgegenstand unter uns variierte. Diese Traditionen halfen vor allem, eine Art von innerer, unumstößlicher Konstanz im Internatsleben gerade der ersten zwei Jahre zu schaffen wie zu wahren und dem offiziellen - ich nenne es hier einmal neutral gemeint - 'aufgedrückten' Alltagsgerüst ein wohliges, eigenbestimmtes Parallel-Gerüst entgegenzusetzen. So hatten unsere beiden prominenten Traditionen, die "Klassischen" und die Sektabende (beides ritualisiert (Stichworte z.B. Brückenstrichliste und Korkenknallen zum "Jägerlied")) auch entsprechenden, temporär heilenden 'Ausbruchscharakter' aus dem 'Fremdgefüge'. Andere Traditionen bestanden beispielsweise im Tagesausklangsprozedere, wenn wir mit dem entsprechenden Kalenderblatt "den Tag rissen" und zum (oft) gemeinsamen Zähneputzen gingen. Auch auf den Wochenend- und Ferienheimfahrten gab es Traditionen; so kauften wir uns in Bensersiel bei "A&O Schmidt" - sofern die Zeit reichte - gerne jeder eine Dose Fanta und eine Rolle "Rolo" als Snack für die Busfahrt von Esens nach Norden, wobei an sich prinzipiell und konkret erst beim Passieren von Fulkum (!! ) - die Dosen zu öffnen waren.

Manch einer mochte (und mag sicher auch heute) über derlei, vielleicht etwas 'schräg' wirkende 'Traditionswuseleien' leicht befremdet den Kopf schütteln; darauf kam es nicht an! ... Damals postulierten Hans und ich weitgehend scherzhaft, daß es im Internat die "Verrückten und die Fertigen" gab; wir gehörten halt - und das mit gewisser augenzwinkernder Überzeugung - zu den "Verrückten"!

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Obsession Mathematik

 Meine Note im Fach Mathematik auf dem Abgangszeugnis der Untersekunda des Gymnasiums Martinum in Emsdetten war eine satte Fünf. ... Ich weiß nun nicht, wie sich Hans auf seinem Leeraner Gymnasium in Zahlen ausgedrückt schlug, nehme jedoch an, daß auch seine 'gemessenen' Leistungen im Fach nicht unbedingt in den besonders anerkennungswürdigen Bereich spielten.

Mit Beginn der Schulzeit auf dem Gymnasium Langeoog änderte sich unser Engagement in der Mathematik grundlegend, und das nicht gänzlich aus dem Nichts. Zunächst stellte der Schulwechsel natürlich einen gewissen Schlußstrich unter der vorherigen Schullaufbahn dar und es war uns vor diesem Hintergrund auch klar, daß wir unsere Einstellung und unser Verhalten bzgl. des Schulbetriebes irgendwo produktiv zu ändern hatten. Das galt allgemein. Daß dabei aber gerade die Mathematik so sehr in unseren Focus rückte, war mehr oder weniger alleiniges Verdienst des Herrn Guthmann. Er vermochte, durch sein Auftreten und seinen allgemein vielleicht etwas pedantisch anmutenden Unterrichtsstil, mit gewissen stereotypen, gebetsmühlengleichen Verhaltensregeln an der Tafel ("Sprechen Sie dazu!", "Zeigen Sie bitte mit BEIDEN Händen!" usw.), regelmäßigen Stundenprotokollen etc. uns einerseits das Gefühl zu geben, daß die Mathematik die höchste und wichtigste aller Schuldisziplinen sei, die dabei andererseits aber keine wirklichen Hürden barg und mit entsprechendem Einsatz leicht zu meistern war. "Was heißt, Sie können das nicht? ... NATÜRLICH können Sie das!" hörte man Herrn Guthmann damals häufiger sagen.

Bei Hans und mir wirkte diese Methode: Die Mathematik war von Anfang an unser beider 'Königsdisziplin'.

Besonders in der Anfangszeit saßen wir nicht selten noch lange über die Arbeitsstunde hinaus an unseren Schreibtischen und konnten nicht eher von der Materie lassen, als daß wir zu 100%ig übereinstimmenden Ergebnissen bei unseren Hausaufgaben gekommen waren. Hans war immer besonders vertieft in seine Rechnereien und kommentierte im Eifer seiner Vertieftheit dann auch - wohl unbewußt und natürlich ungewollt mich störend - verbal für sich selbst seine rechnerischen Ausführungen. ... Mann, was nervte es mich damals. ... Heute wird er mir diese geheimgehaltene Emotion nachsehen.

(Aufnahme Dez. '85 / Jan. '86)

Wir verbrachten mitunter abends eine so lange Zeit mit unseren hausaufgabenbedingten Mathe-Problematiken, daß irgendwann schließlich der Punkt erreicht war, an dem der Kopf zu 'rauchen' begann. Hans verarbeitete diesen Punkt hin und wieder scherzhaft in Form eines sog. "Lambda-Anfalls", wobei er die nun erreichte, konzentrationsbezügliche Übermüdung in gespielten, stark zitternden Kopf- und Armbewegungen zum Ausdruck brachte.

Unsere Ausdauer im Fach Mathe entging natürlich auch unseren Mitschülern nicht, so daß wir schnell den Ruf von Mathematik-Koriphäen hatten, der immerhin und mindestens aufgrund erwähnter Ausdauer im Ergründen mathematischer Probleme auch eine gewisse Berechtigung hatte. Ich glaube, daß durch dieses Renommée und dem damit verbundenen, gewissen Respekt uns beiden auch von Seiten derjenigen Mitschüler, die uns auf persönlicher Ebene nicht sonderlich wohlgesonnen waren, eine duldende Anerkennung zuteil wurde. Jedenfalls blieben Hans und ich zeit unseres Internatsaufenthaltes unantastbar … na, besser gesagt, (fast) unangetastet.

Trotz unserer fachbezogenen Energie und Verständigkeit stellte sich die erste Mathe-Klausur dann aber - unerklärlicherweise - bei uns beiden als ziemlicher Reinfall heraus, wobei ironischerweise Olaf Nowak, unser damaliger Zimmernachbar in Nr. 45, der vor der Klausur noch Nachhilfe bei uns (v.a. Hans) genommen hatte, einiges besser abschnitt als wir. Wenn ich mich recht erinnere, erzielte Hans einen Punkt (!), ich fünf Punkte (!) und Olaf sieben Punkte (!). ... Hä?!

Naja, jedenfalls ließen Hans und ich uns dadurch nicht weiter beeindrucken oder gar beirren, stellten mit der zweiten Klausur des Halbjahres dann die Verhältnisse klar und zementierten unseren Ruf als Mathe-Cracks, welcher bis zu unser beider Schulabgang 1987 bzw. 1988 Bestand hatte. Der 18. Dezember 1984, der Tag, an dem wir entsprechende Klausur zurückerhielten (einen Tag vor Abreise in die Weihnachtsferien), stellte Weichen für die schulische Zukunft, als wir beide als einzige unserer Jahrgangsstufe - Hans in Klasse 11a, ich in Klasse 11b - jeweils 15 Punkte mit nach Hause nehmen konnten. Herr Guthmann würdigte diese Leistungen in zueinander leicht abgewandelten Sätzen unter unseren Klausuren. Unter meiner stand (ziemlich, wenn nicht konkret wörtlich): "Sie haben alle Aufgaben verstanden und vorbildlich gelöst.". Hans erzählte mir kurz drauf, daß Guthmann ihm beim Austeilen der Klausuren mitgeteilt hatte, daß dieses Ergebnis in der Parallelklasse auch nur einer geschafft habe, und zwar ich. Als Hans daraufhin scherzhaft entgegnet hatte, daß das am Zimmer liege, hatte Herr Guthmann laut Hans geantwortet: 'Das liegt nicht am Zimmer, das liegt am Fleiß!". ... Geht einer schulisch oft gebeutelten Seele sowas nicht runter wie Öl?! ... Es ging, und im Folgejahr wählten Hans und ich beide Mathe als Leistungskurs und erstes Prüfungsfach.

Leider - und an sich auch unerklärlicherweise - gab es nach der Klasse 12 dann einen Lehrerwechsel. Für Herrn Guthmann kam Herr Ahlvers. Herr Ahlvers war ein sehr netter Kerl, der - anders als sein Vorgänger - keinerlei Autoritätsgefälle gegenüber seinen Schülern entstehen ließ. Doch leider waren seine Erklärungen und Ausführungen mathematischer Sachverhalte für Hans und mich nicht so griffig und auf den Punkt gebracht, wie wir es von Guthmann her gewohnt waren. Andere (wohl die meisten?) Schüler hingegen kamen mit Ahlvers deutlich besser klar als mit Guthmann.

(Fortsetzung folgt.)

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Der Klassische

Trotzdem ich mich im August 1984 sehr schnell im Internat einlebte und meinen Platz fand, fühlte ich mich doch auch herausgerissen aus dem - wie ich es empfand - 'normalen' Leben und dachte viel an zu Hause. Ich war immer schon sehr gerne in der Natur unterwegs gewesen und das nahgelegene Inselwäldchen weckte viele Erinnerungen an die Heimat. So begab ich mich hin und wieder - alleine - auf einen gedankenreichen Spaziergang die fast immer feuchten bis mitunter matschigen Wege des Wäldchens entlang, welche rechts wie links von je einem kleinen Entwässerungsgraben begleitet wurden, in dem quasi immer das Wasser stand. Irgendwann - wahrscheinlich noch 1984 - als wir in Deutsch gerade Rolf Dieter Brinkmanns Gedicht "Einen jener klassischen" durchnahmen, assoziierte ich dann den Titel mit meinen zur Gewohnheit gewordenen Spaziergängen. Da auch Hans nicht gerade ein Stubenhocker war, begleitete er mich recht bald auf meinen Revierrunden, die sich fortan zu einem ritualisierten Brauchtum entwickelten, fester Bestandteil der Freizeitaktivitäten wurden und zu allen Tageszeiten - hin und wieder auch mal nachts bei Vollmond - und bei jeder Wetterlage stattfanden. Diese Spaziergänge waren immer Labsal für die Seele und auch schon mal rettendes Rekreationsufer, wenn wir der Meinung waren, daß in unseren vier Wänden nichts mehr ging und wir mehr Himmel sehen mußten, als es die Fensterrahmen unserer Behausung herzugeben imstande waren.

(Aufnahme September 1985 - Das Holzgeländer wurde etwa zehn Jahre nach Internatszeiten durch eines aus Metall ersetzt.)

Gewöhnlich begann der "Klassische" an der Stelle des Süderdünenrings, an der eine Holzbrücke rechts über den Ringschloot führte. Im Geländer dieser Holzbrücke trugen wir ab dem 30. Mai 1985 jeden gemeinsamen Klassischen in einer Strichliste ein, die wir bis zum 05. Juni 1987 zweimal bis 100 führten. Die ausgedehnteste Version des Klassischen führte über das Wäldchen hinaus den Pferdetrampelpfad Richtung Anleger entlang, der meist gespickt war von z.T. großen Pfützenflächen, wobei es winters immer Spaß machte, über das dünne, unter den Schuhen knackende Eis zu laufen, und weiter durch das ebenfalls unter den Nazis aufgeschwemmte, mit z.T. hohen Gräsern bewachsene, offene Gelände auf der anderen Seite zurück ins Wäldchen. Letztere Aufschwemmfläche nannten wir in Inspiration aus dem Helmer’schen Erdkundeunterricht "(Die Steppe von) Kasachstan".

Unterwegs thematisierten wir die verschiedensten Dinge, reflektierten aktuelle Geschehnisse in Internat und Schule, wogen Risiken von angedachten, verfrühten Wochenendheimfahrten ab, betrachteten den Zeitbegriff mit den Beziehungen / relativen Bedeutungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zueinander oder spazierten einfach auch mal schweigend nebeneinander her. Hin und wieder malten wir uns auch scherzhaft "unser Leben in Anstalten" aus: Aktuell waren wir ja auf dem Internat, dann würden Bundeswehr oder Zivildienst folgen, dann Knast, Irrenanstalt und schließlich Altersheim.

Da ich im Anfangsjahr fast nie übers Wochenende nach Hause ans Festland fuhr - Hans war ja regelmäßiger Wochenendfahrer und hatte es mit Leer auch deutlich näher als ich - bestritt der gute Marc die wochenendlichen Spaziergänge zusammen mit mir.

(Einer der Hauptwege, mit Marc Widdel. - Postinternatsära (Mai 1989))

Anfang Dezember 1985 entstand der sog. "Ortsklassische", eine abendliche Runde durch die Dorfstraßen (meist bei Dunkelheit), die von der Route her ziemlich konsequent beschritten wurde (u.a. am Bahnhof vorbei, Melkerpad, Melksett (wo bis 1986 noch Herr Lehmann wohnte), Polderweg etc.). Nach intensivem Lernen für anderntags stattfindende Matheklausuren - wenn man sich so lange (bis in den späten Abend hinein) mit der Materie beschäftigt hatte, daß man der Meinung war, inzwischen überhaupt nichts mehr zu wissen - gingen wir zu Kopfaufräumung auch gerne diesen Weg.

Wenn uns vor dem Mittagessen (oder auch dem Abendessen) eine gemeinsame Freistunde beschert war, gingen Hans und ich desöfteren noch auf einen sog. "Vorgöbloiden Klassischen", um dann direkt zum Fraß zu erscheinen.  

Der "Klassische" ist bis heute ein fester Bestandteil unserer Aktivitäten, wenn wir als Ehemalige Langeoog besuchen. Der bisher letzte fand am 03. Januar 2009 statt. Möge es noch viele geben.

(Der letzte Klassische zur gemeinsamen Schulzeit. - 05. Juni 1987)

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Die Ostend-Touren

Das Langeooger Ostende übte von Anfang an auf Hans und mich einen besonderen Reiz aus. Wie die Klassischen waren auch unsere hin und wieder stattfindenden Ostend-Touren natürlich Ausbrüche aus dem Internatsalltag, aber angesichts der Distanz von über 10km und der oft recht rauhen Wind- und Wetterverhältnisse auch immer eine besondere Herausforderung ... wenn der starke Wind Sandkornteppiche über die Weiten des Strandes peitschte und uns seine ganze Kraft um die Ohren blies, als wollte er uns prüfen, bevor wir an unser Ziel gelangen konnten. Neben Hans war auch bald Marc mein Ostend-Wandergeselle, wobei wir meist jeweils zu Zweit unterwegs waren ... je nachdem.  

Die allermeisten Touren fanden spontan statt, immer dann, wenn wir der Meinung waren, daß es eben JETZT sein mußte. Wir beschrieben es mit den Worten: 'Das Ostende ruft!', und spielten mit diesem Satz dann auch schonmal ohne stattfindende Tour auf den Wind an, der in unseren Zimmertürritzen pfiff. Ich kann mich lediglich an eine ereignisorientierte Tour erinnern, als Hans und ich am 16. November '84 angesichts einer Chemie-Klausur, die wir beide schwänzen wollten, beschlossen, kurzerhand gleich den kompletten Schultag ausfallen zu lassen und uns - es war übrigens der erste Tag des Spätherbstes, an dem Schnee fiel - aufmachten zum Ostende.

Wohl die Mehrzahl der Wandertouren fand nachts statt, wobei das Grollen des in der Dunkelheit fast unsichtbaren Meeres, die Laute des Windes, die Silhouette der Dünen gegen den monderhellten Himmel, welche zum Ostende hin schließlich niedriger wurden und immer ein Indiz waren, daß man es bald geschafft hatte sowie die Ahnung von räumlicher Unendlichkeit im Dunkel des Strandes den Wanderungen immer auch eine gewisse mystische Komponente hinzufügten. Im Frühling konnte man nachts im feuchten Sand ein besonderes, geheimnisvoll anmutendes Phänomen beobachten, das Meeresleuchten. Wenn man über den Sand strich oder einfach fest auftrat, leuchteten für kurze Zeit an dieser Stelle winzige, grünliche Punkte hell auf. (Damals wußten wir nicht, daß es sich dabei um Ansammlungen von Mikroorganismen handelt. ... Aber ob mit oder ohne Wissen: Es war und ist schon eine faszinierende Erscheinung.) Besonders herausfordernd in mehrerlei Beziehung waren unsere spätherbstlichen und winterlichen Touren, wobei der Wind so eisig sein konnte, daß trotz Mütze und Schal die Ohren schmerzten und die Gesichtsmuskulatur in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt war. ... Den Hinweg beschritten wir immer auf der Strandseite.

Wenn dann aber nach den Strapazen des 10-12km-Marsches schließlich das Ostende erreicht war, fühlten wir uns immer ein wenig, wie Gipfelstürmer sich fühlen müssen, die gerade ihren Berg bezwungen haben. Hier waren wir absolut frei ... frei vom Ballast, den wir Kilometer hinter uns gelassen hatten, keine Menschenseele weit und breit und außer uns gab es nur die Möwen, den Wind und die Weiten des Strandes, des Meeres und des Himmels. Das war all die Strapazen wert und nicht zuletzt auch durch deren Überwindung ein so erhebendes Gefühl.

Mit Erreichen des Ziels hatten wir dann aber auch immer einen motivatorischen Wendepunkt erreicht. Bereits durchaus erschöpft vom Hinweg galt es nun den Heimweg anzutreten, den wir meist auf die windgeschütztere Wattseite legten, wobei - jedenfalls nachts - die Windgeschütztheit auch ihr einziger Vorteil war, denn der Marsch den meist schnurgeraden, endlos wirkenden und monotonen Pflasterweg entlang zerrte mit jedem Kilometer und langsam nachlassender Ausdauer mehr und mehr an Nerven und Geduld. Der Pflasterweg führte im Verlauf dann zwischen den sich schwarz abzeichnenden Gebäuden der Meierei entlang, der ersten 'Etappe' des Rückwegs. Wenn wir nach schätzungsweise ca. zwei Stunden dann endlich den Deich überschritten hatten und die Lichter der Laternenreihen entlang der Willrath-Dreesen-Straße erblickten, war das allermeiste überstanden. Schmerzender Füße ging es dann zurück ins Internat ... nachts bzw. in den frühen Morgenstunden natürlich durchs Fenster. Daß wir nach einer solchen Unternehmung sofort und gut schlafen konnten, wird man sich denken können.

Im letzten Schuljahr war ich dann alleiniger Ostendwanderer, wobei ich am 14. November '87 meine erste (und einzige) komplette Inselumwanderung unternahm.

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Gesichter der Langeweile und die Faszination des 'Schwachsinns'

Die - vornehmlichwährend der drei ersten Schulhalbjahre - zuweilen intensiv empfundene, freizeitbezogene Langeweile sowie der von uns so genannte "Schwachsinn" waren zwei ganz vorwiegend von uns selbst herbeigerufene Geister, die meist Hand in Hand auftraten bzw. deren Grenzen zueinander fließend waren. In meinen Briefen 1984/85 an einen Freund in der Heimat und in meinen zeitgenössischen Notizen stoße ich regelmäßig auf Anmerkungen, wie furchtbar langweilig es doch im Internat und auf Langeoog allgemein sei, was mich heutzutage in der beschriebenen Deutlichkeit doch sehr verwundert und es mir schwerfällt nachzuvollziehen, daß wir uns oft genug dieser Langeweile hingaben und sie ihre unproduktiven bis destruktiven Blüten treiben ließen. ... Hans und ich waren beileibe keine von Haus aus uninspirierbaren, trägbequemen Stubenhocker, und die Urlaubsinsel Langeoog hatte doch eigentlich auch genug Animationspotential ...

Nun war es allerdings so, daß wir uns - bei aller (wie weit auch immer gehenden) Einsicht in die Notwendigkeit unseres insularen Internatsaufenthaltes zur schulischen Genesung - in unserer jeweiligen Heimat in Leer und Emsdetten bzw. in deren sozialen Gefügen derart verwurzelt fühlten, daß wir unser Internatsleben zwischen den jeweiligen Ferien oft als eine Art Gefangenschaft oder Verbannung erlebten und Langeoog als eine uns an der Teilnahme am eigentlichen, wahren Leben zu Hause hindernde Parallelwelt, der es daher bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu entkommen galt. ... Nicht von ungefähr nannten wir einen Langeooger Internatsnormaltag damals gerne auch demonstrativ "Existenzeinheit".

Im Schatten dieser emotionalen Disposition nun fiel es uns denkbar schwer, uns konstruktiv mit unserer Situation auf der Insel zu arrangieren ... wir wollten ja auch gar nicht ... und so prosperierten anstelle von Produktivität Passivität, Langeweile und zeittotschlagende Beschäftigungstherapien.

Die Bewältigung von freizeitlicher Langeweile konnte dabei sehr unterschiedlich ausfallen: Es gab völlig sinnfreie Einmalaktionen (wie beispielsweise Marcs und mein Vorhaben, am Strand einfach mal so ein Loch in den Sand zu graben), durchaus auch manchen Ansatz mit Kreativpotential (siehe Marcs und meine kurze Tonmodellierphase) und natürlich die bewährten rekreativen 'Timeburner'  (neben den "klassischen" Revierrunden durchs Wäldchen legte man sich auch sehr gerne mal auf ein gepflegtes Nickerchen ins Etagenbett).

(Fortsetzung folgt.)

In Bezug auf den von Hans und mir postulierten / vermeintlich konstatierten 'Schwachsinn' im Internatsleben stellte der Dezember 1985 einen Kulminationspunkt dar, als Hans aus Leer Jean-Paul Sartres aus der Bücherei ausgeliehenes, philosophisches Werk "Das Sein und das Nichts. - Versuch einer phänomenologischen Ontologie" mit nach Langeoog brachte. Unter Eindruck des tristen Spätherbstwetters waren einige Sätze daraus Wasser auf die Mühlen und Öl ins Feuer unserer Empfänglichkeit für existenzialistische Gedanken und v.a. deren Ad-absurdum-Führung. Besonders angetan hatten es uns die Sätze: "Das Sein ist, was es ist: Es ist nichts als das." und "Das Nichts nichtet nicht, das Nichts ist genichtet." - Der im Buch vorkommende Begriff "ontisch-ontologisch" führte bei uns dann zu den von uns sog. "Verdopplungserscheinungen" im Vokabular, indem wir nach genanntem 'Vorbild' verschiedene Adjektive - und in Auswüchsen auch andere Wortarten und sogar Satzfragmente - abwandelten / ergänzten. So existierten im Januar '86 in unserem internen Sprachgebrauch beispielsweise Wörter wie "systisch-systematisch", "problisch-problematisch", "kritisch-kritologisch" oder "logisch-logarithmisch". Aus Herrn Helmers typischem  und von uns adoptiertem Ausspruch: "Dürfte klar sein!" machten wir gar ein schlichtes "dürftisch-dürftologisch". … Hallo?!

Unter Eindruck des Buches übrigens formulierten wir im Dezember '85 die Langeoog- / Internat-bezüglichen "7 Sinne": Schwachsinn, Wahnsinn, Stumpfsinn, Irrsinn, Leichtsinn, Unsinn und Blödsinn.

... Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sich - katalysiert durch graue, trübe Wintertage - die brodelnde Unzufriedenheit entladen würde. Sie tat es schließlich im besonders unwirtlichen Mitt-Februar 1986 und führte unmittelbar zur "Großen Revolution".

(Einer jener aufs Gemüt schlagenden, aus der Ferne nebelhornkommentierten Nebeltage, hier ca. Dezember 1986.)

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Alkohol im Internat

Für Herrn Guthmann bildeten Schule und Internat eine Einheit, für etliche Internatsschüler hingegen waren dies häufiger Alkohol und Internat , besonders (natürlich) wochenends. Warum man Alkohol über den physiologisch vertretbaren Rahmen hinaus konsumiert, ist - allgemein gesehen - bekannt und konkret im Einzelnen sehr unterschiedlich motiviert. ... Auf Langeoog mag auf diese Weise vielleicht auch so mancher Internats- und Inselkoller betäubt bzw. temporär ersäuft worden sein.

Laut Internatsordnung war der "Konsum von Alkohol jeglicher Art" "streng untersagt", und Mißachtungen dieser Ordnung konnten durchaus zu Verwarnungen, Vorladungen beim Schulleiter oder letztlich dann auch zum Internatsverweis führen, natürlich je nach Sachlage / Schwere / Wiederholungstäterschaft des Delikts. Ich nehme an, daß bei den (jüngeren) Realschuljahrgängen härter gemaßregelt und 'bestraft' wurde als in der Oberstufe, in der manch einer bereits in Klasse 11 volljährig war; ich mag mich aber auch irren. Natürlich hing es auch immer vom jeweiligen Heimleiter ab, und letztlich war wohl allen Aufsichtspersonen auch klar, daß man Guthmanns strenge Regel im realen Leben so explizit nicht einhalten konnte und bis zu einem gewissen Grad vielleicht auch nicht sollte.

Als ich im August '84 nach Langeoog kam - und das nebenbei nicht als Muster-Abstinenzler! - war Alkohol jedenfalls ein beliebter (Abend-)Freizeitgestalter, was mir gleich am allerersten Tag auffiel. Ich selbst stieg direkt hochprozentig mit dem griechischen Anisschnaps Ouzo ins Geschehen ein, der mir bereits von zu Hause her gern 'auf der Zunge lag'. Damals existierten im Internat die Bezeichnungen "Koma" und "Di(c)ktus" als Alternativen zum Begriff Alkohol(voll)rausch ... und diese Wörter gehörten zum aktiven Alltagswortschatz. Das Internat war übrigens sicher auch nicht rein zufällig der Ort, an dem ich den Terminus "Delirium tremens" zum ersten Mal hörte. Ich mag es nicht in dieser Deutlichkeit formulieren, aber meine aufs erste Internatsjahr 1984/85 zurückblickende Wahrnehmung verlangt es: Wer als Internatsschüler damals Alkohol trank, dabei vielleicht auch noch ein Stück weit 'trinkfest' war und das Ganze nicht unbedingt zu verstecken suchte, war - mehr oder weniger latent - "in" ... auf jeden Fall mindestens zwischen akzeptiert und respektiert unterwegs.

Ich erinnere mich an ein Mal, daß Frau Noltus uns in flagranti mit einer satten Flasche Ouzo im Zimmer erwischte. Sie konfiszierte die Pulle natürlich umgehend unter mahnenden Worten, mehr passierte aber nicht. ... Schön, daß wir noch eine zweite Flasche hinterm Bett stehen hatten!  - Eine weitere Flagranti-Situation aus unserer Anfangszeit 1984, die gerade noch zu meinen Gunsten ausging: Eines Wochentagabends trinke ich am Tisch sitzend schon vor Ablauf der Arbeitsstunde aus einem meiner zwei bei Fokko Gerdes (Der Laden hat einfach alles!) gekauften Schnapspinnchen Ouzo, als unversehens Arbeitsstundenaufsicht Hashagen ins Zimmer tritt. Geistesgegenwärtig oder vielleicht auch rein reflektiv greife ich umgehend zu einem in Handnähe befindlichen Schulheft oder Schulbuch und decke es - Beschäftigung mit entsprechender Lektüre vortäuschend - sichtblendend über das corpus delicti, während das zweite, leere Gläschen danebensteht. Hashagen schöpft Verdacht, konstatiert, nimmt das leere Pinnchen in Augenschein und merkt ob des spezifisch-verräterischen Odeurs von Ouzo an: "Hier riecht's nach harten Sachen!", geht der Situation aber nicht weiter nach. ... Puh, das war knapp!!

Auch wenn wir nie direkt bange waren, mit Alkohol erwischt zu werden oder gar Angst vor disziplinarischen Maßnahmen hatten, so sorgten wir uns bei unseren Getränkezusammenkünften natürlich - abgesehen vielleicht vom Korkenknallen bei den Sektabenden  ... das mußte nun mal sein - trotzdem selbstverständlich um weitgehende Dezenz der Heimleitung gegenüber, die natürlich auch ein Stück weit ahnte / wußte, was da manchmal so gespielt wurde. In dem Zusammenhang gewährte Herr Dr. Lamperstorfer Hans und mir 1985 quasi offiziell die Erlaubnis zu unserem tradionellen Sekt-Freitagabend.

Im Herbst 1984 trug es sich mindestens einmal (wenn nicht, innerhalb einer kurzen Phase sogar wiederholt) zu, daß mehrere meiner 11er-Mitschüler vorsätzlich alkoholisiert zum samstagmorgendlichen Schulsport erschienen, wobei ich nicht (mehr) weiß, aus welcher Motivation heraus. Mag sein, daß das Motto lautete: Trink und vergiß ... den Unterricht. Möglicherweise stand aber auch die übermutfreisetzende Wirkung im Vordergrund, die der Schulsporteinheit etwas mehr Pep geben sollte?!

Samstag abends kulminierten dann regelmäßig die internatsinternen C2H5OH-Einnahmen und man konnte immer mal wieder durch die geöffneten, eigenen Zimmerfenster vernehmen, wie irgendwo entlang der Gebäudefront ein anderes Fenster geöffnet wurde, leeres Glasgut im Hagebuttengebüsch unten landete und entsprechendes Fenster wieder geschlossen wurde.

Im "Meeting" gab es an bestimmten Tagen / innerhalb bestimmter Zeiten und zu gegebenen Anlässen (z.B. zu Geburtstagen) einen offiziellen Bierausschank (ob eventuell auch Wein-, kann ich nicht (mehr) sagen), wobei Herr Guthmann diesem 1985 wohl den Hahn abdrehen wollte, was aber dann maximal vorübergehender Natur gewesen sein konnte.

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Die Sektabende

Im Verlauf des ersten Schulhalbjahres (1984/85) wurde Sekt bei Hans und mir sehr beliebt und es wurde zu einer Tradition, Freitag abends nach den 'Strapazen' der hinter uns liegenden Schulwoche unter Abschließen der Zimmertüre (was wir das "zimmerielle Abschlußverfahren" nannten) einen exklusiven Sektabend zu veranstalten; wir gewährten in diesem Rahmen dann nur noch ganz, ganz wenigen, ausgewählten Persönlichkeiten - eigentlich nur Marc - Einlaß. Meist bestand unsere Munition aus anderthalb, seltener zwei Flaschen Sekt pro Person, wobei die beiden favorisierten Marken "Henkell trocken" und "Deinhard cabinet" waren. Desöfteren kam ergänzend "Rüttgers Club" hinzu, welcher zwar recht geldbörsenfreundlich war, dafür aber geschmacklich bedingt lediglich dazu diente, die Festlichkeit - seinerzeit hätte man wohl gesagt - 'umdrehungsmäßig' abzurunden. Je nachdem, was das Sortiment von Eckart und Speisekammer so hergab, kamen vereinzelt immer mal wieder auch andere Marken zum Einsatz, so z.B. "Der Große Kurfürst", "Bernard Massard" oder auch die süßen Italiener. Beim Experimentieren mit bislang noch nicht getrunkenen Sorten  - oder wenn unsere Stammarken mal einen Aussetzer hatten - kam es mitunter vor, daß der entsprechende Sekt derart sauer schmeckte, daß er im gerade noch erträglichen Rahmen nur konsumiert werden konnte, wenn er beherzt und schnell getrunken wurde. Hans prägte dazu den Begriff "Schnellschluckverfahren".  ... Wegschütten wäre ja auch wahrer Alkoholmißbrauch gewesen. 

Trotzdem ja Alkohol - und damit eben auch Sekt - im Internat offiziell streng verboten war, erhielten wir vom neuen Erzieher des unteren Flurs, Dr. Lamperstorfer, einen - wie er es nannte - "Generaldispens zur Abhaltung eines Herrenabends", also seine Absegnung, freitags im zimmeriellen Rahmen zu feiern. Seine Bedingung, daß er diese unsere Tradition duldete, war lediglich, daß er auch (mal) ein Gläschen mittrinken durfte. ... Eine sehr loyale Geste, wie ich finde.

Nun war es allerdings so, daß die Schulwoche ja auch noch den Samstag einschloß, dessen Stundenplan für uns im Schuljahr 1984/85 von 7:45 Uhr - 9:20 Uhr eine Doppelstunde Sport (bei Herrn Hashagen) vorsah. ... Wie man sich leicht vorstellen kann, hatten unsere Sektfestlichkeiten am Vorabend desöfteren mangelnden Aufstehwillen am Morgen danach zur Folge, so daß wir - besonders ich - uns Fehlstunden im entsprechenden Fach leisteten. Hin und wieder kam es vor, daß wir, nachdem Frau Lisson bzw. Lampe ihre / seine erste Weckrunde getan hatte, zunächst aufstanden, uns jeder in seinem Zimmerschrank versteckten, dort ausharrten und warteten, ob nicht doch noch jemand durchging, und uns schließlich, nachdem keine Gefahr mehr in Verzug zu sein schien, wieder in die Betten legten, um auszuschlafen.  

Unsere Sekttradition blieb bis zuletzt bestehen, war dabei aber von Beginn an nicht nur auf den Freitag Abend fixiert. Nachdem ich zu Hause im Januar 1986 eine Cassette mit klassischer Musik aufgenommen hatte (darauf Mozarts Symphonien und Klavierkonzerte, Smetanas "Moldau" und der Jägerchor aus Webers "Freischütz"), gehörte entsprechende Musik fortan fest dazu.  

Desöfteren - wenn die Abendstunde schon etwas vorgerückt war und der Sekt seine volle Wirkung entfaltete - kam es vor, daß Hans in seinem Sessel einnickte und ich dann - zumindest vorübergehend, bis Hans wieder erwacht war - alleiniger Festivitätsgestalter war. Während dieser Zeit konnte ich dann je nach Bedarf auch mal eine meiner geliebten Kate-Bush-Cassetten einlegen, deren Musik Hans im Wachzustand wohl nur schwer hätte ertragen können.  

Folgende Rituale hatten (spätestens ab dem Umzug ins neue Zimmer) bis zum Schluß Bestand: Nach Abschließen der Zimmertür stellten wir die Flügel unserer Fenster auf, schalteten die klassische Cassette ein, hielten jeder seine Sektflasche parat zum Öffnen und lösten schon einmal den Verschluß. Nicht selten mußten wir dabei den gleich herausdrängenden Korken mit gewissem Kraftaufwand zurückhalten. Sobald dann Webers Jägerchor angestimmt wurde - wir nannten es "das Jägerlied" - ließen wir die Sektkorken dann aus den offenen Fenstern knallen und begannen das feuchtfröhliche Ereignis. ... Was hinter verschlossener Türe bei uns vor sich ging, wann immer relativ laute Klassikmusik aus dem Zimmer zu vernehmen war, wird ein ziemlich offenes Geheimnis gewesen sein.

Die interne Aufforderung, das Öffnen der Flaschen einzuleiten, lautete übrigens: "Schreiten wir zur Tat!"

(Drei leere Flaschen Sekt der Marke "Großer Kurfürst", versteckt in meinem Zimmerschrank. - Frühjahr 1985)

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Sport!!

Der Sportunterricht war für mich zeit meiner 14 Jahre währenden Schullaufbahn die wahrste schulische Hölle auf Erden, wobei Geräteturnen das schlimmste Szenario im 'Trockensport' darstellte. Das ultimative Inferno auf meinem alten Gymnasium war darüber hinaus - trotzdem ich in Zivil eine wahre Wasserratte war (und trotz der Chlorgeruchs-, Badekappen- und Auf-Pfeifen-des-Lehrers-unerbittlich-vom-Drei-Meter-Brett-Springenmüssen-Erinnerungstraumata weiterhin und begeistert bin)! - Schwimmen, aber diese Unterrichtsspielart gab es glücklicher- und irgendwie auch komischerweise auf Langeoog nicht, zumindest nicht in meinen Stundenplänen. Naja, jedenfalls habe ich Sportunterricht jeglicher Art schlichtweg gehasst und ihn gemieden, so oft es mir im gerade noch schadfreien Rahmen möglich war. Ich war Sportbank-Drücker, Schwimmzeug-Vergesser, Nichtschwimmer-Simulant und Fehlstunden-Sammler par excellence. Gekrönt wurden diese meine Aversionsäußerungen schließlich mit einer fetten Sechs (!) im Abgangszeugnis meines alten Gymnasiums … als Empfehlung für Langeoog. Lediglich meine Angaben beim Volleyball – einer Sportart, die ganz oben auf meiner Horror-Hitliste stand – waren anerkanntermaßen nicht ohne und nicht selten auch unparierbar. Ganz schlimm war auch das unsinnige, sogenannte Völkerball (oder war’s das den treffenderen Namen führende Brennball?), das man zur Aggressionsbewältigung (oder vielleicht eher –generierung?) besser erst in der Grundausbildung der Bundeswehr hätte einführen sollen, wenn überhaupt! … Zu wessen Glück bitte läßt man sich Bälle mit voller Wucht vor den Latz knallen?! Sehr unbeliebt waren bei mir auch diese verdammt bleiern-schweren, sog. "Medizinbälle", die wohl nur der bissigen Ironie wegen so hießen. Als letztes im Rahmen zu erwähnendes Folterwerkzeug meiner Wahrnehmung seien noch die an der Wand angebrachten Holzsprossen-Klettergestänge angeführt, die meinem Gedächtnis nach außer Angst, Abneigung und Schmerzen zu verursachen keine besonderen, förderlichen Eigenschaften besaßen.

... Mit erwähnter Prädisposition & (völlig gerechtfertigter) Note also kam ich 1984 nach Langeoog, wo meine Fehlstundensammelei dann direkt fleißig weiterging, wobei ich mir allerdings keine Sechs = "Null Punkte" mehr leisten durfte, da Schulsport dort versetzungswirksam war!! Glücklicherweise hatte ich nun aber auch mit Herrn Hashagen – im Gegensatz zu meinem alten Sportlehrer … nennen wir ihn Herrn K – einen besonnenen, ruhigen und geduldigen Sportpädagogen, der sich nicht laut bellend in den autoritären Vordergrund spielte und der sicher so manche unentschuldigte Fehlstunde meinerseits ohne disziplinarische Konsequenzen durchgehen ließ. Daß ich wegen dieser Fehlstunden eines Tages 1985 zur Anhörung dann schließlich bei Guthmann 'antanzen' musste, war sicher nur eine rein formale Zeigefinger-Sache. Dank Herrn Hashagens – ich sage mal – 'Laisser-Faire' brachte ich den Sportunterricht letztlich dann aber doch im Guten hinter mich und hatte bei ihm sogar mal noble 08 Punkte!!

Und so war es auch im Unterricht bei Herrn Hashagen, der stets in unmodisch-kurzknappen Turnhosen unterrichtete, daß ich meine Sternstunde im Schulsport erleben durfte, und zwar, als wir (1986 oder 87) – Hans war auch dabei – außer der Reihe und nachher nie wieder plötzlich ein Hockey-Match spielten. Zum ersten und einzigen Mal in all den durchlittenen und gepeinigten Jahren wurde ich zum regelrechten Leistungssportler, hängte mich voll ins Geschehen und schoß, wie von unsichtbarer Hand beflügelt, quasi ein Tor nach dem anderen. … Auf einmal wurde aus dem Nullapostel, der stets als Letzter oder mit Glück und Anstand als einer der Vorletzten übrigblieb, wenn Mannschaften gewählt wurden,der ‚Bringer’ des Spiels!! Ich konnte es selbst kaum glauben. Es war ein Riesenspaß, während dessen ich mir meine lange Sporthose einsatzbedingt aufschürfe bzw. aufriß. Das war aber nicht nur egal, das waren die Manifestation und die Trophäe eines zuvor nie erlebten Triumphes und einer zuvor nie gekannten Leistungsbereitschaft & Schulsportmoral, die leider, leider mit Ende der Stunde viel zu früh wieder endeten und bis zum Ausklang meiner Schulzeit nie wieder auch nur ansatzweise aufblitzten.

Es lebe der Sport!

... Hashagens Nachfolger in "LA" (= Leichtathletik) wurde 1987 (?) ein neuer Lehrer namens John, dessen mitunter eigenwillige Turnübungen Hans und mich diese mit einer Art 'Wehrsport' vergleichen ließen. Eine Übung z. B. bestand darin, daß sich zwei Schüler gleichzeitig mit dem Brustkorb anspringen mussten … zu welchem sportlichen Zweck auch immer.

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Schabernack

Als Musterinternatsschüler galten Hans und ich bei Frau Noltus, Guthmann & Co. wohl nicht, aber sicher als zu den 'Braven', 'Unauffälligen' und 'Friedlichen' gehörig. Aus diesem - von mir vermuteten - Ansehen heraus muß es gewesen sein, daß wir zeit unserer gemeinsamen drei Schuljahre nie in Verdacht gerieten, auch nur an einem (unserer) Internatsstreich(e) überhaupt beteiligt gewesen zu sein, geschweige denn Initiatoren. Das kam uns bei unserer 'Flurbildersturmaktion', beim Abhängen des Schwarzen Bretts und natürlich besonders beim Fälschen Helmer'scher Stundenplanänderungen zugute.

Der 'Flurbildersturm': Frau Noltus war immer bemüht, ihr Reich, den oberen Oberstufenflur ästhetisch, nett und wohnlich zu gestalten, was wir nicht immer zu schätzen wußten. Dankbare Demonstranten unserer mentalen Nonkonformität wurden nun die (hin und wieder wechselnden) Flurbilder, welche - in große Rahmen gefaßt - die weißen Gangwände zierten und die uns nie gefallen wollten. Eines späten Abends nach der Nachtruhe (wohl im November 1986) griffen Hans und ich in die aktuelle Flurästhetik ein, holten mehrere (oder sogar alle?) Bilder (Schülerarbeiten aus vermutlich Wasserfarbe) aus ihren Rahmen und fügten eigene, (hauptsächlich oder gänzlich von mir) mit rotem und schwarzem "Edding" gemalte Werke in abstrakter Kunstsprache (ich erinnere mich an ein durchgestrichenes Auge auf Beinen) ein. Diese neuen Werke hängten wir wieder in den Flur, während die entfernten Schülerbilder unbeschadet irgendwo versteckt wurden. Die Krönung dieser Bilderaktion ... oder war es zu einem anderen Termin? ... bildete mein Portrait von Frau Noltus (auch gezeichnet in "Edding" (Rot für die Haarfarbe, Schwarz für die Sonnenbrille), das versehen mit dem typischen Ausspruch unserer Heimleiterin: "Das darf doch [oder ja] wohl nicht wahr sein!" ebenfalls im Flur an die Wand kam. ... Leider war ich zu dem Zeitpunkt in der Schule, aber Hans erzählte mir später, daß Frau Noltus ihr leicht karikiertes Konterfei am Morgen danach erschrocken mit genau den dazugeschriebenen Worten in Augenschein nahm und das Bild natürlich schnell entfernen ließ. - Schade, ich hätte es gerne gehabt.

Der Unsinn mit dem Schwarzen Brett: Das Tun des Menschen läßt sich nicht immer mit seiner eigenen Logik erklären. - Unter dieser Vorgabe läuft eine Aktion von Hans und mir, die sich ebenfalls 1986 zugetragen haben dürfte. Eines Abends, das Gymnasium war inzwischen verwaist, hängten Hans und ich ohne erinnerten Grund oder Anlaß kurzerhand das Schwarze Brett von seinem angestammten Wandplatz ab, schleppten es in den Gang mit Raum 7 und stellten es dort auf der Toilette ab. Die schulischen Bekanntmachungszettel des Bretts nahmen wir herunter und verbrannten sie draußen auf dem Gelände neben der Schule.

Die falschen Stundenplanänderungen (siehe v.a. bei "Dokumente"): Im November des Jahres 1986 fälschten Hans und ich mit Hilfe von Olafs Schreibmaschine Herrn Helmers bekannte Stundenplanänderungen, um am darauffolgenden Samstag verfrüht und doch 'offiziell' fehlstundenfrei ins Wochenende reisen zu können. Aus Spaß an der Freud tippten wir auch noch eine oder zwei mehr, um etwas zusätzliche Verwirrung ins Spiel zu bringen. Die gelungensten Dinger, die Hans mit "i.V. Hel" signierte und die wir ans Schwarze Brett pinnten, wurden wohl gleich nach Entdeckung als Fälschungen enttarnt, aber wir stellten uns ganz dumm und hatten unser Wochenende. 

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Böse Action

Schabernack, Unfug, Verstöße gegen Schul- und Hausordnung usw. gab es auf Langeoog in den unterschiedlichsten Ausdrucksformen, Qualitäten und Intensitäten. Solche individuellen Grenzauslotungen, Ellenbogenfreiheiten und spannungsabbauenden Ventile gehörten zur Institution Internat dazu und mußten es in gewissem Umfang auch.

Hier möchte ich kurz einige Beispiele aus meiner Zeit anmerken, wo entsprechende Grenzen - mitunter auch die der Legalität! - überschritten wurden. ... Meine eigenen zwei, drei 'Schandtaten' übrigens kann man an anderer Stelle nachlesen; sie seien nicht verschwiegen.

1984/85 betrieb - sofern die damaligen Berichte stimmen - ein Internatsschüler der Oberstufe in seinem Zimmerschrank ein kleines, verstecktes Hanf-'Treibhäuschen' (mit weißem, das Tageslicht ersetzendem Kunstlicht). Irgendwann kam die Sache dann raus und die Dorfpolizei - vermutlich in Gestalt des Herrn Labbé - beendete diesen 'Graswuchs'. ... Da entsprechender Schüler aber weiterhin Bleiberecht in Internat & Schule hatte, ist die Story möglicherweise anzweifelbar. ... Zum Thema Rauschmittel auf nichtalkoholischer Basis gibt es eine weitere Begebenheit aus meiner Zeit: 1985 oder 86 hatten einige Leutchen irgendwo am Deich gewisse dort wachsende Pilze entdeckt und wohl oral internalisiert. Es wurde eine berauschende Wirkung wahrgenommen und so befanden sich temporär diese Pilze im Focus des Interesses einiger entsprechender Bewußtseinserweiterungs- bzw. -betäubungsfreunde.

Wenn Spannungen mit anderen oder vielleicht eher mit sich selbst kulminierten oder Alkohol bzw. andere potentielle Katalysatoren dazu verhalfen, kam es hin und wieder (selten (!)) zum Eintreten von Zimmer- oder Flurtüren, wobei ich annehme, daß diese Gewaltakte sowohl zielbewußter als auch ungerichteter Natur sein konnten.

1984/85 hatte sich ein Oberstufenschüler temporär angewöhnt, in kleinem Rahmen Alkoholflaschen und Zigaretten(stangen) / Tabakbeutel in den Dorfsupermärkten zu klauen (!!), was er 'einklaufen' oder auch 'einklauben' nannte. Er hatte dazu einen dicken, weiten Wintermantel und klaute dann auch und vor allem auf 'Bestellung' anderer Internatsschüler. Zeitweilig (anfangs?) hatte er sich in den Dünen (angeblich) irgendwo ein kleines Depot angelegt. Schließlich gab er diese Tätigkeit des "Einklaufens" dann aus eigener Einsicht auf. Er wurde nie erwischt. Zu 'aktiven' Zeiten nannte er die Speisekammer assoziativ auch "Speiseklammer". 

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Briefe aus Zimmer 43

Als ich nach den Sommerferien 1984 Langeooger Internatsschüler wurde, verlagerte sich mein materieller Präsenzmittelpunkt trivialerweise vom heimischen Emsdetten auf die Insel. Gleichzeitig allerdings blieb mein ideeller Präsenzmittelpunkt im nördlichen Westphalen (zurück), und es entstand eine Art 'emotionale Kluft' zwischen den beiden, welche während meines ersten Schulhalbjahres im Internatsgefüge als unproduktives Spannungsfeld besonders stark gähnte und schließlich erst sehr spät wirklich geschlossen und damit aufgelöst werden konnte. 1984/85 fühlte ich mich als Internatsschüler auf Langeoog mitunter wie ein Verbannter in eine unwünschenswerte, minderwürdige und überwindungspflichtige Parallelwelt zum 'eigentlichen', 'wahren' Leben in der Heimat, aus dem ich nun auf (aus damaliger Perspektive) unabsehbare Zeit mehr oder weniger ausgegrenzt war und auf das ich keinen unmittelbaren Einfluß nehmen konnte. ...

(Fortsetzung folgt.)

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Spielkultur

(Kapitel in Arbeit.)

Udo besaß 1987 eine - damals bereits betagte - Videospiel-Konsole, und zwar den "Videopac Computer" G7000 von Philips, dazu mehrere Steckmodule mit z.T. irrwitzigen Spielen und zwei kantige Handsteuerungen (mit "Action"-Taste), die in einer Spielanleitung konkret als "Handkästchen" bezeichnet wurden. Graphik und Ton waren in ihrer entwaffnenden Schlichtheit allerliebst, dazu ließen sich Phänomene auslösen, die so sicher nicht vorgesehen waren.

Angeschlossen war die Konsole an meinen kleinen Fernseher, vor dem ich zusammen mit v.a. Udo etliche überaus amüsante Spiel-Zeiteinheiten verbrachte. Unser Klassiker der Spielauswahl war das Modul 14, "Revolverhelden", in dem sich ein blauer und ein roter Pistolero in einer bunten Pilzfelsenwüste, die jedesmal neu zufallsgeneriert wurde, Feuergefechte lieferten. Einerseits dienten die Felsen als Deckung, andererseits konnten sie gefährliche Querschlägerketten hervorrufen, was nicht selten zum überraschenden Tod des eigenen Helden führte.

Unsere weiteren Favoriten waren: "Satellitenangriff", "Burgenschlacht" und das äußerst schräge "Die Suche nach den Ringen". ... Man konnte mitunter Tränen lachen.

(Ein blauer und ein roter Revolverheld duellieren sich in einer Pilzfelsenwüste. - Screenshot mit verfälschten Farben.)

Zum Ende des Jahres 1987 kaufte ich Udo, der gerade Geld brauchte, Konsole und sämtliches Zubehör ab. Diesen Dinosaurier unter den Computerspielen besitze ich heute noch, und ich durfte vor einiger Zeit mit Freude feststellen, daß alles noch funktioniert und spielbar ist. ... Ein gepflegtes Duell nach nunmehr 23 Jahren sind Udo und ich uns auf jeden Fall schuldig!!

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TE

Irgendwann nach der "Großen Revolution" entdeckten Hans und ich - ich würde heute sagen - aus heiterem Himmel 1986 das Tennisspielen als lukrative Freizeitbeschäftigung für uns. Wir waren ja ohnehin immer gerne draußen aktiv, und so ließ sich unsere Internatspsyche durch die physische Herausforderung zusätzlich pflegen. "TE" (gesprochen "Tee Ee") war nach unserer Zimmerneugestaltung ein weiterer Schritt, uns mit dem Internatsleben allgemein positiv zu arrangieren.

Die Ausrüstung, Schläger und Bälle, stellte ich zunächst aus dem Bestand meines Vaters. Ich selbst spielte mit einem älteren Holzschlägermodell mit Darmsaite, Hans bekam einen Arthur-Ashe-Metallrahmen-Schläger. Als 'Tennisplatz' wählten wir vier Asphaltplatten des ehemaligen Rollfeldes der Luftwaffe, unweit des Internats jenseits des Süderdünenrings zwischen einer Kleingärtnerparzelle und dem Anfang des Inselwäldchens, wobei zwei der Platten so gelegen waren, daß sie faktisch noch zum Radfahrwegbereich gehörten. Ein Netz oder sonstige Tiefenbegrenzung für unsere Ballwechsel gab es nicht.

Da wir beide nun zwar 'Vergnügensdrescher', aber im eigentlichen Sinne des Sports ganz und gar keine Tennisspieler waren, kam es während unserer beherzten Ballwechsel häufiger vor, daß wir Bälle verschlugen / nicht trafen und diese dann in den benachbarten Dickichten landeten, die abgesehen von ihrer mitunter schweren Zugänglichkeit an den Kopfenden unseres definierten Platzes dazu aus Hagebutten-Dornengebüsch bestanden, so daß es manchmal eine langwierige Unternehmung werden konnte, den entsprechenden Ball wieder zutage zu fördern, was nicht selten dann auch schließlich aufgegeben werden mußte. Hin und wieder landeten die Bälle auch gleich nebenan hinter dem Stacheldrahtzaun der Parzelle desjenigen Kleingärtners, den Hans und ich ob seiner von uns prognostizierten Reviersicherungsbestrebungen den "Grenzsoldaten" nannten. War der "Grenzsoldat" selbst gerade da und in seinem Gärtchen zugange, passte er uns den aus der Bahn geratenen Ball freundlicherweise wieder zurück über den Zaun; war er nicht da, mußte Hans an einer bestimmten Stelle hinüberklettern, um ihn wieder ins Spiel zu bringen. Einmal sogar hechtete Marc unter Vernachlässigung der eigenen körperlichen Unversehrtheit mit Anlauf kurzerhand über den recht hohen Stacheldrahtzaun, um einen zuvor verschlagenen Ball zurückzugewinnen!! ... Glücklicherweise lief diese Aktion ohne jegliche Blessuren ab.

Zwei weitere Begebenheiten zum Thema TE:

 Hans und ich hatten es uns temporär angewöhnt, auf dem Rückweg vom Tennisspielen die vorhandenen Bälle vom Plattenweg entlang der Oberstufenfront durch unsere geöffneten Fenster schon einmal hoch ins Zimmer zu werfen. Eines Nachmittags nun, als wir wieder einmal von einer TE-Einheit zurückkommen, praktiziert Hans also entsprechende Ballwürfe auf unsere Fenster und trifft entgegen sonstiger Erfahrungen sauber ins Schwarze. Im Zimmer scheppert es. Zu spät merken wir dann allerdings, daß wir uns in den Fenstern um ein Zimmer geirrt und auf die des Nachbarzimmers 43 von Michael Warnemünde und Olaf Kulp gezielt hatten!!!  ... Mindestens einer der beiden ist gerade im Zimmer anwesend und dürfte nicht schlecht gestaunt haben, was da plötzlich hereingeflogen kam. Kurz drauf im oberen Flur angelangt, holt Hans die geworfenen Bälle aus Zi. 43 wieder ab.

Eines Tages, gerade auf unserem Platz zu einer Runde TE angekommen, stehen wir uns nun also gegenüber und erwarten mit dem Schläger in der Hand die Ballangabe des jeweiligen Gegenübers. ... Aber ... nichts passiert, denn weder Hans noch ich haben einen Ball dabei, uns darauf verlassend, der andere habe ja einen mitgebracht. ...

1987 bekam ich dann einen "Boris Becker"-Midsize-Schläger und spielte nun alternativ und vorzugsweise damit.

Irgendwann wechselten wir den Platz und spielten fortan ein Stück weiter, Richtung Reithalle Kuper, auf einer freieren Fläche des ehem. Rollfeldes, erneut dicht an einer abgezäunten Kleingärtnerparzelle, an deren Zaun sich unser inzwischen vorhandener Netzersatz aus Antennenkabel(n) gut und passend zum 'Spielfeld' aufhängen ließ. Übrigens wurde auch Marc im Laufe der Zeit zum Laientennis-Crack und war häufiger mit von der Partie.

Im Frühjahr 1987 unternahmen wir schließlich zwei große Schritte zur finalen Optimierung unserer Spielbedingungen. Zunächst verlagerten wir unsere TE-Aktivitäten auf einen richtigen Tennisplatz, und zwar auf den immer irgendwie zugänglichen und dabei eigentlich immer verlassenen Platz direkt neben dem Langeooger Flugplatz, unterhalb des Bahndamms. Das Betreten des Platzes mag streng genommen nicht 'rechtens' gewesen sein, aber es tauchte auch nie jemand auf, den unsere Anwesenheit 'von Amts wegen' gestört hätte. - Als Krönung schließlich fertigten wir uns im Mai '87 endlich ein 'richtiges' Tennisnetz an. Als Material dienten die beiden bereits leicht abgefetzten Fußballtornetze des Bolzplatzes auf dem hinteren Realschulgelände, die Hans und ich in einer verschwiegenen Abendaktion aus ihren Gehäusen entfernten und im Internat dann zurechtschnitten und die brauchbaren Bereiche verknüpften.

Das große Finale Hans' und meiner Filzkugelbearbeitungsduelle fand schließlich am 04. Juni 1987 als geplantes "Langeoog Cup Finale" - mit genanntem Netz auf genanntem Platz - statt, wozu wir mehrere Leutchen für verschiedene Funktionsbereiche des Matches rekrutierten.

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Musikalische Begleitung

(Von "The getaway" bis "Cry baby". ...)

Musik ist ein sehr starkes Assoziations- bzw. Erinnerungsmedium für ganz bestimmte Lebensabschnitte, konkrete Ereignisse und Momente sowie Personen. So gibt es innerhalb meines musikalischen Universums natürlich Musik, die unmittelbar für meine Langeooger Internatszeit steht, untrennbar mit ihr verbunden ist und mich jedesmal, wenn sie irgendwo zu hören ist, ein Stück weit dorthin zurückbringt.

Meine allererste musikalische Assoziation mit dem Langeooger Internatsleben ist "The getaway" von Chris de Burgh, das mir am allerersten Tag nach Verabschiedung meiner Eltern auf dem Rückweg zum Internat durch den Sinn ging, und es hatte ganz sicher mit meiner aktuellen Mentalität zu tun, mich nunmehr in gewissem Maße als ein 'Gefangener' zu sehen, der auf Ausbruch sinnt / hofft. Siehe Textzeile: "Send the word to the prisoners: Tonight we get away!"

Sowohl Hans als auch ich hatten 1984 jeder einen Radiorecorder mit ins Internat gebracht. Meiner sah zwar ganz 'schick' aus, schlug aber hin und wieder als unberechenbarer Cassettenkiller zu (Stichwort Bandsalat). Hans' Gerät war zwar ein etwas rustikaleres Schätzchen, dafür aber verlässlich, und so tat es drei Jahre lang treu seinen Dienst und zierte auch noch nach Hans’ Abschied vom Internat in Reminiszenz an die 'alten Zeiten' das Regal meines Einzelzimmers.

Während ich aus irgendwelchen, heute nicht mehr erkennbaren Gründen eigentlich eine ausgeprägte Abneigung gegen den Radiobetrieb hatte, war Hans ein überaus geneigter Radiohörer, und so klangen immer wieder die Hits der ausgehenden Früh-Achtziger durch unsere im Zimmer verbrachte Freizeit. Zusätzlich dazu trugen die freundlichen Cassetten-Leihgaben von Uwe ("Bauer") Vogt, dessen Fundus immer das annähernd neueste Chart-Material zu bieten hatte, dazu bei, daß einige Songs bis heute quasi als Intonierung unserer Anfangszeit 1984 im Internat zu betrachten sind: "Wake me up before you go-go" (Wham!), "Männer" (Herbert Grönemeyer), "Self control" (Laura Branigan) und nicht zuletzt "Catch me I’m falling" (Real Life) gehörten zu den 'Leithits' damals. - Erwähnenswert sei an dieser Stelle auch der damalige Radiotitel "Sehnsucht" von Purple Schulz, dessen an entsprechender Stelle überaus eindringlich in den Äther gerufenes "Ich will raus!" wir natürlich gleich auf unsere allgemeine Internatsbefindlichkeit bezogen und jedesmal amüsiert waren, wenn es zufällig aus unserem Empfangsgerät drang.

Zum Thema Radiohören sei übrigens nebenbei erwähnt, daß es zeitweise Hans' und auch mein Plaisir war, am Freitag Nachmittag die Sendung "Espresso" mit Willem zu hören. Die beiden darin vorkommenden Hörer-Spiele "Das Dingsbums-Spiel" (Stichworte: "Gesucht wird ein Verb, Tätigkeitswort oder Tu-Wort." und "Nicht ganz richtig, aber falsch!") und "Musik raten und singen." sorgten bei uns stets für gute Unterhaltung.

Irgendwann wohl nach den Herbstferien 1984 brachte Hans seine sogenannte "Einheits-Cassette" mit auf die Insel, welche bereits in seinem Leeraner Freundeskreis unermüdlich im Einsatz gewesen war und die fortan auch bei uns rauf- und runtergeleiert wurde. Irgendwann im Laufe der Zeit riß dann das Band, und nach den zwar sorgsamen, aber letztlich ineffizienten, da unsachgemäßen Reparaturbemühungen lief die "Einheits-Cassette" schließlich nur noch rückwärts … wie es sich zumindest anhörte. Auf dieser Cassette, die wir auch gerne mal nach dem Zubettgehen noch laufen ließen, waren nun allessamt 60er-Hits: The Animals ("I'm cryin'" / "House of the rising sun" / "It’s my life"), Beatles ("Revolution" / "Hey Jude" / "Something" / "While my guitar gently weeps" / "Octopus’s garden" / "Let it be" etc.) und The Moody Blues ("Tuesday afternoon" / "Nights in white satin", ...).

Was das Cassettenhören anbetrifft, so hatte nun auch Hans’ Radiorecorder seine Eigenheiten. Die prominenteste war dabei die, daß die Play-Taste beim Runterdrücken nicht (mehr) einrastete, so daß man z.B. einen Löffel (oder was sich gerade so anbot) in den Tastenzwischenraum stecken musste, damit sie untenblieb und spielte. War das Band dann durchgelaufen, gab der Recorder wie wild ratternde Geräusche von sich, bis man dann den Löffel wieder herausgezogen hatte. So kam es hin und wieder vor, daß wir von ebenjenem Rattern wieder geweckt wurden, nachdem wir uns zu den wohligen Klängen unserer "Einheits-Cassette" zu Bett begeben hatten und dabei schon (fast) eingeschlafen waren.

(Fortsetzung folgt.)

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Flurerscheinungen

Die 1985er Abiturienten sind mir von unseren Nicht-Klassenkameraden am präsentesten in Erinnerung geblieben, was wohl daran liegt, daß sie im prägenden Anfangsjahr nach uns neuen Elfern die zweitgrößte Bewohnerfraktion des unteren Flures darstellten. ... Da war z.B. "Schroeter" aus Berlin, der gerne mal mit (s)einem Ball auf dem Flur spielte und der meine 'stolz' an der Wand angebrachten Berlin-Bilder flüchtig in Augenschein nahm, um sie - in gewisser Weise zurecht - lapidar als "Touri-Photos" zu kommentieren, was mich vorübergehend durchaus schockte. Oder Karsten, der desöfteren nächtens vom Flurtelefon direkt geg. unserer Zimmertüre Streitgespräche mit seiner Freundin im Wiking drüben führte (... War es Carolin M.?). Vom oberen Flur her kamen z.B. "Fürsti", infolge seines Fenstersturzes lebende, aber immer sehr volksnahe Legende, oder Veit, der als einziger Oberstufenschüler der Zeit (vielleicht neben Eibe) eine ernstzunehmende Bartkultur pflegte.

Während des Schuljahres 1984/85 war es im unteren Oberstufenflur unter den 12ern und 13ern gebräuchlich, daß wenn man mit einem Mitschüler in Kontakt treten wollte, sich nicht schlicht zu dessen Zimmer bequemte, sondern den Namen der gewünschten Person laut über den Flur rief. Lebhaft in Erinnerung geblieben sind mir die wiederkehrenden Ausrufe "Meiniiii!!!", "Schrööter!", "Bummm!", "Ziiip!", "Schobbooo!" und "Kiziooo!".  ... Hans, Marc und ich fanden uns eines Tages 1986 - bereits nach Abgang aller Beteiligten - dadurch inspiriert und praktizierten die Ruferei kurzerhand mal gemeinsam in unserem Zimmer. Daraufhin kam unversehens Frau Noltus herein und kommentierte die Situation mit den Worten: "Affen, ihr seid Affen!"

Es gab im Internatsalltag gewisse Gegenstände, die nicht beliebig verfügbar waren, die aber trotzdem immer und immer wieder gebraucht wurden. ... Trivial! Dabei schienen sich 1984/85 besonders zwei Dinge im Focus der organisierenden 'Laufkundschaft' durch die Zimmer befunden zu haben, denn "Toaster?" und "Markstück?" waren bei uns die wohl häufigsten Anfragen ... wobei das jeweilige Substantiv auch schon die komplette Frage darstellte. Markstück übrigens war nötig, um den Getränkeautomaten im Vorflur nahe der Tür zur Hanse bedienen zu können.

Ca. 1985 hatten es sich Lewis und Andreas zeitweilig angewöhnt, sich über den unteren Flur ein aus lediglich zwei Wörtern bestehendes, lautes 'Verbalgefecht' zu liefern. Das ging dann so: "Fisch!" – "Frosch!" – "Fisch!" – "Frosch!" etc.. … Als Uneingeweihtem steht es mir nicht zu, dieses Phänomen über die reine Dokumentation hinaus weiter zu betrachten.

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Drei Dinge, die nie stattfanden.

Marc war - wie Hans und ich das mal nannten - "assoziiertes Mitglied" unseres Zimmers (unten wie dann auch oben), quasi der 'dritte Mann'. Marc und ich hatten drei 'fixe Ideen', mit deren Umsetzung in die gemeinsame Tat wir - unterschiedlich intensiv - liebäugelten:

1. Am Kiosk "Pirola-Eck" (am Weg zum Pirolatal) ein "Kosakenbrot" essen ... was auch immer das konkret gewesen sein mag; die Kombination aus Lokation & Namen wirkte einfach zu absurd-verlockend.

2. Ein Essen beim Griechen "Zorbas", im Kellergeschoß eines Gebäudes am Kiebitzweg.

3. Im Zuge einer Reise nach Ost-Berlin mit der S-Bahn bis über die Stadtgrenze hinaus nach Erkner (im Südosten an Berlin grenzend) fahren, was zu DDR-Zeiten westdeutschen Tages-Touristen in Ost-Berlin ohne gesondertes Visum untersagt war.

Alle drei Dinge haben jedenfalls nie stattgefunden und es stimmt mich sehr traurig, daß Marc seit 1990 von der Bildfläche verschwunden ist!!

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"Nur die Harten kommen durch."

Wer dieses recht martialische Postulat damals im Internat originär von sich gab, weiß ich nicht … eventuell Volker? Jedenfalls war es lebhaftes Diskussions- / Streitgesprächsthema eines Abends (wohl noch 1984) im unteren Oberstufenflur. Auch Hans beteiligte sich an der – hitzigen (?) – Diskussion, wobei er – natürlich – die Gegenposition vertrat.

Ich kenne auch den Bezugsrahmen des Satzes nicht, gehe aber davon aus, daß er im Konkreten nicht zuletzt auch das Internatsleben / -zusammenleben meinte, was auch immer das dann hatte bedeuten sollen.

Meine persönlichen Wirkenskreise betreffend empfand ich die Internatsatmosphäre meine gesamten vier Jahre lang – mit Ausnahme des 'Wörz-Nassauer-Inzidents' 1986 – allgemein als entspannt-friedlich, mindestens sozusagen auf der Leben-und-Lebenlassen-Basis. Wen man nicht mochte, den mied man und so war es auch umgekehrt mit dem entsprechenden Gegenüber. Hin und wieder wurden zeitweise zwar mal Zimmertüren eingetreten, aber das kam äußerst selten vor und betraf Hans und mich auch nie. … Nun war das allerdings auch lediglich der Rahmen meines eigenen ‚Tellerrands’, und erst im Nachgang erfuhr ich, daß es während meiner Zeit hinter den Kulissen über die üblichen, zivilen Reibereien hinaus durchaus manch ernsthafte Spannung und manches Drangsal gegeben haben muß. …

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Der Pirolataler

"Der Pirolataler" war - selbstverständlich - keine in den östlichen Inseldünentälern aufgrund von Knochen- oder Werkzeugfunden entdeckte frühmenschliche Lebensform, sondern eine reine Erfindung von Hans und mir, die Ausdruck unserer intern-scherzhaften 'Bewertung' von im Schulunterricht vorkommenden (und von uns als solche wahrgenommenen) Albernheiten war. Die namenbezügliche Assoziation mit dem Neandertaler ist offenbar, wir nannten 'ihn' alternativ-angelehnt auch "Homo (sapiens) pirolatalensis" und sprachen ihm alle uns bekannten klischeehaften Eigenschaften zu, die man landläufig gern (und dabei zu Unrecht!) zuvor genanntem Menschenverwandten zuspricht: Ein tumber Gesell mit grober Motorik und einem Intellekt, der maximal zuläßt, jemand anderem gehörig eins mit der obligatorischen Keule auf die Zwölf geben zu können. In einem konkreten Schüler 'erkannten' wir für uns - noch einmal ausdrücklich scherzhaft!!! - derartige Eigenschaftsmanifestationen, nannten ihn untereinander hin und wieder auch den "Pirolataler" und malten uns aus, wie es ihn immer mal wieder hinauszieht in die Dünentäler zu seinen Ahnen. ... Tja, die Gedanken sind frei! ...

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Kippen-Ede

Auf unseren Einkaufsgängen die Kirchstraße entlang ins Dorf kam uns hin und wieder ein älterer, bedächtig-langsam und scheinbar gleichmütig voranschreitender Herr im dunklen Mantel entgegen, der stets einen Zigaretten-Stengel / -Stumpf im Mundwinkel trug, weswegen wir ihn - ich glaube, es war originär Oliver - "Kippen-Ede" nannten. Lächler und ich werteten diese 'En-passants' schließlich scherzhaft als allgemein-positives Zeichen / Omen, wenn wir ihm wieder einmal zufällig über den Weg liefen.

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Legenden

1984 wurde uns Internatsneulingen die eine und andere Legende erzählt, die lange Jahre Raum für Spekulationen bot und immer noch bietet. Den zwei wesentlichen Legenden möchte ich hier kurz auf den Grund gehen. Vielleicht lassen sich ja mal die Fakten vom 'Internatlergarn' trennen.

"Der Langeooger Fenstersturz": Ca. 1978/80 fand in einem Zimmer des Obergeschosses (vermutlich Nr. 43 oder 45) auf der Ostseite des Oberstufenflügels eine Geburtstagsparty statt. Einer der Feiernden, mit Vornamen Clemens (wie sein Bruder bekannt als "Fürsti" oder "Fürst"), kletterte dabei in die Fensteröffnung, verlor aus eventuell vorstellbaren Gründen das Gleichgewicht und fiel - der Schwerkraft folgend - eine Etage tiefer zu Boden. Frau Noltus hatte nicht lange vor dem Ereignis die unter den Fenstern befindlichen Pflastersteine bis hin zum "Meeting Center" ausgebuddelt und an deren Stelle Beete mit Schwertlilienbüschen geschaffen. Diese bewahrten "Fürsti" bei seinem Aufprall dann auch vor jeglichen körperlichen Blessuren, wenngleich der Sturz ihm selbst, Frau und Herrn Noltus sowie der Partygemeinde einen gehörigen Schreck einjagte. "Fürsti" war derart geschockt, daß er in eine Decke gehüllt zurück ins Internat getragen werden mußte.

Es ist vielleicht eine Ausschmückung im Zuge der Legendenbildung und -dynamik mit dem Lauf der Zeit, aber man erzählte sich, daß "Fürsti" noch mit dem Bierglase (oder der Bierdose?) in der Hand gen Erde fiel, den Inhalt sogar noch halbwegs rettend. Eine weitere Quelle besagt, daß er beim Fallen (auch) die teure Kamera einer Person namens "Pehle" mit auf die unfreiwillige Reise nahm.

"Das Gespräch unter drei Augen": Der gute Herr Wiedel trug infolge eines Unfalls bei einem chemischen Versuch ein Glasauge. Irgendwann - mindestens noch in den 70ern - bat ihn - in sicherlich ziemlich respektloser Anspielung darauf - ein Schüler einmal um ein "Gespräch unter drei Augen". Ich kenne hierzu weder Umstände noch Konsequenzen, werde diese aber anfügen, sobald ich etwas weiß.