Hin & Weg

In dieser Abteilung befindet sich eine kleine Auswahl von Andenken an meine unzähligen Reisen von und nach Langeoog als Internatsschüler, mit Inselbahn, Fähre, Bus & Bahn ... aus Anlaß von Ferien, langen Wochenenden und vor allen Dingen im Rahmen vieler, vieler inoffizieller Wochenendheimfahrten. Hans war von Anfang an mehr oder weniger regelmäßiger Wochenendpendler, hatte er es mit Wohnort Leer / Ostfr. ja auch nicht allzu weit.

***

 Der Bahnhof Langeoog war zu Internatszeiten ein eher bescheidenes Häuslein, an dessen Fahrkartenschalter die Bahnfahrkarten noch in Handarbeit ausgestellt wurden:

(Hauptstraße mit Bahnhof, Dezember 1993)

   

***

Die beiden Fahrpläne meines ersten Internatsjahres:

     

***

Hier einige meiner vielen aufbewahrten Fährfahrkarten. ... Ich erinnere mich noch sehr gut an die manchmal etwas knurrigen Durchsagen nach dem Ablegen: 'Moin! ... Fahrgäste ohne gültigen Fahrausweis bitte jetzt zum Nachlöseschalter! ... Ich wiederhole: [...]'

     

      

     

     

Internatsschüler fuhren gewöhnlich mit der Schülerkarte zu DM14.- (einfache Fahrt). Waren sie Kinder kinderreicher Familien, konnten sie, sofern sie - wie z.B. Hans - im Besitz des sogenannten "Wuermeling" (oder auch "Karnickelpaß") waren, mit der Kinderkarte zu DM9.- reisen.   

Ich weiß nicht, wie oft ich in meinen vier Jahren Langeoog die Fährfahrt über das Wattenmeer mit Langeoog I, III, IV und "Lili Marleen" antrat, aber jedesmal war es doch etwas Besonderes, die Passage “zwischen den Welten“ (wie Hans und ich das damals nannten) zu tun, beim gleichmäßig sanftwummernden Motoren der Fähre über die Weiten des graubraunen Wassers zu schauen und - wie man so sagt - an nichts zu denken. Sofern es nicht gerade regnete, saßen wir während des Übersetzens ans Festland draußen an Deck, wobei wir auf den beiden großen Fähren bestimmte Stammplätze (die Zweierbänke auf dem Oberdeck rechts oder links ganz hinten an der Treppe) hatten, die uns außerhalb der Saison kaum jemand streitig machte.

Es war immer ein sehr wohltuendes Gefühl, wenn man aus der Umklammerung der Hafenmauern ins 'offene Wattenmeer' hinausschipperte, während Anleger und weitere Fixationspunkte stetig kleiner wurden und man über den Schaumschweif des wild aufgewühlten Heckwassers dorthin zurückblickte, von wo man sich ein weiteres Mal 'entkommen' wähnte. ... Hans' und meine samstäglichen, häufig gemeinsamen Wochenendheimfahrten starteten meist mit der "11-Uhr-Fähre", wobei ich persönlich quasi immer im zumindest formalen Konflikt mit meinem Unterrichtsplan abreiste, der noch die eine oder andere Schulstunde vorsah (je nach Halbjahr beispielsweise Erdkunde, WN, Religion oder Deutsch). Hin und wieder pressierte unser Wochenendausbruchsdrang sogar dergestalt, daß wir auch schon einmal freitags mit der 14:45-Uhr-Fähre unsere Schulwoche beschlossen; dann allerdings so gut wie nie, ohne vorher die Gegebenheiten, Vor- und Nachteile sowie Konsequenzen unserer angedachten 'Tat' ausführlich abzuwägen und auszuloten. ... Die letzte Gewißheit, es aber trotz allem wieder einmal richtig gemacht zu haben, ereilte uns spätestens dann, wenn der Landungssteg der Fähre hochgeklappt wurde, die Schiffsmotoren intensiver zu arbeiten begannen und wir uns vor Guthmanns Zugriff sicher wähnten.

Während der Überfahrt bot die Fährkombüse fürs leibliche Passagierwohl u.a. die "Bockwurst" (mit Senf und Toastbrotdreieck) an, in deren Genuß wir uns allerdings wohl erst nach Internatszeiten brachten. Heute jedenfalls gehört sie zu den ‚Pflichtpunkten’ unseres Programms einer jeden Langeoog-Reise.

Im Winter - besonders in den ersten zwei Wintern - bildete sich über der Fahrrinne durchs Wattenmeer schonmal eine derart starke Eis(schollen)schicht, daß dann einige Tage überhaupt kein Fährverkehr zum und vom Festland möglich war! Bis zu einem gewissen Grad konnte man noch bestimmte Schiffe als Eisbrecher einsetzen, damit sich wenigstens die beiden großen Fähren ("Langeoog III" und "IV") im Zeitlupentempo durchs Packeis arbeiten konnten. Eine solche Passage dauerte dann auch gut und gerne mal zwei Stunden oder länger. Unter Eindruck dieser Verhältnisse, des mitunter (Winter 1985/86!!) hohen Schnees und der teils beißenden Kälte verwandelten sich für uns die Stationen der gemeinsamen Heimreise in die nach extremer Kälte klingenden, russischen Ortschaften Langosibirsk, Bensopawlowsk, Esensograd, Nordiwostok und Leerojansk.

(Anleger Bensersiel - Post-L'oog-Ära, Februar 1989)

Nach Ankunft in Bensersiel wurden beim Verlassen der Fähre die Fahrkarten geknipst und nicht selten einbehalten. Zwei Stamm-Kontrollettis nannten wir ihrem assoziationsfördernden Aussehen Tribut zollend "Jean-Paul Belmondo" und "Theodor Fontane". Letzterer gehört übrigens auch heute noch (2009) zum Kontrollpersonal der "Schiffahrt der Inselgemeinde Langeoog".

Am 'gelobten Festland' angekommen ging es nun zum Bus oder - wenn noch genügend Zeit war - erst eben zum "A&O-Markt Schmidt" hinterm Deich an der Zufahrt zum Hafen, um dort etwas Proviant für die folgende Busfahrt zu kaufen (traditionsbedingt meist je eine Dose "Fanta" und eine Rolle "Rolo"). Es gab zwar die Möglichkeit, von Bensersiel direkt mit einem Bus nach Norden zu fahren, aber Hans und ich favorisierten die Alternativstrecke über Esens und Dornum mit Umsteigen am Bahnhof Esens. Wenn ich mich recht erinnere, fuhr der Bus nach Norden (bezogen auf die 11-Uhr-Fähre von L'oog) auch erst um ca. 12:45 Uhr ab, was abgesehen von der Bescherung von unproduktiver Wartezeit in Bensersiel auch jede Chance ausschloß, noch den 13:10er-Zug ab Norden zu erwischen. Das eine und andere Mal - wenn je nach genommener Fähre noch genug Zeitspielraum bis zum nächsten Bus vom Bahnhof Esens zur Verfügung stand - wählten wir auch den ca. 7km langen Fußweg entlang der Hauptstraße (Bensersieler Str.) oder auf dem Deich entlang oberhalb des Benser Tiefs. ... Gut zu Fuß waren wir ja immer.

Der Bus nach Esens fuhr 1987 samstags um 12:05 Uhr vom Fährhaus ab. Es gab einen Stamm-Busfahrer, der an entsprechender Haltestelle in Esens gerne "Krrrrankenhaus!" durchsagte ... Bei seiner recht dunklen Stimme klang das dann immer eher wie eine Warnung oder Drohung. Eine weitere - 'gefühlte' - Kuriosität auf der kurzen Fahrt war die alte, etwas versteckte Aufschrift an einer Mauer der Bahnhofstraße in Esens. Dort stand - und steht vielleicht immer noch: "Bavaria St. Pauli Brauerei Niederlage Esens". Hä?? Uns amüsierte der Anblick jedesmal.

Hier zwei Busbelege, wegen des geringen Preises wahrscheinlich beide vom Bus Bensersiel - Esens:

          

Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich beim ersten Beleg um den Zeugen einer verfrühten Wochenendfahrt, denn der 13.12. war ein Freitag. ... Was "VON GATT" übrigens zu bedeuten hatte, ist mir bis heute nicht bekannt.

Im kleinen Schalter- und Warteraum des Bahnhofs Esens gab es übrigens einen Aushang zum Thema "Bahnamtlicher Rollfuhrdienst", der uns in seinen kantig-bürokratischen Formulierungen sehr amüsierte. Bis etwas mehr als ein Jahr vor Beginn meiner Langeooger Internatskarriere - bis Mai 1983 - verkehrte zwischen Norden und Esens die "Ostfriesische Küstenbahn", die dann aber auf diesem Stück für den Personenverkehr stillgelegt wurde. Bis zu seinem Abbau (Frühjahr 1986) erinnerte zwischen Dornum und Esens noch das parallel zur Buslinie gleich neben der Straße verlaufende Gleis an diese Bahnstrecke. Die alte Trasse wurde später als Radweg ausgebaut.

(Bahnhof Esens, September 1986)

Zu 1986/87er-Zeiten verkehrte zwischen Esens und Norden (12:28 Uhr ab Esens) ein alter Ziehharmonikabus aus dem Jahre 1962. Einen häufigen Busfahrer nannten wir "Otto" oder den "Kutscher". "Kutscher" bezog sich auf die Bewegungen des Busses in Reaktion auf die Beschaffenheit der Straße. Die ca. 45-minütige Busfahrt nach Norden führte - bis Dornum weitgehend begleitet von den Schienen der ehemaligen Bahnlinie - durch die ländlich-gemütlichen Landkreise Wittmund und Aurich, und damit durch Ortschaften wie Fulkum, Uppum, Westeraccum, Dornum, Nesse, Hage und Lütetsburg, mit z.T. uralten Kirchengemäuern und der einen und anderen Windmühle. 

Auch im Bus hatten wir unsere Stammsitze ... ganz hinten.

Doch bei aller vordergründiger Beschaulichkeit der liebgewonnenen Landpartie: Es war immer ein gewisser Wettlauf mit der Zeit, den wir nicht beeinflussen konnten, und den wir wohl häufiger verloren als gewannen, denn die Fahrplanzeiten waren so konzipiert, daß der Zug von Norden nur ganz, ganz wenige Minuten nach der offiziellen Ankunft unseres Busses abfuhr (13:10 Uhr) ... und der Bus traf grundsätzlich verspätet am Bahnhofsvorplatz ein. Desöfteren hatten wir ja Glück, da der Zug gerade noch wartete oder seinerseits etwas Verspätung hatte, aber das war weiß Gott nicht die Regel. Erschwerend kam hinzu, daß der Bus häufiger an ein, (schlimmstenfalls) zwei Grundschulen in Dornum noch diverse Schulkinder aufzunehmen hatte, die dann mitunter einzeln an den verschiedenen Gehöften des weiteren Weges bis Hage ausstiegen. Das wirkte sich sicher oft genug fatal auf die Einhaltung des Zeitplans aus. - Nichts gegen die Kinder!! Wenn die Rasselbande gerade frisch im Bus war, herrschte immer ein großes Hallo, bei respektablem Lautstärkepegel, und man saß amüsiert-verwundert dazwischen als einer, dem seine eigene Grundschulzeit plötzlich wieder aus der Ferne der Erinnerung zuwinkte.

(Schafft er's oder schafft er's nicht?? (21. Mai 1987))

Desöfteren sahen wir also den Zug kurz vor Busankunft am Bahnhof Norden dann gerade noch abfahren; ein durchaus deprimierender Anblick, denn das bedeutete eine saftige Wartezeit bis zum nächsten Zug, für mich über zwei Stunden, was am kurzen Heimatwochenende eine schmerzliche Zeiteinbuße bedeutete ... abgesehen vom bevorstehenden Zeittotschlag. Hans kam schon ca. 40 Minuten früher los als ich, denn mit Ziel Leer konnte er die Bahn Richtung Oldenburg nehmen.

(Bahnhof Norden, Mai 1987. Das Gebäude wich Anfang der 2000er Jahre einem modernen Nachfolger.)

Auch der Bahnhof Norden hatte seine liebenswerten Charakteristika. So z. B. hatten sich in die Klinker einer der Außenwände auf der Gleisseite Generationen Wartender mit Initialen, Namen und Daten eingeritzt. Die frühesten 'Einträge' stammten noch aus dem 19. Jahrhundert ... Allessamt durchaus rührende Reminiszenzen an frühere Bahnreisende und -wartezeiten.

Was jedesmal, wenn wir seine Präsenz nicht übersahen, mindestens mit einem Grinsen unsererseits bedacht wurde, war ein überaus kurioses, altes Schild, das deutlich über Augen- und normaler Wahrnehmungshöhe unter dem Dachansatz der Gleisseite angebracht war, wohl nach Abnabelung Nordens von der "Ostfriesischen Küstenbahn" 1983 vergessen wurde zu entfernen und folgende Wichtigkeit kundtat: "42,1 km v. Wittmund". ... Ausgerechnet Wittmund!! ... Und vor allen Dingen Komma Eins!!

Schade ist's um den Bahnhof. ... Er hatte ein Gesicht. 

***

Die Wartezeit in Norden überbrückte ich (bzw. überbrückten wir) hin und wieder dadurch, daß ich mich (bzw. wir uns) zum nicht weit entfernten Aldi-Supermarkt oder - selten - auch zu einer Stippvisite ins einige hundert Meter entfernte Nordener Stadtzentrum aufmachte(n). Die meiste Zeit jedoch war schlicht Bahnhofswarten angesagt, welches Hans und mich im Auslaufrahmen ein Bahnsteigende bis anderes Bahnsteigende häufiger zu einem entsprechenden "Bahnsteigklassischen" trieb. Nach Eintreffen des jeweils erlösenden Zuges ging es dann - je nachdem, ob es ein Schnell- (= D-) , Eil- oder Nahverkehrszug war, mit Stationen in u.a. Marienhafe, Emden, Leer, Papenburg, Aschendorf, Dörpen, Haren, Lathen, Meppen, Lingen, Leschede und Salzbergen durch die beschaulichen Landschaften Ostfrieslands und des Emslandes, bis entweder mein Umsteigebahnhof Rheine oder direkt meine Heimatstation Emsdetten erreicht war. Inbegriff des 'gottverlassenen' Haltepunktes auf dem Weg war - die Bewohner des Ortes mögen mir die Wortwahl nachsehen - übrigens die Station Kluse im Emsland, deren Lage in keiner Weise auf irgendeine, wie auch immer kleine Ortschaft schließen ließ.

***

Im Rahmen von Wochenendheimfahrten mußte ich bereits Sonntag mittags wieder von zu Hause abreisen, was mir nach dem Keine-Vierundzwanzig-Stunden-Heimat-Aufenthalt gewöhnlich natürlich widerstrebte. Manchesmal war dann aber mein Vater so selbstlos-größzügig, daß er mich am Montag in aller Herrgottsfrühe mit dem Auto zum 4:11-Uhr-Zug (!!!) nach Rheine zu bringen bereit war, wodurch meine heimatliche Verweildauer um kostbare Stunden verlängert werden konnte.   

Zwei exemplarische Wiederanreisefahrkarten:

   

Für Bahn und Anschlußbus(se) - ich fuhr auch auf der Rückreise nach Bensersiel später mit Vorliebe über Esens - besaß ich den "Junior-Paß" ... dessen Geltung im Busverkehr allerdings - zumindest in den Anfangsjahren und wenn man keine Komplettfahrkarte gelöst hatte - in einer gewissen Grauzone befindlich war und letztlich von der Handhabung / Kooperativität des jeweiligen Busfahrers abhing.

Üblicherweise setzte man schließlich mit der 17-Uhr-30-Fähre über und konnte - eingelullt durch das meist gleichmütig wirkende Wattenmeer und die sanften  Motorengeräusche wie auch immer gelassen einer weiteren Zeiteinheit Langeooger Internatsleben entgegenblicken. 

***

Damals war zwar - besonders in Richtung Heimat - natürlich vor allem das Ziel auch das Ziel, aber trotzdem hatte sich jenseits der Warterei auf Ablegen der Fähre, Bus- und Bahnabfahrten und des Ankunftharrens während der jeweiligen Fahrt eine gewisse Wertschätzung für die meist pastorale, urwüchsige und küstennah stets dem Wind trotzende Landschaft sowie für die vielen, kleinen 'Selbstverständlichkeiten' des Reiseprozederes entwickelt.