Alternative Ernährung

Auch wenn man bei Göbel mit allen für eine leistungsstarke Schülerkarriere essentiellen Nahrungsbestandteilen dreimal täglich versorgt werden konnte, gab es damals natürlich auch alternative bzw. ergänzende Wege, sich ernährungs- und vor allem genußmittelbezüglich zu saturieren ... und diese Wege wurden reichlich beschritten!

*** 

Allem voran sei hier an zwei wahre Mekkas der konsumdurstigen Internatsschülerschaft erinnert - und dieser Durst bezog sich nicht selten auf unterschiedlich-prozentige, teils hochgeistige Alkoholika - die tagtäglich (sofern geöffnet) zur Pilgerschaft ins Dorf einluden und mich mit ihren Leib und Seele zusammenhaltenden Produkten kulinarisch über so manches Inselwochenende retteten.

Die Rede ist natürlich von "Feinkost Eckart" - damals in Internatskreisen auch als "Feinkotz Eckart" bekannt ... privatintern uferte es auf rein näherungshomophoner Basis schließlich zum schlichten "Fernost" aus ... und der "Speisekammer", die sich u. a. die Bezeichnung "Preisehammer" gefallen lassen mußte. ... Intern setzte sich bei uns - und das ohne jeglichen kausalen Zusammenhang - ausgerechnet der Begriff "Leichenkammer" durch, wortassoziationsfreudig, wie wir waren.

  

Die Öffnungszeiten beider Märkte waren: Vormittags 9:00 - 12:30 Uhr / Nachmittags 15:00 - 18:00 Uhr. Mittwoch nachmittags, Samstag nachmittags und sonntags* war geschlossen, wobei es mitunter vorkam, daß man das am Mittwoch vergaß und sämtliche Konsumträume schlagartig zerschmettert waren, wenn man dann - mit Geld und genügend Einkaufstüten ausgerüstet - vor den geschlossenen Toren von Eckart stand ... (* = Im Sommer hatte - als Tribut an die kaufkräftige Touristenpopulation - Eckart übrigens auch am Sonntag Vormittag geöffnet.)

Hier zwei Belege meines eigenen lustvollen D-Mark-Verbratens:

                

Die "Speisekammer" war - auch wenn die Mitarbeiter nicht immer sehr kundenfreundlich auftraten - meist meine erste Wahl, was v.a. daran lag, daß die Preise dort insgesamt etwas gemäßigter waren. Dafür punktete Eckart als ausgewiesener Feinkost-Laden mit verschiedenen Erlesenheiten, bei denen die "Speisekammer" passen mußte; so beispielsweise mit dem von mir über alle Maßen geschätzten kanadischen Kleehonig der Marke "Clover Crest", den ich mir mit steter Begeisterung gut butterunterfüttert auf ungetoasteten Toastschnitten reinzog. Und ich glaube, mit dem zwar naturgemäß magenherausfordernden, aber edlen Sanddornsaft konnte die "Leichenkammer" ebenfalls nicht dienen.

So ergänzten sich beide Märkte und waren beide fast vier Jahre lang die Fixsterne meines alternativ-ergänzend zu Göbel existierenden Parallel-Ernährungskosmos.

Hier mal ein Angebotsblatt von "Feinkost Eckart" (wahrscheinlich Nov. / Dez. 1986):

Mit dem "franz Landrotwein" waren sicher entweder der "Le Flamand", der "La Lampée" oder der auch immer wieder gern genommene "Le Patron" gemeint, welcher in gewissen Konsumentenkreisen auch "Patronensaft" genannt wurde. In herbstlich-vorweihnachtlicher Tradition gönnte ich mir hin und wieder den aufgeführten Glühwein, den ich zwecks Erhitzung durch meine Kaffeemaschine jagte ...

***

Und damit nun zu einem 'Lebens'- bzw. Genußmittel, das im Internat streng untersagt war,  damals jedoch - in variierenden Quantitäten - faktisch schlicht und einfach Teil des Internatsalltags vieler war: AlkoholWährend meiner Anfangszeit war Ouzo mein bevorzugtes geistiges Getränk, welches sich - ich war mit damals gerade 16 Jahren ja noch minderjährig - mit Hilfe älterer (oder älter wirkender) Mitschüler leicht beschaffen ließ. Ebenfalls noch von zu Hause mitgebracht hatte ich eine Neigung zu Likören, besonders zu Eierlikör und auch zu dem Honiglikör "Bärenjäger". Zusammen mit Hans entwickelte ich dann bald eine Vorliebe für Sekt, wobei "Henkell trocken" und "Deinhard cabinet" unsere Stammarken wurden. Ergänzend zu diesen kauften wir auch immer mal wieder "Rüttgers Club"-Sekt ein, der jedoch aus geschmacklichen Gründen nur als Nachschub geeignet war, wenn der Genuß an sich nicht mehr die tragende Rolle spielte. Unsere freitäglichen Sektabende unter Abschließen der Zimmertür und Einlegen klassischer Musik (v.a. Mozarts Klavierkonzerte und Symphonien) wurden zu einer richtigen Tradition, die bis zum Schluß unser gemeinsamen Zeit Bestand hatte und sogar von Lampe geduldet wurde. Neben Sekt entwickelte sich auch Wein bei mir zum beliebtesten alkoholhaltigen Getränk für die Freizeit (meist) nach der Arbeitsstunde. Im Zuge der Fußball-WM 1986 in Mexico bevorzugten wir - natürlich - Dosenbier: Hans die Halbliterdosen "Holsten", ich die 0,33-Liter-Dosen "Beck's".

Marc übrigens favorisierte alkoholbezüglich zeitweise "Malibu", einen Cocoslikör. Sein Motto dazu: "Malibu macht Kinder froh."

***

Ebenfalls verboten war es von offizieller Seite her auch, sich in den Zimmern irgendwas zu kochen oder zu braten. Dazu gab es ja die Küche. ... Wie auch immer, ich hatte in meinem Zimmer eine alte Kochplatte, auf der ich mir zur abendlichen Stunde dann gerne mal was gekocht oder gebraten habe. Der Klassiker war Dosen-Nasi- Goreng (von "Suzi-Wan" oder "Sonnen Bassermann", letzteres ab dem Schuljahr 1987/88), später wurde dann auch das 'Cevapcici' vom Aldi zum Renner, welches ich entsprechend von zu Hause mit auf die Insel brachte:

       

Die Kochplatte übrigens hatte ich 1986/87 mitsamt einer Bratpfanne von Oliver übernommen, wobei mir über die ursprüngliche Herkunft beider Utensilien nichts weiter bekannt ist. ... Pilch?

Diese Kochplatte jedenfalls besaß das Charakteristikum, daß man bei ihr keinerlei Kochstufen mehr einstellen konnte; sobald der Stecker drin war, lief sie sofort auf Hochtouren. Früher soll man die verschiedenen Stufen ja noch mit einer Zange oder ähnlichem Gegenstand eingestellt haben können. Beim Herausziehen des Steckers nach Gebrauch funkte es dann immer ein klein wenig. Am Fragment des Schalters hatte ein Vorbesitzer in Schwarz die vormaligen Schaltmöglichkeiten angegeben.

Die Kochplatte war auch noch in der Folgezeit des Internats bei mir im Einsatz. Heute schlummert sie in einem Winkel des Dachbodens und schafft jedesmal eine etwas befremdliche Vertrautheit, wenn ich sie mal wieder aufstöbere. Die Schaltbeschriftung ist längst verblaßt.

***

Weitere prominente Wege zum leiblichen Glück bestanden bei mir beispielsweise in der Internalisierung von Thunfisch in Öl sowie "Extaler" Zitronenlimonade, wobei ich mir beides auch gerne als Combo zu Gemüte führte:

      

Zusammen mit dem "Sonn Alm Camembert" sind dies die Lebensmittel, die für mich bis heute untrennbar mit der Langeooger Internatszeit verbunden sind. ...

Wenn ich Hans typische Produkte zuordnen würde, wären das sicher Salzstangen und die Einliterflaschen "Wesergold"-Orangenlimonade (bzw. deren Nachfolger "Extaler"-Orangenlimonade). Diese Limonade übrigens hatte zwischenzeitlich mal eine Phase, während welcher sie offenbar gewisse Genießbarkeitsschwankungen aufwies, was dazu führte, daß Hans – als treuer Konsument – nach dem Kauf dann draußen vor der Tür der „Speisekammer“ erstmal einen Schluck aus der gerade gekauften Pulle nahm, um zu prüfen, ob der Inhalt nicht wieder einmal "gammlig" schmeckte.

Marc hingegen ließe sich da nicht so leicht festlegen wie wir ... er war ein experimentierfreudiger 'Allesfresser'. Nur ein Stichwort: "Schichtkäse"!

***

Im winterlichen Frühjahr 1985 begeisterte mich antialkoholika-bezüglich besonders folgendes Kühlregalprodukt:

Zur selben Zeit wurde die ebenfalls erst unlängst auf dem Markt erschienene "Müllermilch" (in ihren damals drei Sorten Schokolade, Banane und Erdbeere) zu einem steten meinerseitigen Konsumschlager, dessen Internalisierung ein Jahr später während der Klassenfahrt nach München einen Kulminationspunkt fand, als Udo und ich uns zusammen zehn 500ml-Becher nacheinander reinzogen und ich mich subsequent volumenbedingt vorübergehend kaum mehr bewegen konnte. 

***

Natürlich gab es auch Eß- und Trinkgebräuche, die lediglich für eine gewisse Zeit Bestand hatten. So war es z.B. im Frühsommer 1985 Marcs und mein Plaisir, uns einen Laib Weißbrot und Kräuterbutter zu kaufen, um diese dann auf einer Bank in einer der Parkanlagen im Dorf zu verspachteln, dabei den freien Himmel zu genießen und eventuell dem inseldörflerischen Treiben zuzuschauen.

Einen beliebten Snack - gerne als Nervennahrung zur trockenen Schullektüre geknuspert - stellte diese kalorienschwangere kleine Kreation meinerseits aus Barbecue-Chipsletten, Curry-Gewürzketchup und einem Spritzer Mayonnaise dar.

***

Eine weitere Adresse zur kulinarischen Satisfaktion war der Bahnhofskiosk (genannt "Epi"), zu meinen Anfangszeiten wochenends eine beliebte Bezugsadresse für mein damals bevorzugtes geistiges Getränk, Ouzo. Außerdem gab es dort auch die berühmte "Heiße Hexe" zu kaufen (DM 3,50 im Jahre 1987), einen vielleicht nicht für jeden Geschmack und Magen geeigneten Cheeseburger ... Ich denke, außer mir wird sich auch Carsten Pilch trotzdem gerne daran erinnern:

      

   (Darreichungsverpackungsdesign ca. 1986)                                                     (späteres Design mit 'richtiger' Hexe)

Die "Heißen Hexen" gab es übrigens auch in der "Givtbude". Eigens für sie stieg eines Nachts (ca. 2 Uhr) Oliver aus seinem Zimmerfenster, fuhr mit dem Rad, das unter seinen Fenstern postiert war, hoch zur "Givte" und holte für uns beide welche. Zu seiner Rückkehr spielten wir auf seinen vor dem Aufbruch geäußerten Wunsch hin den Song "Nachts um halb Drei" von Heinz Rudolf Kunze ab.

 ***

Da ich nie ein 'Frühstücksmensch' war, interessierten mich die Bäckereien so gut wie überhaupt nicht. Hans hingegen brauchte seine Brötchen in der großen Schulpause oder in den Freistunden. Die Bäckerei Hunger (welchen passenderen Namen hätte es geben können?!) im Eck Friesenstr. / Otto-Leuß-Weg lag strategisch am günstigsten, ansonsten kamen die Inselbäckerei (an "Feinkost Eckart" angegliedert) oder auch die Bäckerei Leiß in der Barkhausenstr. in Betracht.

(Bäckerei Hunger, kurz nach der Internatsschließung (10. September 1988))

***

Das damalige Gastronomie-Angebot der Insel nahmen Hans und ich während unserer Internatszeit nur sehr wenige Male wahr, und es waren allessamt einmalige Ereignisse. Erwähnen möchte ich davon hier nur das "Jever-Fass", befindlich im Kellergeschoß des seinerzeitigen "Hotel Germania" (heute "Hotel Lamberti"), wo wir eines Mittags 1984 - Göbel boykottierend - eine formidable Currywurst serviert bekamen. ... Leider schloß das "Jever-Fass" nicht viel später seine Pforten und fiel als potentielle Göbel-Alternative fortan aus.