Chez Göbel

Dieser Bereich ist der Internatsküche unter Chefkoch Bernward Göbel gewidmet, der ab spätestens Mitte der 70er Jahre unterstützt von unseren jugoslawischen Küchenfeen für unser leibliches ... Wohl oder Übel sorgte . Dreimal täglich zauberte er die interessantesten Dinge auf die Serviermedien, wobei ihn natürlich nicht zuletzt auch das limitierte Budget dazu zwang, nicht immer jeden Geschmack bedienen zu können.

Man ging "zu Göbel" bzw. "zum Fraß".

In meiner Anfangszeit hieß es von Seiten Frau Noltus, Herr Göbel habe früher bereits und sogar für Adenauer gekocht. ... Vielleicht war da ja was dran, wir konnten es jedoch nicht so recht glauben bzw. sagten uns scherzhaft: Das muß dann wohl kurz vor Adenauers Tod gewesen sein.

Unser Gourmet-Tempel wurde zusammen mit der Realschule, deren Teil er war, 2002/03 abgerissen. Hier soll er nun weiterleben und uns daran erinnern, daß einmal auch auf Langeoog galt: "Göbel macht den Tisch zur Tafel."

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Zur Retro-Appetitanregung ein Speiseplan aus dem Jahre 1985:

... ein mitunter wahrer Lacherfolg, wenn man daran denkt, was einem dann manchmal tatsächlich aufgetischt wurde!

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Erster Gang: Frühstück

Beginn: Laut "Tagesablauf"-Plan 7:20 Uhr

Ich kann zum Frühstück an sich nur sagen, daß ich selbst bestenfalls eine Handvoll Male in vier Jahren dort gewesen bin. Ich war Extremspätaufsteher sowie Frühstücksverächter und habe mich lieber noch ein-, zweimal wohlig im Bett herumgedreht. ... Während für die Mittelstufe (offenbar) Anwesenheitspflicht bestand, war das Erscheinen zu den Mahlzeiten für die Oberstufe fakultativ.

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Zweiter Gang: Mittagessen

Beginn: 13:10 Uhr (inoffiziell oft schon um kurz nach Eins)

Der Speisesaal war durch einen kurzen Gang von der Realschule aus zu erreichen. Dieser Gang hatte rechts eine Fensterfront zu einem als Lichthof dienenden Innenhof, der wohl nur von der Küche aus betreten werden konnte. In diesem Innenhof tummelten sich zeitweise diverse Zwergkaninchen und - soweit ich mich erinnere - auch Meerschweinchen, die man, während man wartete, beobachten konnte. ... Über den Verbleib dieser possierlichen Tierchen kann ich nur mutmaßen. ... Ob die Nähe zur Küche dabei eine Rolle spielte, ist spekulierbar.  ...

Bevor nun die kulinarische Himmelspforte geöffnet wurde, stauten sich nach und nach die Wartenden. Dabei war es in meiner Anfangszeit unter den niedrigeren Jahrgängen als neckische Geste gebräuchlich, gezielt dem einen oder anderen Vordermann mit der flachen Hand mehr oder weniger leicht auf den Hinterkopf zu schlagen ... (??!!). Naja, diese Gesten wurden untereinander ausgetauscht, so daß wir anderen davon gänzlich ausgeschlossen waren. Schließlich hatte das Warten dann ein Ende, die Tür zum Speisesaal wurde geöffnet und die Schülermasse strömte hinein, wobei die Vordersten nicht selten regelrecht hineingepreßt und -gequetscht wurden. Der Ansturm auf die Tische begann und in gebotener Eile und bei beachtlicher Stimmengewirrkulisse wurde nun das gespeist, was auf dem Speiseplan vielversprechende Bezeichnungen wie "Burgunderbraten", "indonesischer Bohnensalat" oder "ungarischer Gulasch" trug. ... Naja, die Wahrheit hatte dann zwar ein etwas anderes Gesicht, aber trotzdem war Göbels Küche - bei einigen wirklichen Aussetzern hin und wieder - durchaus genießbar, manchmal - wenn auch sehr selten - sogar fast lecker. Ich erinnere mich konkret lediglich an zwei Gerichte, die ich kategorisch ablehnte: Das war einmal das, was der Speiseplan vermutlich als Eisbein verbucht hatte, und das in Wirklichkeit ein rundliches Etwas war, bestehend aus einem zentralen Knochen mit viel Speck und etwas angebranntem Fleisch darum. Bei genauerem Hinsehen konnte man zuweilen sogar noch Borsten erkennen! Das zweite Gericht war eine Art Hühnerragout, dessen Hühnerherzen mit ihren Blutgefäßinsertionsstellen mir ebenfalls widerstrebten.

Nach etwa 15 Minuten waren viele dann schon fertig, verließen das Lokal und es kehrte Ruhe ein. Hans, ich, Oliver und auch Marc blieben häufig noch etwas an unserem Tisch sitzen, die Essensausgabe vorne wurde zur "Bar", von der wir uns noch einen Plastikbecher vom sog. "Kaltgetränk" holten oder ihn gleich dort zur Brust nahmen, und so gingen wir hin und wieder dann auch als Letzte aus dem Saal. Die "Kaltgetränke" übrigens waren meist kalter Tee, auch künstliche Fruchtgetränke in mitunter intensiven Farben (Gelb, Dunkelrosa, ...). Jedenfalls waren sie kalt, was dann auch wohl ihre begehrenswerteste Eigenschaft war.

Samstag mittags gab es regelmäßig die berühmte "Chronik der Woche", einen vom Inhalt her variierenden Eintopf, in dem die Reste der vergangenen Speisewoche verwertet wurden.

Es gab bei Göbel drei Tischreihen (8er-Tische an den beiden Fensterfronten (zu Störtebekerstraße und Innenhof), 6er-Tische in der Mitte) und damit zwei Gänge. Der erste Tisch der mittleren Reihe (gesehen vom Eingang zum Saal) war derjenige Tisch, an dem (mittags) einige Lehrer speisten.

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Dritter Gang: Abendbrot

Beginn: 18:05 Uhr (inoffiziell oft schon um Sechs)

Auch abends war der Ansturm auf Göbels Angebot groß. Die Evergreens des Abendessens waren Graubrot, Käse und Salami. Manchmal (bzw. anfangs) gab es dazu auch Kochschinken, aber der war dann immer schnell vergriffen. Besonders stark rationiert waren die Brötchen, von denen es pro Tisch eins (!), in Zeiten des 'Überflusses' bzw. mit Glück manchmal sogar zwei gab. Die Brötchensammler, die natürlich bei Pfortenöffnung allen voran in den Saal drängten, bedienten sich dann auch schonmal gerne an den Nachbartischen. Viel Brötchen, viel Ehr ... oder so. Zu trinken gab es aus Metallkannen täglich wechselnde Getränke, häufig Tee (Hagebuttentee, Pfefferminztee, ...), auch Milch und Kakao. Den Tee gab's dann tags drauf kalt im Plastikbecher als "Kaltgetränk". Zusätzlich zum buchstäblichen Abendbrot wurde hin und wieder auch eine kleine warme Mahlzeit serviert, so z.B. Ravioli, für die ich immer sehr dankbar war. Waren die Brotschale oder der Aufschnitteller leergefegt, ging man damit nach vorne zur Essensausgabe und ließ sich von Göbel selbst oder von einer seiner fleißigen Helferinnen nach Wunsch bzw. dann irgendwann mal lediglich nach Vorrätigkeit Nachschub geben. "Salami und Käse!" war jedenfalls der Standard-Auftrag. Irgendjemand war immer unterwegs von und zur Essensausgabe, an der zu Beginn immer ein ziemliches Gedränge an Nachholern herrschte.

Zum Essen verteilte Frau Noltus die Post aus der Heimat für die Oberstufe, für die Mittelstufe (weiter vorne) tat das der Herr Michael ... bezogen auf die Jungens. Die Mädchen saßen übrigens vorne nahe der Essensausgabe.

Ein Phänomen beim Abendessen - im letzten Jahr auch bei mir sehr beliebt - war das Bunkern von Brot und Aufschnitt. Manch einer erschien ausschließlich zu diesem Zweck, leerte fleißig Brotschale und Aufschnitteller, holte nach, klatschte sich alles wieder auf seinen eigenen Teller und war die restliche Zeit nur noch beschäftigt, Brote zu schmieren und zum Mitnehmen aufzutürmen. Brot, Käse und Salami wurden im Internat auch gerne als Toast zubereitet. 

Gemütlich wurde es auch abends - nach der heißen Phase - dann schon nach 10 bis 15 Minuten: Die Tische entvölkerten sich zusehends und es kehrte Ruhe ein, in der dann lediglich noch das Metallklirren zu hören war, wenn eine oder zwei der jugoslawischen Küchenfeen die Bestecke einsammelten. Göbel machte plastikbehandschuht seine Runde und sammelte von den leeren Tischen die übriggebliebenen Aufschnittscheiben wieder ein, und man konnte konstatieren, daß er abseits des Verköstigungstrubels eigentlich doch ein durchaus netter Kerl war. Das war dann die Zeit, als man noch nicht so recht zur Arbeitsstunde aufbrechen wollte und lieber noch auf z.B. eine Tasse Hagebuttentee beisammensaß, so daß wir (Hans, ich, Oliver und Marc) auch abends mitunter die Letzten waren.  

Bei all den Erinnerungen: Ein Hoch auf die "L'oog Cuisine"!!