Sweet Home

In vier Jahren Langeoog bewohnte ich im Oberstufenflügel insgesamt drei Zimmer. An dieser Stelle möchte ich (mich) nun an sie erinnern.

***

Zi. 43 (unterer Flur) - 19.08.'84 - 04.07.'86 (zus. mit Hans)

Bei unserem Einzug als neue Elfer sah das Zimmer 43 aus wie wohl alle Zimmer des unteren Flures, die nach dem vergangenen Schuljahr nun neu bezogen wurden. Die Grundausstattung bestand aus Etagenbett, zwei Schreibtischen mit Stühlen, einem quadratischen Tisch mit zwei Sesseln und ein paar Regalen. Ein recht ausgedienter Teppich bedeckte einen Teil des mit PVC-Belag ausgekleideten Fußbodens und ein von der Decke hängendes Kabel mit Glühbirne und trichterförmigem Metallschirm sorgte als Zimmerbeleuchtung für die Abrundung des Ikea-esken Ambientes.

Die Zimmertür umrahmte eine dunkelgrün gestrichene Schrankwand, hinter deren Schranktüren man noch die Tapeten früherer Schülergenerationen bewundern konnte. Auf einer meiner Schranktüren hatte sich ein Vorbewohner mit den in Edding geschriebenen Worten "Du Filzlaus!" und einer dazugehörigen Zeichnung verewigt, die ein entsprechendes, grinsendes Tierchen zeigte.

(Zustand September 1985)

Obwohl das Interieur unseres Zimmers nun ziemlich schlicht und rein auf langlebige Funktionalität konzipiert war, unternahmen wir lange Zeit recht wenig, um uns eine etwas gemütlichere Atmosphäre zu schaffen. Hier mal einer meiner Stadtpläne von Berlin neben dem Schreibtisch an der Wand - der dem Zimmer eher einen Hauch von Büro-Atmosphäre hinzufügte - da mal eine zimmerhohe Berlin-Flagge, die mir Udo zukommen gelassen hatte, vor den Fenstern. Einen frühen Beitrag zur Verbesserung unserer Wohnqualität leistete Marc Widdel, indem er den abgelatschten Teppich draußen in den Müllcontainer warf, nicht ohne ihn auf dem Weg dorthin noch demonstrativ durch ein paar Pfützen zu schleifen. Jetzt blieb nur noch der nackte PVC-Belag, an dessen Schnittstelle in Zimmermitte sich im Laufe der Zeit die Ränder wellten, so daß man desöfteren darüber stolperte. Lamperstorfer erwirkte später (vor der Abreise in die (höchstwahrscheinlichst) Sommerferien, daß wir die aufgeworfenen Ränder endlich mit Klebeband abdichteten.

(Zustand Anfang Juni 1985) 

Ansonsten bestanden Hans' und meine Aktivitäten zur Verbesserung der zimmeriellen Aufenthaltsqualität vor allem darin, regelmäßige Umstellaktionen des Mobiliars durchzuführen, wobei die Schaffenskreativität dazu uns gern zur späteren Abendstunde packte, so daß wir dann noch nachts damit beschäftigt waren, Schreibtische zu rücken und das schwere Etagenbett von einer Zimmerseite auf die andere zu schieben. In den zwei Jahren, in denen wir Zi. 43 bewohnten, gab es kaum ein Arrangement, das wir nicht ausprobiert hätten.

f

(Zustand September 1985. ... Nach den Sommerferien hatten wir endlich Teppichboden.)

Zum allgemeinen Zustand verfaßte ich am 17. Dezember 1984 ein kleines, an mancher Stelle inhaltlich natürlich übertreibendes Gedicht:

Irgendwo auf Langeoog

Die Heizung! Wie monoton sie tropft!
Eine Pfütze ist entstanden. –
Das Klo ist hoffnungslos verstopft,
und das Papier kam mal wieder abhanden.

Gelangweiltes Klima im ganzen Zimmer.
Entfernte Musik dringt an mein Ohr.
Durch die Fensterritzen zieht’s wieder schlimmer.
Die Heizung kämpfte und verlor.

Die Betten sind schon längst zerschlissen.
‘Ne tote Spinne klebt an der Wand.
Der Teppich wehrt sich noch verbissen,
doch der Dreck nimmt langsam Oberhand.

Von der Fensterbank her weht es kühle.
Die Gardinen bieten ein trostloses Bild.
Noch schlimmer steht’s mit den Polstern der Stühle,
aus denen das Schaumgummi stückweise quillt.

Doch angesichts der Ferienzeit
seh’n wir über diesen Dreck
sorglos und mit frohem Herzen
mal desöfteren hinweg.

Ende Januar 1985 machte ich aus meinem Bett eine Art Séparé, indem ich es mit Vorhängen verhing, die Marc irgendwo aufgetrieben hatte. Den Einstieg bedeckte mein Handtuch und im Innern baute ich auf einer festen Mappe meine Tischlampe auf.

(Aufnahme Mai / Anfang Juni 1985)

Die Vorhänge wurden später durch Bettbezüge ersetzt und die Lampe verschwand, nachdem Hans ihr - wohl beim Aussteigen aus seiner Bettetage - versehentlich das Genick gebrochen hatte, aber mein Bett blieb fortan bis zum Schluß verhangen, was mir von "Lampe" den Titel "Gruftenmensch" einbrachte.

(Zustand September 1985)

Ein 'Luxusartikel' von Anfang an war Hans' Radiorekorder. Hans hörte oft und gerne Radio, was mich hingegen eher störte. Zum Rekorder hatte Hans eine alte Cassette mitgebracht, die er selbst "Einheitscassette" nannte und die auch bei uns sehr, sehr häufig durchgenudelt wurde. Auf der Cassette waren Hits aus den 60ern (v.a. Beatles, auch Animals und Moody Blues). Mein eigener Radiorekorder taugte zum (sicheren) Cassettenhören nicht, denn er war ein unberechenbarer Bandsalat-Anrichter. Auch vor einer von Olaf Nowaks wertvolleren Cassetten machte er nicht Halt, was uns Schadenersatzforderungen unseres damaligen Zimmernachbarn einbrachte. Zwei weitere Luxusartikel kamen dann in Form eines kleinen Fernsehers, den mir mein Vater Mitte Januar '85 mitbrachte, und später eines Kühlschranks. Bevor dieser kam, dienten im Winter die Doppelfenster des Zimmers als Kühlschrank, wobei wir irgendwann nach außen eine Sichtblende einbauten, da es wiederholt vorgekommen war, daß Leute, die den Plattenweg an der Fensterfront entlangschritten, inspiriert vom Anblick unserer Köstlichkeiten zwischen den Fenstern anschließend zu uns ins Zimmer kamen und nach diesen fragten.   

Zimmerpflanzen oder ähnlich wohltuendes Zierwerk gab es bei uns übrigens lange Zeit nicht und es blieb tendentiell spartanisch. Erst nachdem uns im Februar 1986 Zimmerdecke, Internat und Insel auf den Kopf gefallen waren und wir im Zuge der sog. "Großen Revolution" mit dem Vorhaben, unsere Schullaufbahn wieder an heimischen Lehranstalten fortzusetzen, Langeoog kurzzeitig verlassen hatten, erkannten wir den Wert einer Zimmergestaltung mit menschlicherem Antlitz.

Die Unternehmung, mit der wir unsere vier Wände dann im Rahmen der Möglichkeiten gestalterisch aufwerteten, startete Mitte März 1986 und bestand in Folgendem: Zuerst tauschten wir unsere ungeliebten Sessel mit den dunkelbraunen Sitzpolstern oben in der Gruppe Noltus gegen ein weitaus netter aussehendes und auch praktischeres Modell aus. Bevor wir tauschten, saßen wir erst mehrere Sessel probe. Dann brachte Hans von zu Hause verschiedene, aus GEO-Magazinen ausgeschnittene Photos mit Wüstenmotiven mit, die wir an die bislang weitgehend schmucklosen Wände klebten, und zur Krönung des Ganzen holten wir uns eine Zimmerpflanze in die gute Stube. Diese Pflanze war nun allerdings kein Pflänzchen für die Fensterbank, sondern es handelte sich dabei um ein Monstrum an Hartblattgewächs, mit einem langen, dürren Stamm, ein paar Ästen und einigen wenigen, dafür großen Blättern. Irgendjemand hatte die Pflanze irgendwie aus der Insel-Badeanstalt mitgebracht (war's Lewis?) und sie geriet an Marc. Als Marc der Pflanze seinerseits überdrüssig wurde, warf er sie kurzerhand samt Eimer, in dem sie steckte, aus dem Fenster, von wo wir sie einige Tage später uns dann holten. Angelehnt an die Wüstenbilder und die dürre 'Palme' nannten wir die Neugestaltungsaktion "Sitzgruppenprojekt Sahara". 

Kurz vor dem eigenmächtigen Umzug in den oberen Flur schauten wir hier noch die Fußball-WM 1986 (in Mexico), so auch das Finale zwischen Deutschland und Argentinien am 29. Juni '86.  

***

Zi. 45 (oberer Flur) - 04.07.'86 - 06.06.'87 (zus. mit Hans)

Dies ist das Zimmer, mit dem ich mich bis heute am meisten 'identifiziere'. Ich weiß nicht mehr, wie genau die Zusammenhänge waren, jedenfalls zog im Juni '86 Carsten Pilch nach seiner mündlichen Abiturprüfung im Fach Kunst bei Herrn Wierzenko vom unteren Flur nach oben in Nr. 45. Oliver und ich waren häufigere Gäste. Hier kaufte ich Pilch auch für DM10.- seinen Bademantel ab, den ich später hin und wieder als Ausgehmantel verwendete und darin auch ein-, zweimal zum Unterricht erschien. Naja, jedenfalls gefiel mir die Räumlichkeit so gut, daß ich - in Vereinbarung mit Pilch - beschloß, sie nach seiner Abreise von ihm zu übernehmen. Die Zimmer des oberen Flurs waren auf gemütliche Weise etwas kleiner und niedriger, hatten eine anheimelnde, leichte Dachschräge, und anstatt auf das Hagebuttendickicht zu schauen, hatte man auf der linken Seite einen erweiterten Blick Richtung Süderdünenring und Wäldchen. Eigentlich wollte ich mich zimmermäßig von Hans trennen und hier im Rahmen eines Einzelzimmers (möglicherweise auch zusammen mit Marc) wohnen, aber Hans gefiel die Umzugsidee gut und er zog dann wie selbstverständlich zusammen mit mir um. Pilchs Abreisetag war nun der 04. Juli und er übergab den Zimmerschlüssel wie vereinbart direkt an mich anstatt an Frau Noltus, wie es eigentlich hätte sein sollen. Abends erfolgte dann die große Umzugsaktion. Frau Noltus erfuhr erst spät von der ganzen Sache, sonst hätte sie unseren Umzug sicher nicht genehmigt. Sie sagte, unser Zimmer 43 unten sei unsauber und eine Zumutung für die neuen 11er. Unter der Bedingung, daß wir das neue Zimmer nun peinlichst sauber halten (Stichwort "Sagrotan"!) und ich keine leeren Coke-Dosen darin lagere, erlaubte Frau Noltus dann aber doch den Umzug, und so transportierten wir unsere Habseligkeiten (incl. der großen, sperrigen Pflanze) hinauf ins neue Domizil.

(Willkommen zu Hause! - Zustand ca. September 1986)

Auch im neuen Zimmer schuf ich mir mein Séparé im unteren Bett, hinter dessen Vorhängen aus Bettbezügen ich zeitweise meine Stereoanlage aufgebaut hatte. Hin und wieder leistete mein nicht einsehbares Refugium auch während der Arbeitsstunde gute Dienste, wenn ich aus gewissen Gründen (Stichwort Fehlstunde(n)) vermeiden wollte, daß mich der aufsichthabende Lehrer zu Gesicht bekam. ... Waren häufiger Herr Block und sicher auch Herr Helmer.

Die kleinen Wüstenbildchen aus dem GEO ersetzten wir in Zi. 45 durch mehrere große Kalenderblätter mit Segelboot-Motiven. Temporär gab es auch (siehe Photo unten) zusätzlich ein Poster zum "Bundeswettbewerb Mathematik 1987" (Motiv Leonhard Euler), das wir in augenzwinkernder Anspielung auf unsere Mathematik-Leidenschaft aufhängten.

(Zustand 26. Januar 1987)

Es läßt sich allerdings trotz der von uns als solche wahrgenommenen Verbesserungen nun nicht leugnen, daß wir auch aus unserem neuen Heim keineswegs ein Vorzeigezimmer machten. ... Mancher Einrichtungsästhet würde uns bestimmt Wohnkulturbarbarei attestiert haben, aber was soll's?! Uns gefiel es so, Yulka hatte die Raumpflegesituation unter Kontrolle und von Frau Noltus hörten wir in Sachen "Sagrotan" auch nie wieder etwas .

Während Hans' Schreibtisch meist sehr 'übersichtlich' war und nur wenige, (an)geordnete Utensilien darauf befindlich waren, fand man auf meiner Schreibtischplatte immer eine bunte Mischung aller möglichen Gegenstände und Lebensmittel ... was sich im Laufe der Zeit halt so ansammelte.

(letzter Zustand vor dem Auszug - ca. Mai / Juni 1987)

Einen großen und dabei vermeidbaren Verlust erlitt unser Einrichtungsensemble irgendwann nach Anfang Februar 1987, als wir endlich Marcs Willen stattgaben und ihn unsere Pflanze umtopfen ließen. Diese Aktion verkraftete sie - wie ich fast befürchtet hatte - nicht und ging ein.

(Rustikale Gemütlichkeit unter Palmen. - Zustand Dezember 1986)

Am 06. Juni '87 war schließlich nach dem letzten offiziellen Akt des Abiturjahrgangs 1987, der Abi-Feier am Vorabend, an der ich übrigens nicht teilnahm, Abreisetag. Für Hans bedeutete das mit dem Bestehen des Abiturs auch den kompletten Auszug, wobei er mir seinen alten Radiorekorder vermachte. Ich meinerseits war nach dem vergeigten mündlichen Abitur einige Tage zuvor noch unschlüssig, wo es schulisch für mich weitergehen sollte, nahm einen Teil meiner Klamotten auch mit und verbuchte die Abreise zögerlich erstmal ebenfalls als Auszug und endgültigen Abschied vom Internat.

Trotz der kantigen, Ikea huldigenden Leichtholzmöblierung bot Zimmer 45 ein rundum stimmiges Wohngefüge. … Es war sozusagen das Zimmer mit dem optimalen „Fung Shui“, und bis heute ist es als Identifikationsmittelpunkt mit der Langeooger Internatszeit in unserer Erinnerung verankert.

***

 Zi. 43 (oberer Flur) - 03.08.'87 - 05.06.'88 (Einzelzimmer)

Während des Sommers '87 wurde wohl auch mir klar, daß ein Schulwechsel für meinen zweiten Abituranlauf kompletter Irrsinn gewesen wäre, und so blieb ich also für ein weiteres, viertes Jahr auf der Insel. Als ich nach Ende der Sommerferien dann zum 03. August '87 wieder im Internat eintraf, hatte Frau Noltus während meiner Abwesenheit meine verbliebenen Sachen aus Zi. 45 ins Nachbarzimmer 43 verfrachtet, das zuvor Michael Warnemünde bewohnt hatte. Obwohl das neue Zimmer dem alten in seiner Ausstattung absolut gleich war - es war lediglich seitenverkehrt angeordnet - widerstrebte mir der Umzug sehr, was ich mir heute etwa so erkläre: Er nahm mir nach dem nicht bestandenen Abi und dem Abgang meiner Mitstreiter Hans, Marc und Oliver mit dem alten Zimmer ein für mich wichtiges Medium, an die 'alte' Zeit anknüpfen zu können und eine gewisse Kontinuität zu wahren. ... Es war sozusagen eine Art 'Identitätsbruch', den ich versuchte, rückgängig bzw. ungeschehen zu machen, was ich besonders intensiv schließlich nach dem schriftlichen Abitur '88 umzusetzen bemüht war, gewissermaßen als Schließung des Kreises ... oder so. Nur unter dieser Vorgabe kann man den erfolgten Veränderungen einen gewissen Sinn abringen.

Das zunächst ungeliebte Zi. 43 bewohnte ich bis zuletzt alleine, wodurch mir natürlich weitestgehende Gestaltungsfreiheit beschert war. Nachbewohner in Nr. 45 und somit Zimmernachbar wurde Tim Sommer, neuer 12er, der ebenfalls Einzelbewohner war.

Ich wechselte im Einzelzimmer nun ins obere Bett des Etagenbetts, wobei ich die untere - leere - Schlafstatt allerdings weiterhin mit Bettbezügen verhing. Durch weitere Anlehnungen an das alte Zimmer arrangierte ich mich zweckmäßigerweise dann doch schnell mit dem neuen, obwohl weiterhin eine latente Unzufriedenheit mit dem innenarchitektonischen Zustand schwelte.

Diese führte schließlich nach dem schriftlichen Abitur zu radikalen Maßnahmen, als ich am 18. Februar 1988 zunächst das Mobiliar dahingehend umstelle, daß es von der Aufteilung und Ausrichtung her dem alten Zi. 45 entsprach. ... Als essentieller Störfaktor stand nun allerdings noch der Wandschrank auf der ‚falschen’, rechten Seite. ... Dieses Problem beseitigte ich in den frühen Morgenstunden des 20. Februar, als ich entschied, die Schrankwand kurzerhand auf die im Zusammenhang 'richtige' Position zu rücken. Der Lächler (Frank Klußmann) war um diese Zeit (nach 2 Uhr) noch wach und mir natürlich bereitwillig mit seinem Schraubenzieherset behilflich. Nach Entfernen der Schranktüren zogen wir den Schrankkörper (der - wie alle Schränke - keine Wand nach hinten hatte) über die Teppichkante auf die linke Seite. Die Analogie war nun für mich endlich komplett. ... Allerdings gab es dabei zwei Schönheitsfehler: Erstens: An seiner neuen Position überdeckte der Schrank den Lichtschalter, so daß man fortan zunächst die erste Schranktür öffnen mußte, um an ihn zu gelangen  . ... Zweitens: Die Zimmerwand, an der der Schrank zuvor stand, war dummerweise nicht weiß bemalt, wie das restliche Zimmer, sondern hatte einen früheren, braunen Anstrich. Hm ... Das war an sich zwar auch kein großes Problem, denn der Lächler gab mir weiße Farbe zur Überpinselung der verräterischen Flächen, doch um halb 5 Uhr morgens - nachdem ich immerhin einen kleinen Bereich über dem Kühlschrank weiß gestrichen hatte - brach ich die Umfärbeaktion schließlich aus zeitlichen & motivatorischen Gründen ab. ... Die Fläche war mir einfach zu groß, so daß ich als rettende Idee schließlich anderes vorsah, um das eigenmächtige Umarrangement möglichst zu vertuschen: Im folgenden Vormittag sammelte ich Plastikeinkaufstüten, mit denen ich von Reza, Christoph und Friedrich versorgt wurde. Die mit den 'ansprechendsten' Motiven benutzte ich dann, um die verbliebene braune Wandfläche mit Hilfe von Paketband-Ecken wie eine Tapete zu überkleben. Ich kann mir kaum vorstellen, daß Frau Noltus nichts von alledem gemerkt hatte, jedoch hörte ich nie eine Anmerkung von ihr dazu. Das Zimmer hatte nun vollends seine - sagen wir mal objektiv - 'ästhetische Würde' eingebüßt, aber ich war im Rahmen des Internats endlich wieder richtig zu Hause ... auch wenn mir das zuzugeben angesichts des Photos unten heutzutage ein ganz klein wenig schwerfallen mag ...

(Zustand nach der Umstellaktion - Feb. / Juni 1988)

Den allerletzten Schliff gab ich der Wohlfühlillusion 'Aus 43 mach 45.', indem ich den bis dahin 'naturholzbraunen' Zimmerschrank nach seiner Verschiebung weiß strich, wobei man die Unprofessionalität in der Ausführung dem Schrank deutlich ansah.

***

Zi. 43 (oberer Flur) nach mir (bis 13.05.'09)

Nach meinem Auszug aus dem Internat am Morgen des 05. Juni 1988 - den beinverkürzten Holzstuhl sowie den runden Tisch mit dem daraufgemalten Backgammon-Spielfeld mit Eßbesteckmotiven (von Pilch geschaffen und vererbt an Oliver, von Oliver vererbt an mich) nahm ich mit - stand mein fortan ehemaliges Zimmer bis zur Schließung leer (was mich ergo zum letzten Bewohner macht) und wurde als Abstellraum genutzt. Laut Lächler nannte man es "Korea-Mandschurei", wobei ich nicht den leisesten Hauch einer Ahnung habe, warum. 

In der Anfangszeit (1988/89) nach der Schließung des Internats war das Gebäude zwar bis auf einen Teil des Krankenstationsflügels verlassen, die Grundausstattung der Zimmer (incl. Matratzen) jedoch noch gänzlich vorhanden und unzerstört. Unter diesen vertrauten und annehmlichen Voraussetzungen ließ es sich auch - nach natürlich unerlaubtem Einstieg durch ein weniger gut verschlossenes Fenster des unteren Flures - bequem und im Rahmen komfortabel dort übernachten. Bei den drei Ex-Internats-Übernachtungen September '88 (zusammen mit dem Lächler, der in seinem eigenen ehemaligen Zimmer nächtigte), Februar '89 (mit Hans) und Mai '89 (mit Marc) wählte ich bewußt dieses Zimmer als Nachtlager. ... Es war mir also doch ans Herz gewachsen.

Bis zuletzt war es zwar ebenso wie die anderen Flurzimmer ein geplündertes Wohnskelett, hatte mit der braunen Wandfläche rechts der Tür aber trotzdem über all die Ruinenjahre (m)eine persönliche Note behalten.

(Letzter von mir dokumentierter Zustand, 12. September 2008)

***