Tagesablauf

Meinen hier zu lesenden, exemplarischen Internatsnormalwerktag (bis Abi '87) repräsentiert am besten das Schuljahr 1986/87.

Tag 'n':

Hans und ich schlafen - sommers wie winters - bei offenen Fensterflügeln, wobei man bis zum Einschlafen aus der Distanz das Rauschen des Meeres vernehmen kann. Das Aufstehen im Winter kostet dann natürlich temperaturbedingt eine gewisse zusätzliche Überwindung!! Einmal kommt es sogar vor, daß wir morgens etwas Schnee innen auf Fensterbank und Teppichboden finden (!).

Vor dem Schlafengehen schließen wir die Zimmertüre zweimal ab und drehen die Glühbirne der Hauptbeleuchtung halb aus der Fassung, um damit das aus unserer Sicht gnadenlose Wecken der Frau Lisson wenigstens auf ziviler Ebene ein klein wenig zu sabotieren. Frau Lisson knipst nämlich bei ihren Weckrunden den oft noch unschuldig ruhenden Opfern einfach das Zimmerlicht an, was wir als Bis-zur-letzten-Minute-'Schläfer' natürlich äußerst destruktiv finden. ... Ich schlafe nun also in der unteren Koje des Etagenbetts, hinter meinen aus Bettzeug bestehenden Vorhängen, Hans in der oberen.

6:45 Uhr - Wecken:

Frau Lisson (hauptamtlich Leiterin der Krankenstation und - im Besitz des Generalschlüssels - mit dem Weckdienst in Mittel- und Oberstufe betraut) geht durch die Zimmer und weckt mit ihrem erbarmungslosen Standardsatz "Guten Morgen, Zeit zum Aufstehen!". Bis halb 8 macht sie (meist) noch eine zweite Runde, wobei ihr Ton dann schon merklich energischer ist, wenn man dann immer noch in den Kissen liegt: à la 'Nun mal raus aus den Betten!' - Je mehr es auf 7:30 Uhr zugeht, um so kürzer werden die Intervalle, zwischen denen wir - noch im Bett liegend - auf die Uhr sehen.

7:30 Uhr - Aufstehen:

Nachdem Hans bereits aufgestanden, mit 'Kulturtasche' und Handtuch über der Schulter zum Waschraum gegangen ist und nun auch mein letzter Sekundenkredit aufgebraucht ist, stehe ich meinerseits auf. Folge zum Waschraum zwecks Zähneputzen und Haarewaschen über einem der Waschbecken.

bis ca. 7:40 Uhr - Aufbruch zur Schule:

Wir verweilen noch einige Minuten schweigend im Zimmer, immer noch etwas verschlafen, jeder an seinem Schreibtisch stehend. Verlassen dann - weiterhin schweigend - unser Zimmer und begeben uns den Plattenweg zwischen Internats-Fensterfront und Hagebuttensträuchern (die im Sommer mit Vorliebe von Kreuzspinnen bewohnt werden) entlang, via Süderdünenring rüber zum Gymnasium. Beim Biegen um die Ecke zum Plattenweg weht uns fast immer ein recht starker - im Winter auch ziemlich kalter - Wind entgegen. Im Winter bekomme ich dabei mitunter leicht gefrorene Haarspitzen, da die Zeit zum Trocknen nicht reichte. Nicht selten laufen vor uns vereinzelt Mitschüler, die eine Zigarettenrauch-Fahne hinter sich herziehen. Beim Passieren des Schulhofes zum Eingang, dessen Treppe von den (nicht wenigen) Oberstufenrauchern bevölkert wird, sieht man links neben Raum 4 ins Lehrerzimmer. Hatte man sich am Vortag eine oder mehrere Fehlstunden geleistet bzw. gegönnt, hofft man nun, daß der entsprechende Lehrer nicht gerade aus dem Fenster schaut und man unentdeckt ins Gebäude gelangt. Wir bahnen uns einen Weg durch die Rauchergemeinde hoch ins Gymnasium. Erste Anlaufstelle ist das 'Schwarze Brett' mit den von Helmer generierten und signierten Stundenplänen, Klausurplänen, Stundenplanänderungen etc., wo wir auf die nächste Ansammlung von Schülern treffen und ebenfalls versuchen, einen Blick auf die neuesten Bekanntmachungen zu erhaschen.

Auf das offizielle Frühstück (laut Plan ab 7:20 Uhr) verzichten Hans und ich; … für die Oberstufe besteht ohnehin keine Anwesenheitspflicht bei den Mahlzeiten.

7:45 bis 13:05 Uhr - Vormittags-Unterricht:

1. Stunde: 7:45 - 8:30 Uhr -- 2. Stunde: 8:35 - 9:20 Uhr -- 3. Stunde: 9:30 - 10:15 Uhr -- Große Pause (z.B. Gelegenheit für Pausenbrötler (wie z.B. Hans), sich bei Hunger ein paar Brötchen zu holen.) -- 4. Stunde: 10:35 - 11:20 Uhr -- 5. Stunde: 11:30 - 12:15 Uhr -- 6. Stunde: 12:20 - 13:05 Uhr, wobei wir immer sehr dankbar sind, wenn der Lehrer schon ein paar Minuten früher den Unterricht beschließt, damit wir noch rechtzeitig zum Fraß eintreffen können, bevor der Ansturm auf die Tische bereits im Gange ist.

Freistunden: In den durch das Kurssystem der Oberstufe bedingten Freistunden gehe ich sehr oft mit Marc (Widdel) ins Dorf einkaufen, vor dem Mittagessen mit Hans oft auf einen "Klassischen" durchs Wäldchen. Sind die ersten Stunden Freistunden, schläft man natürlich entsprechend aus ... wobei man hin und wieder dann auch mal eine inoffizielle Freistunde dranhängt, wenn's im Bett gerade so gemütlich ist.

13:10 Uhr - Mittagessen:

Offizieller Beginn des Mittagessens (auch Göbel-Fraß genannt) in der Realschule, wobei Göbel jedoch häufig schon früher die Pforten öffnen läßt, wodurch die nach regulärem Schulschluß vom Gymnasium Kommenden durch die Fenster des Speisesaals bereits Schüler beim Hineinstürmen beobachten können ... Während des Essens geht es dann recht hektisch zu, bei einer beachtlichen Stimmengewirrkulisse. Als nach ca. 15 bis 20 Minuten die meisten dann bereits wieder aufgebrochen sind und mehr und mehr Ruhe einkehrt, bleiben Hans, ich, Oliver und auch Marc häufig noch etwas am Tisch sitzen und verlassen dann auch schonmal als Letzte den Saal.

ab 13:30 Uhr - Rekreation:

Oft kommen Oliver und Marc - wie selbstverständlich - nach dem Essen noch auf eine Runde Abhängen mit zu uns hoch (Zi. 45). Hans legt sich - wie immer mit Schuhen - oben auf sein Bett, mein Standard-Platz ist mein Schreibtisch. 

13:30 - 18:00 Uhr - Nachmittags-Unterricht / Freizeit:

Je nach Stundenplan gelegen Nachmittags-Unterricht und Freizeit. Meine klassischen Nachmittagsstunden sind Sport* (Basketball und Leichtathletik), Französisch, Physik und Erdkunde, wobei mir persönlich besonders die Doppelstunde Erdkunde bei Herrn Helmer - er möge mir nachträglich verzeihen - widerstrebt, welche ich desöfteren für eine attraktivere Nachmittagsgestaltung ausfallen lasse. Standard-Freizeitaktivitäten sind Einkaufsgänge zu Eckart und Speisekammer, Tennisspielen auf dem ehem. Rollfeld der Luftwaffe sowie Spaziergänge durchs Inselwäldchen, die sog. "Klassischen", die in der Tat schnell klassisch wurden und die wir quasi jeden Tag und bei jeder Wetterlage unternehmen.

(* = In der 11ten, also vor Eintritt in das Kurssystem, gibt es den allgemeinen Sportunterricht, der Samstag morgens in einer Doppelstunde stattfindet. Ab Klasse 12 verlagert er sich bei mir als getrennte Wahlkurse Basketball (Mannschaftssportart) und Leichtathletik (Individualsportart) in den späten Nachmittag.)

18:05 Uhr - Abendessen:

Offizieller Beginn des 'Abendbrotes' bei Göbel, jedoch ist häufig / meist schon um 18 Uhr Einlaß. Es gibt vorzugsweise Graubrot mit dem Standard-Aufschnitt Salami und Käse (manchmal / anfänglich u.a. auch Kochschinken) sowie - wenn auch nicht immer - pro 8er-Tisch ein oder zwei Brötchen, die dann natürlich sofort vergriffen sind. Zu trinken gibt es aus Metallkannen Hagebuttentee, Pfefferminztee, Kakao, Milch u.a.. Desöfteren gibt es auch eine kleine warme Mahlzeit zum üblichen Programm, z.B. Ravioli. Auch beim Abendessen geht es nahrungskonkurrenzbedingt hektisch zu. So mancher Schüler hortet auf seinem Teller alle verfügbaren Vorräte an Brot, Käse und Wurstaufschnitt, um diese dann mit ins Internat zu nehmen und dort in privaterer / gepflegterer Atmosphäre zu verspeisen, u.a. als Toast. Während des Abendbrotes verteilt Frau Noltus - sofern vorhanden - die Post aus der Heimat an den Oberstufentischen.

ab ca. 18:20 Uhr - Rekreation:

Zurück vom Fraß schauen Hans und ich in unserem Zimmer erstmal fern, vorzugsweise Werbung (während des letzten Jahres donnerstags auch sehr gerne die Sendung "Wenn Kuli kommt"), bis in die Arbeitsstunde hinein, auch schonmal bis 19 Uhr. Sobald sich Frau Noltus oder der aufsichthabende Lehrer nähern bzw. anklopfen, schalten wir das TV-Gerät schnell aus, denn Fernsehen ist ja während der Arbeitsstunde nicht erlaubt.

18:30 - 20:30 Uhr - Arbeitsstunde:

"Arbeitsstunde, meine Herren!" (Nora Noltus) - Die "Arbeitsstunde" - die tatsächliche Zeitspanne verlangt eigentlich den Plural, aber vielleicht will man den Schülern ja nur ein angenehmeres Zeitgefühl bescheren - ist die Zeit des Abends, in der je nach Notwendigkeit oder Laune Hausaufgaben erledigt werden und für die jeweiligen Schulfächer und anstehenden Klausuren gelernt wird. Sie findet täglich von Montag bis Freitag statt, wobei jeden Tag ein anderer Lehrer Aufsicht hat und durch die Zimmer geht, um einerseits bei fachspezifischen Fragestellungen zu helfen und andererseits natürlich, um grundsätzlich sicherzustellen, daß auch was für die Schule getan wird. Zu Beginn der Arbeitsstunde macht Frau Noltus ihre Runde durch die Zimmer und schaut, ob auch jeder - da, wo er 'hingehört' - anwesend ist. Während der Arbeitsstunde gelten ansonsten folgende Regeln: Es hat Ruhe zu herrschen (also nix Mucke und nix TV), man darf keine Besuche empfangen oder selbst welche tätigen, es darf in der Küche nicht gekocht / gebrutzelt werden und jeder sollte sich eigentlich in seinem eigenen Zimmer aufhalten. ... Letzteres ist natürlich unter dem Aspekt oder Vorwand gemeinschaftlichen Lernens leicht zu unterwandern und wird auch nicht zu eng gesehen, in den späteren Jahren dann faktisch aufgegeben. Nach 20 Uhr ist der aufsichthabende Lehrer oft schon nicht mehr anwesend und die 'Arbeitsstundenmoral' verfällt.

Arbeitsstundenaufsicht haben im Schuljahr 1986/87: Block (Mo) / Lange (Di) / Hashagen (Mi) / Helmer (Do) / Horb (Fr). Herr Helmer ist immer sehr 'pingelig', wenn es um die Einhaltung der Arbeitsstundenregeln geht. Einmal veranlaßt er Hans und mich, noch eine Minute vor 20:30 Uhr den Fernseher auszustellen!! Horb und Lange dagegen sind immer sehr locker.

ab ca. 20:15 Uhr - Freizeit:

Je nachdem, wann man befand, den Schaffens- und Lernanforderungen der Schule für heute genüge getan zu haben … oder einen Aufschub der Dinge auf später / morgen für vertretbar hält, Beginn der gemütlichen Abendgestaltung mit unterschiedlichen Inhalten. Das kann dann auch desöfteren schon mal bereits zum Beginn des Fernseh-Hauptabendprogramms sein. Zum Fernsehen gönne ich mir gerne eine Dose 'Nasi Goreng', die ich mir auf dem Zimmertisch per Pfanne auf meiner Kochplatte zubereite. Hans und ich gehen meist auf einen Spaziergang nach draußen, durch die Dorfstraßen oder auf einen "Klassischen" durchs Wäldchen, zum Anleger oder auch mal zum Strand. Hin und wieder begibt man sich auch zu einem der Telefonzell-Standorte im Dorf, nach Hause telefonieren. Freitag abends, sozusagen zum Ausläuten der Schulwoche, begehen wir unseren traditionellen Sektabend mit klassischer Musik, unter Abschließen der Zimmertüre.

22:30 Uhr - Anwesenheitspflicht:

Offiziell Anwesenheitspflicht zur Nacht. Die Kneipen- und Givtbudengänger trudeln ein und Frau Noltus geht nun langsam durch die Zimmer und wünscht: "Gute Nacht, schlafen Sie gut!".

23:00 Uhr - Nachtruhe:

Konkrete Nachtruhe, die Eingangstüre der Oberstufe ist nun abgeschlossen. Je nach Bedarf und Laune setzen wir den Fernseh- oder eben auch Sektabend fort, lernen noch für eine am nächsten Tag anstehende Klausur, steigen aus zu einem Spaziergang ... oder machen uns gar auf zu einer nächtlichen Tour ans Ostende! ... Auch wenn wir persönlich nicht beteiligt waren, muß natürlich trotzdem erwähnt werden, daß es zur späten Abendstunde ein gerngepflegter, allgemeiner Brauch war, zur Inseldiskothek "Givtbude", kurz "Givte" genannt, auszusteigen.

Vor dem Schlafengehen "reißen" Hans und ich "den Tag", d.h. wir reißen das diestägliche Blatt vom Kalender an der Zimmertür ab sowie durch, und gehen zum gemeinsamen Zähneputzen rüber in den Waschraum. Dann wird die Tür zweimal abgeschlossen, die Glühbirne halb herausgedreht ... und der Zyklus einer 'Existenzeinheit' - wie Hans und ich einen Langeooger Internatstag häufiger nennen - kann aufs Neue beginnen.

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Ergänzende Anmerkungen zu meinem letzten Jahr 1987/88:

Nachdem ich das Abitur 1987 nicht bestanden hatte (11 Pünktchen fehlten) und also den zweiten Anlauf am 03. August 1987 startete, gab es einige Veränderungen in meinem Internatskosmos:

Die grundlegendste war natürlich die, daß Hans, Marc und Oliver - meine Waffenbrüder seit Beginn - nun nicht mehr da waren, was durchaus ein gewisses Vakuum hinterließ. Frank Klußmann ("Der Lächler") wurde - neben Reza - nun zum hauptsächlichen Freizeitmitgestalter bis zuletzt, während Wolfram im November '87 nach seinem bestandenen Matura in Österreich abwanderte und dann auch Udo, im Monat drauf, leider seinen Abschied vom Internat nahm.

Desweiteren wurde ich in Abwesenheit von Frau Noltus vor Beginn des neuen Schuljahres umquartiert, und zwar ins Nachbarzimmer Nr. 43, was mir - aus heutiger Sicht eher unverständlich - überhaupt nicht gefiel. Das alte Zimmer 45 stand für mich einfach für die - sagen wir mal - 'gute, alte Zeit', während der Umzug in ein neues Zimmer einen gewissen Bruch darstellte. ... So erkläre ich es mir heute. Wie ich versuchte, diesen Bruch ungeschehen zu machen bzw. ihn zu heilen, ist in einer anderen Rubrik zu verfolgen und entbehrt mitunter sicher nicht eines gehörigen Maßes an Komik!

Im Gegensatz zu den Vorjahren war es im letzten Jahr recht gebräuchlich, auch bei Anwesenheit sein jeweiliges Zimmer - es waren bis auf ein, zwei Ausnahmen auf beiden Fluren insgesamt Einzelzimmer geworden - abzuschließen. Auch ich tat dies häufiger, vor allem, wenn ich mich in den morgendlichen Freistunden oder am Nachmittag etwas aufs Ohr legte oder - allein - eine gemütliche Wein- bzw. Sekteinheit einlegte.

Der Plan der Arbeitsstundenaufsicht war 1987/88: Horb (Mo) / Helmer (Di) / Block (Mi) / Hashagen (Do) / Lange (Fr).