Ruine

 

Betrachtungen und Eindrücke zum Internatsgebäude von seiner Schließung zum Ende der Sommerferien 1988 bis zum Beginn der Abrißarbeiten im März 2010. ... Die Phaseneinteilung nehme man nicht zu streng und trennend.

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Phase I: 'Kontrollierter' Leerstand

Als mit dem 'Handtuchwurf' des Realschulvereins zum 01. August 1988 Internat, Realschule & Gymnasium Langeoog ihre Pforten endgültig schlossen, war das Gebäude des nun also ehemaligen Internats an sich ein intaktes und funktionsfähiges Gebäude, das - sicher nach ein paar Renovierungen hier und da ... und meinetwegen auch dort - eigentlich nur auf seine Weiter- bzw. Neunutzung wartete. Ob bürokratische Dschungel, uneindeutige Besitzverhältnisse, Ideen- und Planungsarmut, schlichter Geldmangel oder volle Absicht dazu führten, daß es über die Jahre so eindrucksvoll zur Ruine vergammeln mußte und v.a. seit den 2000er Jahren immer 'lustvoller' vandalisiert wurde, bis es durch den gelegten Großbrand des 13. Mai 2009 schließlich mehr oder weniger 'von seinen Leiden erlöst' wurde, vermag ich nicht zu sagen. Es ist mir auch egal. ... Vielleicht paßte der steinerne Zeitzeuge unseliger Nazijahre ja auch schlicht nicht ins Konzept des Ferieninselidylls und man blendete seine Präsenz gemeindemental kurzerhand aus; irgendwann würde sich das 'Problem' schon irgendwie lösen. Kommt Zeit, kommt Tat ... oder so.

Wie dem auch gewesen sein mag, in der Anfangszeit nach der Schließung war das Haus natürlich zunächst noch in dem Sinne geöffnet, daß die mitunter aus allen Wolken gefallene Schülerschaft ihren letztlich überstürzten Auszug tun konnte. Mindestens bis Mitte August '88 bestand noch die Telefonverbindung zum oberen Flurtelefon des ehem. Oberstufenflügels und u.a. war Herr Lange präsent, der aber spätestens im Monat drauf schon nicht mehr im Gebäude residierte. Letzte offizielle Bewohnerin des ansonsten komplett leerstehenden Gebäudes war schließlich Frau Lisson, die mindestens bis Februar 1989 noch ihre Wohnung am Ende der ehem. Krankenstation hatte und damit quasi auch die Gebäudeinnenaufsicht zumindest in Westflügel und Haupteingangsflur ausübte. Mindestens eine Art 'Bereitschaftsdienst' wird außerdem Herr Eser gehabt haben, denn nachdem Hans und ich seinerzeit von Frau Lisson beim Einsteigen (bzw. Wiederaussteigen auf dem Rückzug) durch eines der WC-Fenster der ehem. Krankenstation ertappt worden waren, beobachteten wir von draußen, wie er einige Zeit später im Haupteingangsflur zur Stelle war und sich mit Frau Lisson unterhielt / beriet.

Während der ersten paar Jahre des Leerstandes waren die Internatszimmer noch komplett in ihrer jeweiligen Grundausstattung (incl. Matratzen in den Etagenbetten), und so konnte man beispielsweise in der ehem. Oberstufe wunderbar - wenn auch unerlaubterweise - übernachten und die 'alten Zeiten' stilsicher hochleben lassen. Alles war noch so intakt* und vertraut, daß man völlig sorglos und fast wie selbstverständlich im ansonsten verlassenen, stockdunklen Gebäude(flügel) bei nichtverschließbaren Zimmertüren friedlich schlummern konnte. Und falls man noch eine Decke brauchte, konnte man sich aus einem der Nachbarzimmer bedienen. Eine 'gewisse' Hürde stellte bei einem solchen Aufenthalt natürlich zunächst das Hineinkommen ins Haus dar, aber mit etwas Glück und Geduld fand sich meist schon ein weniger gut und konsequent verriegeltes Erdgeschoßfenster.

(repräsentativer Zustand eines Oberstufenzimmers (hier Nr. 48 oben), Mai 1989)

(* = Gewisse Demontagen gab es natürlich auch damals schon hier und da; so fehlte bereits 1989 die komplette Küchenzeile (mit Herd, Backofen, Geschirrspüler etc.) des Noltus'schen Gruppenraumes, während jedoch anderswo entsprechende Ausstattung bis zuletzt verblieben war.)

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Phase II: Vernachlässigung, Ausschlachtung & Vandalismus

Während das Haus zunächst - mindestens bis zum Auszug von Frau Lisson (vermutlich 1989 bis erste Jahre 1990er) - wenigstens dem Anschein nach einigermaßen instandgehalten wurde und nach außen immerhin aus Sicht eines oberflächlich betrachtenden Passanten gesichert war, zeigte es sich (spätestens) ab den frühen 2000ern fortschreitend als aufgegebene Ruine, die niemanden scherte und die man schließlich mit einer 2002 oder 2003 entstandenen, förmlich einladenden, offenen Fensterhöhlung eines Duschraums im südwestlichen Gebäudewinkel faktisch endgültig dem Vandalismus preisgab. ... Allererste Zeichen von Vandalismus konstatierte ich bereits im Mai 1989, als ich zusammen mit Marc im Oberstufenflügel übernachtete: An mindestens einer Zimmertür des 'Noltus-Flurs' war deren Holzverkleidung eingeschlagen worden und lag z.T. im Gang herum. Daß dies nur der Anfang eines langen, langen 'Leidens' sein würde, konnte ich damals nicht ahnen. ...

Nichtnutzung und offenbare Verlassenheit ohne sichtbare Aufsichtspräsenz machten das Gebäude natürlich nicht nur für ehemalige Bewohner und Internatszeitnostalgiker (wie Hans und mich beispielsweise), die einmal wieder durch ihre eigene Geschichte spazieren wollten oder für neugierige Hobby-Forscher interessant, sondern auch für Abenteuerlustige mit anderen Ansinnen und einem aus weniger friedvollen Quellen genährten Bereitschaftspotential.

Äußerlich zeigten sich nach einigen Jahren dann die üblichen Merkmale einer entstehenden Ruine: Allgemeine Verlotterung der Bausubstanz, eingeworfene Scheiben, flötengegangene Dachpfannen und so weiter. Dazu rankte sich das Gebüsch drumherum immer dichter und höher, gleichwohl sicher auch Legenden und 'Ruinengarn'. Mit seinen Dimensionen, den leeren Fenstern, dem dunklen Klinker sowie Dach und den hin und wieder herausdringenden Geräuschen, die der durchziehende Wind oder halt eingestiegene, ungebetene und nach außen 'unsichtbare' Gäste verursachten , wird das Gebäude bestimmt auf den einen und anderen 'ahnungslosen' Urlauber einen unheimlichen, gespenstischen Eindruck gemacht haben. ... Auch wenn man nachträglich bemüht war, den Anschein zu erwecken, als sei der irgendwann aufgekommene Begriff "Schandfleck" als Synonym für den 'alten Kasten', der - architekturbezüglich - 1988 gar nicht mal so alt war, lediglich und ausschließlich auf die nach dem 13. Mai 2009 verbliebene Brandruine bezogen gewesen, so existierte er nachweislich allerdings bereits zu reinen Leerstandszeiten und zeigt, was für einen leidigen, entfernungspflichtigen Fremdkörper das inzwischen sträflich vernachlässigte Gemäuer in manch öffentlichem Bewußtsein dargestellt haben muß.

Nachdem Hans und ich in der zweiten Hälfte der 1990er keine gemeinsamen Langeoog-Expeditionen unternommen hatten und auch schon davor längere Zeit das Internat nicht mehr von innen gesehen hatten, war der Anblick des Interieurs am 17. Februar 2002 dann auch uneingeschränkt erschreckend! Äußerlich hatte sich an sich ja nicht viel getan; gut, das Gebüsch wucherte dichter und höher - der Plattenweg entlang der Oberstufenfront war nun vollends zugewuchert - und die Erdgeschoßfenster waren dort, wo vermutlich Scheiben eingeworfen worden waren und diese so potentiell als Einstiegslöcher hätten dienen können, verbrettert. Das Bild hingegen, das sich uns dann im Innern bot, war überaus schockierend: Neben Witterungseinflüssen, die naturgemäß an entsprechend exponierten Stellen progredient-schleichend an der Substanz nagten, hauten vor allem die allseitigen Manifestationen von Plünderungszügen, Demontagen und manchen mitunter systematisch wirkenden Zerstörungen ins Ehemaligenauge. Schranktüren standen offen, schubfächerentblößte Schreibtische, entpolsterte Sessel etc. sinnlos derangiert herum, lag Inventar verstreut auf den Zimmerböden und und und. Recht bizarr mutete das Erscheinungsbild im Obergeschoß unseres Oberstufenflügels an, dessen Flur und Zimmerböden von einer Flut aus Schaumstoffbröseln, die aus den Sitzpolstern der Sessel stammten, wie von einer Plage übersät waren.

Die Etagenbetten waren bis auf deren Kopf- und Fußendplatten verschwunden und Waschbecken v.a. dort, wo sie frei installiert waren (im unteren Flur) allesamt zerschlagen. Daß die Betten verschwunden waren, um potentiellen Nächtigungen im Gebäude entsprechenden Komfort zu nehmen, liegt nahe. Möglicherweise haben damit ja auch die systematisch wirkenden Waschbeckenzerstörungen zu tun?! ...  

(Fortsetzung folgt!)

Phase III: 'Schleusenöffnung' zum inoffiziellen Abenteuerspielplatz für alle

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Phase IV: Finale furioso e infernale

... Aus der Verhandlung vor dem Schöffengericht Wittmund im Folgejahr, während welcher beide Täter voll geständig waren, geht hervor, daß der Brandherd des Infernos nicht - wie ich immer vermutet hatte - auf dem Dachboden lag, sondern darunter, in einem Obergeschoß-Zimmer des ehemaligen Oberstufenflurs, in dem eine hergerichtete Sitzecke, leere Flaschen und Zigarettenkippen davon zeugten, daß es hin und wieder (wahrscheinlich) Jugendlichen als Rahmen für gesellige Zusammenkünfte gedient hatte. Also, wenn diese Zimmerzuordnung stimmt, dann wurde der Brand konkret in Zi. 45 gelegt ... in Hans' und meinem alten Zimmer!! Ausgerechnet!!  

(Fortsetzung folgt!)