Der Schüler Sascha Mings

Eine Synopsis meiner persönlichen vier Jahre als Internatsschüler des Gymnasiums Langeoog:

(Am Ankunftstag, 19. August 1984.)

Infolge unzureichender schulischer Leistungen an meiner heimatlichen Lehranstalt "Gymnasium Martinum" in Emsdetten, die aus mangelnder Unterrichts- und Lernmoral resultierten und sich in übermäßig vielen Fehlstunden manifestierten, sehen meine Eltern den Weg aus der schulischen Misere schließlich darin, mich der Obhut eines Internats anzuvertrauen. Anfang Juli 1984 bekommt dann nach Internatsbesuchen vor Ort Langeoog den Vorzug gegenüber Konkurrent "Hermann-Lietz-Schule" auf Spiekeroog. Es ist zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, ob ich die zehnte Klasse werde wiederholen müssen oder direkt in die Oberstufe einziehen kann, denn Mitte August gilt es zu Hause erst noch eine Nachprüfung im Fach Englisch zu bestehen, um die versetzungsverhindernde Fünf im entsprechenden Fach abzuwenden.

Diese Prüfung ist dann erfolgreich, ich werde in die Obersekunda versetzt und kann am 19. August 1984 als neuer 11er in den Oberstufentrakt des Internats Langeoog einziehen. Ich bekomme Zi. 43 im unteren Flur und teile es ab dem Folgetag mit dem ebenfalls neuen Internats-Elfer Hans-Joachim Philipson aus Leer. Schnell erkennen wir, daß im Internat viel Alkohol konsumiert wird, auch wenn dieses Tun offiziell streng verboten ist. Wir sind beide von zu Hause her nun wahrlich auch keine Abstinenzler und teilen entsprechende 'Freizeitaktivität', ich in der Anfangszeit v.a. mit dem Hochprozenter Ouzo, der sich trotz meiner Minderjährigkeit problemlos beschaffen läßt. Unsere Jahrgangsstufe 11 wird in zwei Parallelklassen unterteilt: Ich komme in Klasse 11b (Tutor Herr Horb, Raum 1), Hans in die größere Parallelklasse 11a (Tutor Herr Block (wenn ich mich nicht sehr irre), Raum 2).  

Die Hauptakteure meines neuen Lebensabschnitts sind bzw. werden:

                               Ich                                          Hans ("Hannes")                                 Marc                                                 Oliver

Hans und ich entwickeln sofort zu Beginn einen fast unermüdlichen Fleiß in unserer neuen Königsdisziplin Mathematik bei Herrn Guthmann, was uns den Ruf von Mathe-Profis einbringt und tatsächlich dann mit der zweiten Klausur in einer gemeinsamen schulischen Sternstunde mündet, als jeder von uns 15 Punkte erzielt. Ansonsten bleiben gute Noten - mit Ausnahme im Fach Englisch (bei Motivator Block) - aufgrund meiner selektiven Lernmoral zunächst und z. T. konstant auch auf Langeoog aus.

In der Freizeit unternehmen Hans und ich meist gemeinsame Aktivitäten, vor allem draußen. Wir bauen Sandburgen gegen die steigende Flut, unternehmen Spaziergänge bei Wind und Wetter und machen uns hin und wieder auch auf zu einer gerne auch nachts stattfindenden Wanderung zum Ostende. Wir sind in mancherlei Hinsicht sicher etwas 'verschroben' und pflegen Gebräuche und Traditionen, die nicht jeder (v.a. Uneingeweihte) nachvollziehen kann. Eine dieser Traditionen wird der sog. "Klassische", ein schließlich mehr oder weniger täglich und bei allen Wetterlagen getaner Spaziergang durch das nahe Inselwäldchen, welcher traditionsbedingt eigentlich immer an der Holzbrücke über den "Stinkschloot" beginnt und ab Mai 1985 jedesmal in einer Strichliste im Brückengeländer vermerkt wird. Eine weitere Tradition sind unsere quasi jeden Freitag stattfindenden Sektabende bei abgeschlossener Zimmertür, die ab ca. Januar 1986 stets von klassischer Cassettenmusik begleitet werden.

Anfang Januar 1985, nach Ende der Weihnachtsferien, beginnt Dr. Lamperstorfer seine Tätigkeit als Erzieher des unteren Flurs, dessen großes Projekt 1985 die Neugestaltung von Larrys "Meeting" ist. Er gibt ab Ende April 1985 ein Info-Blatt für die Oberstufenschüler heraus, "Die Hauspost", ernennt reihumgehend einen "Chef vom Dienst", organisiert manch andere Dinge und hält uns auch sonst auf Trab. Hans und meine Sekttradition Freitag abends duldet er in Form seines "Generaldispens zur Abhaltung eines Herrenabends". Er trägt nicht unentscheidend zu meiner quasi in letzter Minute doch noch glückenden Versetzung in Klasse 12 bei.

Im Zuge einer Klassenfahrt bereist unsere Jahrgangsstufe 11 Mitte März 1985 mein absolutes Lieblingsreiseziel der Zeit, Berlin. Herr Horb ist organisierender Reisebegleiter und moderierte das Pflichtprogramm.

Während der "Projektwoche" Mitte Juli 1985 bemalen wir Noch-11er unter Leitung von Kunstlehrer Wierzenko die Wände des unteren Flurs. Das Grundmotiv sind drei fortlaufende Farbstreifen, die an jeder größeren Wandfläche zwischen zwei Zimmertüren jeweils eine andere Figur bilden. Die Malereien existierten bis zur Abtragung der Gebäudeflügelruine im April 2010. Mit Beginn des Kurssystems in Klasse 12 und der Einteilung in Grund- und Leistungskurse wähle ich als Leistungsfächer Mathe und Englisch.

Am 17. Februar 1986 gibt es dann einen Einschnitt in Hans' und meiner Langeooger Schul- und Internatskarriere, die von uns so genannte  "Große Revolution": Wir sind zu der Überzeugung gelangt, es auf der Insel nun endgültig nicht mehr aushalten zu können, wollen Schule und Internat Langeoog quittieren und unsere Schullaufbahn an heimischen Gymnasien fortsetzen. Auch Marc und Udo sind durch unsere Diskussionen zeitweise mit dem Gedanken infiziert. Wir verlassen tags drauf unter Duldung von Lamperstorfer die Insel, kommen dann aber doch ziemlich schnell wieder zurück, ich bereits am 22. Februar in Begleitung meiner Eltern. Es gibt eine Lagebesprechung mit Herrn Guthmann, als deren Ergebnis ich zwar auf Langeoog bleibe, es mir aber gleichzeitig ermöglicht wird, in den Französisch-Kurs für Anfänger einzusteigen, was schulisch & motivatorisch ein wertvolles 'Revolutionsergebnis' darstellt. In der Folgezeit bekomme ich dazu Nachhilfe- bzw. besser gesagt 'Auffrisch'-Stunden bei Frau Heidekrüger. Hans seinerseits kehrt schließlich am 02. März zurück und hatte inzwischen immerhin einige Schultage an seiner alten Penne absolviert.

Unsere 'Revolution' ist also 'gescheitert', vorbei, aber wie wohl jede Revolution schafft auch sie positive Veränderungen, die v.a. auch dadurch kommen, daß wir uns fortan wirklich mit Internat und Insel produktiv zu arrangieren versuchen, unserem Zimmer mit dem "Sitzgruppenprojekt Sahara" eine wohnlichere Note geben und als Freizeitaktivität im Sommer des Jahres das Tennisspielen für uns entdecken, das sich fortan in die Riege unserer Traditionen einreiht.

Anfang März 1986 findet dann die Klassenfahrt nach München statt, während der ich v.a. mit Udo einige erinnerungswürdige Dinge unternehme (Stichwörter "Nordfriedhof" und "Bobo"). Organisatorische Begleiter sind Horb und Hashagen.

Im Juli 1986 unternehmen Hans und ich einen letzten und großen Schritt zur Verbesserung unserer Wohnqualität, indem wir auf meine Initiative hin und ohne Wissen und Zustimmung von Frau Noltus vom unteren Flur in den eindeutig wohnlicheren oberen Flur der Oberstufe umziehen (Zi. 45). Carsten Pilch ist letzter Vorbewohner und übergibt bei seiner Abreise den Zimmerschlüssel in Absprache mir anstatt Frau Noltus. Ursprünglich hatte ich ja vor, mein neues Zi. 45 als Einzelzimmer bzw. mit Marc Widdel als neuem Zimmergenossen zu beziehen, aber Hans zieht wie selbstverständlich zusammen mit mir um.

Am 12. Juli 1986, kurz vor den Sommerferien zum Ende des Schuljahres, beendet Dr. Lamperstorfer seine Erziehertätigkeit.

Im Schuljahr 1986/87 ist dann ein gewisser Herr Nassauer 'Erzieher' im unteren Oberstufenflur, dem es augenscheinlich beliebt, seine Schützlinge willkürlich in Freund und Feind einzuteilen. Hans und ich gehören demnach offenbar in letztere Kategorie und sind als 'Opfer' ausersehen, als der uns ebenfalls nicht unbedingt wohlgesonnene Alex Wörz die Geschichte erfindet, Hans und ich würden in unserem Zimmer lärmen und seine Ruhe als Unterbewohner dadurch massiv stören. Es heißt sogar, wir seien "hühnerimitierend vom Bett springen" gesehen worden. Das alles sind entweder bewußte Lügen zu unserem Nachteil oder - eher wahrscheinlich - schlichte Irrtümer. Die Sache wird jedenfalls unmittelbar zu Guthmann getragen, der aber nicht mitzieht, und sie ist aus der Welt. ... Hm! - Herr Nassauer ist es auch, der nach dem schriftlichen Abitur '87 unfairerweise irgendwelche Gerüchte verbreitet, wer wohl wie abgeschnitten habe. Was den Herrn zum 'Erzieher' qualifizierte, wird mir immer ein sehr großes Rätsel bleiben.

Abiturprüfung 1987: Meine schriftlichen Prüfungen Anfang Februar sind Mathe, Englisch und - gezwungenermaßen - Erdkunde (als drittes Prüfungsfach). Mathe wird bei allen ein riesiger Reinfall, mit Abstand am besten kommt noch Jan Mähl mit ganzen 06 Punkten (!!) davon. Mündlich werden bei mir Anfang Juni dann als viertes Prüfungsfach Physik und - wegen der Diskrepanz zwischen Zeugnisnote und schriftlichem Ergebnis - zusätzlich auch Mathe geprüft. Am Ende fehlen mir 11 (Zähler-)Punkte zum Abitur und ich falle also durch. Hans, Marc und Oliver bestehen.

Am 03. August 1987 starte ich nach den Sommerferien meinen zweiten Abituranlauf. In Abwesenheit wurden meine Sachen von Frau Noltus ins Nachbarzimmer meines angestammten Zimmers verfrachtet, und zwar in Nr. 43, gleich neben dem Waschraum. Das Fehlen meiner bisherigen Mitstreiter wirkt sich dahingehend aus, daß ich mich nach drei Jahren 87er-Jahrgang dem nachfolgenden Jahrgang nicht so recht verbunden fühle und mich mitunter etwas in meinen alten Sitten und Gebräuchen einigle. Hauptfreizeitmitgestalter sind nun Udo Zeiler, der leider im Dezember abgeht, sowie Frank Klußmann ("Der Lächler"), der mehrere meiner Traditionen in Teilen aufnimmt und zusammen mit mir neue generiert. Außerdem gehören natürlich Reza und Wolfram zum privaten Schaffensfeld.

Meine Prüfungsfächerkombination hat im Vergleich zum vergangenen Abiturjahr eine Änderung erfahren: Hinter den LKs Mathe und Englisch ist nun - segensreicherweise - Religion mein drittes Prüfungsfach, denn Pastor Döpkens ist nach einem Jahr Pause in den Schuldienst zurückgekehrt, Physik bleibt auf dem mündlichen, vierten Platz. Das schriftliche Abitur im Februar 1988 verläuft dann äußerst zufriedenstellend, und auch die Physikprüfung des mündlichen Teils Ende Mai ist ein Erfolg. ... Das letzte Inselabitur ist mein! Endlich fühle ich mich auch wieder meinen drei Waffenbrüdern des vergangenen Jahrgangs gleich.

Knapp einen Monat vor dem mündlichen Abitur, Anfang Mai 1988, spielen ich und der Lächler in einer ursachenbezogen heute nicht mehr nachvollziehbaren Laune des Übermuts meinem Klassenkameraden Martin Gaißer einen bösen Streich, der von mir bis heute unbekannter Seite verpetzt wird, was uns beiden im Zuge einer Audienz bei Herrn Guthmann Beurlaubungen vom Internat einbringt. Ich habe direkt am Folgetag abzureisen und darf erst wieder zur Vorbesprechung des mündlichen Abiturs eintreffen.

Nach der letzten Abi-Feier des Gymnasiums am Abend des 04. Juni (unter Moderation von Herrn Block) geht es tags drauf dann für mich nach fast vier Jahren wieder endgültig ans Festland, "in die Freiheit", wie Hans und ich das immer nannten.

(Der letzte Tag wird "gerissen". - 04. Juni 1988)

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